©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Aus schierer Ungeduld gründete der promovierte Mediziner Farshid Noorani vor 20 Jahren in Göttingen die Softwarefirma M.I.T. – mit einem klaren Ziel vor Augen: seine Software für den  Mittelstand als die beste am Markt zu etablieren. Mission erfüllt.

Ein bewegtes Leben

Dass ihn große Hürden und schwierige Situationen nicht aufhalten, sondern zusätzlich motivieren, muss an seinem ungewöhnlichen Lebensweg liegen: Farshid Noorani wurde 1972 in Teheran,  der Hauptstadt des Iran, geboren. Als knapp Siebenjähriger erlebte er die Revolutionsbewegung, die 1979 zur Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi und zur Beendigung der  Monarchie in seinem Geburtsland führte. Nur wenig später brach der Krieg zwischen dem Irak und Iran aus. „Auch wenn es in Teheran vergleichsweise sicher war – meine Geschwister und ich  mussten uns als Kinder mit Krieg auseinandersetzen“, erzählt der heute 50-Jährige rückblickend. Noorani hat drei jüngere Geschwister und einen älteren Bruder, den die Eltern kurz vor dessen 15. Geburtstag in die USA geschickt hatten, um ihn vor dem Militärdienst zu schützen. Diese Herausforderung stand wenig später auch Farshid Noorani bevor. „Da Jungen nach ihrem 15.  Geburtstag nicht mehr ausreisen durften, musste auch ich den Iran rechtzeitig verlassen“, sagt der Unternehmer heute. „Da ich kein Visum für Amerika bekommen konnte, besuchte ich ab der  8. Klasse ein Internat in Deutschland.“ In Königsfeld, in der Nähe von Villingen-Schwenningen. Seine Familie blieb im Iran. „Die folgenden Jahre haben mich wahnsinnig geprägt“, sagt er  heute überzeugt. „Es war nicht leicht, die neue Sprache zu lernen und mit einer anderen Kultur umzugehen.“ Auf sich alleine gestellt, entwickelte der 13-Jährige schon in diesen jungen Jahren  die Fähigkeit, sich intensiv mit Problemen auseinanderzusetzen, Lösungen zu finden und auf dem Weg dorthin zu lernen. Eine Fähigkeit, die ihn zu dem machte, was er heute ist: erfolgreicher  geschäftsführender Gesellschafter der Softwareentwicklungsfirma M.I.T. in Göttingen, die inzwischen auf erfolgreiche 20 Jahre zurückblicken kann.

Dabei war dieser Weg alles andere als vorgezeichnet. Denn bis zum Abitur war in Noorani der Wunsch gereift, Medizin zu studieren. Er wollte Arzt werden, um anderen zu helfen. Und die ZVS,  die Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen, schickte ihn nach Göttingen. Dass er hier schließlich nach dem absolvierten Medizinstudium die M.I.T. Maxx Software GmbH gründete und nicht als Arzt arbeitete, war nichts anderes als ein Ergebnis der deutschen Bürokratie und seiner Ungeduld. „Ich konnte nicht direkt als Arzt arbeiten“, erzählt Noorani. „Eine  Aufenthaltsgenehmigung sowie eine Arbeitserlaubnis hatte ich zwar. Es war 1998 jedoch schwierig, ohne deutschen Pass eine Approbation zu erlangen.“

Mit Ungeduld zum Erfolg

Und so entschloss sich der frisch gebackene Mediziner, in der Wartezeit kurzerhand zu promovieren und obendrein noch parallel Betriebswirtschaftslehre  und Wirtschaftsinformatik zu  studieren. „Ich bin tatsächlich etwas ungeduldig“, sagt er fast entschuldigend. „Dinge müssen vorangehen. Ich kann nicht einfach abwarten und alles auf mich zukommen lassen.“ Die  zusätzlichen Studiengänge seien interessant gewesen und hätten ihm Spaß gemacht. Er fand schnell Gefallen daran, Unternehmensprozesse zu analysieren und in Software zu überführen. „Ich  habe damals schnell bemerkt, dass ich auch als Nichtmediziner ganz gut unterwegs war“, berichtet Farshid Noorani. Den Schritt in die Selbstständigkeit mit eigener Softwarefirma bereut er bis heute nicht, obwohl er zwischenzeitlich – am Ende schließlich promoviert – auch als Arzt gearbeitet hat. „Ich bin auch heute immer noch Mitglied der Ärztekammer“, sagt er etwas  überraschend. Zwar sei Medizin das schönste Studium überhaupt, aber er habe letztlich die Abwechslung der Routine vorgezogen. „Die Tätigkeit als Arzt ist in der täglichen Arbeit doch weitaus  routinierter, als viele Menschen annehmen. Immer wiederkehrende Aufgaben, Krankheitsbilder und Diagnosen sind die Regel.“

