©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Als kleiner Familienbetrieb von Walter Felix Thimm gegründet, zählt die Thimm-Gruppe in Northeim heute zu den Top 4 in der deutschen Verpackungsindustrie. Den Gründergeist, sich immer wieder in Frage zu stellen und neu zu erfinden, hat sich das Unternehmen bis heute bewahrt. Dafür steht auch Mathias Schliep – der CEO begann hier vor 35 Jahren seine Ausbildung und kennt die Thimm-DNA wie kein Zweiter.

Es ist ein sonniger Tag im August 1983. Mathias Schliep steht vor dem Firmengebäude von Thimm in Northeim, der Stadt, in der er gerade seine Abiturprüfungen bestanden hat. Hier soll nun seine Ausbildung zum Industriekaufmann starten. Das Zeugnis in der Tasche ahnte der damals 21­ Jährige noch nicht, wohin ihn dieser Weg einmal führt, und dass Wellpappe sein stetiger Begleiter sein wird.

Schlieps Vita erzählt die Geschichte vom ambitionierten Azubi zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Thimm­Gruppe, einem führenden Lösungsanbieter für Verpackung und Distribution von Waren – mit einem Jahresumsatz von inzwischen über 600 Millionen Euro. Verpackungsindustrie. Was kann das schon sein? Verpackungen sind in den Köpfen vieler Menschen noch immer mit Attributen besetzt, die nicht gerade Emotionen auslösen und nicht besonders ,sexy‘ sind. „Wenn man die Chance hat, den Menschen Verpackung näher zu bringen, kann man sie auch dafür begeistern“, sagt Mathias Schliep heute, 35 Jahre später, voller Überzeugung und mit leuchtenden Augen. Damit ist er gleich mitten im Thema und in seinem Element.

Nach der Ausbildung ging er für Thimm als damals jüngster Außendienstmitarbeiter nach Freiburg und baute dort eine neue Vertriebsregion auf. „Da habe ich schnell gemerkt, dass ich gut verkaufen kann“, erzählt der 56-­Jährige heute und erinnert sich gern zurück. Schon nach kurzer Zeit hatte er im Badischen fast alle Winzergenossenschaften auf seiner Kundenliste. „Am Thema Wein bin ich bis heute hängen geblieben“, sagt er augenzwinkernd, auch wenn es mittlerweile neben den Weinkartons auch die Inhalte sind, die ihn interessieren.

Direkt nach dem Abitur in eine Ausbildung zu gehen, war damals nicht unbedingt üblich. Der gängige Weg: erst Abitur, dann Studium und anschließend in die Praxis. Obwohl Schliep nicht studiert hatte – das holte er dann später während eines dreijährigen Aufenthaltes in den USA nach, – wurde er genommen. „Vielleicht, weil ich etwas reifer war als die meisten Abiturienten, da ich für die Schule ein wenig länger gebraucht hatte“, sagt er rück blickend und umschreibt damit geschickt den Umstand einer Ehrenrunde. Und wieder zeigt sich ein schelmisches Lächeln in seinen Mundwinkeln.

Vielleicht lag es daran, dass man es im Hause Thimm schon immer etwas anders gemacht hat. So wie einst Walter Felix Thimm, der bereits bei der Firmengründung 1949 andere Wege ging als die meisten Unternehmen in der Verpackungsindustrie. Sein Gründergeist wurde von Kompetenz, Vision und Mut getragen. Diese Tugenden haben das Unternehmen in der Nachkriegszeit wachsen lassen, und so entstand, ein wenig aus der Not heraus, das erste Werk in Herzberg am Harz. Denn nachdem Walter Felix Thimm keine Anstellung gefunden hatte, nahm er all seinen Mut zusammen und folgte seiner Überzeugung, dass Verpackungen auf jeden Fall ein spannendes Produkt bleiben werden, da Wirtschaftswachstum gleichbedeutend mit Verpackungswachstum ist. Und so gründete er ohne einen Pfennig Eigenkapital, aber mit großen Visionen: ‚Thimm Wellkisten‘. Bereits zwei Jahre später, 1951, platzten die Hallen in Herzberg aus allen Nähten, sodass das Werk in Northeim als Stammsitz eröffnet wurde.

