©Marco Bühl
Text von: Margareta Vogel

Europäisches Gremium für Brustdiagnostik zeigt nun die Grenzen der Röntgenmammographie auf.

Seit fast 20 Jahren bemühen sich die Ärzte im Diagnostischen Brustzentrum am Göttinger Bahnhof um die Früherkennung von Brustkrebs. Hierbei verfolgten sie schon immer ein Konzept der  individuellen und risikoadaptierten Diagnostik. Dies bedeutet, dass die Wahl der eingesetzten Untersuchungsverfahren nicht bei allen Frauen gleich ist. Die Zusammensetzung der weiblichen  Brust und das persönliche Risiko für die Entstehung von Brustkrebs spielen hierbei eine wichtige Rolle. So reicht bei einer Frau mit sehr wenig Drüsengewebe die alleinige Mammographie,  während bei einer anderen Frau mit sehr dichter, brustdrüsenreicher Brust eine Mammographie nicht ausreichend ist und bevorzugt eine MRT der Brust erfolgen sollte. Aufgrund der  Studiendaten der letzten zehn Jahre wird dies jetzt auch von der Europäischen Gesellschaft für  Brustdiagnostik, kurz EUSOBI, so gesehen. Im März publizierten 21 renommierte Brustexperten  aus verschiedenen Ländern Europas ihre Forderungen, dass Frauen innerhalb von Früherkennungsprogrammen darüber informiert werden müssen, dass sie dichte  Bruststrukturen haben und die Mammographie bei ihnen nicht ausreichend ist. Sie verweisen darauf, dass Frauen mit sehr hoher Gewebedichte ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von  Brustkrebs aufweisen. Zudem führt die limitierte Aussagekraft der Mammographie bei diesen Frauen dazu, dass Brustkrebs erst später als möglich erkannt wird. Ihr Fazit: Frauen mit dichten  Brüsten sind mit der alleinigen Mammographie unterversorgt.

Was also tun? Die EUSOBI verweist darauf, dass mit der Mamma-MRT ein Verfahren zur Verfügung steht, dass die besagten Limitationen für den Nachweis von Brustkrebs bei Frauen mit sehr  dichten Brüsten nicht aufweist. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die MRT in einer hochwertigen Qualität angefertigt wird. Und die EUSOBI geht noch weiter: Die Gesellschaft  verweist darauf, dass die Mamma-MRT auch ohne ergänzende Mammographie im Sinne einer sogenannten Stand-alone-Technik bei Frauen mit sehr dichten Brüsten zwischen 50 und 70  eingesetzt werden kann.

Die Ärzte im Brustzentrum Göttingen gehen diesen Weg schon seit vielen Jahren. Dies begann bereits 2003 mit dem Konzept des sogenannten Göttinger Optipacks, also der Kombination aus  Mamma-MRT und einer einzigen ergänzenden Mammographie pro Brust. Damit konnte die Anzahl der Mammographien bei Frauen mit dichten Brüsten halbiert werden. Inzwischen wird die  MRT im Brustzentrum bei vielen Frauen oftmals nur noch alle drei bis fünf Jahre durch eine einzelne Mammographie ergänzt.

Auf die Frage, wie er die Empfehlungen der EUSOBI national und international einschätzt, äußert sich Friedemann Baum – einer der beiden Gründer des Brustzentrums Göttingen – sehr  positiv: „Es ist der richtige Weg, der nun hoffentlich für alle Frauen mit sehr dichten Drüsenstrukturen beschritten wird. Die Mammographie wird dadurch erwartungsgemäß in noch stärkerem  Maße für Frauen mit dichten Brüsten in den Hintergrund treten.“

Für Frauen mit definiertem Hochrisikoprofil werden diese Erkenntnisse schon seit vielen Jahren umgesetzt. Stichwort ist hier Angelina Jolie, über die vor Jahren in den Medien ausführlich  berichtet wurde. Für Hochrisikofrauen stellt die Mamma-MRT das zentrale Untersuchungsverfahren dar, das bereits ab dem 25. Lebensjahr leitliniengemäß zum Einsatz kommt, während auf  die Mammographie weitgehend verzichtet werden kann. Uwe Fischer, der andere Begründer des Brustzentrums Göttingen, berichtet über die Erfahrungen mit der Mamma- MRT bei Frauen  mit sehr dichten Drüsenstrukturen: „Wir finden etwa 95 Prozent aller Mamma-Karzinome in der qualitätsgesicherten Mamma-MRT, die restlichen fünf Prozent werden in der ergänzenden Mammographie nachgewiesen. Entscheidend ist, dass die ausschließlich in der MRT nachgewiesenen Karzinome durchschnittlich sehr klein sind, sodass sie mit einer exzellenten  Langzeitprognose einhergehen.“ Und Fischer wagt das Resumee: „Der regelmäßige Einsatz der MRT im Rahmen der Früherkennung in Intervallen von ein bis zwei Jahren wird zu einer  drastischen Reduktion der Sterblichkeit an Brustkrebs in einer Größenordnung unter fünf Prozent führen.“

Bleibt abzuwarten, in welcher Form die Empfehlung der EUSOBI in der flächendeckenden Versorgung der Frauen in diesem Land umgesetzt wird. Ein erster wichtiger Schritt hierbei ist  sicherlich die Forderung, die Frauen über ihren individuellen Dichtetyp zu informieren. Kurzum, sie zu dieser Thematik schlauzumachen. ƒ