©Marco Bühl
Text von: Tobias Kintzel

Biologin Maite Aguado über ihre Forschung auf dem Grund der Weltmeere, ihre Begegnung mit dem Erzfeind von Godzilla und darüber, wie sie als Leiterin des geplanten  Biodiversitätsmuseums der Uni Göttingen neue Blickwinkel eröffnen möchte

Auf wissenschaftlicher Reise

Maria Teresa Aguado Molina ist eine wissenschaftliche Weltenbummlerin: Ihre Forschung hat die in Madrid geborene Biologin unter anderem nach New York, Sidney, London, Paris und Amsterdam geführt – und auf den Grund des Meeres. Doch die ganze Zeit war die spanische Hauptstadt ihr Fixpunkt, ihre Heimatbasis. „Ich habe dort meine Wurzeln – unser Leben dort war  wunderbar eingerichtet“, erzählt Maria Teresa Aguado Molina, genannt Maite Aguado, rückblickend. „An der Universidad Autónoma de Madrid hatte ich eine dauerhafte Position als  Professorin, in der ich meine Leidenschaften für die Lehre und die Forschung kombinieren konnte.“

Ihr Mann, Christoph Bleidorn, arbeitete in der spanischen Hauptstadt als Wissenschaftler am Nationalmuseum für Naturwissenschaften, dem Museo Nacional de Ciencias Naturales. Dann  erhielt Bleidorn vor fünf Jahren seinen Ruf auf die Professur für Evolution und Biodiversität der Tiere an die Georg-August-Universität – und sie berieten gemeinsam, wie es weitergehen sollte. „Es war nicht einfach, sich damals mit einem zwei Jahre alten Kind und ohne nennenswerte Deutschkenntnisse für diesen Schritt zu entscheiden“, sagt sie, während sie sich zurückerinnert.  Zudem habe sie damals nicht allzu viel über Deutschland, geschweige denn Göttingen, gewusst. Sie entschieden sich dennoch für den Umzug in die Stadt an der Leine und sind jetzt bereits seit dreieinhalb Jahren hier. „Ich bereue die Entscheidung überhaupt nicht.“ Obwohl Göttingen natürlich ein großer Unterschied zu den Metropolen sei, in denen sie vorher gelebt und bei  Forschungsreisen gearbeitet hat, böte die Stadt eine Menge. „In vielerlei Hinsicht fühlt sich Göttingen größer an, als es ist. Es ist eine lebhafte, international wirkende Universitätsstadt mit  einer wirklich schönen Umgebung für Biologen und Menschen, die gerne in der Natur unterwegs sind“, sagt sie voller Überzeugung. „Der Harz ist für Exkursionen ideal.“ Dorthin unternimmt sie mit ihrem Mann und ihren mittlerweile zwei Kindern am Wochenende immer wieder kleine Ausflüge. Das sei eine willkommene Abwechslung zu ihrem herausfordernden Beruf. „Weniger  fordernd sind die Wochenenden allerdings nicht“, gibt sie zu. „Wir haben sehr aktive Kinder, die mit nie endender Energie durch die Gegend laufen, singen, tanzen und Fragen stellen.“

Diesem herausfordernden Beruf geht die habilitierte Wissenschaftlerin heute in Göttingen nach. Am Johann-Friedrich-Blumenbach Institut für Zoologie & Anthropologie arbeitet sie als  Dozentin für Biodiversität und wirbellose Meerestiere sowie als Kuratorin der Zoologischen Sammlung und setzt auch ihre Forschung in diesem Bereich fort. Außerdem hat sich für sie und ihren Mann eine Möglichkeit der Zusammenarbeit ergeben: Das Zoologische Museum der Universität Göttingen soll im Jahr 2025 als Biodiversitätsmuseum wiedereröffnet werden – in den  Räumlichkeiten des Forum Wissens in der Nähe des Bahnhofs und mit Maite Aguado als Direktorin. Die Geschicke des Forum Wissens wiederum leitet seit dem 1. Juni dieses Jahres ihr Mann. „Es ist beruflich und als Paar eine wunderbare Herausforderung, einen Ort der Wissensvermittlung, ein neues Museum mitzugestalten und gemeinsam aufzubauen“, erklärt die 45-Jährige mit  einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Für sie ist das eine besondere Freude, da sie damit auch ihre dritte Leidenschaft ausleben kann: die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Sammlungen  und die Zusammenstellung einer Ausstellung als Kuratorin.

