Zwischen Safarikluft und Hackenschuhen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Julia Fischer ist die gefragteste deutsche Primatenforscherin. Die Göttinger Professorin spricht über Gefahren im Urwald und Unwägbarkeiten in der Welt der Wissenschaft. 

Ein Auto, voll beladen mit Proviant für die nächsten Wochen, ist unterwegs zu einem Forschungscamp. Die Fahrt führt über unwegsame Straßen in Botswana. Im Auto sitzen Julia Fischer und ein Mitarbeiter. Sie sind auf sich allein gestellt in dieser Gegend – das erleben sie schonungslos, als der Wagen in einem Schlammloch steckenbleibt. Eine Schaufel haben sie nicht dabei, die hatte ein Kollege aus dem Auto genommen und nicht wieder zurückgebracht. Langsam wurde es Abend. „Ausgerechnet in dieser Nacht waren die Termiten auf Hochzeitsflug unterwegs, die Luft war voll von den Tieren, und dann begann es auch noch zu regnen“, erzählt Fischer. Ein Schlüsselerlebnis. Denn aufgeben ist in dieser Lage keine Option. Und so graben sie mit aller Kraft den Wagen aus dem Schlammloch – mit ihren bloßen Händen. Im Camp angekommen, durchnässt und die Anspannung noch in den Knochen, öffnen sie eine Flasche Champagner und trinken auf ihren Erfolg. Sie stoßen an, getragen von der Euphorie einer bestandenen Prüfung: Was soll uns jetzt noch passieren?

Im Senegal existiert seit 2007 eine Feldstation des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) der Uni Göttingen, die Julia Fischer mit ihrem Team aufgebaut hat. Durch sie hat Göttingen eine Professorin, die der deutschen Primatenforschung ein Gesicht gegeben hat. Sie ist eine Prominente unter den Wissenschaftlern. ,Der Spiegel‘ und ,Die ZEIT‘ wollten sie. Und auch Moderator Karsten Schwanke und das öffentlich-rechtliche Fernsehen holen sie gern für Reportagen vor die Kamera: Denn sie kann viel erzählen, von Affen, die wir in Europa entweder nur aus dem Zoo oder von Tierdokus kennen. Sie hingegen kommt den Tieren ganz nah und wird von ihnen geduldet. Nicht so nah wie einst Dian Fossey, denn die heutige Forschung ist allein beobachtend und dokumentierend. Ein Foto, auf dem Fischer mütterl ich ein Affenbaby auf dem Arm trägt, wird es nicht geben.

Was man bei aller geduldeten Nähe jedoch niemals vergessen darf, es gibt keine trennende oder schützende Wand. Fischer und ihr Team unterwerfen sich ganz den Gesetzen der Wildnis. Auch davon kann sie erzählen. Und was es außerdem bedeutet, Forschung zu betreiben: „Es kann so unfassbar langweilig sein“, sagt die 50-Jährige. „Wir hatten eine Situation, da gingen die Paviane jeden Morgen auf eine Wiese, und gruben Wurzeln aus. Sengende Hitze und es passierte nichts, die Tiere interagierten nicht. Fünf Tage lang Wurzeln ausgraben.“

Was treibt einen Menschen dazu, sich wochen- und monatelang jeden Tag mit den Affen auf den Weg zu machen? Julia Fischers Forscheralltag ist meist weit von Abenteuerromantik oder Großwildidylle à la Hemingway entfernt. Und doch üben die Affen auf sie seit Jahrzehnten eine Faszination aus, die auch Entbehrungen während der Zeit in Afrika rechtfertigen: „Einmal herrschte eine ganze Woche lang ein Staubsturm“, erzählt sie. Sie konnten das Camp nicht verlassen und saßen und warteten. „Überall war der Staub: auf jedem Möbelstück, jedem Tisch, jedem Brett.“ Fischer hebt im Gespräch ein Wasserglas und wischt mit der flachen Hand über den Tisch, stellt das Glas ab und wiederholt demonstrierend – Glas hoch, wischen, abstellen, Glas hoch, wischen, abstellen. „Ich fing schon fast an, eine Putzneurose zu entwickeln“, sagt sie augenzwinkernd. Das zeugt von einer hohen Frustrationstoleranz und von wahrem Forschergeist. „Die Wissenschaft ist häufig auch mit Unsicherheiten behaftet, und jedes Ergebnis wirft neue Fragen auf “, so Fischer. Sie bringe auch nicht immer Lösungen hervor, sondern helfe vielmehr, Probleme zu erkennen. Und so ist die Forscherin auf der Suche und stellt immer neue Fragen: Wie funktioniert und entwickelt sich das Sozialverhalten bei verschiedenen Affenarten? Wie kommunizieren sie miteinander? Wie reagieren Affen auf Stimmen von Artgenossen, die gar nicht mehr da sind?

