©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Die Macher der Mekom über zwei Jahrzehnte erfolgreiches Netzwerken und warum der Harz eben doch ein Standortvorteil ist.

Mekom feiert Jubiläum: Nach über 20 Jahren erfolgreicher Netzwerkarbeit im Harz ist es Zeit für ein Zwischenfazit. faktor spricht mit dem Vorstandsvorsitzenden Lars Obermann, dessen Stellvertreter Rainer Beyer und mit Sylvia Wulf, der Vorstandsassistentin des Osteroder Unternehmerverbandes über das gute Selbstwertgefühl der ­Mekom, die fortwährende Veränderung der eigenen Rolle, um zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden, und über die Vorteile des Harzes gegenüber Großstädten.

2000, pünktlich zur Jahrtausendwende, wurde die Mekom aus der Taufe gehoben und als Industrienetzwerk in Osterode am Harz gegründet. Was hat die Mekom seitdem an nachhaltigen Erfolgen zu verbuchen?

Lars Obermann: Wir haben die Mekom mit dem Ziel gegründet, den Ausbildungsberuf des damals noch neuen Mechatronikers in der Region zu etablieren. Damit waren wir so erfolgreich, dass unser Alleinstellungsmerkmal schnell verschwunden ist. Gleichzeitig haben wir an der Mitgliederentwicklung gesehen, wie wichtig so ein Netzwerk für die lokale Wirtschaft ist. Wir waren neun Gründungsmitglieder, sind aber schnell bei 70 Mitgliedern gelandet. Inzwischen sind es über 100 – und das nicht nur aus der Industrie, sondern quer durch alle Branchen und Institutionen.

Rainer Beyer: Wir haben es geschafft, die Unternehmen und Institutionen der Region eng zu verzahnen. Vorher kannte man kaum ein anderes Unternehmen am Standort – jetzt haben wir eine große und auch persönliche Nähe geschaffen. In dieser Atmosphäre können wir ohne Vorbehalte über Fragen oder die eigene Situation sprechen und uns Meinungen und Erfahrungen der Kollegen einholen.

Obermann: Und was man auch nicht außer Acht lassen darf, ist das dadurch gestiegene Selbstbewusstsein! Wir sind sehr lange von lauter Negativismen umgeben gewesen: sinkende Bevölkerungszahlen, Demografiewandel und so weiter. Es ist allerdings ein großes psychologisches Problem der Selbstwahrnehmung, wenn es dem Unternehmen ­eigentlich gut geht, das Umfeld aber das Image einer ­Krisenregion hat. Über unsere Unternehmer­treffen, bei denen wir uns gegenseitig eingeladen und die Betriebe besucht haben, sieht man jedoch, was gerade auch kleinere Betriebe leisten.

Sylvia Wulf: Das stimmt. Das Start-up Exabotix ist so ein Beispiel: von einem jungen Fachmann gegründet, der inzwischen eine hochkarätige Klientel zu seinen Kunden zählen kann. Er hat sich als Firmensitz für eine ­ehemalige Grundschule in der Region entschieden. Exabotix nutzt die zugehörige Sporthalle, um potenziellen Kunden seine Drohnen zu präsentieren, stellt die Halle aber weiterhin auch ortsansässigen Vereinen zur Verfügung. Wirtschaft und Region sind hier stark miteinander verbunden.

Obermann: Genau das zeigt: Hier ist nichts altbacken, wir haben Innovationen und sind weiter industriestark. Deswegen sind wir auch mit einem guten Selbstwert­gefühl in die Kreisfusion gegangen. Göttingen hat eine starke Industrieregion gewonnen, und wir profitieren von einem prosperierenden Zentrum und davon, aus den Negativschlagzeilen verschwunden zu sein.

Wenn sich Ihr ursprünglicher Gründungszweck durch Erfolg erledigt hat – was macht heute die Identität der MEKOM aus?

Beyer: Wir befassen uns heute stark mit der Kompetenz­förderung, also mit Themen rund um Ausbildung und Personal. Es gibt zum Beispiel das Netzwerk ,Druck‘. Darin organisieren die Auszubildenden der Mitgliedunternehmen der Druckbranche – wie etwa Kodak, Sun Chemical, Jungfer Druck, RKW sowie Indula und SilverLynx – einen Austausch mit Unternehmensbesuchen untereinander, um gemeinsam über den Tellerrand zu schauen und unterschiedliche Aspekte ihrer Ausbildung kennenzulernen. Kurz vor der Pandemie hat sich ein weiteres Netzwerk ,Maschinenbau‘ gegründet.

Obermann: Die Mekom lebt von der Präsenz und dem persönlichen Austausch. Dadurch entsteht erst das Vertrauen, das die Grundlage für solche Netzwerke bildet. Unsere Mitglieder sind ja wie gesagt sehr heterogen. Die wesentlichen Schnittmengen, die alle betreffen, sind Personal und Ausbildung. Da helfen wir als Mekom durch den Austausch, durch Seminarangebote vor Ort, aber auch mit der Stärkung der Außenwahrnehmung.

