Die Aluminium-Spezialisten

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Heidi Niemann

Getränkedosen, Autokarosserien, Verkehrsschilder, Jalousien: Viele Produkte, mit denen wir täglich zu tun haben, sind aus Aluminium hergestellt. Einer der weltweit führenden Produzenten dieser Materialien ist die Firma Novelis. Das Werk in Göttingen ist das Kernstück der insgesamt neun Novelis-Standorte in Europa und erlebt derzeit einen kräftigen Wachstumsschub.

Vor zweieinhalb Jahren kamen aus dem Novelis-Werk in Göttingen noch schlechte Nachrichten. Weil ein Großkunde seinen Auftrag zurückgezogen hatte, verloren knapp 100 Mitarbeiter aus dem Lithografie-Bereich ihren Arbeitsplatz. Mehr als zehn Prozent der Belegschaft waren damals betroffen. „Wir haben die besten sozialverträglichen Maßnahmen angeboten“, sagt Werksleiter Eric Tonkowski. Betroffene Arbeitnehmer konnten außerdem für ein Jahr in eine Transfergesellschaft wechseln.

Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Die Auftragsbücher im Novelis-Werk Göttingen sind wieder voll. Die Nachfrage nach Aluminiumprodukten aus Göttingen ist inzwischen sogar so groß, dass das Werk seine Produktion ausweiten und nun weitere Anlagen vom Dreischicht- auf das Vierschichtmodell umstellen musste. Um den steigenden Bedarf decken zu können, will Novelis bis Ende des Jahres zehn Millionen Euro in neue Fertigungslinien investieren. Auch das Personal wird kräftig aufgestockt. „Wir wollen in diesem Jahr 70 zusätzliche Mitarbeiter sowie bis zu 20 Auszubildende einstellen“, sagt Tonkowski.

Auslöser des Booms ist vor allem eine Branche, die erst seit Kurzem zum Kundenstamm von Novelis Göttingen gehört. Seit 2013 fertigt das Werk in der Weender Landstraße auch Aluminiumbleche für die Autoindustrie. Dies ist derzeit ein besonders wachstumsträchtiges Geschäftsfeld, weil die Autohersteller verstärkt an Lösungen arbeiten, wie sie ihre Fahrzeuge noch kraftstoffsparender machen können. Ein Weg ist der Einsatz leichterer Materialien, und genau hier kommt Novelis ins Spiel: Das Unternehmen ist weltweit führend in der Herstellung von Aluminiumwalzprodukten, und diese sind ein ideales Material für Karosserie-Leichtbauten. Die Autohersteller verwenden die Aluminiumbleche aus Göttingen nicht nur für Karosserien, sondern auch für strukturelle Komponenten von Fahrzeugen. Inzwischen befindet sich Novelis Aluminium in mehr als 180 verschiedenen Fahrzeugmodellen der weltweit führenden Autohersteller, berichtet Tonkowski. Der Trend zur Leichtbauweise werde voraussichtlich auch in Zukunft anhalten: „Wir erwarten, dass die Nachfrage der europäischen Autoindustrie nach Aluminiumblech in den nächsten Jahren um durchschnittlich 15 Prozent steigen wird.“

Um den wachsenden Bedarf abdecken zu können, erweitert Novelis weltweit seine Fertigungskapazitäten. Auch im Werk in Göttingen wird kräftig investiert, bis Ende 2014 fließen die bereits erwähnten zehn Millionen Euro in den Bau neuer Fertigungslinien sowie in technische Verbesserungen der bestehenden Anlagen. Außer Glühöfen und Robotern bekommt der Standort auch eine neue Querteilanlage für das Zuschneiden des Aluminiums. Diese bietet neue Möglichkeiten für den Formschnitt, sodass deutlich weniger Schrott anfällt.

Mit der Ausweitung der Fertigungskapazitäten und den technischen Neuerungen reagiert das Werk auf die steigende Nachfrage der Autoindustrie. Gleichzeitig verfolgt das Unternehmen damit ein weiteres strategisches Ziel: „Wir sind damit technisch so breit aufgestellt, dass wir viele Produktbereiche bedienen können“, sagt der Geschäftsführer des Göttinger Novelis-Werks. Eine größere Produktpalette biete den Vorteil, dass man flexibler auf die Entwicklung einzelner Märkte reagieren könne: Sinkt die Nachfrage in einem Bereich, lässt sich dies durch verstärkten Einsatz auf den anderen Geschäftsfeldern abfedern. Mit seinem Portfolio nehme das Göttinger Werk innerhalb des Konzerns eine Sonderstellung ein: „Wir sind das einzige Werk, das so breit aufgestellt ist“, sagt Tonkowski.

Neben den Autoherstellern gehört auch die Getränkeindustrie zu den Hauptabnehmern von Novelis Göttingen. Diese nutzen die hier hergestellten Aluminiumprodukte, um daraus Getränkedosen zu fertigen. Dieses Geschäftsfeld ist gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, wie das Unternehmen seine ehrgeizige Nachhaltigkeitsstrategie umzusetzen versucht. Novelis hat eine Getränkedose auf den Markt gebracht, die zu 90 Prozent aus recyceltem Material besteht. Die sogenannte ,evercan‘ hat eine spezielle Legierung, die es ermöglicht, das Aluminium unendlich oft zu recyceln. Auch sonst setzt der Konzern neue Maßstäbe in Bezug auf Nachhaltigkeit. Novelis will bis 2020 den Anteil an recyceltem Aluminium in seinen Produkten auf 80 Prozent erhöhen und damit gleichzeitig die CO2-Bilanz deutlich verbessern. „Um Aluminium aus recyceltem Material herzustellen, sind nur fünf Prozent der Energie nötig, die bei der Produktion aus primärem Rohstoff anfallen“, erläutert Tonkowski. „Damit können wir 95 Prozent der Emissionen vermeiden, die sonst bei der Produktion erzeugt werden.“