Heute gehört die Thimm­-Gruppe zu den Marktführern in der Branche. Auf dem deutschen Markt rangiert sie als einziges Familienunternehmen unter den Top 4 und im europäischen Markt unter den Top 15. Thimm ist spitze – und daran wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern, denn mit Kornelius Thimm hat bereits die nächste Generation Führungsaufgaben übernommen. Der 41-­jährige Enkel des Gründers ist seit 2017 als Chief Operating Officer (COO) für das operative Geschäft an Bord und für die Bereiche Produktion, Technik, IT, Einkauf und Logistik verantwortlich. Der Maschineningenieur schaut auf eine 13-­jährige Berufslaufbahn zurück: Er leitete bei BMW Entwicklungsprojekte und war vor seinem Eintritt in die Thimm­Geschäftsführung bei der Beumer Maschinenfabrik tätig, wo er unter anderem die Organisation und den Vertrieb des Kundendiensts in Europa, Afrika und im Mittleren Osten leitete. Zum Führungskreis bei Thimm gehört darüber hinaus seit 2006 noch Jens Fokuhl als kaufmännischer Geschäftsführer, der im Unternehmen für Finanzen und Controlling verantwortlich ist.

Die Thimm­-Gruppe umfasst inzwischen insgesamt 19 Standorte in sechs Ländern mit weltweit über 3.000 Mitarbeitern. „Wellpappe muss kundennah produziert werden, lange Exportstrecken lohnen sich wirtschaftlich nicht“, erklärt Schliep, der den einstigen Gründer noch kannte und beinahe ehrfürchtig von ihm berichtet. „Ich bin mit dem Unternehmen gewachsen“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung. Anfang der neunziger Jahre wurde Schliep internationaler Verkaufsleiter für Pre-Print-­Produkte, zwei Jahre später verantwortlich für den Aufbau des Key­Account-­Managements, dann Vertriebsleiter, und 1999 übernahm er schließlich die operative Verantwortung. Seitdem ist auch das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Allein in den letzten fünf Jahren, bezogen auf den Gesamtumsatz, um über 30 Prozent.

Nahezu gleichzeitig fand die Verbindung mit dem Unternehmen noch auf einer weiteren, einer privaten Ebene statt. Schliep lernte die Enkelin des Gründers und Tochter von Klaus Thimm kennen, die er zwei Jahre später, im Jahr 2004, heiratete und mit ihr drei Kinder bekam. Klaus Thimm war als Sohn des Firmengründers von 1970 bis 2000 im operativen Geschäft des Unternehmens tätig und danach weiterhin im Unternehmensbeirat aktiv. Doch obwohl auch Schlieps Ehefrau Teil des Gesellschafterkreises ist, ist das Paar bestrebt, Beruf und Privates zu trennen.

2014: Schliep war als CEO mittlerweile seit 15 Jahren weltweit für die Thimm­-Gruppe unterwegs. Es wurde Zeit für ihn, eingeschliffene Bahnen zu verlassen – eine Frischzellenkur für ihn, seine Familie und für das Unternehmen. Viele Monate im Voraus plante er eine Auszeit, um mit seiner Familie ein Jahr lang die Welt zu bereisen. Das Sabbatical hat sein Leben nachhaltig verändert. „Noch jetzt sprechen wir zu Hause fast jede Woche von den Erlebnissen dieser Zeit“, erzählt er. Es sei eine tolle Erfahrung für die Kinder und ebenso für den Zusammenhalt der Familie gewesen. „Doch was ich völlig unterschätzt hatte, war, welche Wirkung diese Reise auf mich hatte, als ich wieder zurückkam“, erzählt der Weltenbummler, der bereits durch sein Studium in Virginia (USA) über einen längeren Zeitraum das Leben im Ausland genossen hatte.

