Foto: Michaela Hundertmark, Michael Mehle
Text von: Sven Grünewald

Der Lift-off-Gründungswettbewerb der Uni Göttingen 2020 brachte einmal mehr ambitionierte Projekte hervor.

Insektenproteine, Tattoos, Reha-Roboter, ein chemischer Fingerabdruck und ein Screening für Medikamente, Weinbau-App und Imkerei: Im Finale des Gründungswettbewerbs Lift-off 2020 hat die Universität Göttingen sieben Teams von Studierenden und Forschenden für ihre Gründungsideen ausgezeichnet. Eine Expertenjury aus Wirtschaft und Wissenschaft vergab Preisgelder von mehr als 30.000 Euro in den Kategorien Gründungspotenzial, Wissenschaft und Life Science sowie zum ersten Mal in der Kategorie Social Entrepreneurship. Außerdem konnte das Publikum für seine Favoriten stimmen.

29 Anmeldungen, 21 Teams mit über 50 beteiligten Gründern in der engeren Auswahl: Das ist die Bilanz 2020 – ähnlich wie im vergangenen Jahr. Gewandelt hat sich allerdings die Verteilung zwischen den beiden Hauptkategorien Gründungspotenzial und Wissenschaft. So hat sich die Zahl der wissenschaftlichen Teams verdoppelt. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Martin Stammann von der Gründungsförderung der Uni. „Es zeigt, dass immer mehr Wissenschaftler den Gedanken spannend finden, ihre Projekte in eine praktische Anwendung zu übersetzen. Allerdings ist es nach wie vor ein zartes Pflänzchen, das wir gießen müssen.“

Und noch eine neue Wandlung hat es dieses Jahr gegeben: Um die Idee einer Live-Preisverleihung trotz der Covid-Situation umzusetzen, wurde kurzerhand ein kleines Videostudio eingerichtet, in dem die Moderatoren der Gründungsförderung durch das Programm führten. ­Zuschauer und die Gründerteams waren dazugeschaltet, ebenso wie Uni-Präsident Reinhard Jahn, der die Umschläge für die einzelnen Wettbewerbskategorien öffnete und die Gewinner verkündete. Eine Live-­Schaltung zum Gewinnerteam ließ die Zuschauer dann an den Emotionen teilhaben. Überhaupt: „Wir waren vom Erfolg der Videoverleihung begeistert“, so Stammann. „Zur Preisverleihung in der Alten Mensa konnten maximal 250 Gäste kommen. Bei der Onlineübertragung hatten wir in der Spitze jedoch über 300 Zuschauer dabei.“ Man muss die Dinge eben auch mal positiv sehen.

Gewinner der Kategorie Gründungspotenzial: FungiFresh/symbiofoods

Edelpilze und Insekten für die Nahrungsmittelproduktion züchten: Schadstofffrei, platz- und energiesparend – das ist die Idee von FungiFresh. Als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg sehen die Gründer Jannis Reis und Matthias Mau (Foto, v.l.) – zwei Biologie- bzw. Bio­diversitätsabsolventen – den Bedarf nach gesunden sowie umweltfreundlich produzierten Lebensmitteln. Die Nachfrage nach Edelpilzen steige zudem stetig an, da sie im Markt für Nahrungsergänzungsmittel gefragt sind und auch in Produkten von ‚Schroomcoffee‘ bis zu veganen Kosmetika Verwendung finden. „In den USA ist dies bereits ein Trend, der langsam auch nach Europa kommt“, erklärte Mau. „Aber auch die zunehmende Verstädterung verlangt nach innovativen, nachhaltigen Lösungen für den Anbau von Superfoods. “

FungiFresh beziehungsweise symbiofoods, wie das inzwischen dreiköpfige Team heute heißt, soll genau das ermöglichen. Der Anbau von Speisepilzen und die Züchtung von Insekten soll auf der Basis von Nebenerzeugnissen aus dem Agrarsektor geschehen. „Man kann fast alles nutzen, um Pilze zu züchten – vom verrotteten Holz bis zum Kaffeesatz. Das ist wirklich faszinierend“, so Mau. Das soll mit einem ganzheitlichen Ansatz passieren, indem die exotischen Pilze und Insekten in einem platz- und energiesparenden Indoor-­Farming-System kultiviert werden, in welchem auf den Zusatz von chemischen Schutzmitteln verzichtet wird. Zunächst sollen Pilze gezüchtet werden. In einem zweiten Schritt wird nach deren Ernte das Substrat für die Zucht von Insekten genutzt, für die es ein ideales Nährmedium darstellt. Gegenwärtig befindet sich das Team in der Gründungsphase, der ­Förderantrag liegt bei der NBank. Ein Prototyp für die Pilz- und Insektenkultivierung existiert, nun suchen die Gründer nach Räumlichkeiten, um eine erste Produktion aufzubauen. „Unser Ziel ist es, im ersten Quartal 2021 richtig zu starten“, sagt Mau, „und erste Produkte in den Handel zu bringen.“

