©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Das kürzlich eröffnete Forum Wissen hat einen neuen Chef: Christoph Bleidorn. Der Zoologe spricht im Interview darüber, wie er von Ringelwürmern zum Museum fand, warum  wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in Stein gemeißelt sind und wie er das Gesamtensemble am Göttinger Bahnhof mit Leben füllen will

Der frühlingsgrüne, sonnendurchflutete Botanische Garten der Universität Göttingen liegt gleich um die Ecke von Christoph Bleidorns Büro. Es ist der ideale Platz für ein entspanntes  Interview. Die Bänke waren alle besetzt, aber die Stammteile eines abgesägten Baumes boten gemütlich Platz für ein Gespräch über die Herausforderung, die vor dem Zoologieprofessor liegt:  Als neuer Leiter des Gesamtensembles Forum Wissen am Bahnhof wird es seine Aufgabe sein, das Museums- und Veranstaltungshaus lokal und national bekannt zu machen und zu profilieren.  Einfach wird das sicher nicht, aber der 47-Jährige strahlt die nötige Ruhe, vor allem aber auch den Enthusiasmus aus, das neue Wissensmuseum – das deutschlandweit erste seiner Art – zu führen.

Herr Bleidorn, nach rund zehn Jahren Planung, Kritik, Hoffnungen und Erwartungen war es nun endlich so weit: Am ersten Juni-Wochenende hat das Forum Wissen, das ursprünglich bereits  2019 starten sollte, seine Türen geöffnet. Wie hat sich dieser Moment für Sie angefühlt?

Spannungsgeladen! In diesem Moment habe ich die Tragweite meiner neuen Aufgabe erst wirklich begriffen. Knapp 500 Gäste haben der Eröffnung entgegengefiebert. Und es war fantastisch,  ihre strahlenden Gesichter beim ersten Besuch des Gebäudes zu sehen. Alle Beteiligten, allen voran Marie Luisa Allemeyer und ihr Team der Zentralen Kustodie, haben wirklich hervorragende  Arbeit geleistet.

Sie sind eigentlich Zoologe, forschen unter anderem zur Evolution von Ringelwürmern – wie wird man da Museumsleiter?
An der Fakultät für Biologie und Psychologie machen wir uns seit rund vier Jahren über ein neues Biodiversitätsmuseum Gedanken. Dabei war eine der Kernfragen, wie das Museum mit dem  Forum Wissen zusammen arbeiten wird – die zoologische Sammlung ist ja eine von 70 Teilsammlungen an der Universität, auf die das Forum Wissen zurückgreift. Als ich dann angefragt  wurde, die Leitung des Forum Wissen zu übernehmen, war es für mich nicht schwer, Entwicklungsmöglichkeiten zu skizzieren. Ich war zudem bereits zwei Jahre als Wissenschaftler am  spanischen Zentralmuseum für die Naturwissenschaften tätig, wo ich eine Museumsatmosphäre erlebt habe und viele Impulse für die Planung eigener Museumsprojekte bekommen habe. Auch  wenn jetzt zunächst ,nur‘ das Forum Wissen als Wissensmuseum eröffnet hat, soll das Gesamtensemble in der alten Zoologie ab 2025 auch noch das Biodiversitätsmuseum sowie das  Thomas-Oppermann-Kulturforum umfassen. Wie verstehen Sie als Leiter dieses Ensembles Ihre zukünftige Rolle?
Wir werden dieses Gesamtensemble in Zukunft als Forum Wissen bezeichnen, und ich bin der wissenschaftliche Leiter dieses Ensembles. Unter dessen Dach sind die drei genannten  Institutionen zu Hause, die jeweils ihre eigene Leitung haben. Sie sind in ihrem Verantwortungsbereich unabhängig, während ich versuchen werde, die drei Einheiten und damit das Forum  Wissen in Gänze zusammenzuführen und zu vertreten. Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass einer der wichtigsten Aspekte meiner Rolle die Kommunikation des Forum Wissen ist – und zwar  nach außen in Richtung Gesellschaft, aber auch nach innen in Richtung Universität.

