©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Das Measurement Valley feiert Jubiläum: 20 Jahre gemeinsame Messtechnik. faktor spricht mit den Verantwortlichen über die schwierigen Anfänge, die Unterschiede zum Silicon Valley und darüber, wie die Mitgliedsunternehmen noch stärker von der Zusammenarbeit – beispielsweise in Entwicklung und Vertrieb im Ausland – profitieren können.

Measurement Valley – ein Netzwerk aus inzwischen 43 Unternehmen, die mit wichtigen technischen Kompetenzen in der Messtechnik für den Standort Göttingen prägend sind, ein Netzwerk, das jedoch nur selten in der Öffentlichkeit auftaucht. Dabei lebt der Verein seit bereits 20 Jahren mit Erfolg den Gedanken der vertieften Zusammenarbeit und des Austauschs zwischen den Mitgliedern. Ihr sichtbarstes Lebenszeichen ist der Laser, der abends in strahlendem Grün von der Volksbwank- Zentrale in Göttingen eine immer wechselnde kodierte Nachricht an einen der Türme der Johanniskirche strahlt und damit an das Telegrafie- Experiment von Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber erinnert. Die Installation ist Sinnbild für das mess technische Know-how, das sich hier versammelt. Zwei Jahrzehnte hat das Measurement Valley geschafft – die Zeiten seit der Gründung haben sich allerdings geändert. Darüber spricht der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Axel Wegener gemeinsam mit der Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Claudia Trepte und dem Gründungsmitglied Stephan Ferneding – sie erklären, wie sich das Netzwerk in der Zukunft aufstellen wird.

Wenn Sie einmal die 20 Jahre Vereinsgeschichte Revue passieren lassen: Wie haben Sie angefangen, und wo steht Ihr Netzwerk heute?

Stephan Ferneding: Jetzt haben wir ein funktionierendes Netzwerk, am Anfang hatten wir das nicht. Wir haben sprichwörtlich bei Null angefangen und alles ohne
öffentliche Förderung aufgebaut – wir sind komplett selbstfinanziert und damit eines der ganz wenigen Netzwerke bundesweit, die das geschafft haben und heute noch existieren. Uns war diese Unabhängigkeit wichtig. Die Idee, das Measurement Valley als regionale Dachmarke in die Welt zu tragen, hat sich zwar nicht realisieren lassen, aber das vorrangige Ziel war, einen Verein aufzubauen, der die Unternehmen untereinander auf einer Arbeitsebene vernetzt – was uns gut gelungen ist.

Was sind in Ihren Augen denn die besonderen Wegmarken der Vereinsentwicklung?

Ferneding: Das erste und wohl auch größte Highlight war 2000 die Ausstellung während der Expo in der Lokhalle. Da haben wir uns mit geballter Kraft erstmals nach außen präsentiert und gezeigt, wie viel Messtechnik es in der Region gibt. Es gab danach noch weitere Schritte wie zwei große Symposien und Messen in der Lokhalle. Allerdings muss man auch einräumen, dass sich das Messekonzept nicht durchsetzen konnte.

Axel Wegener:
Ich habe unsere sportlichen Veranstaltungen noch als etwas Besonderes empfunden: Mit dem ersten ,Measurement Valley Cup‘ im Jahr 1999 beispielsweise haben wir eine ganz andere Zielgruppe erreicht als mit unserer sonstigen Arbeit, die fachthemenspezifisch ist – wir erreichten in der Breite alle Mitarbeiter der Mitglieds unternehmen. Das war eine tolle Sache.

Claudia Trepte: Und etwas, das bis heute immer noch nachwirkt, ist natürlich die Laser-Installation auf dem Dach der Volksbank, die seit über zehn Jahren ihre Botschaft an die Johanniskirche morst. Allein aus dem Vereinsbudget hätten wir das nicht stemmen können. Daher haben wir damals, als die Idee aufkam, eine Rundmail an alle Mitglieder geschickt, und das hat funktioniert. Das Geld und vor allem die Sachspenden und das Know-how wurden schnell beigesteuert, um den Laser zu kaufen. Die Azubis von Zeiss haben dann den Aufbau auf dem Dach konstruiert. Das Projekt hat eine weltweite Sichtbarkeit nach sich gezogen – erst letztens habe ich wieder eine Anfrage dazu bekommen, diesmal aus Korea.