Gewinner der Kategorie Wissenschaft: 3Digity – Unterstützung der
Rehabilitation nach Handverletzungen

Nach starken Verletzungen am Finger, die eine Operation oder ein Eingipsen nötig machen, kann es passieren, dass sich der Finger später nur noch eingeschränkt bewegen lässt oder steif bleibt. Um dem zu begegnen, wird eine Physiotherapie verschrieben, die nach der Behandlung die Mobilität des Fingers wiederherstellen oder erhalten soll. „Allerdings sieht man den Physiotherapeuten in zu großen Abständen, um die Rehabilita­tion optimal zu gestalten“, erklärt Arndt Schilling, Leiter Forschung und Entwicklung der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der UMG und Gründer von 3Digity. „Deshalb wollen wir mit einem handschuhartigen Gerät Übungen zu Hause ermöglichen, welche die Physiotherapie­sitzungen ergänzen.“ Dieser Handschuh wird in Abstimmung mit dem Therapeuten gezielt auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten zugeschnitten. Die Hand wird dreidimensional gescannt, und die daraufhin maßgeschneiderte Orthese, die sich nur in die Richtung bewegen lässt, die für den Patienten gut ist, kommt aus dem 3D-Drucker.

„Die entscheidende Frage ist jedoch noch, wie eine solche Orthese so gebaut werden kann, dass sie bezahlbar wird“, sagt Schilling. Aktuell existieren bereits Prototypen, und die Ethik-­Anträge für die erste klinische Vorstudie, um das Konzept an Probanden zu testen, werden gerade geschrieben. Mit einer halben Million Euro Entwicklungskosten und rund zwei Jahren Entwicklungszeit gechnet der Gründer, um das Projekt zur Marktreife zu bringen. Die Preisgelder des Lift-off sind da nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. „Allerdings war der Lift-off für uns unheimlich hilfreich“, betont Schilling. „Vor allem aufgrund der Vernetzung mit Menschen, die schon Projekte umgesetzt haben, die also wissen, welche regulatorischen und finanziellen Hürden zu nehmen sind.“

Sonderpreis Social Entrepreneurship: Honigfarm – Honigproduktion in Kakaoplantagen – eine Idee für die Elfenbeinküste

Das elfköpfige Studententeam rund um Gründer Dominik Duong, das hinter Honigfarm steckt, verfolgt einen Ansatz, der große Ähnlichkeit zu klassischen Entwicklungsprojekten hat. Über einen Auslandsaufenthalt kam ein heutiges Teammitglied von Honigfarm mit der Situation der Kakaobauern an der Elfenbeinküste in Berührung: Aufgrund des Klimawandels sinken die Erträge der Kakaoplantagen, gleichzeitig bieten diese hervorragende Bedingungen für die Imkerei, die dort auch schon von einigen Bauern mit Wildbienen betrieben wird.

Honigfarm will diesen Ansatz professionalisieren und ausweiten, indem die Imkerei nach den hohen deutschen Qualitäts- und Produktionsstandards nun als zweites finanzielles Standbein für Kakaobauern etabliert wird – und so irgendwann auch einmal Honig aus Westafrika in Deutschland zu finden sein wird.

Honigfarm, das sich als nicht-gewinnorientiertes soziales Projekt versteht, will dafür vor Ort Imker-Schulungen anbieten und für ein Pilotprojekt das benötigte Startequipment kostenlos bereitstellen – im Wesentlichen Honigschleudern, Bienenkästen und Schutzkleidung. So weit möglich, sollen die Materialien vor Ort beschafft werden. Der Preisgewinn des Lift-offs bedeutet, dass ein Großteil der benötigten Finanzmittel zur Verfügung steht, um das Pilotprojekt zu starten. Aktuell sucht das Team noch nach weiteren Unterstützern, um die verbleibende finanzielle Lücke zu schließen. Zudem haben sich durch das Mentoring im Rahmen des Wettbewerbs wichtige Kontakte zu potenziellen Kooperationspartnern ergeben. Auch vor Ort existieren bereits Zusagen von Bauern, an dem Projekt mitzuwirken. Doch die große Hürde, die einem baldigen Projektstart entgegensteht, heißt SARS-CoV-2. Die bisherigen Planungen wurden durch die Reisebeschränkungen über den Haufen geworfen. Nun heißt es, flexibel zu bleiben.