Wo sehen Sie die Herausforderungen in der universitätsinternen Kommunikation?
Im Alltag diskutieren wir überall an der Universität über Geld und Räume. Als das Gebäude der alten Zoologie am Bahnhof für das Forum Wissen eingeplant wurde, hat das natürlich auch zu  Unmut geführt. Ein weiteres Problem war, dass das Forum Wissen lange Zeit nur als Power-Point-Präsentation und Excel-Tabelle existierte und wenig gegenständlich war. Jetzt ist es viel  einfacher, Akzeptanz zu schaffen. Wir können beispielsweise Angebote für Empfänge oder Veranstaltungen machen, vor allem, wenn das Kulturforum öffnet. Wir können Wissenschaftlerinnen  und Wissenschaftlern aufzeigen, dass das Forum Wissen ein exzellenter Ort ist, um Forschung zu präsentieren. Hier kommt auch die Interdisziplinarität ins Spiel, da sich Geistes- und  Naturwissenschaften im Forum viel besser treffen können als im universitären Alltag. Im Grunde erhoffe ich mir, dass wir viele Gruppen auf dem Campus erreichen – insbesondere denke ich  auch an die Studierenden. Das Forum hat riesiges Potenzial, in die Lehre eingebunden zu werden, indem man beispielsweise Kurse für Wissenschaftskommunikation anbietet.

Wie werden Sie  das Forum Wissen nach außen kommunizieren? Universitätsmuseum oder auch Wissensmuseum klingt mitunter etwas altbacken – und ist nicht auf den ersten Blick selbsterklärend.

Das  gesamte Forum Wissen ist ,ein aktiver Ort der Begegnung‘. Genau das sind ja Museen. Es wird gern unterschätzt, wie sehr sich Museen inzwischen neu erfunden haben. Es sind moderne Orte,  wo sich Gesellschaft und Wissenschaft treffen können – viele Orte gibt es dafür nicht. Deswegen müssen wir deutlich machen, dass es nicht nur darum geht, Objekte auszustellen und Dinge zu  erklären, sondern auch um Interaktion. Wir wollen den Besucherinnen und Besuchern Fragen stellen, wir wollen Austausch zwischen den Gestaltern hinter den Kulissen und dem Publikum –  das können wir an der Universität hervorragend gebrauchen.

Welche Zielgruppen haben Sie im Sinn, an die sich das Forum Wissen richten soll?
Zum einen wollen wir natürlich die Göttinger Bürgerinnen und Bürger ansprechen und darunter insbesondere diejenigen, die bildungsferner sind. Dafür werden wir spezielle Programme  entwickeln müssen, wofür wir uns eng mit der Stadt abstimmen werden. Eine weitere Gruppe sind Menschen mit Migrationshintergrund, bei denen wir vermutlich über die Sprache gehen  müssen – also reden wir über Programme auf Türkisch oder Arabisch. Wir wollen explizit nicht nur diejenigen ansprechen, die ohnehin schon offen für Museumsbesuche sind, sondern auch  aktiv die Gruppen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Und dann dürfen wir natürlich auch die Universitätsangehörigen nicht vergessen, unsere Studierenden und  Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die wiederum haben Verwandte und Freunde, die zu Besuch kommen und für die sich die Frage stellt, wie man einen Tag in Göttingen gestaltet.  Diese Zielgruppe können wir vergleichsweise leicht erreichen.

Das Wissensmuseum in Gent, das wie das Forum Wissen arbeitet, hat gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit Künstlern  gemacht. Ein Konzept mit Zukunft?

Gent hat ein fantastisches Konzept mit dem Museum of Doubt und seiner Verbindung zur Kunst. Diesen Ansatz werden wir definitiv auch für das Forum  weiter verfolgen. Ein schönes Beispiel wäre der Stammbaum des Lebens, der sich immer feiner in die Arten verzweigt. Das erinnert sehr an ein Mobile. Wir könnten ein solches Mobile von Künstlern anfertigen lassen. Oft betrachten wir wissenschaftliche Erkenntnisse als in Stein gemeißelt, dabei schreiben wir die Lehrbücher immer wieder um. Teile des Mobiles könnten  entsprechend immer wieder umgehängt werden und so die Veränderung des Wissens zeigen. Dass Wissenschaft nicht immer geradlinig ist, werden wir auch wunderbar im Forum Wissen  zeigen können. Von manchen wird dieser Selbstzweifel als Schwäche angesehen, der wissenschaftliche Autorität untergräbt. Der Zweifel ist aber eigentlich eine Stärke – weil man immer wieder neu prüft und so die beste Erklärung sucht.

Diese Frage, wie transparent die Wissenschaft sich präsentieren soll und damit sich der Kritik stellen, ist eine Grundsatzfrage. Wie stehen Sie dazu?

