©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Seit fünf Jahren trifft sich eine engagierte Gruppe ,früher Vögel‘, um sich gegenseitig weiterzuempfehlen, und stärkt damit den Wirtschaftsstandort Südniedersachsen.

Dann bis Donnerstagabend, viertel vor Sieben“, schallt es herüber. „Abends? – Von wegen, wir treffen uns am frühen Morgen!“ Ein häufig geführter Dialog, der mal den Einstieg ins Netzwerken der besonderen Art, mal aber auch das Ende vom eigentlichen Anfang bedeutet.

Netzwerken, während andere noch gemütlich am heimischen Frühstückstisch sitzen oder lieber noch das warme Bettchen hüten. Wer macht denn so was? Nun, weltweit etwa 275.000 Mitglieder des Business Network International (BNI). Eine Idee, die – Überraschung – aus den USA nach Europa gekommen ist. Das Prinzip: In regionalen Gruppen lernen sich Unternehmer kennen und empfehlen sich anschließend nach dem Prinzip ,Wer gibt, gewinnt‘ provisionsfrei an ihre eigenen Kontakte weiter. Jedes Fachgebiet ist in jedem Unternehmerteam nur einmal vertreten. „Alle präsentieren ihren jeweiligen USP, ihr Alleinstellungsmerkmal, dann wird das gesamte Team zum Vertriebsteam“, erklärt Christian Struck und skizziert damit das BNI-System, bei dem jeder von den Kontakten der anderen profitiert. Pünktlich zum fünften Geburtstag des Göttinger Teams ,Rotmilan‘ übernahm der Geschäftsführer von MPSN Design zum zweiten Mal die Rolle des regionalen Teamdirektors. Vor rund vier Jahren stieß er dazu. Anfangs noch skeptisch, lebt Struck heute die BNI-Werte und ist im Jubiläumsjahr für den Ablauf in der aktuell 56 Mitglieder zählenden Gruppe verantwortlich.

Initiator war damals Stefan Ebbecke, Inhaber der Ebbecke GmbH. „Meine Schreinerei zog von Scheden nach Göttingen und sollte sich als Küchenspezialist positionieren – da musste ein Plan her“, erzählt der aktuelle Rotmilan-Mitgliederkoordinator. Da kam ihm eine Wanderung mit einem befreundeten Freiburger BNI’ler gerade recht: „Er überzeugte mich sofort vom Netzwerk-Prinzip: Die Mitglieder kennen sich und empfehlen sich nur weiter, wenn sie voneinander überzeugt sind.“ Das nächste Problem: Es gab in und um Göttingen keine BNI-Gruppe. Aufgeben kam für Ebbecke aber nicht infrage. Er nahm Kontakt zum BNI auf und begann, selbst ein Team aufzubauen.

Es folgten viele Telefonate, Treffen mit Interessierten und im April 2016 die Gründungsveranstaltung mit über 100 Gästen. Ebbeckes motivierende Art überzeugte 23 Personen, Gründungsmitglied zu werden – 15 von ihnen sind übrigens auch zum fünfjährigen Jubiläum noch dabei. Manche machen heute bis zu 90 Prozent ihres Umsatzes über BNI-Empfehlungen. Sie freuen sich zudem über die hohe Qualität der Aufträge und die Zusammenarbeit mit ihrem ,BNI-Vertriebsteam‘. Es lohnt sich also, donnerstags früh aufzustehen und sich zum Unternehmer­frühstück zu treffen. Mit einem jährlichen, durch Empfehlungen zustande kommenden Umsatz von etwa 7,5 Millionen Euro rangieren die Südniedersachsen inzwischen meist im Top-Ten-Bereich der deutschsprachigen etwa 550 Teams – kein Wunder, dass sich auch im Südharz eines gegründet hat und sich in Northeim, Duder­stadt und anderen Orten weitere in Gründung befinden.

Doch was macht den Reiz dieser wöchentlichen Treffen mit Anwesenheitspflicht aus? Angela Hansel, die zwar erst seit vergangenem November dabei ist, aber seit April als Schatzmeisterin zum Führungsteam gehört, bringt es auf den Punkt: „Als Jungunternehmerin und erfahrene Netzwerkerin finde ich beim BNI Gleichgesinnte, die auf den geschäftlichen Erfolg fixiert sind. Dies und die vertrauensvolle Atmosphäre rissen mich sofort mit.“ Als Selbstständige im Bereich Freie Rede und Gesang, etwa als Trauerrednerin, bringt sie kommunikative Qualifikationen mit, die sehr nützlich sind. Denn wenn sich über 50 Mitglieder und eine zweistellige Zahl von Gästen treffen, bleiben sage und schreibe nur 20 Sekunden, um sein Alleinstellungsmerkmal zu präsentieren. „Das ist zwar sportlich, aber nötig, um unser Programm in 90 Minuten durchzuziehen“, erklärt Struck. Denn ab 8.30 Uhr sollen und wollen sich die Unternehmer um ihr Geschäft und die Weiterempfehlung der BNI-Kollegen kümmern. Um sich effektiv zu präsentieren und weiterzuempfehlen, stehen allen Teilnehmern Workshops, Gespräche mit Mentoren und der Austausch mit anderen Mitgliedern zur Verfügung – übrigens auch denen aller anderen weltweiten Teams. „Diese Art der Persönlichkeitsentwicklung ist ein gigantisches Angebot. Es hat mich in diesem halben Jahr enorm weitergebracht“, sagt Hansel.

Aber es gibt auch die, für die frühes Aufstehen, das Auswerten des Engagements und der Fokus auf messbare Ergebnisse aus den Treffen schon anstrengend und zu amerikanisch wirken. „Nur kurz: Die Auffassungsgabe ist morgens am besten, wir entwickeln uns persönlich weiter, stärken die regionale Wirtschaft und bieten auch Außenstehenden effektive Zusammenarbeit“, sagt Struck klarstellend und verweist auf den Thementag Kultur, bei dem Vertreter der gebeutelten Branche im Netzwerk zu Gast sein durften.

Basis für die Verwaltung des BNI-Gesamtangebots ist im Übrigen eine App und eine umfangreiche Service-Plattform. Eine technische Grundlage, deren Wert mit Beginn der Pandemie nochmals stieg. „Wir schafften es innerhalb einer Woche, unsere Präsenztreffen mit bis zu dreistelligen Teilnehmerzahlen auf Online-Meetings umzustellen“, erklärt Ebbecke. Dies birgt im BNI-Fall Vor- und Nachteile: Einerseits sei man nach wie vor in der Lage, Geschäfte anzustoßen und zu netzwerken, andererseits sei der persönliche Kontakt unersetzlich. Hansel bestätigt dies, denn viele BNI-Kollegen kennt sie bislang nur vom Bildschirm, andererseits spart sie aber durch die Online-Meetings viel Fahrzeit ein. Wohl auch ein Grund, warum sich in Kürze ein reines Online-Team gründen wird.

Einig sind sich aber alle drei: So sehr sie sich über die regelmäßigen Online-Treffen auch freuen, sie können es kaum erwarten, an einem möglichst zeitnahen Donnerstagmorgen endlich wieder ,live zu gehen‘.