©Blörn Schrader
Text von: Stefan Liebig

Holzminden gehört zwar zu den kleinsten Landkreisen Deutschlands und ist sicherlich nicht der Nabel der Welt, hat aber mit seiner wunderschönen Landschaft und nicht zuletzt seiner guten Wirtschaftsstruktur so einiges zu bieten.

Der Geruch der Walderde des Naturparks Solling-Vogler, Duftund Aromenseminare im Torhaus am Katzensprung und ein Global Player, der olfaktorische Maßstäbe setzt. Richtig – hier kann es sich nur um Holzminden handeln. Mit rund 20.000 Einwohnern in der Kreisstadt und etwa 71.000 im Kreisgebiet ist es nach Einwohnern der drittkleinste Kreis Niedersachsens sowie der elftkleinste Deutschlands. Doch vor allem in den Bereichen Chemieund Glasindustrie sowie in der Elektrotechnik beweist der landschaftlich so reizvolle Landkreis, dass er viel mehr als nur touristische Höhepunkte zu bieten hat.

Natürlich haben international tätige Betriebe wie Symrise oder Stiebel Eltron eine enorme Strahlkraft und locken Fachkräfte aus weit entfernten Gegenden an, doch auch viele kleinere Betriebe und Einzelunternehmer sorgen für eine abwechslungsreiche und starke Wirtschaft in der Region. Besonders augenfällig auch, dass hier nicht nur die Wirtschaft ausbildet, sondern mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) auch eine staatliche Fachhochschule ansässig ist. Nach mehreren schwierigen Jahren steigen die Zahlen am Standort Holzminden wieder an und nähern sich mit großen Schritten dem Ziel von 1.500 Studierenden. Ein Grund, warum HAWK-Präsident Marc Hudy Baubedarf sieht und für den Bereich ,Soziale Arbeit‘ Neubaupläne vorantreibt.

Da es aber auch alternative Vorschläge gibt, zum Beispiel die Sanierung von Altbauten, dürften sich die Diskussionen und Planungen noch ein wenig hinziehen. Durch diese Erweiterung möchte die Hochschule mit ihrer Holzmindener Fakultät Management, Soziale Arbeit und Bauen weiterhin sicherstellen, dass die großen Firmen des Landkreises auf vor Ort ausgebildetes Fachpersonal zurückgreifen können. Die Unternehmen wiederum sorgen dafür, dass die Jungakademiker attraktive Arbeitsplätze vorfinden.

Eines dieser großen Unternehmen ist Stiebel Eltron. Die internationale Marke fußt auf dem Pioniergeist und unternehmerischen Mut von Theodor Stiebel. Seine Idee, in allen Produkten Sicherheit, Komfort und einen geringen Energieverbrauch zu vereinen, war 1924 die Initialzündung für Stiebel Eltron – und erscheint heute moderner denn je. In Holzminden liegen neben dem Hauptsitz mit rund 1.700 Mitarbeitern auch die größten Produktionsstätten. Den niedersächsischen Standort sichert das Unternehmen durch eine zeitgemäße und globalisierte Positionierung: „Durch internationale Strukturen können wir auf einzelne Marktschwankungen flexibel reagieren. Durch Digitalisierung und Automatisierung vereinfachen und beschleunigen wir Produktionsprozesse und können qualifizierte Fachkräfte immer an optimalen Positionen einsetzen“, sagt Unternehmenssprecher Henning Schulz und beschreibt damit die Ausrichtung von Stiebel Eltron in der modernen Wirtschaftswelt. Den Standort Holzminden würde keiner im Familienunternehmen je infrage stellen. Denn trotz der verbesserungsfähigen Infrastruktur hätten einige Bewerber den Vorteil bereits erkannt: ,Arbeiten, wo andere Urlaub machen.‘