©Andrea Schell

Ihr Wunsch für die Zukunft ist, dass sie mit ihrem Team im Senegal noch möglichst viele Jahre auf dem heutigen Niveau Daten sammeln kann. Dann hätten sie am Ende einen kleinen Schatz und könnten Lebensgeschichten von Pavianen im Senegal nachzeichnen. Denn die Beziehung, die diese ,Hippie‘-Paviane miteinander pflegen, sind auch für Fischer nicht so einfach zu durchschauen. Die Männchen bilden ihre Freundschaften bereits im Kindergartenalter aus – und diese halten dann ein Leben lang. Sie treffen sich in Cliquen, bilden Gangs und leben meist sehr friedlich miteinander. Wenn es doch mal Streit gibt, ist es – von außen betrachtet – oft schwer nachzuvollziehen, warum.

Das Zusammenleben dieser Pavianart schreit geradezu danach, einen Rückschluss auf unser menschliches Miteinander zu ziehen. Wie können wir besser leben? So viel ist sicher: Intakte Sozialbeziehungen sind für jeden einzelnen gesundheitsfördernd. Freundschaften sichern in vielen Fällen das Überleben. Und wer sich ein soziales Netz aufbaut, ist – zumindest im Tierreich – erfolgreicher als Einzelkämpfer.

So wie sie heute vor einem sitzt – die Affenforscherin, der im vorigen Jahr sogar der Niedersächsische Verdienstorden am Bande verliehen wurde –, ist es kaum vorstellbar, dass die gebürtige Münchnerin auch erst über Umwege und durch Zufälle zu ihrer Leidenschaft fand. „Während eines Studienaufenthalts in Schottland wühlte ich dort an der Küste im Schlickwatt, um nach toten Kleinstlebewesen zu suchen, und ich dachte: nee.“ Da seien maritime Säuger schon charismatischer. Als sie dann noch einen Kurs zur Verhaltensbiologie von Affen belegen musste, stellte sich am Semesterende die Frage: „Robben oder Affen? Affen!“

Ihre ersten Feldforschungen führten sie vor gut 20 Jahren nach Botswana. Für 18 Monate. Als sie damals den Forschungsvertrag unterschrieb, habe sie keine Ahnung gehabt, worauf sie sich eingelassen hatte. „In keinster Weise auf das Leben in der Wildnis vorbereitet, ging ich da runter. Ich dachte damals: Wahrscheinlich werde ich gleich von einem Krokodil gefressen.“ Heute muss sie selbst darüber lachen. Denn weit gefehlt. Von den wahren Gefahren hatte sie, wohl glücklicherweise, keine Vorstellung. Vielleicht hätte sie nicht so leichtfertig unter schrieben. Sie wusste wohl, welche Tiere sich regelmäßig in der Nähe des Camps aufhalten könnten: Löwen, Giraffen, Leoparden. „Aber mir war auch klar, dass ich nicht ausgebildet war, mich angesichts der Gefahren adäquat zu verhalten. Das musste ich erst lernen.“

Auch gereizte Paviane können lebensgefährlich sein, selbst dann, wenn sie die Anwesenheit von Menschen gewohnt sind. In Botswana sagt man: ,Wenn ein Pavian mit einem Leoparden kämpft, sind am Ende beide tot.’ Von außen betrachtet, scheint es fast an ein Wunder zu grenzen, dass Julia Fischer den Angriff eines Pavianmännchens überlebt hat. Der Affe, wütend, weil sie sich seinem Weibchen zu sehr genähert hatte, kam im vollen Lauf auf sie zu. „Forscher tragen dort aber keine Waffen bei sich – denn nichts ist gefährlicher als ein schlecht ausgebildeter Jäger.“ Einen wildgewordenen Affen wiederum kann man nicht mit bloßen Händen bezwingen. Aber Fischer schwächt ab: „Ich habe schon einen ganz schönen Schreck bekommen – lebensgefährlich war es jedoch nicht“. Sie rannte, eine Hand auf dem Rücken, in der anderen einen Knüppel, den sie zufällig greifen konnte, über ihrem Kopf schwenkend auf diesen Affen zu und schlug ihn in die Flucht.

