© Luka Gorjup
Text von: Stefan Liebig

Zehn Jahre setzt sich die Energieagentur Region Göttingen nun schon für Energiesparen und -effizienz ein und vernetzt die engagierten Akteure in der Region.

Wir machen keine Pause, denn es gibt viel zu tun!“ – So empfängt die Energieagentur Region Göttingen ihre Besucher auf der Homepage. Der Verein – der in diesem Jahr Jubiläum feiert –, unterstützt inzwischen seit zehn Jahren Privatleute, Kommunen, besonders aber auch Unternehmer in Südniedersachsen unermüdlich bei dem Bestreben, weniger Energie zu verbrauchen bzw. die Energie ­effizienter zu nutzen. Geschäftsführerin des Vereins ist Doreen Fragel, die sich als Netzwerkerin in der Region versteht und als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht.

Im häufig stressigen Tagesgeschäft der Unternehmer findet sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern immer wieder Ansätze, um schnell messbare Erfolge zu ermög­lichen. Die Ideen reichen von energiesparenden Elektro­geräten oder der Umrüstung auf LED-Beleuchtung, die sich meist schnell amortisieren, bis hin zur Installation von autarken Energieversorgungsanlagen wie Blockheizkraftwerken (BHKW). Von dieser oft kostenlosen Beratung und von der Umsetzung der Maßnahmen sowie den damit eingesparten Ressourcen und der Schadstoffvermeidung profitieren seit Jahren aber nicht nur die jeweiligen Unternehmen, sondern am Ende die gesamte Region.

Durch die gute Zusammenarbeit der Energieagentur mit anderen regionalen und nationalen Netzwerken und Verbänden steht den Interessenten dabei ein immenser Sachverstand zur Verfügung. Dieser reicht über die oben angeführten Beispiele weit hinaus und geht bis zur Beratung für Förderprogramme, die sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich eine große Hilfe darstellen können. Ein großer Teil der Arbeit der Energieagentur fließt seit drei Jahren auch in das betreute ,Unternehmensnetzwerk Energie­effizienz‘, das sogar von öffentlicher Seite unterstützt wird: Dabei treffen sich Unternehmer aus der Region in regelmäßigen Abständen – unter der Leitung der Vereinsmitarbeiter Caroline Werner, Julia Mertens und Aaron Fraeter –, um sich über Energie- und Ressourcen­effizienz auszutauschen und sich ihre Unternehmen und Projekte gegenseitig vorzustellen. Fachvorträge, Besichtigungen und Effizienzstammtische bieten komprimiertes Wissen und eine rege genutzte Diskussionsplattform.

Und der Erfolg gibt ihnen recht. Das von der NBank finanzierte Konzept geht in diesem Jahr bereits in die dritte Teilnehmerrunde. Was genau das Unternehmensnetzwerk Energieeffi­zienz bzw. die einzelnen Maßnahmen so erfolgreich macht, davon berichten die Teilnehmer auf den folgenden Seiten aus erster Hand.

 

Gegenseitiges Anstacheln

„Die Fridays for Future haben endlich Fahrt in den Kampf gegen den Klimawandel gebracht“, sagt Katrin Schlick. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas Backfisch führt sie die Geschäfte des Lotta-Karotta-Bio-Lieferservices. Das inzwischen 24 Mitarbeiter beschäftigende Unternehmen im Gleichener Ortsteil Rittmarshausen ist vom Unternehmensziel her bereits ökologisch ausgerichtet, dennoch gibt es abseits vom Kerngeschäft viele Bereiche, in denen kompetente Hilfe viel Energie, Zeit und Geld sparen kann. „Wir haben unser seit 14 Jahren gepachtetes Gebäude im vergangenen Jahr kaufen können. Dass wir bereits im Energieeffizienz-Netzwerk Mitglied waren, hat uns bei der Modernisierung und Zukunftsausrichtung sehr geholfen“, berichtet Schlick. Die Liste der erfolgten Maßnahmen ist dementsprechend beeindruckend: Eine 94-Kilowatt-Solaranlage mit 15-Kilowatt-Speicher und Erweiterungsoption wurde installiert, das Dach isoliert und renoviert, in vielen Bereichen auf LED-Beleuchtung umgestellt und die Öl-/Nachtspeicherheizung durch eine Pellet­heizung ersetzt. Neue Böden, ein neues Hallentor und moderne Kühltechnik mit Wärmerückgewinnung runden das etwa 450.000 Euro schwere Investitionspaket ab, das von regionalen Handwerkern – größtenteils auch Mitglieder des Netzwerks – umgesetzt wurde. „Man erhält im Netzwerk Ideen, Unterstützung und Anregungen, sogar an Wettbewerben teilzunehmen – und nicht zuletzt stachelt man sich gegenseitig auch an …“, sagt Schlick höchst zufrieden.