Das klingt doch nach reichlich Aufmerksamkeit…

Ferneding: Das stimmt, aber diese öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen und Freizeitveranstaltungen sind ja nicht der eigentliche Netzwerkzweck. Intern bilden die fachlichen Arbeitskreise sowie die gegenseitige Hilfestellung und Unterstützung den Kern des Measurement Valley. Dass man sich kennt oder über die Plattform im Zweifel jeden einzelnen eigenen Bedarf bedienen kann. Wenn ich etwas suche, kann ich das über die Geschäftsstelle herausfinden, und das funktioniert sehr gut. Das ist von außen nicht sichtbar, macht aber den wirklichen Wert des Netzwerks aus!

Gab es denn auch Krisen?

Ferneding: Natürlich gab es immer mal wieder Phasen, in denen die Frage auftauchte, welchen Sinn das Netzwerk noch hat und ob man zusammen weitermachen will. In manchen Phasen war es nicht einfach, den Vorstand zu besetzen. Wenn keiner da ist, der die Begeisterung vorlebt, kann es schwierig werden.

Trepte: Ich würde allerdings nicht sagen, dass diese Phasen existenziell bedrohlich waren. Wir sehen das auch an der Entwicklung der Zahl der Mitglieder. Wir sind mit 19 gestartet und sind dann schnell auf etwa 30 Unternehmen gewachsen. Das blieb lange relativ stabil. Austritte waren eher selten, manchmal sind Unternehmen weggezogen oder in die Insolvenz gegangen, und in den letzten zwei Jahren sind wieder einige neue hinzugekommen, sodass wir momentan über 40 Mitglieder haben.

Wo liegt denn der Mehrwert, den eine Mitgliedschaft mit sich bringt?

Ferneding: Das ist vor allem der Informationsaustausch in den fachlichen Arbeitskreisen, aber es gehören beispielsweise auch Weiterbildungsmaßnahmen dazu. Einen Referenten für zwei Mitarbeiter zu engagieren, lohnt sich finanziell einfach nicht. Wenn aber andere denselben Bedarf haben, dann machen wir eine gemeinsame Veranstaltung und legen die Kosten um, zum Beispiel beim Thema Einkauf oder Führung. Wir haben auch über gemeinsame Rahmenverträge schon deutlich bessere Resultate erzielen können. Das wird allerdings manchmal vergessen. Durch einen Vertrag über Energielieferungen hat etwa Zeiss damals pro Jahr noch rund 100.000 Mark gespart. Es kann geldwerte Vorteile geben. Aber es liegt auch immer an den Unternehmen selbst, ob sie diese Möglichkeiten nutzen. Wir können nur die Plattform stellen und sagen: Leute tut was!

Wegener: In dem Bereich ist noch viel Luft nach oben. Die Zusammenarbeit der Mitglieder wollen wir in den nächsten Jahren weiter fördern, gerade auch mit Blick auf größere Aufträge. Im Messtechnikbereich ist es selten so, dass ein Unternehmen ein Projekt alleine stemmt, vielmehr werden meist mehrere einbezogen. An der Stelle ist es unser Anliegen, die Unternehmen auch regional weiter zusammenzubringen.

Trepte: Es bringt aber auch für die einzelnen Mitarbeiter Mehrwerte. Vor einem Jahr hatten wir das erste Treffen für Softwareentwickler. Da kamen 30 Leute, was relativ viel ist. Man konnte sehen, wie erfreut die waren, auf andere Leute zu treffen, die ihre Sprache verstehen. Aus dieser Begeisterung heraus wurde das Thema verstetigt. Letztlich ist es themen- und personenabhängig. Es kommt immer wieder vor, dass gefragt wird, was jemand vom Netzwerk hat. Wenn die Bedarfsthemen angesprochen werden und neue Leute frischen Wind hineinbringen, dann werden diese Chancen gesehen, und es gibt die Motivation mitzumachen. Das zu verdeutlichen und zu erreichen, erfordert aber eine kontinuierliche Arbeit und ist kein Selbstläufer. Ein Selbstläufer hingegen ist der gemeinsame Auftritt auf Jobbörsen. Das war früher auch anders, aber inzwischen ist das für jeden ein Thema.