Kürzlich hat der Konzern einen weiteren großen Schritt zur Umsetzung seiner Nachhaltigkeitsstrategie gemacht: Anfang Oktober eröffnete Novelis in Nachterstedt in Sachsen-Anhalt das weltweit größte und modernste Recyclingwerk für Aluminium. 200 Millionen Euro hat der Konzern am Standort Nachterstedt investiert. Dort werden u.a. die Vormaterialien hergestellt, die das Göttinger Werk für seine Produktion benötigt. Außer als Zulieferer für die Auto- und Getränkeindustrie hat der Standort Göttingen noch ein drittes Standbein. Novelis Göttingen ist der europaweit führende Hersteller von Aluminiumblechen für hoch anspruchsvolle Spezialprodukte.

Die Bandbreite der Endprodukte von Novelis- Kunden reicht von Ventildeckeln für Spraydosen über Außenjalousien und andere Sonnenschutzvorrichtungen bis hin zu Autokennzeichen, Verkehrsschildern, Gehäusen für Elektronikprodukte und speziellen Verbundrohren für Fußbodenheizungen und Wasserleitungen. Auch das Material der Olympischen Ringe bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi stammte aus Göttingen. Besonders prestigeträchtig sind jedoch die innovativen Fassaden- und Dachverkleidungen, mit denen sich die Göttinger Aluminium-Experten einen Namen in der internationalen Architekturszene gemacht haben. „Wir arbeiten mit einigen der weltweit renommiertesten Architekturbüros zusammen“, sagt Tonkowski. Hierzu gehören unter anderem Star-Architekten wie Renzo Piano oder Meinhard von Gerkan. Auch viele andere Architekturbüros setzen bei spektakulären Großbauten auf Aluminiumverkleidungen von Novelis Göttingen. Das Werk verfügt über ein besonderes Know-how für Oberflächentechniken und Spezialbeschichtungen, mit denen sich unterschiedlichste Optiken und Strukturen nachbilden lassen.

Die Göttinger Spezialprodukte kann man inzwischen in vielen Städten bewundern, zum Beispiel in Kopenhagen. Dort wurde im Frühjahr 2013 das ‚Blue Planet‘ eröffnet, das größte und modernste Aquarium Nordeuropas. Das eindrucksvolle Gebäude, das aus der Luft wie ein gigantischer Wasserstrudel aussieht, ist mit 40.000 Aluminiumrauten aus Material von Novelis Göttingen verkleidet. Die Bleche haben eine spezielle Legierung und Beschichtung, die vor Seewasser und Korrosion schützt. Auch bei einem anderen spektakulären Gebäude setzten die Architekten auf das Know-how von Novelis: Das 2012 eingeweihte Erlebniszentrum ‚Titanic Signature Project‘ im nordirischen Belfast, dessen Silhouette an den Schiffsrumpf der untergegangenen Titanic erinnert, ist mit Fassadenpaneelen aus drei Millimeter starkem Aluminium bestückt, die am Standort Nachterstedt gefertigt wurden.

Derzeit beschäftigt Novelis etwa 750 Mitarbeiter am Standort Göttingen, in Zukunft sollen es noch mehr werden. Um seinen Fachkräftebedarf decken zu können, bietet das Göttinger Unternehmen jedes Jahr mehr als 50 Stellen für Auszubildende sowie Teilnehmer von dualen Studiengängen (Bachelor of Engineering/Bachelor of Science – Business Administration) und Trainee- Programmen. „Wir werden zukünftig einen doppelt so hohen Bedarf an Ingenieuren haben, deshalb investieren wir schon früh in Fach- und Führungskräfte“, sagt Geschäftsführer Tonkowski.

Unter anderem bietet Novelis spezielle Trainee-Programme für Studenten mit Abschlüssen in den Studiengängen Elektrotechnik, Maschinenbau, Materialwissenschaften, Verfahrenstechnik oder Wirtschaftswissenschaften an. Die Teilnehmer können während des zweijährigen Fachtrainings, das sie auf anspruchsvolle Positionen vorbereiten soll, auch Auslandserfahrungen sammeln und ihre internationalen Kompetenzen erweitern. „Bei uns gibt es sehr interessante und attraktive Jobs“, sagt Eric Tonkowski. Der Göttinger Werksleiter muss es wissen: Der Diplomingenieur und Diplomwirtschaftsingenieur arbeitet seit 1991 für Novelis, damals startete er als Trainee im Bereich Finanzen und Controlling.

Zum Unternehmen

Novelis Göttingen ist einer von insgesamt fünf Produktionsstandorten der Novelis Inc. in Deutschland. Das Göttinger Werk hat eine lange Geschichte. 1909 wurde es als ‚Aluminiumwerke Carl Albrecht‘ gegründet. 1930 übernahm die kanadische Firma Aluminium Ltd. Canada (Alcan) das Unternehmen. 2005 wurde ein Teil des Konzerns in den Schwesterkonzern Novelis Inc. ausgegliedert. Seit 2007 ist Novelis Teil der Aditya Birla Group, eines multinationalen Mischkonzerns mit Sitz in Mumbai. Novelis gilt als weltweit führender Hersteller von Aluminiumwalzprodukten. Das Unternehmen hat Standorte in neun Ländern und beschäftigt derzeit etwa 11.200 Mitarbeiter.