Wulf: Als Organisator der Berufsinformationstage in ­Osterode achten wir besonders auf die Präsentationsmöglichkeiten für die Unternehmen, um bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, den potenziellen Auszubildenden berufliche Möglichkeiten in der Region aufzuzeigen. Genauso versuchen wir, über die Zusammen­arbeit mit Schulen und Universitäten ein Bild davon zu vermitteln, was es bei uns an Perspektiven gibt. Für Schüler heißt die Botschaft: Bildet euch weiter und sammelt berufliche Erfahrungen auch über die Region hinaus – und kehrt anschließend wieder in die Region zurück. Und Studierende finden hier Möglichkeiten, in der Region zu bleiben. Die ansässigen Unternehmen bieten vielfältige Karrierechancen.

Obermann: Gerade, wenn es in die Familiengründungsphase geht, können wir punkten. Hier kann ich mir noch ein Häuschen leisten und schön wohnen. Da sehen wir in der Zukunft unsere Vorteile gegenüber den Großstädten. Aber klar ist auch, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben, denn nach wie vor ist einfach zu wenig bekannt, welche berufliche Perspektiven es hier gibt. Da müssen wir präsenter werden. Wobei es immer eine Herausforderung bleiben wird, wenn Sie etwa auf der Berufsmesse der TU Claus­thal neben Unternehmen wie Siemens oder VW stehen.

Hat sich durch die Kreisfusion für Sie etwas verändert? Stichwort: größere Regionalität?

Wulf: Die Fusion hat die Verbindung nach Göttingen enger werden lassen, aber diesen Trend gab es eigentlich auch vorher schon. Die größte Veränderung war die Verlegung verschiedener Verwaltungsstandorte, mit denen die Unternehmen zu tun haben.

Obermann: Dafür hat die Wirtschaftsförderung des Land­kreises WRG eine Bürogemeinschaft mit der Mekom in Osterode gebildet. Die Wirtschaftsförderung ist dadurch etwas agiler geworden, wir stimmen uns gut mit den ­unterschiedlichen Angeboten und Arbeitsbereichen ab und vermeiden Doppelstrukturen.

Beyer: Die größere Nähe kann man vielleicht daran ablesen, dass sich Osteroder Unternehmen inzwischen auch beim Innovationspreis des Landkreises bewerben. Wir hatten seitens der Mekom noch vor den Göttingern einen eigenen Innovationspreis ins Leben gerufen und alle zwei Jahre vergeben. Aber fairerweise muss man sagen, dass im Landkreis einfach andere Finanzmittel zur Verfügung stehen, um den Wettbewerb auszurichten. Deswegen haben auch wir uns dazu entschieden, die regionale Innovationskraft zu bündeln.

Wulf: Natürlich sind bei uns jetzt auch die Technologieberater aus dem Südniedersachsen Innovationscampus unterwegs, allerdings ist dieser ja schon stark auf den Life-Science-Bereich ausgerichtet, weshalb von den Aktivitäten wenig bei uns ankommt. Das ist schon sehr Göttingen-spezifisch. Auch das Welcome Center hat sich in der Region nicht wirklich etabliert.

Wagen wir doch nun noch einen kleinen Ausblick in die Zukunft: Wo sehen Sie persönlich die MEKOM in fünf bis zehn Jahren?

Obermann: Ich hoffe, dass wir dann dazu beigetragen ­haben werden, dass es hier weiterhin eine vitale Wirtschaftsstruktur mit industrieller Prägung, vielen Kompetenzen vor Ort und Offenheit für Innovationen gibt, sodass wir sagen können: Die Mekom ist kein Selbstzweck geworden, sondern eine Vertretung der Bedarfe der hiesigen Wirtschaft.

Beyer: Es zeichnen sich auch mögliche neue Aufgaben ab. Wir werden immer wieder gefragt, ob wir nicht bestimmte Aufgaben übernehmen können, wie etwa Audits zu Umwelt oder Arbeitssicherheit, für die es sich für kleinere Betriebe nicht lohnt, jemanden einzustellen. Ebenso werden wir stärker aktuelle Themen aufgreifen und in die Unternehmen spielen. Beispiel wären ein Mentorenprogramm für jüngere Unternehmer oder das Thema Nachhaltigkeit.

Wulff: Wie wir an der Pandemie gesehen haben, ist es schwierig zu planen. Aktuell geht es für uns vor allem darum, die persönlichen Treffen und die Netzwerkarbeit wieder aufleben zu lassen, damit diese erfolgreichen Strukturen nicht wieder verschwinden.

Obermann: Wir sind die Unternehmer unter den Verbänden. Wir machen es einfach!

Vielen Dank für das Gespräch.