Der Taktgeber aus Down Under

Der neue Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters
Text von: Anja Danisewitsch

Er gibt ab September den Ton an: der Australier Nicholas Milton. Ein stimmungsvoller Besuch beim künftigen Chefdirigenten des Göttinger Symphonie Orchesters.

„Von wo soll ich auftreten…?“ Letzte Überlegungen des Dirigenten Nicholas Milton zum Ablauf des Konzertes, das am Abend im ausverkauften Staatstheater in Saarbrücken gespielt wird. Die Spotlights müssen richtig gesetzt werden, denn die Dramaturgie spielt an diesem Tag eine entscheidende Rolle: ,An Evening with James Bond‘ soll die Leute mitreißen und begeistern.

Instrumentengemurmel. Die Streicher haben bereits ihre Plätze eingenommen, stimmen ihre Geigen und Bratschen, spielen sich mit ein paar Tönen ein. Eine junge Geigerin schreibt mit Bleistift etwas in ihre Noten. Währenddessen werden mit der Technik noch Einzelheiten des Ablaufs geklärt, beispielsweise, wie das Licht als ,Verfolger‘ den Auftritt Miltons im Auge behält, wenn er im entscheidenden Moment durch eine Seitentür den Saal betritt.

Da bleibt ein wenig Zeit, die Musiker des Saarländischen Staatsorchesters zu beobachten. Besonders hier und jetzt in diesem Augenblick, an einem ganz normalen Arbeitstag, wird deutlich, wie viele unterschiedliche und ganz sicher auch gegensätzliche Charaktere in einem Orchester aufeinandertreffen. Etliche Nationalitäten. Diverse Charaktere. Junge Frauen mit Flip­Flops an den Füßen und ältere in eleganten, zeitlosen Pumps. Ein Mann trägt eine geradezu nach Aufmerksamkeit heischende, rosafarbene Hemd­ und Hosenkombination, ein anderer wiederum eine schwarze, ausgewaschene Jeans und ein T­Shirt. Und dennoch: Was entsteht, ist ein harmonisches Zusammenspiel. Milton gibt ein Zeichen, und die Musik beginnt. Generalprobe.

Noch leitet der gebürtige Australier Nicholas Milton hier voller Leidenschaft seine letzten Konzerte als Generalmusikdirektor, doch bereits im September dieses Jahres wird er seinen ersten Auftritt als neuer Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) haben. Milton kann auf unzählige Konzertengagements mit führenden Orchestern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, England, Ungarn, Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Asien zurückblicken und gilt als einer der herausragendsten australischen Dirigenten der heutigen Zeit. Seine Diskografie umfasst inzwischen um die 50 CDs und die Einspielung von Klavierkonzerten von Grieg und Moszkowski mit Joseph Moog wurde 2016 sogar für den Grammy in der Kategorie ,Bestes Klassisches Instrumental Solo‘ nominiert.

Seine Laufbahn begann Milton zunächst als Geiger und Kammermusiker – er wurde mit 19 Jahren zum jüngsten Konzertmeister Australiens ernannt und war Mitglied des australischen Macquarie Trios, bevor er sich ausschließlich dem Dirigieren widmete. Bis heute ist der Dirigent mit charismatischer Bühnenpräsenz Künstlerischer Leiter des Orchesters der australischen Hauptstadt und dirigiert regelmäßig an der Opera Australia in Sydney. In diesem Jahr gab er zudem ein fulminantes Debüt an der Deutschen Oper Berlin. Vor vier Jahren, in der Spielzeit 2014/15, übernahm er den Posten des Generalmusikdirektors am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken. Dies war seine erste Chefstelle an einem Opernhaus, und hier hat er viel gelernt. „So viele Menschen, die mit Herzblut zusammenarbeiten, um gemeinsam ein Stück auf die Bühne zu bringen: Schauspiel, Ballett, Beleuchtung, Tonabteilung, usw…“, erzählt Milton, als er in der Probenpause tief entspannt an seinem Schreibtisch sitzt. Dabei seien die Anforderungen an einen Dirigenten bei einer ,Salome‘­ Aufführung – wie am gestrigen Abend – ganz andere als beispielsweise bei dem James-­Bond-­Konzert heute.

