©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Carolin Schäufele

Daniella Cunha Teichert hat eine neue Form des Netzwerkens entdeckt, die sie leidenschaftlich teilt: Working Out Loud. Diese weltweit angesagte Methode für produktives Netzwerken möchte die Wahl-Duderstädterin jetzt auch in ihrer Heimat etablieren.

Die Begeisterung ist groß. Seit Daniella Cunha Teichert vor drei Jahren während des Mittagessens mit einer Kollegin von der Arbeits- und Netzkwerkmethode ,Working Out Loud‘, kurz WOL, gehört hat, ist sie fasziniert. Die Elektroingenieurin arbeitet bei Bosch in Hildesheim. Sie liebt ihre Arbeit als Projektleiterin bei Car Multimedia, ihr Arbeitsfeld ,Car-to-X-Kommunikation‘.

Als typisch introvertierte Ingenieurin fand Cunha Teichert Vernetzungen außerhalb ihres Tätigkeitsbereichs immer schwer. Doch mit der neuen Methode und dem entsprechenden Mindset änderte sich dies von einem Tag auf den anderen grundlegend. Heute ist der Austausch mit Kollegen ein wichtiger Part geworden, der ihr ein zielgerichtetes und vernetztes Arbeiten an einem Thema ermöglicht. Was die gebürtige Brasilianerin daran besonders schätzt, ist die gegenseitige Unterstützung durch die schnell vertraut werdenden Kollegen und die damit verbundene freigesetzte kreative Kraft. Heute ist sie zertifizierte WOL-Mentorin, die den WOL-Circles bei Bosch weltweit für Fragen bei der operativen Umsetzung beratend zur Seite steht. Zusammen mit weiteren Mentoren und Ambassadoren unterstützt sie neben ihrer Tätigkeit als Projektleiterin das zentrale WOL-Co- Creation-Team, um die Methode an weiteren Standorten zu verbreiten.

Working Out Loud – was klingt wie eine trendige Abkürzung aus dem Internet, ist vielmehr eine innere Haltung und Arbeitsweise. Die dazugehörende WOL- Circle-Methode befähigt Mitarbeiter, virtuell und transparent in Netzwerken zusammenzuarbeiten, von anderen zu lernen sowie das eigene Wissen zu teilen, um schnellere und bessere Antworten auf Fragen zu finden, die allein nicht mehr lösbar sind.

„Viele Mitarbeiter behalten ihr Wissen für sich, sie teilen es nicht rechtzeitig mit anderen Stakeholdern und generieren dadurch teilweise doppelte Arbeit und damit auch einen Verlust an Produktivität“, erklärt Cunha Teichert. WOL bricht dieses Silodenken auf, macht die Arbeit des Einzelnen sichtbar und verständlich, Abteilungen arbeiten plötzlich viel enger und intensiver zusammen.

Der Begriff Working Out Loud wurde zum ersten Mal 2010 in einem Blogbeitrag von Bryce Williams, einem US-amerikanischen IT-Berater, genutzt: „When will we start to Work Out Loud? Soon!“ Es dauerte weitere fünf Jahre, bis John Stepper, ein studierter Informatiker, der bis 2016 bei der Deutschen Bank in New York arbeitete, die Idee so weit entwickelt hatte, um daraus eine Methode abzuleiten und ein Buch zu veröffent lichen: ,Working Out Loud: For a better career and life.‘

Als eines der ersten Großunternehmen weltweit nutzt Bosch seit 2015 das WOL-Programm, um Mitarbeiter zu vernetzen und ihre Fähigkeiten zur digitalen Zusammenarbeit weiterzuentwickeln. Damit will Bosch seine Innovationskraft im digitalen Wandel stärken und ist bereits mit knapp 600 Circles in 52 Ländern und mehr als 4.500 Mitarbeitern dabei – seit 2016 auch der Standort in Hildesheim.

Über zwölf Wochen lernen die Teilnehmer die WOL-Prinzipien, die Arbeitsmethoden und Tools kennen und können so WOL nicht nur erlernen, sondern verinnerlichen. Die Interessierten schließen sich zu sogenannten Circles von drei bis fünf Personen zusammen. Jeder Teilnehmer sucht sich ein intrinsisch motiviertes persönliches Ziel, das er anhand der WOL-Methode innerhalb der zwölf Wochen gemeinsam mit seinem Circle erreichen möchte. Ob es sich um ein berufliches Problem handelt, um ein unerreichtes Arbeitsziel, die Gründung eines Start-ups oder die Lösung für ein Entwicklungsproblem – „bei dieser Lösungsmethode sind keine Grenzen gesetzt“, erklärt Cunha Teichert.