Erforschung von Würmern

„Es war schon früh mein Traum, Lehrerin oder Wissenschaftlerin zu werden“, erzählt Maite Aguado. Nach ihrem Biologiestudium arbeitete sie dann auch zunächst für fünf Jahre als  Biologielehrerin an einem Gymnasium. Die habe es in diesen Jahren allerdings vermisst, Zeit für Forschung zu haben. Sie verließ die Schule, wandte sich ihrer Doktorarbeit zu. Seit damals  beschäftigt sie sich insbesondere mit Würmern, die im Meer leben, „Ich interessiere mich unheimlich für diese kleinen Lebewesen, die aus meiner Sicht zu lange ein Schattendasein geführt und  zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben“, erklärt sie ihre Beweggründe. Es sei wahnsinnig spannend und immer wieder überraschend, wie anpassungs- und überlebensfähig sie seien. Um  die Würmer zu finden, die sie erforscht, muss sie auf den Grund der Weltmeere. Davon zeugt ein buntes Kinderbild, das in einem Regal in ihrem Büro steht. „Ich habe meiner Tochter von einer  Tiefsee-Exkursion erzählt“, berichtet Maite Aguado. „Sie hat mich in einem gelben Unterseeboot beim Probennehmen gemalt, wie sich das eine Sechsjährige in ihrer Fantasie vorstellt.“ Natürlich habe es ein gelbes U-Boot sein müssen, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu. „Sie kennt und mag
das Lied von den Beatles.“

Bei ihrer Exkursion zum Meeresboden hat Maite Aguado nicht nur Dinge beobachtet, die an Science-Fiction-Filme erinnern, wie zum Beispiel Würmer, die ihren eigenen Körper für die  Fortpflanzung erteilen. Sie hat auch in der Nähe der japanischen Insel Sado eine völlig neue Spezies entdeckt: einen Meereswurm, der in Schwämmen lebt und dessen Körper sich immer weiter  in mehrere hintere Enden verzweigt. Als Entdeckerin durfte sie, wie in der Wissenschaftswelt üblich, den Namen für diese neue Art festlegen. Inspiriert von den Godzilla-Filmen  entschied sie sich für Ramisyllis kingghidorahi. Benannt hat sie den Wurm nach King Ghidorah, dem dreiköpfigen, zweischwänzigen Erzfeind von Godzilla, dem aus vielen Filmen bekannten  Monster. „King Ghidorah ist ein sich verzweigendes Tier, das seine verlorenen Enden regenerieren kann. Ich fand das sehr passend“, sagt Aguado stolz. „Meine japanischen Kollegen waren  sofort hellauf begeistert.“