In seinem heutigen Job überwiege die Abwechslung: Immer wieder aufs Neue müsse er zusammen mit seinem Team andere Probleme für Kunden lösen. Über die Jahre ist so die von ihm  versonnene, modular aufgebaute Maxx-Softwarereihe entstanden, mit der sich alle Unternehmensprozesse steuern lassen. Zum Beispiel können Warenein- und -ausgänge verfolgt, Liefertouren  geplant, die Stunden der Mitarbeiter erfasst oder Kundendaten verwaltet werden. Firmen können die Bausteine einzeln oder zusammen einsetzen. „Ich habe schon immer  versucht, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen, seine Beweggründe und vielleicht Nöte zu verstehen. Also Verständnis aufzubringen“, erzählt Noorani von den Parallelen zum Arztberuf.  „Das hilft mir beruflich, aber auch privat.“

Dr. Code

Obwohl er mittlerweile mehr in der Betreuung und Beratung der Kunden arbeite, zöge es ihn immer wieder auch zum Programmieren. „Ich schaue schon noch regelmäßig in den Code, also die  Software, wenn meine Mitarbeiter Bugs, also Fehler im Code, zeitnah nicht finden.“ Und damit möchte er, wenn es nach ihm geht, auch noch 15 oder 20 Jahre weitermachen. Pläne hat er  genug: Die Maxx-Softwarereihe möchte er zur besten Lösung  für mittelständische Unternehmen machen. Außerdem plane er, die Firma zu vergrößern und die Basis zu schaffen, dass sie sicher  für die Zukunft aufgestellt ist, „wenn ich irgendwann dann doch ausscheide“.

Mit dem Ansatz, sich in seine Kunden hineinzuversetzen, ist Noorani mit seinen aktuell 20 Mitarbeitern offensichtlich auf dem richtigen Weg. „Im Bereich des Lebensmittel- und  Naturkostgroßhandels sind wir heute einer der führenden Anbieter“, sagt er nicht ohne Stolz. Er habe Kunden hier in Göttingen – zum Beispiel Naturkost Elkershausen –, aber auch in ganz  Deutschland. Für die Umsetzung seiner Wachstumspläne hat der findige Softwareunternehmer Noorani vor ein paar Jahren bereits einen Zukunftsmarkt ausgemacht. Weltweit stehen  Unternehmen vor der Herausforderung, ihre Produkte oder benötigten Teile so zu verschicken, dass der Platz in den Containern oder LKW bestmöglich genutzt wird. Zur Lösung genau dieser  Aufgabe hat Noorani eine Software entwickelt – in englischer Sprache für die Nutzung rund um den Globus. Einige große Kunden, wie beispielsweise der bekannte Kinderfahrradhersteller Puky, planen bereits ihre Transporte damit.

Nie endende Energie

Auf sein Arbeitspensum angesprochen, macht der Unternehmer noch einmal deutlich, dass er bei der Bewältigung immer neuer Herausforderungen keinen Stress empfinde. „Wenn es Spaß  macht, kommt die Energie von alleine“, sagt er dazu. „Ich habe außerdem schon so viel erlebt und gesehen in meinem Leben, dass mich heute nichts mehr schockieren oder aus der Ruhe  bringen kann.“ Und solange die Arbeit keine Energie von anderen Lebensbereichen abziehe, sei das für ihn völlig in Ordnung – und er rate jedem, genau darauf zu achten. „Für mich ist ein Tag  erfüllend und erfolgreich, wenn ich Zeit mit der Familie verbracht und die Bedürfnisse von Kunden und Mitarbeitern unter einen Hut gebracht habe.“ In Göttingen lebt Farshid Noorani mit  seiner Frau und seinen 12 und 13 Jahre alten Töchtern im schönen Ostviertel. „Das überschaubare Göttingen ist genau richtig für uns. Die Nähe zu den Schillerwiesen, zum Wald, der große  Erholungswert.“

Kann er sich vorstellen, dass seine Töchter seine Firma übernehmen? „Es wäre optimal“, gibt er unumwunden zu. „Aber sie sollen machen, worin sie ihre Berufung sehen. Es darf alles sein.“  Sich in das gemachte Nest zu setzen, wäre möglicherweise der einfachste Weg. Aber wenn seine Töchter nach ihm kommen, ist ihnen der vielleicht nicht herausfordernd genug. Aber das ist  Zukunftsmusik: Der programmierende Mediziner Noorani hat selbst noch viel mit seinem Unternehmen vor. ƒ