©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Der Name KWS steht in der Region für Saatgut und orange-weiße Schilder, die auf weiten Feldern rund um Einbeck deutlich sichtbar sind. Doch was genau auf dem riesigen Betriebsgelände außer der Züchtung von Zuckerrüben und Co. vor sich geht, wissen wohl die wenigsten. Felix Büchting, Vorstand und Nachfahre des Gründers in siebter Generation, gewährt exklusive Einblicke und spricht mit faktor offen über Gentechnik, die Frage, welchen Hut er als Erbe tagtäglich aufsetzt, und seine Zeit am heimischen Herd.

Nachts ist es hier eigentlich am schönsten. Dann leuchten die gläsernen Gewächshäuser von KWS in Orange, Rot und Violett unter dem dunklen Nachthimmel. Jede Pflanze, die hier in kleinen Töpfen steht, wird in den ersten Monaten im Gewächshaus unter verschiedenen klimatischen Bedingungen getestet, bevor sie im Frühjahr und Frühsommer auf die angrenzenden ­Felder ausgepflanzt wird – den echten Naturgewalten ausgesetzt. Das Herz von KWS, so könnte man sagen, schlägt im saisonalen Rhythmus der Natur. „Unsere Wurzeln liegen in der Landwirtschaft, daran wird sich auch trotz neuester Technologien und Forschung nichts ändern“, erklärt Felix Büchting, Nachfolger der Unternehmensgründer in der siebten Generation. 2016 stieg er fest in das familien­geführte Unternehmen ein und wurde 2019 in den Vorstand bestellt, um für die Ressorts Getreide, Personal und Landwirtschaft die Verantwortung zu übernehmen.

Einen Interviewtermin mit Felix Büchting zu bekommen, gehört nicht zu den leichtesten Übungen. Der Terminkalender des Vorstands ist erwartungsgemäß voll, obwohl seine Reisefrequenz durch die Corona-Pandemie um ein Vielfaches gesunken ist. „Ich versuche natürlich, an vielen Standorten präsent und mit unseren Mitarbeitern überall auf der Welt in Kontakt zu sein“, sagt der 47-Jährige, der es zwischenzeitlich zu genießen scheint, dass er weniger Zeit im Flugzeug verbringt. Entspannt zurückgelehnt sitzt er, die Beine übereinandergeschlagen, auf der Couch im Besprechungsraum des Unternehmenshauptsitzes in Einbeck und erwartet mit offenem Blick die Fragen. KWS, das ist sein Zuhause. „Als Kind war ich mit meinem Großvater oft auf den Feldern und mehr noch in den nahe gelegenen Wäldern unterwegs“, erzählt er im Plauderton. „Wenn wir einen Ausflug gemacht haben, war immer auch Thema: Was wächst da auf dem Feld?“ Dass er knapp 40 Jahre später hier sitzen würde, entschied er allerdings erst während seiner Abiturzeit. „Ursprünglich wollte ich Architektur studieren. In der Schulzeit hatte ich kein ausgeprägtes Interesse an Pflanzenzüchtung“, so der promovierte Agrarbiologe.

1991 wurde in Frankreich der erste genetisch veränderte Mais freigesetzt. Es gab große und fundamentale Diskussionen in der Presse und von Umweltaktivisten. „Plötzlich verstand ich, wie lebensnah das Thema ist, und beschloss, mich näher damit zu beschäftigen. An diesem Punkt entschied ich mich für das Studium der Agrarbiologie, da ich merkte, dass ich etwas verändern kann.“ Mit dieser Erkenntnis war der erste Schritt gegangen, um ein großes Erbe anzutreten: Denn KWS ist ein kontinuierlich wachsender Global Player, der mittlerweile mehr als 5.700 Mitarbeitende in 70 Ländern beschäftigt – davon allein rund 1.500 Angestellte in Einbeck. Im Geschäftsjahr 2019/20 erwirtschaftete KWS einen Gesamtumsatz von 1,3 Milliarden Euro. Schwerpunkte, so heißt es in der Firmenbeschreibung, sind die Pflanzenzüchtung und die Produktion sowie der Verkauf von Mais-, Zucker­rüben-, Getreide-, Raps-, Sonnenblumen- und Gemüse­saatgut. KWS setzt modernste Methoden der Pflanzenzüchtung ein, um die Erträge der Landwirte zu steigern sowie die Widerstandskraft von Pflanzen gegen Krankheiten, Schädlinge und abiotischen Stress – zum Beispiel durch Klimaveränderungen – weiter zu verbessern. Dank des Wachstums wurde es notwendig, die Verwaltung auszubauen, und nach einjähriger Planung bezog das Unternehmen 2018 seinen neuen Standort in Berlin. Nicht, um sich langsam aus Einbeck zurückzuziehen, sondern weil sich in der Hauptstadt mehr spezialisierte Fachkräfte mit Fremdsprachenkenntnissen wie beispielsweise Ukrainisch oder Portugiesisch finden als in einer Kleinstadt in Südniedersachsen. „Einbeck bleibt unser Headquarter“, sagt Büchting mit sicherer Stimme. Denn Pflanzenzüchtung funktioniere nur im ländlichen Raum. Darüber hinaus befinden sich hier wichtige Teile der Verwaltung und die Unternehmensführung sowie die größte Forschungseinrichtung und das gesamte Zuchtprogramm für Zuckerrüben.