Sparpotenziale beeindrucken

In wenigen Branchen gibt es wohl so viele Ansatzpunkte zum Energiesparen wie in der Hotellerie. Tom Lange, Inhaber des Hotels Letzter Heller in Hann. Münden, kann dies bestätigen – insbesondere, weil Teile seines Unternehmens auch noch unter Denkmalschutz stehen. Schon die erste Bestandsaufnahme durch die Energieagentur zeigte ihm enorme Sparpotenziale im Bereich Wärme und Beleuchtung auf. „LED-Lampen, neue Kühlschränke und Küchenherde sind Stellschrauben, mit denen sich viel Geld einsparen lässt und die sich schneller amortisieren, als man denkt“, erklärt auch ­seine Frau Martina Lange, die das Hotel seit 29 Jahren ­gemeinsam mit ihrem Mann leitet. Mit der Foto­voltaik-Anlage und der Ladestation für Elektroautos unter­streichen die beiden Südlink-Gegner ihr Engagement für dezentrale Energieversorgung. Für die Hoteliers sind es wichtige Investitionen in die Zukunft des seit 125 Jahren bestehenden Familienunternehmens. Sie schätzen die neuen Ideen aus dem Netzwerk, die ihnen bereits viele neue Möglichkeiten eröffnet haben.

Schüler lernen

Schüler wollen Resultate sehen – das sehen wir jeden Freitag. Was liegt also näher als der direkte Kontakt zwischen Bioenergieproduzent und Schulen? Das Unternehmen BioEnergie Gieboldehausen versorgt die Gesamtschule KGS sowie mehrere Unternehmen des Gieboldehäuser Gewerbegebiets mit Biogas. Drei Blockheizkraftwerke produzieren jeweils bis zu 190 Kilowatt pro Stunde. Bis zu 4,7 Millionen Kilowattstunden sind laut Geschäftsführer Mario Sommer erreichbar. Er und seine beiden Mitarbeiter boten Schülern bereits mehrfach tiefe Einblicke in die nachhaltige Energieproduktion. Kürzlich ging auch der benachbarte Kindergarten ans Netz, und so müssen die Führungen wohl noch an neue Altersgruppen angepasst werden. Im Energieeffizienznetzwerk sieht sich Sommer als Impulsgeber für BHKW-­Interessenten und profitiert von dem gemeinsam mit der Energieagentur optimierten Energiemanagement: Durch eine Verbesserung der Rühranlage, die die für die Energieerzeugung notwendigen nachwachsenden Rohstoffe – zum Beispiel Mais, Roggen, Gras, Gülle oder Mist – konstant rühren muss, arbeitet diese deutlich effektiver. Für Sommer, der eigentlich auf eine größere Energieproduktion aus war, „ein Erfolg an einer anderen Stelle, als ich es erwartet habe“.

In Vorleistung getreten

Birgitt Witter-Wirsam, Geschäftsführerin von Holzland Hasselbach, stellt bei ihrer Kundschaft fest, dass sie sehr umweltorientiert denkt, aber häufig doch preisorientiert einkauft: Zertifizierte Hölzer und ökologische Dämmstoffe bleiben so öfter in den Regalen, und preisgünstigere Alternativen erhalten den Vorzug. „Das ist schade, weil viele Produkte – gerade zur Wärme- und Schalldämmung – vor allem ökologisch und energieorientiert sind“, sagt sie bedauernd. Denn sie denkt seit vielen Jahren nachhaltig und investierte beispielsweise schon vor zehn Jahren in eine Fotovoltaikanlage auf dem Firmengebäude, der Gabelstaplerfuhrpark ist auf Gasbetrieb umgerüstet und auf LED-Beleuchtung ist auch schon weitgehend umgestellt. In Kürze können sich die Kunden mit Elektrofahrzeugen über eine Ladestation freuen. „Ich ziehe große Motiva­tion und viele neue Anregungen aus den Netzwerktreffen mit anderen Unternehmern und Experten“, sagt Witter-­Wirsam und zeigt sich damit offen für neue Projekte.

Lohnende Investitionen

Zwischen 600.000 und 700.000 Euro hat der Romantische Winkel in Bad Sachsa bereits in die Entwicklung seiner Nachhaltigkeit investiert. 78 Zimmer und Suiten werden von 132 Mitarbeitern unter der Leitung von Josef Oelkers angeboten. Der Geschäftsführer erkannte schon kurz nach der 1995 bis 2000 erfolgten Übernahme des von seinen Schwiegereltern 1978 gegründeten Hotels, dass er in umweltschonende Technologien investieren muss, um langfristig Kosten zu sparen und das Unternehmen zukunftsorientiert auszurichten. „Hätte ich nicht schon vor Jahren ein eigenes BHKW in Betrieb genommen, hätten mich die Energiekosten irgendwann erstickt“, sagt Oelkers. Doch auf diesem Erfolg ruht(e) sich der Energieeffizienzler keineswegs aus und listet weitere bereits umgesetzte Projekte auf: Abwärme hält im Winter die Hoteleinfahrt eisfrei und beheizt im Sommer den Außenpool, Kochbereiche wurden auf Induktion umgestellt und die Küchenreinigung automatisiert, Heiz- und Kühlanlagen sind auf modernstem Stand. Den großen Investitionen stehen inzwischen enorme Einsparungen gegenüber. „Das geht natürlich nur, wenn die Mitarbeiter auch mitziehen“, so Oelkers, der in diesem Punkt aber ebenso gern motiviert, wie er auch den anderen Netzwerkern gern beratend zur Seite steht.