Am Tag zuvor, kurz vor seinem Auftritt, sei er noch um einiges angespannter gewesen. Doch, so erzählt er zufrieden weiter, nun sei auch ‚Salome‘ gut über die Bühne gegangen – und das, obwohl einer der Sänger sehr kurzfristig erkrankte und nur ein paar Stunden vor Beginn umbesetzt werden musste. Die saarländische Presse lobte dieses ,musikalische Erlebnis‘ und schreibt: „Das Riesenorchester im Graben leistet unter der Leitung von Generalmusikdirektor Nicholas Milton Erstaunliches. Natürlich lässt Milton diese unfassbar farbenreiche, in manchen Momenten süffig­spätromantische Musik mit größter Emphase musizieren. Aber er ist eben auch klug genug, den Orchesterklang in entscheidenden Momenten zurückzunehmen, um den Sängern ein wirkliches Gestalten zu ermöglichen.“

Vielleicht lassen sich solch musikalische Meisterleistungen nur mit einem Hang zum Perfektionismus erreichen – ein Charakterzug, der sich in Miltons Gegenwart immer wieder offenbart…

Es fühlt sich an wie der Blick durch ein Schlüsselloch. Für einen kurzen Moment zeigt sich ein Ausschnitt aus dem fremden Leben. Oft nimmt man es als selbstverständlich hin, dass einem die Menschen ihre Türen öffnen. Doch es ist ein Privileg, eintreten zu dürfen. Ein Beweis des Vertrauens, das Nicholas Milton anderen Menschen entgegenbringt – auch wenn er stets bemüht ist, sich den Taktstock nicht aus der Hand nehmen zu lassen. „Wir haben als Musiker eine Verantwortung, etwas Schönes zu kreieren“, sagt der Australier mit einem charmanten Akzent. „Wir spielen ausschließlich für den einen Moment – denn, was wir gestalten, ist kein Holz oder ein anderer Werkstoff: Wir gestalten Zeit.“ Musik hat die Gabe, Menschen in ihrem Herzen zu berühren. Und genau das möchte Milton mit seiner Arbeit erreichen. Er kommt aus einer Musikerfamilie. Seine Mutter ist Französin, der Vater Ungar. „Als sie in den Flitterwochen nach Ungarn fuhren, hörte meine Mutter das erste Mal in ihrem Leben traditionelle ungarische Geiger spielen – und sie hat es so genossen“, sagt Milton in liebevollem Ton. Es war wohl dieser Moment, als sie entschied, dass auch ihre Kinder einmal dieses Instrument lernen sollten – alle vier Söhne wurden Profimusiker. „Noch immer weint meine Mutter wie verrückt, wenn sie die Ungarischen Tänze von Brahms hört“, erzählt der Dirigent weiter. Diese Liebe und Sensibilität für Musik bekam er, so ist anzunehmen, vererbt. Er sei vielleicht acht Jahre alt gewesen, so Milton, als er bereits spürte, wie sehr Melodien ihn berühren konnten – bis zur Gänsehaut.

Es ist schwer vorstellbar, was es für einen Musiker und vielmehr den Führer eines Taktstocks bedeutet, wenn die Geschwindigkeit eines Stückes nicht ganz genau stimmt. Milton, der Violine und Klavier spielt, komponiert und dirigiert, holt sein Smartphone aus der Hosentasche – ein Dirigent habe natürlich stets eine Metronom­-App darauf so wie andere eine Fitness-­App. Er demonstriert den Unterschied zwischen einem Taktschlag von 96, der nicht ganz richtig ist, und dann einem von 98, der passt. Für den Laien hat sich eigentlich nichts verändert. Doch für das geübte Ohr erschließt sich diese kleine Zeitsequenz sehr subtil. Darum geht es. „Ich gehe so tief wie möglich in die Musik“, erklärt Milton und macht eine Pause. Wartet, dass man ihm nicht nur gedanklich, sondern auch ,gefühlt‘ folgen kann. Und was er damit meint, ist nur wenige Augenblicke später in der Probe klar zu erkennen: Milton steht wieder auf seinem Podest. Das Orchester spielt, und es scheint, als würde er die Töne aus den Instrumenten herausziehen, würde sie zu sich locken, damit sie sich im Raum entfalten können.
Und dann die Pauke.
Es gibt nur einen einzigen Moment, der passt.