Und mit Zuckerrüben fing alles an. 1856 startet die Erfolgsgeschichte mit der ,Zuckerfabrik Klein Wanz­leben‘ in dem gleichnamigen Dorf bei Magdeburg, das noch heute den Beinamen ‚Zuckerdorf‘ trägt. Damals schossen allerorts derartige ‚Zuckerrübenquetschen‘ aus dem Boden. Auch der Gründervater von KWS, Matthias Christian Rabbethge, war ‚Zuckerrübenfabrikant‘ und Landwirt. Aus wirtschaftlichen Gründen entstand in Klein Wanzleben eine Kooperation von Zuckerfabrikanten. Nach und nach kaufte Rabbethge Anteile auf, bis er 1856 – dem Gründungsjahr der heutigen KWS – Mehrheitseigner war. Sein Sohn Matthias Rabbethge jun. begann drei Jahre später, im Jahr 1859, mit der systematischen Züchtung einer Rübe, die mehr Zucker und weniger Wasser enthielt. Ein visionärer Gedanke, denn die Mendel’schen Regeln über die Rolle der Gene bei der Vererbung von Merkmalen wurden von Gregor Mendel (1822 – 1884) erst 1866 ­publiziert und wiederum erst einige Jahre später von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Matthias Rabbethge jun. gelang es, durch Kreuzungen Saatgut zu züchten, das die Eigenschaften der ­Zuckerrübe messbar verbesserte und reißenden Absatz fand. Um finanzielle Mittel für das Wachstum des Unternehmens zu bekommen, ging man 1885 nach Berlin an die Börse und wurde Aktiengesellschaft. Dennoch hat es KWS bis heute geschafft, ein familiengeprägtes Unternehmen zu bleiben, das eigenständig und unabhängig geführt wird. Umsatzgetriebene Quartalszahlen lassen sich bei den langen Entwicklungsperioden in der Pflanzenforschung und bei Aufwendungen von 17 Prozent des Gruppenumsatzes für Forschung und Entwicklung ohnehin nur schwer realisieren. Im vergangenen Geschäftsjahr lagen die Investitionen in diesem Bereich bei 236 Millionen Euro.

Doch um noch einmal auf die Historie zurückzukommen: Was wäre eine Erfolgsgeschichte ohne die Liebe? Im Jahr 1858 schlossen die Unternehmertochter ­Marie Elisabeth Dorothee Rabbethge und der Sohn des Hauptinvestors und Gutsbesitzers Julius Giesecke den Bund der Ehe. Die Zukunft des Unternehmens war so auf familiärer und finanzieller Ebene gesichert. Einen der schwerwiegendsten Einschnitte erlebte KWS dann 1945, als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Firmensitz aus Klein Wanzleben in der russischen Besatzungs­zone nach Einbeck in der britischen Besatzungszone verlegt wurde. Ein Neuaufbau musste beginnen.

Heute reiht sich am Stadtrand von Einbeck ­Gewächshaus an Gewächshaus. Von 130.000 Quadrat­metern Betriebsgelände sind insgesamt 21.000 Quadratmeter Gewächshäuser mit eigener Energieversorgung. Alles läuft hier vollautomatisch: die Berieselung der Pflanzen mit feinem Sprühregen sowie die Regulierung der Fenster und der Temperatur. Hier und in den angrenzenden Laboren steckt das wahre Kapital des Unternehmens. Über 480 neue Sorten wurden allein im letzten Geschäftsjahr gezüchtet.