Der Circle trifft sich jede Woche mindestens einmal und tauscht sich aus. Jede Woche hat einen eigenen Fokus. Am Ende steht nicht nur die Zielerreichung, sondern auch die Herangehensweise an die täglichen Aufgaben hin zu funktionsübergreifendem Denken, mehr Kooperation und Wertschätzung, effektivem Netzwerken, besseren Arbeitsergebnissen und im Ganzen zu mehr Arbeitsfreude und Sinn.

„Wichtig ist, sich hier mit Vertrauen und Respekt zu begegnen, eine Teilnahme muss absolut freiwillig erfolgen“, erklärt Cunha Teichert. WOL zwinge jeden Teilnehmer dazu, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen. „Eine wichtige Überlebensstrategie für jeden von uns und für jedes Unternehmen im Rahmen der digitalen Transformation“, so die gebürtige Brasilianerin.

Ihre Aufgabe als Projektleiterin verlangt es, dass der Wissenstransfer zwischen den jeweiligen Standorten und den Projektmitgliedern gelingt. WOL hilft ihr dabei. Aus ihrem ersten Circle entstand beispielsweise eine globale Entwicklungs-Community auf der konzerninternen Collaboration-Plattform, in der Projektwissen trans parent gemacht und geteilt wird.

„Die Methode hat von unserer Konzernzentrale in Stuttgart unseren Geschäftsbereich in Hildesheim erreicht und verbreitet sich bei uns organisch, von Mitarbeiter zu Mitarbeiter.“ Der Funke ist jetzt auch auf die Geschäftsleitung übergesprungen, die sich über das ,WOL4Leaders Reverse Mentoring Programm‘ Digital- Leadership-Fähigkeiten aneignet und die Verbreitung der Methode weiter unterstützt.

Im Rahmen einer Ausbildung zur WOL-Mentorin, unter anderem auch bei Stepper selbst, und ihrer aktiven Teilnahme an mehreren Circles innerhalb und außerhalb von Bosch hat sich Cunha Teichert ein Netzwerk aufgebaut, das weit über das Unternehmen und Hildesheim hinausgeht. „Ich bin mit Menschen auf der ganzen Welt vernetzt.“ Bei bestimmten Fragestellungen zu ihren Fokusthemen könne sie auf dieses Netzwerk zurückgreifen. „Ich habe ein Problem, und wenn ich überlege, wie ich es lösen kann, fallen mir mittlerweile viele tolle Menschen ein, die ich in den vergangenen Jahren durch WOL kennengelernt habe. Die kann ich kontaktieren, mich mit ihnen austauschen und mir frühzeitig Feedback holen – und komme schneller zu besseren Lösungen.“

Seit einiger Zeit baut Cunha Teichert, die seit 2000 in Deutschland lebt und ihre Wahlheimat in Duderstadt gefunden hat, auch in Göttingen und Umgebung eine WOL-Community auf. „Ich möchte die Methode in der Region bekannter machen und auch hier ein Netzwerk installieren, über Unternehmensgrenzen hinweg“, sagt die 46-Jährige. Ihr Vorbild für Südniedersachsen: die WOL-Community in Hannover, mit der sie in intensivem Austausch steht. Hier tauschen sich Konzerne und Unternehmen wie Bosch, Continental, Deutsche Messe, Sennheiser oder Nord LB intensiv aus, um andere Perspektiven und Erfahrungen zu gewinnen, zum Beispiel hinsichtlich ihrer gemeinsamen Herausforderung, die digitale Transformation zu meistern. Nun möchte Cunha Teichert also auch die Zusammenarbeit in der Region verbessern und die digitalen Kompetenzen stärken. Dazu gründete sie im Februar 2019 das monatliche WOL- Meetup Göttingen. „Unser erstes Event fand bereits Ende Mai – zusammen mit der New Work Eichsfeld Meet up – in der Sparkasse Duder stadt statt, und ab Juni treffen wir uns dann immer am vierten Donnerstag im Monat beim StartRaum CoWorkingSpace in Göttingen“, erklärt die Initiatorin.

Auf der Tagesordnung stehen dann Impulsvorträge, die sich mit Working Out Loud im Allgemeinen auseinandersetzen und Einblicke in die Arbeitsbereiche verschiedener Betriebe geben, die sich bereits mit WOL beschäftigen oder überlegen, die Methode im Betrieb einzuführen. Dann werden in kleinen Gruppen die Themen der einzelnen Mitglieder besprochen und diskutiert. Immer im Fokus: vernetzen, gemeinsam lernen und digitale Kompetenzen stärken – für Cunha Teichert ohnehin ein fortwährender Prozess.