Warum ist eigentlich nichts daraus geworden, das Measurement Valley als international sichtbare Dachmarke zu etablieren?

Ferneding: Unsere Idee war am Silicon Valley angelehnt. Dort gibt es auch Unternehmen, die sich nicht mit Halbleitertechnik beschäftigen, sich aber dennoch mit dem Begriff Silicon Valley identifizieren – wie etwa sogar eine Bäckerei. Dieser Ansatz, dass man sich mit dem Messtechnik- Schwerpunkt identifizieren kann, auch wenn man keine Messtechnik macht, wurde hier nicht verstanden oder akzeptiert. Das haben wir leider häufig gehört. Es gab auch von Stadt und Landkreis keine entsprechende Unterstützung. Sehr lange haben die wirtschaftlichen Standortfaktoren für städtische Vertreter einfach keine Rolle gespielt. Und mit unserem eigenen bescheidenen Budget ließ sich das nicht realisieren.

Trepte: Die Stadt hat immer damit geworben, eine Universitätsstadt zu sein. Inzwischen hat sich dieses Selbstverständnis geändert, aber diese Entwicklung ist erst seit etwa zehn Jahren zu beobachten.

Ferneding: Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel war ein Glücksfall. Sie hat sich wirklich bemüht, die Uni zu öffnen, das hat vorher niemand gemacht. Sie hat immer wieder die Geduld aufgebracht, den Leuten zu sagen: Ihr müsst rausgehen! Sie hat die Abteilung Wirtschaftskontakte ausgebaut und Initiativen wie den Südniedersachsen Innovationscampus, kurz SNIC, unterstützt. Dasselbe haben Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und Landrat Bernd Reuter getan. Daher gibt es erst jetzt diese idealen Rahmenbedingungen, um etwas zu bewegen. Ich halte diese Entwicklung für absolut positiv und zeit gemäß. Man sieht, dass entgegen der alten Rivalität zwischen Stadt und Landkreis die beiden nun zusammen etwas bewegen möchten und dass das SNIC-Team mit Begeisterung und professionell arbeitet.

Haben Sie Pläne für die kommenden Jahre, wie es mit dem Measurement Valley weitergehen soll?

Wegener: Wir sind als Netzwerk – im Übrigen wie die anderen Netzwerke in Göttingen auch – auf einem guten Weg. Man kennt sich, man hat dieselben Ziele für den Standort, man arbeitet vermehrt zusammen. Da sehe ich noch Luft nach oben, zwischen den Netzwerken mehr Synergien herzustellen und Kooperationen auf ganz breiter Ebene zu verfolgen. Ich wünsche mir ein stärkeres Vertrauensverhältnis der Unternehmen vor Ort, also dass man sich nicht nur als Mitbewerber betrachtet, sondern in der Region tatsächlich zusammenarbeitet. Wettbewerb haben wir noch ausreichend drumherum.

Ferneding: Was ich mir vorstellen kann – ganz weit nach vorne gesponnen –, ist ein Fachkräftecenter, auf das man zugreifen kann. Man kann auch überlegen, Werkstätten gemeinsam zu betreiben oder bestimmte Bereiche von Entwicklungsabteilungen zusammenzuführen. Oder im Ausland Vertriebseinheiten zusammenzulegen. Das sind kostspielige Projekte, die sich gerade kleine mittelständische Unternehmen nicht so einfach leisten können. Aber selbst, wenn man in verschiedenen Marktsegmenten tätig ist, ist doch die nötige Infrastruktur dieselbe. Die muss ich im Grunde ja nicht zehnmal separat in den USA aufbauen, sondern nur einmal – und da können dann zehn verschiedene Leute drinsitzen, die ihren Job völlig unabhängig voneinander machen. So etwas würde ich mir wünschen, also dass wir die Zusammenarbeit auf ein ganz anderes Level heben. Aber wie es mit dem Measurement Valley tatsächlich weitergeht, hängt von dem neuen Vorstand ab, der nächstes Jahr gewählt wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir einen neuen ersten Vorsitzenden bekommen werden, der sich wieder mit neuer Kraft an die Arbeit macht.

Vielen Dank für das Gespräch.