Bis diese allerdings als Saatgut auf den Äckern der Bauern landen, werden einige Jahre vergehen. „Im Schnitt dauert der Prozess von der Idee bis zum fertigen Produkt zehn Jahre – davon allein zwei bis drei Jahre, um die staatliche Zulassung zu bekommen“, erklärt Büchting. Das ‚Produkt‘ ist dann eine Pflanzenzüchtung, die einen neuen Mehrwert bietet – beispielsweise in der Qualität, im Ertrag für den Landwirt oder eine Verbesserung der Eigenschaften in der Verarbeitung.

Felix Büchting kennt das Unternehmen mit allen Facetten. Nach dem Abitur 1994 absolvierte er als Erstes ein dreimonatiges Praktikum bei der heutigen KWS Lochow. „Wie Aschen­puttel habe ich dort ganz klassisch Erbsen gezählt“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Da dieses Tochterunternehmen damals unabhängiger von KWS wirtschaftete, als es heute der Fall ist, war der Name ‚Büchting‘ dort nicht so geläufig. „Ich lief dort ein wenig unter dem Radar“, sagt er und erinnert sich daran, dass das für ihn auch vollkommen in Ordnung war. Er ist ein Mensch, der in seiner Position kein Privileg sieht. Wohl aber darin, dass es eine Chance ist, in so ein Unternehmen hineingeboren zu werden und eine Aufgabe übernehmen zu können. „Ich erkläre es immer gern so“, sagt Büchting. „Es ist wie ein Hut, den man aufsetzt. Entweder trage ich den ‚Hut der Aufgabe‘, die ich übernommen habe, oder ich trage den ‚Hut des Eigentümers‘.“ Es gehöre viel Fingerspitzengefühl dazu, zu entscheiden, wann man welchen Hut aufsetzt. „Ich glaube, es ist mir gut gelungen, dass der zweite Hut eigentlich keine Rolle spielt. Mir ist es wichtig, dass die Menschen im Unternehmen mich so wahrnehmen und mit mir umgehen wie mit anderen auch.“

Ebenso unaufgeregt betrachtet Büchting auch seine Position im Vorstand, in den er 2019 berufen wurde. „Mein Anspruch ist es nicht, kurz- oder mittelfristig zu einer Revolution zu führen. Das übergeordnete Ziel ist sicherzustellen, dass ich das Unternehmen in genauso gutem, wenn nicht besserem Zustand an die nächste ­Generation übergebe“, erklärt er, und macht eine kurze Pause, wie um einen Gedanken in die richtigen Worte zu fassen. „Ich bin Treuhänder“, sagt er zufrieden. Und wieder ein Moment der Stille, um dem Gesagten nachzuspüren. Nachdem sein Vater Andreas Joachim Büchting 2007 seinen Vorstandsposten aufgab und in den Aufsichts­rat wechselte, übernahm zwölf Jahre später mit Felix Büchting wieder ein Familienmitglied im höchsten Entscheidungsgremium eine operative Verantwortung. Hat er sich ein Ziel gesetzt, wie er sich in die Unternehmensgeschichte einschreibt? „Ich habe noch genug Zeit, dem Unternehmen meinen Stempel aufzusetzen. Dafür ist es jetzt noch zu früh“, stellt Büchting fest. Ein solches Erbe in einem börsennotierten Unternehmen dieser Größenordnung anzutreten, stellt an sich schon eine respektable Aufgabe dar. Dass Eigentum bekanntermaßen verpflichtet, ist dabei nur ein Aspekt. „Es gibt natürlich die eine oder andere Erwartung, sei es aus der Familie, sei es aus der Unternehmung oder von außen“, so der Nachfahre des Gründers. „Für mich eine sehr motivierende Herausforderung – schließlich will ich nicht die Generation sein, bei der es scheitert.“

Büchting zeigt sich offen und auskunftsfreudig. Kein Zögern, als wir das Thema Gentechnik ansprechen. Ganz im Gegenteil. „Es ist schon so etwas wie Tradition bei KWS, dass wir offen in den Dialog gehen und mit den Menschen reden. Wir wissen, dass wir an sehr erklärungsintensiven Produkten forschen.“ Damals, in den 1990er-­Jahren, als Umweltaktivisten mit Feldbesetzungen – Feldbefreiung, wie sie es damals nannten – ihren Protest gegen Gentechnik auch vor den Türen von KWS zum Ausdruck brachten, ging sein Vater zu diesen Menschen hinaus, setzte sich zu ihnen ans Lagerfeuer und sprach mit ihnen – auf Augenhöhe. Auch wenn heute kein Lagerfeuer brennt, im übertragenen Sinn findet der Dialog immer noch mit der gleichen Intention statt: Verständigung. „Wir sind immer bereit, mit Menschen, die Bedenken haben, zu sprechen. Dafür öffnen wir gern unsere Türen und Gewächshäuser.“