Zu einem solchen Urlaub gehört auch ein attraktives Freizeitprogramm. Da Holzminden dank Symrise zur Stadt der Düfte geworden ist, befindet sich zurzeit ein Museum der Düfte in Planung. Die Stadtverwaltung erhält hierbei durch die Symrise AG beratende Unterstützung. Eine Expertise, auf die man bauen kann. Denn das Duft- und Geschmackstoffunternehmen am Holzmindener Stammsitz gehört zu den weltweit kreativsten und erfolgreichsten seiner Branche. „Unsere innovativen Produkte sind sehr erfolgreich und sorgen für eine Top-Positionierung am internationalen Markt“, sagt Pressesprecherin Christina Witter. Die 3.000 Symrise-Beschäftigten in Deutschland beziehungsweise 10.000 weltweit können sich auf die Treue zum Standort Holzminden verlassen. Die historische Verwurzelung wird auch hier nicht infrage gestellt. 2018 wurde Symrise als Deutschlands nachhaltigstes Unternehmen ausgezeichnet – eine Belohnung für die Verwendung nachhaltiger Rohstoffe. Mit Einsatz modernster Methoden, wie etwa zunehmend auch von Künstlicher Intelligenz, verfolgt man nicht nur die aktuellen Trends, sondern setzt selbst weltweit beachtete Duftmarken.

Während also Symrise die Stadt bei der Planung des Museumsprojekts unterstützt, geht der Unternehmer Ralf Schwager selbst in die Vollen und plant sein eigenes ,Erlebnishaus‘. Der Inhaber vom Weserhotel Schwager und von insgesamt acht Kaufhäusern, auch außerhalb der Stadt, bekräftigt damit sein Bekenntnis zum Standort Holzminden. Jährlich etwa eine Viertelmillion Übernachtungen im Landkreis sorgen für Gäste im Hotel und Käufer im Kaufhaus. Geschäftsreisende, Radfahrer und Campingurlauber auf dem modernen Reisemobilhafen bilden den größten Teil der Besucher. Sie alle schätzen das breit gefächerte Angebot der Region. Wander- und Radwege entlang des Weserbergland-Wegs sowie historische Burgen, Schlösser, Ruinen und  abwechslungsreiche Museen bieten Alternativen für jedes Wetter. Wer sich verwöhnen lassen will, hat die Auswahl aus einem umfassenden Wellness- und Gesundheitsangebot, und Aktivurlauber können sich im Solling-Kletterpark auspowern. „Wir haben gute Perspektiven für die nächsten Jahre: Ich erwarte eine Zuwachsrate zwischen fünf und zehn Prozent im Tourismusbereich“, sagt Schwager und blickt optimistisch in die Zukunft.

Kritisch steht er allerdings einem von der Weserbergland AG ins Spiel gebrachten Projekt gegenüber. Der in den vergangenen Jahren hart gebeutelte Einzelhandel Holzmindens soll durch neue Geschäftsfelder im Internet gestärkt und vor weiteren Schließungen bewahrt werden. Die 2004 gegründete Weserbergland AG organisiert hierfür in den Landkreisen Holzminden, Hameln-Pyrmont und Schaumburg Weiterbildungen, die durch das Land Niedersachsen und die EU finanziell gefördert werden und den Handel für das Onlinegeschäft schulen. Die Aktiengesellschaft ist zu 30 Prozent im Besitz der drei Landkreise und zu 70 Prozent in Händen von zurzeit 23 Wirtschaftsunternehmen. Die Weserbergland AG muss Gewinne erzielen, welche dann zum Teil wiederum zur Förderung der Wirtschaft genutzt werden. „In diesem Sinne nehmen wir an einem eBay-Pilotprojekt teil. Händler sollen bei eBay anbieten können und vor allem auch gefunden werden“, sagt Vorstand Thomas Kexel. Für einen geringen Beitrag können Händler ihre Produkte einstellen. Sucht ein Interessent aus der Region auf der Plattform nach Artikeln, werden ihm dank Ortungsdienst zuerst Anbieter aus der Region angezeigt. „Ein organisatorisches Mammutprojekt für uns“, erklärt Kexel, denn seine eBay-Kontakte führten den jahrelang in der IT-Branche Tätigen bis zur Vertragsunterzeichnung über Berlin und die Schweiz bis nach Kalifornien. Stolz ist er, Holzminden zu den Vorreitern dieses Projektes zählen zu können. Dem Handel erspare die Integration auf eBay eine (oft) sinnlose Investition in eigene Onlineshops. Zudem setzt sich die in Hameln ansässige Gesellschaft intensiv für die Gewinnung von Auszubildenden ein: Zurzeit entsteht eine Virtuelle Berufsmesse, die Jugendlichen einen besseren Überblick über Angebote in der Region ermöglicht und einfach einen direkten Kontakt zu Unternehmen ermöglicht. „Wir setzen hierfür unsere 3.500 Einträge umfassende Unternehmensdatenbank ein und schaffen ein Instrument für Unternehmen und Auszubildende, um zusammenzufinden“, so Kexel.