Plötzlich stand Mathias Schliep wieder da. In seinem alten Büro in Northeim und sah sich um. Die Führungskräfte saßen in ihren Büros und in den Tagungsräumen – doch nirgends waren Kunden zu sehen. Schliep fragte sich: Beschäftigen wir uns eigentlich noch mit dem Markt oder nur noch mit uns selbst? Diese Frage drängte sich dem Heimkehrer so massiv auf, dass alles nach Neuerungen zu schreien schien. „Ich konnte es teilweise gar nicht sachlich begründen. Es war einfach ein Stück weit Bauchgefühl – davon habe ich ja genug.“ Schliep ist ein Mensch, der sich selbst nicht allzu wichtig nimmt. Der geborene Hardegser sitzt heute in seinem geräumigen und lichtdurchfluteten Büro, ein sympathischer Mittfünfziger, der von seinem Job leidenschaftlich erzählt. Während er einen Schluck aus seiner Kaffeetasse nimmt, schaut er aus dem Panoramafenster in Richtung Werkshallen: „Ich gucke gern von meinem Schreibtisch aus auf die Fabrik“, sagt er. „An dem geschäftigen Treiben sehe ich, dass das Werk und die Maschinen laufen.“

Damit alles so gut läuft, steht bei Thimm seit jeher ein Thema im Fokus: Das Konzept der Kundennähe und der ausgeprägte Dienstleistungsgedanke sind die Basis. „Wir kommen vom Kunden“, sagt Schliep. Es gehe darum, die Probleme der Kunden zu erkennen und ihnen Lösungen zu bieten. Auch hier wieder der Verweis auf den Gründer Walter Felix Thimm: „Er hat nie gefragt: Wo kann ich Verpackung billiger machen? Er hat gefragt: Kunde, welches Problem hast du? Welche Lösung brauchst du? Was kann ich für dich entwickeln?“ Und innovative Lösungswege finden, das heißt bei Thimm, nicht nur auf ein gutes Produkt zu schauen, sondern auch die gesamte Prozesskette des Kunden im Blick zu haben. An diesem Ansatz hat die Thimm­-Gruppe über die Jahre festgehalten und so im Laufe der Zeit zahlreiche Innovationspreise erhalten. Auf der Firmenwebseite finden sich aktuell 16 Preise – allein in den letzten zwei Jahren.

Eine dieser innovativen Lösungen ist beispielsweise das ,THIMM xPOSe‘, ein Warenvorschubsystem. Eine Verpackung für den Einzelhandel, die dafür sorgt, dass, wenn Ware vom Kunden entnommen wird, die verbleibende Ware an den vorderen Regalrand rutscht. Oder ein Versandkarton, der durch ein patentiertes System verschlossen und versiegelt werden kann, was beispielsweise bei Käufern von Babynahrung für ein sicheres Gefühl und durch den Verzicht auf Klebeband für eine bessere Ökobilanz sorgt.

Den Anspruch, innovativ zu sein, lässt sich Thimm etwas kosten. Fünf bis sechs Prozent vom Jahresumsatz fließen jedes Jahr als Investition ins Unternehmen zurück. „Wenn Sie nur zwei oder drei Prozent investieren, dann ist die Endlichkeit, in der sie unabhängig bleiben können, vorgegeben“, erläutert Schliep. Selbst als die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt 2017 um 30 Prozent stiegen, entschied sich die Geschäftsführung, antizyklisch zu investieren: 15 Million Euro gaben sie für eine große Digitaldruckmaschine aus, um sich auf dem Markt langfristig einen Vorteil zu erarbeiten. „Das ist die große Stärke eines Familienunternehmens. Langfristige Planung. Eine Gesellschafterfamilie, die das Geschäft seit fast 70 Jahren kennt, und obwohl sie um die Investitionen weiß, da völlig entspannt bleibt,“, erklärt der CEO.