Europa ist eine Insel. So bezeichnet es Büchting, wenn es um das Thema Gentechnik geht. An dieser Stelle korrigiert er auch den Begriff: „Bei den neuen Methoden, die wir in der Züchtung einsetzen, handelt es sich um hoch präzise Verfahren, die mit der ursprünglichen Gentechnik nicht mehr viel zu tun haben. Daher nutzen wir für Anwendungen wie Genome Editing / CRISPR bewusst den Begriff ‚Neue Züchtungsmethoden‘.“

Nirgends sonst auf der Welt stehen die Menschen der Erforschung von neuen Pflanzenzüchtungen mit so großer Skepsis gegenüber. Vieles, was in den Laboren geschieht, ist zu komplex, um es mit ein paar Worten erklären zu können – und auch in diesem Artikel würde es den Rahmen sprengen, die Prozesse in ihrer Gänze zu beschreiben. In ihren Laboren arbeiten die Forscher am ‚Genome Editing‘. Eine Methode der Pflanzenzüchtung, die auch Gen-Schere genannt wird. Wo Mendel einst in mühevoller Kleinarbeit Kreuzungszüchtung betrieb, die zehn Jahre und länger dauern konnte, benötigen die heutigen Forscher zwei bis drei Jahre. Im Ergebnis allerdings unterscheidet sich die Genstruktur einer In-vitro-Pflanze ­(Laborpflanze) nicht von der einer ‚natürlichen‘ Züchtung. „Wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, dass Gentechnik von Fall zu Fall betrachtet werden muss, aber es ist ein Werkzeug in unserem Werkzeugkasten.“

Die Forschung zur Erbgut-Veränderung durch die Gen-Schere CRISPR / Cas wurde 2020 sogar mit dem Chemie-­Nobelpreis honoriert. KWS selbst ist an einem Gemeinschaftsprojekt des Bundesverbandes deutscher Pflanzenzüchter mit insgesamt 54 Unternehmen, das sich Pilton nennt, beteiligt. Ziel ist es, unter Einsatz der Gen-Schere eine Weizenart zu züchten, die gegen Pilzbefall resistent ist und gleichzeitig den Anforderungen der Landwirte gerecht wird – kurze, widerstandsfähige Halme und lange Ähren.

Der Klimawandel wird die Landwirte vor neue Herausforderungen stellen. Feuchtigkeit, Hitze und Schädlinge belasten die Pflanzen zusätzlich und schmälern die Erträge. Neue Züchtungsmethoden wie Genome Editing können dabei in ihrer Schnelligkeit und Präzision ziel­gerichtetere Antworten liefern. „Eines müssen wir uns jedoch klar machen“, sagt Büchting. „Von der Vorstellung, dass mithilfe der neuen Züchtungsmethoden das Ernährungsproblem auf der Erde von heute auf morgen gelöst werden kann, so wie es vor 30 Jahren mit Beginn der ‚klassischen Gentechnik‘ prophezeit wurde, müssen wir uns verabschieden. Wir brauchen eine Kombination an Technologien.“ KWS wird weiterhin in Kooperationen an Lösungen arbeiten, ob sich das Ernährungsverhalten der Menschen hin zu saisonalen und regionalen Produkten entwickelt oder die Großstädter vermehrt zu Convenience Food greifen.

Felix Büchting hat seine Wahl getroffen: frische Lebensmittel und frische Zubereitung. Dafür steht er in seiner freien Zeit gern selbst am Herd und kocht für Freunde und Familie. „Mein liebstes Gericht ist dabei Pappardelle an karamellisierten roten Zwiebeln mit Feige, Ricotta und Olivenöl – nicht ganz regional, aber sehr gut“, sagt der passionierte Hobbykoch. Wie viel Zeit er in den kommenden Jahren haben wird, um neue Kreationen zu kochen, bleibt abzuwarten. Die gesellschaftlichen Herausforderungen verlangen viel Forschergeist und ertragreiche Ernten, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Landwirtschaft auch in Zukunft erfolgreich entgegentreten zu können.