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Text von: Sven Grünewald

Der Gründungswettbewerb der Uni Göttingen Lift-Off hatte einen neuen Rekord zu verzeichnen: Fast 40 teilnehmende Teams warfen 2022 ihren Hut in den Ring. Wie immer war die Ideenvielfalt groß.

Jedes Jahr aufs Neue berichtet faktor als Medienpartner über die spannenden Gründungen, die aus dem Lift-Off, dem Gründungswettbewerb der Uni Göttingen, hervorgehen. In den Vorjahren waren es jeweils bis zu 29 Teams, die teilgenommen haben. 2022 hingegen waren es knapp 40 – ein neuer Rekord. 22 von ihnen erreichten die Endrunde des Wettbewerbs. „Wir haben aus dem Förderprogramm Exist-Potentiale des Bundes zusätzliche Mittel erhalten“, erzählt Martin Stammann, Leiter des Transfer & Startup Hub in der Abteilung Forschung und Transfer, sichtlich zufrieden. „Diese haben uns die Möglichkeit gegeben, mehr Transfergespräche mit Wissenschaftlern direkt zu führen sowie mehr Veranstaltungen zu organisieren, die für das Thema Gründungen sensibilisieren sollen.“ Das habe die Reichweite innerhalb der Universität noch einmal erhöht. Insbesondere wurden darüber mehr Wissenschaftler als früher angesprochen und zu einer Gründungsidee motiviert.

Und so ist wieder ein buntes Potpourri an Gründungsideen zusammengekommen, das von nachhaltiger Kerzenproduktion über einen KI-basierten Gesichtshautscanner, der eine Kombination aus auf die Haut abgestimmten Pflegeprodukten zusammenstellt, bis hin zum Möbelbau aus Pilzen und der Behandlung von Gelenkarthrose reicht. Eine gewisse Tendenz lässt sich dabei beobachten: In Göttingen haben sich in den letzten Jahren viele Player dafür engagiert, die Life Sciences in der Stadt zu stärken, und eine entsprechend tief gestaffelte Infrastruktur zur Gründungsförderung etabliert. „Wir merken, dass über diese Schiene und über die Universitätsmedizin schon mehr Teams aus dem medizinischen und biologischen Bereich kommen“, sagt Stefanie Pinkert, Gründungscoach an der Universität. „Eine sehr schöne Entwicklung dabei ist, dass Arbeitsgruppen, in denen bereits eine Ausgründung erfolgreich war, dafür gesorgt haben, dass auch Kollegen das Thema für sich entdeckt haben und zwei, drei Jahre später eine eigene Idee einreichten.“ Insofern gibt es auch bereits ,Wiederholungstäter‘ wie Arndt Schilling von der Universitätsmedizin, der bereits zum zweiten Mal mit einem Projekt dabei ist und damit wieder einen ersten Preis beim Lift-Off erhielt.

Dass Gründungen ein spannendes Thema mit Potenzialen für die Zeit nach und jenseits der Uni sind, hat sich in Göttingen offenkundig schon recht gut rumgesprochen, auch wenn natürlich noch Luft nach oben ist, wie Martin Stammann betont. Denn manche Fakultäten hinken im Vergleich der Gründungsaktivitäten etwas hinterher.

Die Gewinner des Lift-off-Wettbewerbs 2022

1. Platz Gründungspotenzial: Molly Suh

Das Ziel: nachhaltige und gleichzeitig hochwertige Kerzen zu produzieren und das made in Germany. Die beiden Gründer Amy Peters und Maurice Jedlicka wollen mit Molly Suh die traditionelle Kerzenindustrie revolutionieren. Es beginnt bei der innovativen Gewinnung des Kerzenwachses. Herkömmliches Kerzenwachs besteht meist aus Paraffinen, Palm- oder Sojaöl. Hierfür werden Erdölbohrungen durchgeführt, Regenwald für Monokulturen vernichtet und eigentliche Lebensmittel zweckentfremdet. Das Wachs der Kerzen von Molly Suh wird hingegen aus der recycelten Biomasse von pflanzlichen Fetten gewonnen. Diese Fette haben bereits einen Lebenszyklus durchlebt und werden in einem ,Waschgang‘ aufgewertet. Das heißt, am Anfang des Produktes steht Recycling, gefolgt von anschließendem Upcycling. Kombiniert mit dem natürlichen Duft von ätherischen Ölen.