Netzwerken hinterm Horizont

„Man merkt im Netzwerk schnell, wer sich wirklich für die Zusammenarbeit interessiert und seinen Horizont erweitern möchte. Der Erfolg hängt hier von der regelmäßigen Teilnahme ab“, sagt Michael Holzapfel. Der Inhaber des Obernfelder Unternehmens Holzapfel Haustechnik wird von den Organisatoren des Energieeffi­zienznetzwerks als besonders aktiver Netzwerker geschätzt, bedauert aber, dass das Tagesgeschäft häufig Lücken in den Teilnehmerkreis reißt. Holzapfel blickt über den eigenen Tellerrand und fordert neben der Fachkräfteausbildung auch eine fundierte Mitarbeiterführung, die im Sinne der Energieeffizienz ausgerichtet sein sollte. Er profitiert selbst vor allem von den Einblicken in andere Branchen. Diese gaben ihm schon häufiger Anstöße für eigene neue Projekte, beispielsweise im Bereich der Drucklufttechnik oder auch für die Umsetzung eines energieautarken Mehrfamilienhauses. „Ideen und Probleme mit Experten aus anderen Arbeitsfeldern zu diskutieren, kann helfen, eigene Prozesse zu optimieren und Angebote an den Markt anzupassen“, erklärt Holzapfel, worin er, der sich auch in brancheninternen Netzwerken engagiert, den Gewinn für alle Beteiligten sieht. Die auch in Richtung Fördergelder orientierte anschließende Beratung sowie fachspezifische Schulungen durch die Energieagentur runden aus Holzapfels Sicht das gelungene Konzept der Effizienztische ab.   

Auf dem Weg zur energieeffizien­teren Produktion

Die Verarbeitung von Flachglas ist aufgrund der benötigten Wärme beim Vorspannprozess von Einscheibensicherheitsglas ein besonders energieintensiver Industriezweig. Was liegt also näher, als sich im Energieeffizienznetzwerk nach Sparpotenzialen zu erkundigen? „Als ein über vier Jahrzehnte gewachsenes Unternehmen, dessen Gründer Dieter Bold schon vor Jahrzehnten aufs Netzwerken setzte, gehen wir die Thematik Schritt für Schritt an“, sagt Qualitätsmanagerin Corinna Henne­rici von der Hann. Mündener isophon glas. Nach der Inbetriebnahme eines BHKW auf Erdgasbasis sowie der auf LED umgestellten Hallenbeleuchtung und der optimierten Logistik steht für sie nun das Kernprodukt im Fokus. Neben den Unternehmen sieht Hennerici aber auch die Politik gefordert: „Es gibt Spielarten der staatlichen Förderung, bei denen letztendlich der Energieverbrauch noch unterstützt wird. Hier sollte die Politik unbedingt die Gesetzeslage und die Förderungen überdenken.“ Die Qualitätsmanagerin schätzt den Austausch des Netzwerks und insbesondere die geduldige und fachkundige Betreuung durch die Energieagentur. Dank dieser erhielt das Unternehmen wertvolle Informationen zu Förderprogrammen, mit deren Hilfe die isophon glas die Energieeffizienz weiter vorantreiben kann.

Das Netzwerk im Netzwerk

Herbert Hardege ist einer von sechs Gesellschaftern von Plessemilch im Bovender Ortsteil Reyershausen. Die Landwirte haben sich dort zusammengeschlossen, um effektiver wirtschaften zu können. 2012 begann es mit einer Biogasanlage, 2013 folgten gemeinsame Kuhställe. „Wir profitieren vom gemeinsamen Maschinenpark und der Möglichkeit der gegenseitigen Urlaubsvertretung“, sagt Hardege und skizziert damit zwei der Synergie­ansätze. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen sind die Landwirte laut Hardege sehr gut vernetzt, dennoch ist er für die Anstöße im Bereich der Energieeffizienz offen. So ist sein Team inzwischen für die aufgezeigten Möglichkeiten in einem seiner Problemfelder, der Wärmenutzung, dankbar. Mit einem neuen Wärmetauscher spart Plessemilch künftig 800 Euro monatlich, da Abwärme genutzt wird, statt zu verpuffen, und künftig keine teuren Heizpatronen mehr benötigt werden. Nun wird nach einer ähnlich erfolgreichen Lösung für die Kühlung gesucht …ƒ