„Ein Orchester ist wie der Mikrokosmos einer perfekten Gesellschaft“, sagt der international anerkannte Dirigent. „Die Vielfalt der Musiker geht in einer gemeinsamen Idee eines musizierenden Miteinanders auf, um an einen Abend etwas zu erschaffen, was so vergänglich ist wie eine leichte Brise in einer heißen Sommernacht. Aber es bleibt ein Moment der Erinnerung.“ Und wie erstaunlich, dass diese Vielfalt der Menschen ein Orchester ergibt, in dem jeder seinen individuellen Platz hat und jeder seinen Raum zum Atmen, um sich entfalten zu können. So wird durch das Heben des Taktstocks aus Instrumentengemurmel eine Melodie.

Milton gehört zu einer neuen Generation von Dirigenten. In der Presse ist von seinem dynamischen Dirigierstil und musikalischer Überzeugungskraft zu lesen. Doch was ebenso zählt, ist die Art, wie ein Dirigent sein Orchester führt. „Da hat jeder seine eigene Philosophie. Ich versuche zu ermutigen, zu helfen, aber auch nicht zu stören, damit alle die Freiheit haben, ihre Arbeit zu machen“, sagt Milton und steckt mit seiner Begeisterung alle an: das Orchester, die Zuhörer und die Kritiker.

‚Es war Liebe auf den ersten Ton: Als der Australier Nicholas Milton vor genau einem Jahr das Philharmonische Konzert dirigierte, hat ihn das Orchester sofort wieder verpflichtet. Die Chemie stimmt!‘, schreiben die Ruhr Nachrichten. Seine Art, ein Orchester zu leiten, ist weit entfernt von einem Arturo Toscanini (1867-­1957), dem legendären italienischen Dirigenten, dessen Hasstiraden, die er auf seine Musiker abfeuerte, noch heute bei YouTube abrufbar sind – und mehr als 80.000 Aufrufe in nur einem Jahr erreicht haben. Milton hingegen geht einen anderen Weg. Wie erfolgreich, das zeigen seine zahlreichen Auszeichnungen. Bereits 1999 wurde er zum ,Australischen Dirigenten des Jahres‘ gekürt. Und über die Zeit kamen weitere hinzu: zuletzt 2016 die Aufnahme in den Order of Australia (AM) für besondere Verdienste als Musiker, Dirigent und Künstlerischer Leiter.

„Jeder Dirigent hat seinen Stil und muss seinen eigenen Weg finden“, betont er. Inzwischen, so weiß er, ist er in der glücklichen Position, selbst entscheiden zu können, was er mit seinem Orchester auf die Bühne bringen möchte. „I can’t fake it“, sagt er und meint damit, dass das, was er heute und in Zukunft dirigiert, auch dirigieren möchte. Musik muss leben. Man kann alles richtig machen und dennoch: Wenn die Leidenschaft fehlt, klingt jede Sinfonie wie zu oft gewaschene Wäsche. „Herzen öffnen und Menschen im Innersten bewegen… – das möchte ich in Göttingen weitermachen. Diese wunderbare Reise als Dirigent.“ Die Worte sprudeln aus ihm heraus, auch wenn das eine oder andere Mal sein Deutsch mit falschen Artikeln gespickt ist. Gerade das macht ihn sympathisch authentisch.

Und wo gerade das Stichwort Göttingen fällt: Herr Milton, was haben Sie für Pläne für das GSO? Ihn hat diese Frage und viele weitere im Vorfeld beschäftigt. So zum Beispiel: „Wie können wir in Zukunft eine Sinfonie von Beethoven neu entdecken? Wie neu erklingen lassen? So, dass wir tief in die Musik gehen und diese Energie dann auf die Bühne bringen.“ Das Programm für 2018/19 hat er lange im Voraus planen müssen. Durch den Umbau der Göttinger Stadthalle werden in der kommenden Spielzeit die Konzerte auf viele andere Spielorte ausweichen müssen.