Und es wird weiter auf Wachstum gesetzt: Denn Verpackungen boomen. Ob für die Lebensmittelindustrie, die einen bedeutenden Anteil der Produktion der Thimm-­Werke ausmacht, oder in Verpackungen für die Automobilindustrie. Auch durch den steigenden Paketversand im Onlinehandel eröffnen sich zusätzlich neue Absatzmärkte. Darauf reagierte Thimm in den letzten Jahren mit neuen Standorten in Polen, Rumänien, Tschechien und dem neuesten Werk im bayrischen Wolnzach. Am Standort Northeim laufen mittelfristig Planungen für den Ausbau des Areals jenseits der Bahngleise. Und im Mai 2018 hat das jüngste ‚Baby‘ Kartonara im Zentrum für Entrepeneurship an der PFH in Göttingen das Licht der Welt erblickt.

Wenn Mathias Schliep über das jüngste ,Baby‘ aus dem Hause Thimm spricht, dann leuchten seine Augen. Auf einer Dienstreise besuchte er mit seinen Führungskräften die Start-­up­-Szene Berlins und war von der Leichtigkeit und dem Mut der Gründer, Dinge einfach anzupacken, inspiriert. Ein altes Feuer entfachte erneut. Schliep stellte sich die Frage: „Warum nicht etwas Neues wagen?“ Ausprobieren. Fehler machen und dankbar dafür sein – so entsteht Fortschritt. Und Thimm bekam mit einem eigenen Start­-up Zuwachs: Kartonara. Über einen Onlineshop bietet Kartonara Produkte rund um Verpackungen und Kartons an, die eine neue Zielgruppe anspricht. Endverbraucher. Menschen, die auf der Suche nach schnellen Lösungen und innovativen Produkten sind. Unter einem orangefarbenen Logo sind Dinge zu finden wie der Umzugskarton, der nicht einfach ein Umzugskarton ist, sondern mit seinen 45 Grad geneigten Handgriffen etwas Besonderes, Neues auf dem Markt ist. Der Karton lässt sich durch diese ‚kleine‘ Innovation leichter tragen, da der Oberarm in dieser Position weniger Kraft aufwenden muss.

Das vorrangige Ziel von Thimm war, mit Kartonara neue Wege zu gehen und speziell kleine und mittelständische Unternehmen anzusprechen und neue Vertriebswege zu schaffen, wobei mit den standardisierten Verpackungen, die doch irgendwie anders sind, auch Privatkunden angesprochen werden. Für Schliep bedeutet das auch, die Dinge laufen zu lassen und Verantwortung abzugeben, auch wenn er, wie er lachend anmerkt, nicht ganz aus seiner Haut kann und stets einen prüfenden Blick auf die Kosten behält. Doch das Konzept scheint zu funktionieren. Zumindest fand das die Modebloggerin Donnaromina, die auf Instagram ihren Umzug mit Kartonara­-Kartons postete und für den erhofften ‚fame‘ sorgte.

Bei Thimm bleibt es spannend. Denn der Markt verändert sich, und auch das Unternehmen ist mittendrin in Veränderungsprozessen, bei welchen sie nicht nur reagieren wollen, sondern dem Markt lieber einen Schritt voraus sind. Dafür müssen die Angestellten des Unternehmens auf diese Reise mitgenommen werden. „Lasst uns die Menschen, die eine Idee haben, doch einfach befähigen, diese Idee auch umzusetzen“, sagt Schliep. So klingt es, wenn der Geschäftsführer darüber spricht, wie eine Innovationskultur in einem Unternehmen aussehen kann – und wenn zudem die Führungsebene verstanden hat, dass das Potenzial eben nicht ‚oben‘ bei ihnen liegt, sondern vor allem ‚unten‘ an der Basis zu finden ist. „Menschen haben bestimmte Bedürfnisse, denen wir als Unternehmen und als Arbeitgeber auch möglichst entsprechen wollen“, sagt der CEO mit voller Überzeugung. „Uns geht es vor allem darum, den Menschen dazu zu bringen, einen Sinn in seiner Arbeit zu sehen.“ Das ist nicht immer leicht. Doch Mathias Schliep, der durch seine lange Unternehmenszugehörigkeit die Thimm­-DNA kennt wie kein anderer, ist optimistisch. „Wir wollen alle mitnehmen und davon überzeugen, dass wir das, was wir gestern gemacht haben, morgen anders sehen und übermorgen noch einmal anders machen.“