©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Der Ursprung der Geophysik steckt in einem Göttinger Bunker. Seit über 100 Jahren liefert die Wiechert’sche Erdbebenwarte am Hainberg exakte Daten, wenn die Welt erschüttert wird.

Wenn sich die Erde bewegt oder der Wind auf den Berg drückt, dann sehen sie es als Erste: Geophysiker in aller Herren Länder betrachten mit hochsensiblen Instrumenten die Welt. Dieser besondere Blick fand seine Anfänge vor über 100 Jahren in Göttingen. Noch heute lassen sich die raffinierten und tonnenschweren Maschinen in der Wiechert’schen Erdbebenwarte in einem Bunker am Hainberg bestaunen. Der dazugehörige Verein kümmert sich um den Erhalt – und rettete vor 17 Jahren diese Erinnerung vor der Zerstörung. Mit einem seiner Gründer, Wolfgang Brunk, entdeckt faktor die letzten Geheimnisse, die der Bunker für sich behält.

Die Erde bebt. Für einen Augenblick, eine Sekunde, breiten sich Druckwellen, die für den Menschen kaum zu spüren sind, durch den Boden aus. Vier Tonnen Eisen fielen gerade aus gut 15 Metern Höhe auf einen Quadratmeter Hainberg. Die geschmiedete Kugel hatte einst Ludger Mintrop bauen und erstmals fallen lassen, um Erdbeben zu simulieren. Bis dahin nutzten er und sein Lehrer, Emil Wiechert, dazu Dynamit. Mehr als 100 Jahre ist es nun her, dass die ersten Seismografen das Fallen der Kugel aufzeichneten. Diese Apparaturen, fast 20 Tonnen schwer und augenscheinlich unverwüstlich, sind zugleich so filigran konstruiert und sensibel, dass sie auch die winzigsten Bodenbewegungen registrieren und mittels einer Millimeter großen Nadel auf ein Stück berußtes Papier zeichnen.

Uni Göttingen hat Erdbebenwarte 2005 verkauft

Wer sich die Museumsseismografen ansehen möchte, muss vier Türen durchlaufen. Der kleine Raum mit den dicken Wänden ist an den Berghang gebaut. Es riecht nach Öl, nach Holz, Ruß und Zeitgeschichte. Das orangenfarbene Licht der Lampen trifft auf dunkle Holzkästen mit welligen Glasscheiben und grauem Beton. Drei große mannshohe Apparate stehen in dem engen Zimmer, einer schwerer und wuchtiger als der andere, gefüllt mit Eisenplatten, Steinen und Zahnrädern. „Was hier steht, ist schon ziemlich genial“, sagt Wolfgang Brunk schwärmend. Der Geschäftsführer des Göttinger Messtechnik-Unternehmens VisiCon ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins, der sich seit Jahren leidenschaftlich um die Erinnerung der Warte und die angrenzenden Gebäude, die vier Tonnen schwere Kugel und den Ursprung der Geophysik kümmert. „Diese riesigen Gewichte balancieren hier millimetergenau. Wahnsinn“, sagt Brunk. Das ist tatsächlich beeindruckend, denn viel bewegt sich hier für das bloße Auge nicht. Eine winzige Nadel kratzt eine Linie auf ein mit Ruß bedecktes Blatt. Tag für Tag, seit mehr als 100 Jahren.