Das bedeutete für Milton zusätzliche Planung und Besichtigung der Räumlichkeiten, denn eine Sinfonie von Mozart kann man nicht in der Lokhalle spielen. Diese zarten Melodien, die für ein Kammerorchester in einem kleinen Raum komponiert wurden – sie würden sich in dieser gewaltigen Halle aus Stahl und Beton verlieren. Und die Aula am Wilhelmsplatz verträgt keine ‚Carmina Burana‘, wo – abgesehen davon, dass höchstwahrscheinlich der Platz allein für die Kinderchöre nicht reichen würde – die Kraft des Stückes viel Raum in Anspruch nimmt. So wählte Milton für diesen dramatischen Höhepunkt als Abschluss der Spielzeit 2019 mit Bedacht die Lokhalle. „Hier lädt die Akustik zu stimmmächtigen Konzerten, ebenso wie deren Industrial Style die passende Blaupause für die ‚West Side Story‘ bietet.“

Doch das Wichtigste ist für Milton – und da ist er ganz nah bei seinem Freund, Kollegen und Vorgänger in Göttingen, Christoph­-Mathias Mueller –, dass das GSO ein Orchester für ganz Niedersachsen ist. „Wir wollen die Menschen dafür begeistern, wofür wir unser Leben gewidmet haben. Das ist unsere Aufgabe“, wiederholt er und klingt dabei nicht pathetisch. Vielmehr hört es sich aus seinem Mund ganz selbstverständlich an und umso natürlicher, wenn man weiß, welchen Weg er gegangen ist, um irgendwann vor 100 Musikern auf einem Podest stehen zu dürfen.

Nach seiner Promotion in New York – Milton hatte die Fächer Violine, Dirigieren, Musiktheorie und Philosophie studiert –, ging er zurück nach Australien und nahm zunächst für sechs Jahre eine Stelle als 1. Konzertmeister an. Im Rückblick wohl die richtige Entscheidung, denn so lernte er als Musiker aus dem Orchester heraus, was ein Orchestermitglied von einem Dirigenten erwartet. Was inspiriert, was weckt Interesse für etwas Neues, was steigert Musizierfreude?

Seine Aufgabe ist es eben auch, zu ermutigen und zu erläutern. „So spreche ich zu den Musikern: ,Hören wir hier genau auf das Fagott! … geben wir ihm ein bisschen mehr Liebe, hören wir genau zu‘“, erzählt Milton voller Leidenschaft. „Die Spannung erkennen und Platz machen. Man muss es spüren, ‚at that exact moment when music springs to life‘…“ Das sei der einzigartige Moment!

„Wir ermöglichen auch heute wieder einen Abend der Schönheit“, sagt Milton noch im Anschluss an die Probe, auf dem Weg nach draußen, beim Gang durch die mit Kostümen auf Garderobenständern verengten Flure des Staatstheaters. Ob er denn ein bisschen wehmütig sei, dieses schöne Opernhaus bald zu verlassen? Er freue sich auf Göttingen und auf das, was entstehen wird. „Das Interessante als Mann mit dem Taktstock ist ja, dass man selbst keinen Klang erzeugt“, sagt er und lächelt zufrieden. Vor fast zehn Jahren war er als Gastdirigent auf Einladung von Christoph Mueller schon einmal in Göttingen. Die Chemie stimmte. „Es ist natürlich wunderbar, wenn die erste Begegnung mit einem Orchester ist wie ‚love at the first moment‘. Aber vor allem kommt es darauf an, wie diese Beziehung dann wächst und sich weiterentwickelt.“ Diese Vision – die Welt durch Musik ein Stück besser zu machen – trägt er in sich.

Zur Person

Im Herbst bekommt das Göttinger Symphonie Orchester als Nachfolger von Christoph-Mathias Mueller erneut einen sehr erfahrenen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter: Seit Nicholas Milton 2004 als erster Australier auf einen Chefdirigentenposten in Deutschland berufen wurde, als Generalmusikdirektor (GDM) der Jenaer Philharmonie, konnte er sich kontinuierlich im hiesigen Konzert- und Opernbetrieb etablieren. Aktuell ist er GMD am Saarländischen Staatstheater, zudem Chefdirigent des Canberra Symphony Orchestra und erster Gastdirigent der Norddeutschen Philharmonie Rostock. Zuletzt war er u.a. an der Deutschen Oper Berlin, der Volksoper Wien sowie beim Bruckner Orchester Linz zu Gast. Seine Diskografie beinhaltet ca. 50 Aufnahmen, inklusive einer Grammy-Nominierung.