1. Platz Wissenschaft: ArthroPore

ArthoPore ermöglicht die Heilung des Knorpels durch die Rekonstruktion der komplizierten Mikrostruktur des Gelenks. Gegenwärtig gibt es noch keine Heilungsansätze für Gelenkarthrose, die Behandlungsstrategien beschränken sich auf Operationen zum vollständigen Gelenkersatz. Deutschland hat unter den OECD-Staaten die zweit- bzw. vierthöchste Inzidenzrate für Hüfttotalendoprothesen (THR) und Knietotalendoprothesen (TKR), deren durchschnittliche Kosten sich auf 15.500 bis 17.800 Euro pro Patient belaufen. Nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Teammitglieder Dr Shahed Taheri und Prof. Dr. Arndt Schilling liegt die Ursache der Arthrose allerdings nicht, wie bisher angenommen, im Knorpel selbst, sondern in einer Veränderung der Mikrostruktur des Knochens, der dem Knorpel zugrunde liegt. ArthroPore kann die 3D-Mikrostruktur des Knochens im Gelenk abbilden und damit personalisierte Implantate/Membranen herstellen, die das natürliche, gesunde Gewebe des Patienten nachahmen.

Sonderpreis ,Life Science‘: DirIGEN

Das Team hinter DirIGEN, bestehend aus Dr. Eric Schoger und Janek Alfred Fischer, bedient sich eines Verfahrens namens CRISPR, mit dem gezielt an der DNA gearbeitet werden kann. Das Verfahren ermöglicht es, gezielt Gene abzulesen und für therapeutische Anwendungen zu entwickeln, neue therapeutische Zielstrukturen zu identifizieren oder grundlagenwissenschaftliche Fragestellungen zu erarbeiten. Denn häufig sind Fehlfunktionen bestimmter Zellen auf das fehlerhafte Ablesen von DNA-Abschnitten zurückzuführen. Das DirIGEN-Team hat aus seiner mehr als fünfjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit heraus eine Plattform zum Ablesen bestimmter Gene für Partner aus der pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie entwickelt: ein CRISPR/Cas9-basiertes Verfahren zur Identifikation von gRNA-Molekülen, mit deren Hilfe präzise Gene angeschaltet werden können.

Sonderpreis und Publikumspreis: HyphaGrowth

Das Team um Steffen Konnemann und Hendrik Wever nutzt Agrar­­abfälle wie Getreidestroh und -spelze sowie Sägemehl, um Pilze zu ernähren. Das sich bildende Myzel-Fasergerüst erlaubt die Entwicklung diverser biologisch abbaubarer Produkte. Diese reichen von styroporähnlichem Verpackungsmaterial bis hin zu Möbelstücken. Alle Produkte könnten am Ende ihrer Nutzungsdauer ohne Bedenken auf dem heimischen Kompost entsorgt werden. Gleichzeitig werden keine neuen Ressourcen verbraucht, da Abfälle genutzt werden. Der bisher noch nicht etablierte Werkstoff Pilzmyzel bietet neue haptische und optische Eigenschaften: Er ist formstabil, wasserabweisend und kann eine lederähnliche Oberfläche entwickeln. Jedes Produkt ist ein Unikat, da es organisch gewachsen ist. Im Gegensatz zu abbaubaren Produkten aus Maisstärke oder Hanf stellt die Pilzmyzel-Produktion keine Konkurrenz zur Nahrungserzeugung dar. Damit hat das Team den Sonderpreis „Zukunftfähige Landnutzung“ und den Publikumspreis erhalten.

Lift-Off-Wettbewerb 2023

Demnächst startet die nächste Runde des Gründungswettbewerbs. Interessierte Teams können sich bereits informieren und anmelden unter: www.uni-goettingen.de/gruendung