Damit sie das immer noch tut, gibt es seit 2005 den Verein, der Gelände und Einrichtung der Uni zunächst abgekauft hat und seitdem die Anlagen wie ein Museum betreibt. 2004 wollte die Uni die historischen Anlagen abstoßen und die Geräte entsorgen. Noch heute bebt Brunks Stimme, wenn er davon erzählt. Empört, erschüttert, wütend waren er und seine Mitstreitenden damals gewesen. Mit Geduld und Fingerspitzengefühl gelang es ihnen aber, Anlage und Gelände zu übernehmen. Seitdem sind über 100.000 Euro in den Betrieb und die
Instandsetzung geflossen. Finanziert ausschließlich aus Spenden. Im Gegenzug bieten Brunk und seine Mitstreitenden Führungen an und erklären leidenschaftlich die Geschichte und Funktion der Menschen und Maschinen, die an diesem Ort wirkten und wirken. Denn heute gehört die Wiechert’sche Erdbebenwarte zu den beliebtesten Ausflugszielen in Göttingen, für viele
jedoch ist dies noch immer ein echter Geheimtipp. Der Verein bietet Führungen gegen Spenden an, informiert, erklärt, erinnert. Zackige Linien an den Wänden, aufgezeichnet auf Papier, zeugen von bemerkenswerten Erdbewegungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Sumatra 2004, Chile 2010, Fukushima 2011. Beben, Tausende Kilometer entfernt, gemessen und aufgezeichnet mit hundertjährigen Maschinen in Göttingen. Daneben gibt es in Göttingen auch einen modernen Seismografen, der sekündlich Messwerte in die Welt schickt. Anders als die tonnenschweren Kolosse von Wiechert ist das heutige Messgerät deutlich kleiner. Auch ihn bekommen Besucher zu sehen, um zu verstehen, wie sich die Wissenschaft seit ihrer Geburt in Göttingen vor mehr als einhundert Jahren entwickelt hat.

Ehrenamtliche für Erhalt der Erdbebenwarte gesucht

Doch wer über etwas erzählen möchte, das so alt ist, muss es auch bewahren können. Mit großem Aufwand und finanziellen Mitteln kümmert sich der Verein um den Erhalt der Einrichtungen. Insbesondere aber um den Betrieb. Denn die drei historischen Messgeräte zeichnen seit ihrer Inbetriebnahme ununterbrochen Messdaten auf. Inzwischen zwar auch digital, um laut Brunk vergleichbare Daten zu haben, aber immer noch mit feiner Nadel auf einem berußten Stück Papier. Diese Papierbahnen müssen täglich ausgetauscht und anschließend aufwendig archiviert werden. Zuvor aber muss in Handarbeit genau die richtige Menge Ruß auf die Bahnen aufgebracht werden – und zwar so, dass das Papier dabei nicht verbrennt. „Hier ist viel  Übung und Fingerspitzengefühl gefragt. Mittlerweile kommen sogar Künstler zu uns, um sich den Prozess anzuschauen“, sagt Brunk stolz. Die Technik selbst findet sonst praktisch
nirgendwo mehr Anwendung.

Wie es mit dem Verein selbst weitergeht, ist mittlerweile wohl die größte Frage am Hainberg. Der 69-Jährige ist einer von noch acht arbeitenden Aktiven, alle anderen sind  mittlerweile Rentner. Nachwuchs gibt es nicht – dafür hatte sich aber offenbar die Universität um die vorherige Präsidentin Ulrike Beisiegel wieder für das Gelände und seine historische Bedeutung interessiert. „Das kann mit dem nächsten Präsidenten aber auch wieder anders aussehen“, sagt Brunk und winkt vorsichtig ab. Bis auf die Erinnerung daran, dass in Göttingen zum ersten Mal sichtbar wurde, wie die Erde bebt, bleibt dann nicht mehr viel übrig. Nur das Staunen und das Erinnern. Und das Beben, wenn beides zusammenkommt. ƒ

Zur Erdbebenwarte in Göttingen

Die Wiechert’sche Erdbebenwarte Göttingen ist die erste und älteste Erdbebenwarte der Welt, die mit Seismografen ausgestattet wurde, welche wissenschaftlich auswertbare Seismogramme lieferten und noch immer in Funktion sind. Der Ort lebendiger Wissenschaftsgeschichte erfreut sich seit Jahren größter Beliebtheit – bei Besuchern aus der Region und von Übersee. Jeden ersten Sonntag im Monat ab 14 Uhr findet eine Führung durch die Gebäude und über das Gelände statt. Höhepunkt ist der Fall der vier Tonnen schweren Mintrop-Kugel. Die kostenfreien Führungen dauern in der Regel 1,5 bis 2 Stunden und sind auch individuell für Gruppen buchbar. Um Anmeldung wird gebeten. Kontakt: Herzberger Landstraße 180/182 (zwischen ,Rohns‘ und ,Bismarckstein‘), 37075 Göttingen, Tel. 05508 976710, E-Mail: besichtigungen@erdbebenwarte.de.