Eine Frau, die sich in der Wildnis behauptet. Drängt sich da nicht die Vorstellung vom frei herumtollenden Kind auf, das bei Wind und Wetter am liebsten draußen gespielt hat? Ein Naturkind? Aber außer ein paar gelegentlichen Wanderungen in den Alpen mit der Großmutter gab es wenig, was Julia Fischer in ihrer Kindheit mit der Natur verband: „Ich war eher ein Stubenhocker. Meine Eltern waren überrascht, welchen Wandel ich später vollzogen habe.“ Die Schönheit Islands öffnet ihr Jahre später im Studium schließlich die Augen für die Natur und die Wunder, die es dort zu entdecken gibt. Campen, Segeln – auf einmal begann sich etwas zu verändern. „Man bewegt sich so lange, bis man das gefunden hat, was das Richtige ist“, sagt sie heute. Und damit meint sie nicht nur den Wechsel ihres Studienrichtung von Lateinamerikanistik und Politik hin zur Biologie. Das gilt für vieles im Leben.

Einen anderen Job kann sie sich heute nicht mehr denken. Sie ist dankbar. Im Gespräch mit ihr wird klar, dass vielen hier in Deutschland etwas von dieser Dankbarkeit guttun würde. Wir sollten uns bewusst machen, wie unwahrscheinlich bequem wir alle leben und mit welchem Luxus wir uns alltäglich umgeben. „Wenn ich nach einem Aufenthalt im Senegal nach Deutschland zurückkomme, würde ich am liebsten den Boden küssen.“ Sie denke: Glück gehabt, in einem Land zu leben, wo so viel möglich ist. Die Gesundheitsversorgung, die fantastischen Straßen – und die Busse funktionieren. „Ich liebe den Senegal und bin trotzdem immer froh, wenn ich wieder hier bin“, sagt sie.

Seit zehn Jahren arbeitet sie regelmäßig für drei bis vier Wochen am Stück im Senegal. Eine Auszeit vom Konsum, die sie als solche zu schätzen weiß. Für sie ändere sich in dieser Zeit der Fokus aufs Leben: „Plötzlich ist nur noch wichtig, dass du einen Hut, Sonnencreme und bequeme Schuhe hast.“ Kein morgendlicher Blick in den Spiegel. Kein: Wie wirke ich? Im Angesicht der Paviane eine Frage, die sich einfach nicht stellt. „Aber nach den vier Wochen ist es schön, zurückzukommen und Hackenschuhe anzuziehen.“ Da muss sie dann lachen.

©Ludwig Ehrenreich

Der Sprung zwischen den Welten funktioniert. Heute im Interview sitzt eine Frau im Businesslook: orangefarbene Bluse, schwarze Hose und dunkle Schuhe. Sie sitzt aufrecht mit übergeschlagenen Beinen auf dem Sofa ihres Büros im Primatenzentrum. Ausblick ins Grüne, in der Ecke eine Yuccapalme. Im Gespräch beweist sie dieselbe Geduld für die gestellten Fragen wie in ihrer Forschung. Sie wartet ab, was als Nächstes kommt, überlegt – und dann erzählt sie. Sie wirkt ruhig und reflektiert. Sie hat ihre Ziele im Auge, wenn sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert. Denn für Julia Fischer ist es wichtig, dass die Menschen um die Bedeutung der Forschung wissen. Es ist ein Auftrag, den sie sich entschieden hat zu erfüllen. Egal, ob in Göttingen oder im Senegal, wenn sie Tag für Tag den Affen folgt – ob aufrecht gehend oder gebückt im Entengang. Es gibt immer Perioden, in denen nichts weiter passiert. Aber es geht auch nicht darum, ob sie heute oder morgen motiviert ist, sagt sie. „Das ist dann einfach meine Aufgabe. Und es geht nur darum, sie zu erledigen.“ Drei Jahre dauerte es im Senegal, bis die Affen das Forscherteam nah genug für Studien an sich heranließen. Drei Jahre Vertrauensarbeit. Tag für Tag.

