©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Zehn Jahre hat Ursula Haufe die GWG Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen geleitet, sie geprägt und kompetent weiterentwickelt. Nun verabschiedet sie sich in den Ruhestand.

Berufliche Wege 

Ich habe in all meinen beruflichen Stationen gestalten und auch etwas aufbauen können. Ich betrachte es als großes Glück, dass mir das möglich war“, sagt Ursula Haufe. Man könne sein Leben nur vorwärts leben, aber nur rückwärts verstehen. „Wenn ich Bilanz ziehe, dann war mir immer wichtig, Verantwortung zu übernehmen und etwas zu unternehmen. Ich habe mich immer als Unternehmerin verstanden, auch wenn ich im öffentlichen Dienst beschäftigt war.“

Diese Gestaltungsfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Ursula Haufes Biografie, 14 Jahre ­davon hat sie in Göttingen bei der GWG verbracht: von 1994 bis 1998 als Abteilungsleiterin für Wirtschaftsförderung, von 2012 bis 2021 als Geschäftsführerin. Doch nach ihrem spannendsten Job gefragt, überrascht die Antwort: die Leitung der Dienststelle Duisburg-Hamborn der Bundes­anstalt für Arbeit. „Ich war dort nur ein Jahr, aber es war das erste Mal, dass ich als Führungskraft eingesetzt wurde, und alles war so neu. Daher ist mir das noch gut im Gedächtnis geblieben.“ Sie hatte die einzige Binnenschiffervermittlung Deutschlands im Duisburger Hafen unter sich und startete damals, 1990, die bundesweit erste Initiative für die Rekrutierung von Pflegefachkräften. Innerhalb eines Jahres war es ihr zudem gelungen, die Zahl der Arbeitsvermittlungen um 18 Prozent zu steigern.

Beruflich war Haufe an vielen Orten tätig: unter anderem in der Wirtschaftsförderung Bochum, in Hannover als Geschäftsführerin der Technologieagentur des Landes Niedersachsen, in Berlin war sie für die Patentverwertung aus den Berliner Hochschulen heraus zuständig. 2010 ging es noch einmal für zwei Jahre zurück zum Land Niedersachsen, ins Ministerium für Wissenschaft und Kultur, bevor sich die Chance bot, die GWG zu übernehmen.

Die Zeit bei der GWG 

Die Spuren, die Ursula Haufe hinterlässt, bestehen vor allem aus Stahl, Beton und Glas. „Es sind die zehn Bauprojekte, die ich in meiner Zeit realisiert habe, auf die ich besonders stolz bin.“ Darunter das Fraunhofer Anwendungszentrum, drei Gebäude im Science Park oder die Revitalisierung des alten Güterbahnhofs, um nur einige zu nennen. „Es ging immer darum, Räume für Entwicklung zu schaffen. Diese gestaltende Aufgabe der Wirtschaftsförderung war und ist extrem wichtig.“ Dass die GWG diese Möglichkeiten hat, ist ein kleiner Glücksfall in der Stadtgeschichte, da sich Göttingen Ende 1990 mit der Gründung der GWG für einen Weg entschieden hatte, der Handlungsspielraum für die Stadtentwicklung ermöglichte.

Der Vergleich über die Zeit zeigt den Unterschied und wo die GWG heute steht: „Der Bereich Wirtschaftsförderung stand 1994 mit zwei Mitarbeitenden noch ganz am Anfang. Wir hatten die neue Gewerbefläche auf der Siekhöhe fertig erschlossen anzubieten, aber die galt seinerzeit als unverkäuflich“, erinnert sich Haufe. In der Zeit entstand mit dem Götec auch das erste Technologie- und Grün­derzentrum, ein erstes Existenzgründernetzwerk wurde aufgebaut. Der Aufgabenbereich mit eigenen Bauprojekten hingegen war für sie damals noch nicht absehbar.

„Und heute? Wir haben allein drei Innovationsnetzwerke für Stadt und Region“, sagt Haufe. Mit dem Südniedersachseninnovationscampus (SNIC) und dem Life Science Accelerator wurden 2015 und 2018 wichtige Bausteine mitentwickelt, um das Potenzial der Life Sciences zu erschließen. Die GWG ist heute Projektentwicklerin, Bauherrin, Veranstalterin und Wirtschaftsförderin in einem. „Mir war es immer ein besonderes Anliegen, an dieser Schnittstelle von Wirtschaft und Wissenschaft Menschen, Ideen und Chancen zusammenzuführen und so Potenziale für die Stadt zu schaffen“, so Haufe. Das letzte Erfolgsbeispiel ist das Bauvorhaben für Abberior, die Firma von Nobelpreisträger Stefan Hell, die in Kooperation mit der Universität auf dem Nordcampus Platz findet, sodass sich Göttingen damit gegen Heidelberg durchsetzen konnte.

Wirtschaftsstandort Göttingen

Aus dieser aktiven Form der Stadtentwicklung, die Ursula Haufe forciert hat, zieht sie ein wichtiges Fazit: „Wir spielen inzwischen in der ersten Liga der deutschen Wirtschaftsstandorte.“ Im Gegensatz dazu steht ein gewisses Göttinger Understatement. „Städte wie Heidelberg oder Freiburg stellen mit großem Selbstbewusstsein ihre Stärken heraus. Mich würde freuen, wenn das in Göttingen künftig auch so wäre.“ Die Stadt habe internationale Sichtbarkeit – als Wissenschaftsstandort natürlich –, aber die Unternehmen, vor allem die in den DAX aufgestiegene Sartorius AG, haben mit ihrem dynamischen Wachstum eben auch zur Profilierung Göttingens als Wirtschaftsstandort enorm beigetragen.

„Joachim Kreuzburg hat auf dem letzten Wirtschaftsempfang über Ziele gesprochen und die Frage aufgeworfen, ob die Stadt die Ambition hat, eine 200.000-Einwohner-Stadt zu werden“, so Haufe. „Wenn wir uns die guten Entwicklungen anschauen, die noch aus dem Life-­Science-Bereich kommen können und – da bin ich sicher – kommen werden, dann gibt das Raum für eine Vision Göttingen 2030+. Und das bedeutet, dass wir dieses Wachstum wollen müssen und Planungen sowie die nötige Infrastruktur brauchen.“

„Man muss sich der gegenwärtigen guten Entwicklung gewachsen zeigen und sie mitgehen“, sagt Haufe. „Wenn ich mir eines wünschen würde, dann wäre das, die Kooperationen und die Strukturen, die über die letzten zehn Jahre entwickelt wurden, weiter aufzubauen und weiterzuentwickeln. Denn was wir in Stadt und Region mit vielen Akteuren geschaffen haben, diese Strukturen, sie sind stark.“ Sie selbst ist mit sich und ihrer Bilanz im Reinen. „Ich kann mir sagen: Ich übergebe ein gut aufgestelltes Haus, sowohl organisatorisch als auch finanziell.“ ƒ