In der Wissenschaft wird Transparenz immer wichtiger. Früher haben wir sehr oft nur die Ergebnisse publiziert, doch inzwischen wird mehr und mehr darauf geachtet, dass alle Daten, die man  erhoben hat, öffentlich zugänglich sind. Dadurch können sie von anderen Forschungsgruppen reanalysiert und angezweifelt werden. Das heißt, wir müssen unsere Interpretationen  zunehmend dem Zweifel anderer stellen. Es wird auch zunehmend gefragt, was wir mit den Daten machen. Wir haben einen Sonderforschungsbereich zum Palmölanbau in Indonesien. Darin  geht es um Biodiversität, aber auch um sozioökonomische Aspekte – teils werden Lebensbedingungen durch den Anbau verbessert, teils aber auch nicht, eventuell werden die Böden ausgelaugt. Wie interpretiert man das für politische Handlungen? Vom Schwarz-Weiß eindeutiger Informationen sind wir inzwischen weit weg. Das soll als Kerngegenstand des Forum Wissen  erhalten bleiben.

Die Zentrale Kustodie, die in den letzten zehn Jahren das Forum Wissen konzipiert hat und es wissenschaftlich leiten soll, war lange Zeit unabhängig. Nun ist sie in die SUB, die Uni-Bibliothek, eingegliedert worden. Wie viel gestalterische Unabhängigkeit wird die Museumsleitung künftig noch haben?

Was heißt denn unabhängig? Die Zentrale Kustodie unterstand bislang dem Präsidenten oder der Präsidentin, und ihre Aufgabe war immer ein Spagat. Zum einen war sie für die Belange der  einzelnen Uni-Sammlungen zuständig, zum anderen für Aufbau und Betrieb des Forum Wissen, das auf den Sammlungen aufbaut. Durch die Eingliederung in die SUB soll die Kustodie in der  Betreuung der Sammlungen unterstützt werden. Gerade im Bereich der Digitalisierung von Exponaten hat die SUB wertvolle Kompetenzen. Für den eigentlichen Betrieb und die Konzeption  des Forum Wissen hat die Zentrale Kustodie aber freie Hand. Das Gesamtensemble Forum Wissen untersteht wiederum formal dem Präsidium der Universität, aber es wird von ihm  losgekoppelt arbeiten. Wir werden auch einen neuen externen Beirat einrichten, der das kritisch begleiten wird.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für das Forum Wissen?

Mein Blick geht erstmal bis Anfang 2025, wenn wir hoffentlich wie geplant das Biodiversitätsmuseum und das Thomas-Oppermann-Kulturforum eröffnen werden. Das Ziel ist, dass das Forum  Wissen dann mit seinen drei Einheiten als ein Haus wahrgenommen wird. Ganz wichtig wird es sein, dass hier immer viel Leben ist – Sonderausstellungen, Vortragsreihen, Workshops, Bürger- Wissenschaftsinitiativen. Und wir müssen natürlich auch über Göttingen hinausdenken. Dazu entwickeln wir zum Beispiel Programme für Schülerinnen und Schüler. Wir werden auch  Synergien mit den übrigen Sammlungen der Universität herstellen, indem wir Besucher an sie weiterleiten. Wir lassen zudem gerade eine Machbarkeitsstudie mit Blick auf Tourismus erstellen.  Die Lage Göttingens in der Mitte Deutschlands ist fantastisch, und das Forum Wissen liegt direkt am Bahnhof. Können wir also zum Beispiel auch Bahnreisende ansprechen? Warum  nicht für zwei Stunden Pause im Forum Wissen machen und dann weiterfahren? Allein aufgrund der Lage kann man verschiedenste Konzepte entwickeln, um unterschiedliche Publika  anzusprechen.

Die Leitung des Forum Wissen wird vermutlich ein Vollzeitjob werden – wie wird sich das auf Ihre wissenschaftliche Tätigkeit auswirken, und worauf freuen Sie sich dabei am meisten?

Während ich meine Vorlesungen weiter bestreite, werde ich wahrscheinlich nur wenig Zeit für Forschung finden. Aber hier habe ich ja zum Glück meine Arbeitsgruppe, welche natürlich unsere  Projekte weiterhin vorantreiben wird. Im Rahmen meiner neuen Aufgabe habe ich bereits viele interessante Menschen aus den verschiedensten Bereichen der Wissenschaft, der Kultur, aber auch aus anderen Bereichen der Gesellschaft kennengelernt – und darauf freue ich mich auch in der Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!