Museumsbegeistert 

Gefragt, woher sie sonst noch Inspiration bekommt, also abgesehen von japanischen Monsterfilmen, antwortet sie, ohne zu überlegen: „Museen begeistern mich, beruflich und privat. Sie sind  Orte, die die Fantasie anregen und Einblicke in Bereiche des Lebens bieten können, die einem sonst vielleicht verschlossen bleiben.“ Besonders das American Museum of Natural History in  New York hat sie beeindruckt. In einem der größten Naturkundemuseen der Welt hatte sie bei einem Forschungsaufenthalt die Chance, mit der, wie sie sagt, wundervollen Sammlung zu  arbeiten. „Das war ein Meilenstein in meiner Karriere.“ Genau wie das Naturkundemuseum in London sei es immer einen Besuch wert. Aber auch in deutschen Museen habe sie schon  besondere Inspiration mitgenommen. Im Humboldt-Forum in Berlin bekommen Besucher zum Beispiel ein Armband, das dafür sorgt, dass sie Informationen in ihrer Muttersprache erhalten, sobald sie sich Ausstellungsstücken nähern. „Das ist ein starker Weg, Menschen einzubeziehen“, sagt Maite Aguado voller Begeisterung. „Sie können besser die Details verstehen und haben das  Gefühl, dass bei der Konzeption an sie gedacht worden ist.“ An dieser Art der Einbeziehung wolle sie auch mit ihrem Team für das Biodiversitätsmuseum in Göttingen arbeiten. Es soll nicht das  Ziel sein, Informationen passiv zu konsumieren. „Wir wollen auf einer emotionale Reise durch die Wunder der Natur die ganze Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zeigen. Dazu  nutzen wir die zoologische Sammlung der Universität, aber auch Multimediainstallationen“, beschreibt die Wissenschaftlerin. „Es soll klar werden, wie viele verschiedene Lebensräume uns  Menschen umgeben und welchen Einfluss wir auf sie haben.“ Besucher können eine aktive Rolle im Lernprozess einnehmen, Dinge ausprobieren und Exponate anfassen.

Besonderen Spaß machen ihr die Tage, an denen es ihr gelingt, ihre Studenten oder das Museumsteam für zukünftige Projekte oder Ideen zu begeistern. „Wenn sie sich einbringen und  Verantwortung übernehmen, weil sie sich identifizieren. Das sind die Augenblicke, die sich großartig anfühlen.“ Auch wenn Studenten in ihren eigenen  Experimenten zu spannenden oder  unerwarteten Ergebnissen kämen, sind das Momente, die solche Tage für die Professorin Maite Aguado erfolgreich und schön machen. Wenn es um Museen, die Lehre oder ihre  Forschungsgegenstände, die Würmer, geht, spricht die Wissenschaftlerin  unheimlich schnell. Sie ist sich dessen bewusst. „Kollegen oder Teammitglieder machen schon Späße über mich, dass  ich viele Informationen in recht kurze Präsentationen packen könne“, sagt sie lachend. „Seien Sie froh, dass wir das Interview auf Englisch führen. In meiner Muttersprache bin ich noch schneller unterwegs.“ Englisch, die Sprache der weltweit vernetzten Forschungsgemeinschaft, nutzt Maite Aguado häufig. „Auch meine Studenten finden es gut, wenn ich Englisch mit ihnen  spreche. Das ist eine gute Übung für sie“, berichtet sie aus ihrem Alltag.

Leider sei das, vor allem außerhalb der Universität, nicht immer möglich. Die deutsche Sprache ist auch nach dreieinhalb Jahren immer wieder eine Herausforderung für sie. Wahrscheinlich ist  das auch einer der Gründe, warum ihr administrative Aufgaben wenig zusagen. „Ich verbrauche zu viel Zeit dabei, komplizierte  Dokumente auszufüllen. Das ist nicht meine liebste Beschäftigung.“  Aber sie verbessere sich jeden Tag, so Aguado weiter. Eine neue Sprache zu lernen, bietet aus ihrer Sicht die Chance, über Probleme ganz neu nachzudenken und sich in andere  hineinzuversetzen. „Deshalb wollen wir auch, dass unsere Kinder dreisprachig aufwachsen und Deutsch, Spanisch und Englisch lernen“, betont Maite Aguado. „Davon werden sie ihr Leben lang profitieren, und es wird ihnen neue Blickwinkel auf Dinge ermöglichen.“

Sie erhofft sich, solche neuen Blickwinkel auch für die Besucher des Biodiversitätsmuseums zu ermöglichen, wenn es im Jahr 2025 seine Türen öffnet: „Ich möchte dort einen Ort schaffen, der  Forscher und ihre Projekte mit dem Publikum verbindet, indem ein Dialog entsteht“, sagt die Wissenschaftlerin voller Leidenschaft. „Vielleicht wird der Besuch ja sogar bei einigen zu einer Art  Initialzündung, ebenfalls eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen.“ ƒ