Doch bei all den Untersuchungen und der Nähe zu jenen Lebewesen, die uns Menschen in ihrem Wesen doch so verdammt ähnlich scheinen, fällt es auch Fischer manchmal schwer, die Distanz zu wahren. Affen lassen sich beispielsweise schwer von ihrem Gesicht her unterscheiden, aber die Ohren sind bei jedem einzelnen genauso einzigartig wie beim Menschen. Und jeder Ohrläppchenträger hat so seine speziellen Eigenarten und Charakterausprägungen.

„Das eine oder andere Mal habe ich mich auch in Deutschland dabei ertappt, wie ich den Menschen zuerst auf die Ohren und dann erst ins Gesicht geschaut habe, da musste ich mich dann selbst mal ermahnen: So jetzt Schluss“, erzählt sie. Inzwischen kann sie Wasserleitungen reparieren, löten und sich bei afrikanischen Behörden durchschlagen. Und dennoch sagt sie von sich: „Ich bin immer noch manchmal ängstlich, im Sinne von – ich bin keine Draufgängerin, sondern eher risikobewusst und mache mir Gedanken darüber, was alles schiefgehen kann. Aber man darf nicht die Nerven verlieren. Ich glaube, dies alles hat letztlich mein Leben verändert.“

Diese Stärke nutzt sie, wenn sie wieder in Deutschland ist und sich um ihre wissenschaftliche Karriere kümmert. Ob es sich dabei um den neuesten Exzellenzantrag der Uni Göttingen handelt oder das Einwerben von Fördermitteln. Ihre Popularität in den Medien hilft ihr dabei meist nicht. Die Wissenschaft fordert ernsthafte Ergebnisse.

Wer als erfolgreicher Mensch wahrgenommen werden möchte, der kann viel für ein entsprechendes Image tun, indem er sich mit einem Augenzwinkern bei unseren ,Verwandten‘ bedient. Bei einigen Affenarten sorgt nämlich das größere Stimmvolumen eines Männchens für eine entsprechende Ranghöhe im Clan. Und das, obwohl dies noch lange nichts über dessen Körpergröße oder andere Dinge aussagt.

Manchmal verleiten eben Beispiele aus der Tierwelt den Menschen sehr schnell dazu, Vergleiche aufzustellen. „Aber, wenn man damit anfängt“, sagt Fischer „dann findet man für jede menschliche Eigentümlichkeit eine passende Affenart, die einen bestätigt.“ Julia Fischer kennt das Phänomen und kann sich auch nicht immer davon freisprechen. Aber grundsätzlich lehnt sie derartige Vergleiche ab, denn wissenschaftlich haltbar sind sie nicht.

Wenn die Professorin Julia Fischer im Auftrag der Wissenschaftspolitik unterwegs ist, dann kann es durchaus vorkommen, dass sie sich in einem Gremium zehn Männern gegenübersitzen sieht. Sie trägt Hackenschuhe und wirft vor dem Termin noch schnell einen Blick in die Akten. Von einer solchen Situation hätte sie sich vielleicht vor vielen Jahren noch einschüchtern lassen. Heute muss sie nur daran denken – sie hat es geschafft, ihr Auto mit bloßen Händen aus dem Schlammloch auszugraben. Da wird sie mit solch einer Situation auch fertig.

 

Zur Person

Julia Fischer forscht und lehrt seit 2004 an der Uni Göttingen sowie am Deutschen Primatenzentrum (DPZ), wo sie auch die Leitung der Abteilung Kognitive Ethologie innehat. Zudem leitet sie eine Forschungsstation im Senegal. Die gebürtige Münchnerin, Jahrgang 1966, promovierte 1996 mit einer Studie über die Laute der Berberaffen. Es folgten Forschungsaufenthalte in den USA und in Botswana, bis sie 2004 habilitierte. Für ihre innovative Forschung in den Bereichen Kommunikation, Sozialverhalten und Intelligenz von Primaten und ihre Bereitschaft, ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen, wurde Fischer im Juni 2016 mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.