Fachkräfte brauchen aber natürlich auch die mittleren und kleinen Unternehmen der Region. Wie beispielsweise das stark wachsende Unternehmen Güldenmoor im nahegelegenen Bevern. Mit der Produktion von Kosmetika als Eigenmarken für Kosmetikstudioketten oder Handelsunternehmen ist das Bevernser Unternehmen zu einem Betrieb mit 70 Mitarbeitern gewachsen. Das sogenannte ,Private Label‘-Geschäft kooperiert auch erfolgreich mit Göttinger Start-ups der Kosmetikbranche. „Wir stellen uns in vielen Bereichen gerade neu auf. Klar ist aber, dass wir zum hiesigen Standort stehen“, sagt Geschäftsführer Detlef Heitmüller bestimmt. Er schätzt die Bemühungen der regionalen Wirtschaft und Politik im Standortmarketing hoch ein und erkennt inzwischen wieder eine größere Bereitschaft bei Bewerbern, aufs Land zu ziehen.

Fast 70 Mitarbeiter beschäftigte einst auch die Firma Bebek, die ebenfalls in Bevern ansässig ist. Ute und Klaus Otte produzierten zu besten Zeiten ihres Unternehmens bis zu 15.000 Röcke monatlich. „Dann ging die deutsche Bekleidungsindustrie aber leider vor die Hunde“, sagt Inhaber Klaus Otte. Doch die Ottes wollten nicht aufgeben. Und sie fanden eine profitable Nische: Seit inzwischen 30 Jahren produzieren sie feuerfeste Rennbekleidung für den Motorsport. Viele namhafte Teams und Fahrer gehören zu den Kunden. Statt Massenware produziert das heute noch sechs Mitarbeiter zählende Kleinunternehmen jetzt individuelle Einzelstücke mit Lieferzeiten von mehreren Monaten. Rückschläge, wie der Ausstieg eines Großkunden mit 200.000 Euro Jahresumsatz, setzen dem inzwischen 74-jährigen Klaus Otte zwar hörbar zu, doch die Leidenschaft an der Entwicklung neuer Modelle hält ihn ebenso hörbar bei der Stange.

Zurück zu den Düften der Stadt. Während der Rennsport diesbezüglich nicht ganz so verzückt, sorgen die Produkte von Mareille Willmann nicht nur für Geruchserlebnisse, sondern vor allem für Gaumenfreuden. Als Einzelunternehmerin produziert sie unter dem Motto ,Gutes von Hier‘ hochwertige Zwiebelchutneys in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Wie das in einem so ländlichen Gebiet Erfolg bringen kann? „Man kennt sich hier. Es kamen so viele Bekannte, schauten sich meine neuen Produkte an und empfahlen mich weiter“, berichtet Willmann von ihren ersten Geschäftsmonaten. Inzwischen ist sie in der gesamten Region bekannt und durch ihre aktive (Vorstands-)Mitarbeit bei den Holzmindener Wirtschaftsjunioren auch bestens vernetzt. Networking ist das A und O, um ein erfolgreiches Geschäft zu etablieren“, sagt die Jungunternehmerin. Sie mag die Anonymität der größeren Städte nicht und weiß vor allem auch die günstigen Geschäfts- und Lagerräume zu schätzen.

Der Landkreis Holzminden ist also gut aufgestellt. Etwaige Infrastrukturprobleme und Nachwuchskräftemangel werden mit effektiven Konzepten angegangen. Netzwerke sorgen für Kommunikation und Zusammenhalt in der Region. Und die großen international aktiven Unternehmen stehen zu ihrem Standort. Dank des erfolgreichen überregionalen Marketings und moderner Angebote lebt der Tourismus auf, und Fachkräfte schätzen die günstigen Lebenshaltungskosten und Hauspreise in der Region zunehmend. Die optimistische Grundstimmung der regionalen Akteure verspricht eine erfolgreiche Zukunft für den kleinen Landkreis, den viele einfach dufte finden.