©Marco Bühl
Text von: Tobias Kintzel

Göttingen hat einen Hidden Champion zu bieten, den in der internationalen Zementindustrie sämtliche Akteure kennen – vor Ort jedoch wissen nur wenige, was Refratechnik eigentlich macht. faktor war zu Gast beim Weltmarktführer und erhielt exklusive Einblicke in die heißen Phasen der Feuerfesttechnik.

In der Produktionshalle von Refratechnik in Göttingen stehen Unmengen ockerfarbener Steine, in Reih und Glied aufgestapelt auf Schienenwagen, mit denen sie in der großen Halle bewegt und aus dem riesigen Ofen gefahren werden. Über den Steinen flimmert die Hitze. Sie werden bei mehr als 1.000 Grad gebrannt, brauchen nach dem Brennvorgang mehrere Tage, um abzukühlen. Mit ihnen werden Hochtemperatur-Öfen zur Herstellung von Zement ausgekleidet. „Die Qualität dieser Steine hat dafür gesorgt, dass Refratechnik heute kein kleines Unternehmen mehr ist, sondern in der Branche Gewicht hat“, erklärt Christian Meyre, der seit 2016 gemeinsam mit Stefan Puntke die Geschäfte der Refratechnik Cement GmbH führt, sichtlich stolz.

Mit Feuerfesttechnik zum Weltmarkführer

Im Verlauf des Produktionsprozesses von Zement werden die zu Mehl gemahlenen Rohstoffe auf etwa 1.450 Grad Celsius erhitzt, bis sie teilweise miteinander verschmelzen. Diese Temperaturen zu erreichen, ist nicht nur energieintensiv, sondern auch eine Gefahr für die Öfen: Sie könnten durch die Hitze beschädigt werden. An dieser Stelle kommen die Produkte von Refratechnik ins Spiel. Das 1950 von dem Ingenieur Karl Albert in Vogelbeck, einem südlichen Ortsteil der Stadt Einbeck, gegründete Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt innovative Feuerfesttechnik für die Auskleidung der Hochtemperatur-Öfen der Zementindustrie. Auch das Recycling verbrauchter Materialien gehört zum Service. Refratechnik liefert die Schlüsseltechnologie, wenn es um die Produktqualität und möglichst lange Laufzeiten von Feuerungsanlagen sowie die Reduzierung der Energiekosten und niedrige Emissionen geht. „In den vergangenen 70 Jahren haben wir uns zu einem der Weltmarktführer entwickelt“, erzählt Christian Meyre. Bereits zwei Jahre nach der Gründung wurde das Unternehmen an den Standort in der Rudolf-Winkel-Straße verlegt, an dem heute rund 350 Mitarbeiter beschäftigt sind. Rund um den Globus statten insgesamt über 2.000 Mitarbeiter der Refratechnik-Gruppe die Zement-, Stahl-, Keramik- und weitere Hochtemperaturindustrien in mehr als 100 Ländern mit ihren Produkten aus. „Wir sind dennoch in einer kleinen Nische unterwegs, die Zahl der Zementhersteller weltweit ist überschaubar“, sagt Meyre. Daher wüssten auch die wenigsten Menschen außerhalb der Branche, was Refratechnik eigentlich so macht. Auch die Mehrheit der Göttinger nicht. „In der Zementindustrie selbst hingegen kennen uns sämtliche Akteure.“

Der studierte Geologe und Mineraloge muss es wissen: Schon bevor er die Verantwortung für die Produktion in der Geschäftsführung in Göttingen übernahm, waren dem gebürtigen Schweizer das Unternehmen Refratechnik und seine Produkte ein Begriff: „Ich habe sehr lange auf der Kundenseite bei dem Zementhersteller Holcim gearbeitet, bei einem der größten Baustoffproduzenten der Welt. Auch wir haben dort Refratechnik-Produkte eingesetzt.“ Insgesamt 18 Jahre war Meyre für den Zementhersteller weltweit unterwegs, zunächst als Inhouse-Berater für Qualitätssicherung und Feuerfesttechnik in Südostasien und Lateinamerika. „Zur Geburt meiner Töchter habe ich dann nach einer Position gesucht, die es mir erlaubt, abends zu Hause zu sein“, erzählt er rückblickend. So landete er in Führungspositionen in Zementwerken in Nordamerika. Nach einer Station in Toronto, Ontario, ging es nach Morgan im US-Bundesstaat Utah. „Das war für zwei Jahre angedacht, am Ende sind wir zehn geblieben.“ Von den gemachten Erfahrungen profitiere der 53-Jährige noch heute. „Es war zum einen superspannend, andere Kulturen und ihre Problemlösungsansätze kennenzulernen“, erzählt Meyre. „Zum anderen habe ich sehr tiefe Einblicke in die Prozesse und Themen der Branche bekommen, die wir mit Refratechnik beliefern.“ Diesen tiefen Einblick in die Prozesse, Probleme und Nöte der Kunden hält der Geschäftsführer für eine der Stärken von Refratechnik. „Wir sprechen hier die Sprache der Zementindustrie, wir wissen, was unsere Kunden bewegt. Das gilt für alle, die hier arbeiten“, sagt er mit Nachdruck. „Obwohl ich die Qualität der Produkte ja schon vorher kannte, war ich, als ich vor sechs Jahren zu Refratechnik wechselte, von der Fachkompetenz und Motivation schwer beeindruckt.

„Dies seien aus Sicht des Geschäftsführers auch zwei der entscheidenden Faktoren, warum die Göttinger nicht so hart von der Pandemie getroffen wurden wie die Konkurrenz. Der dritte ist der Standort Göttingen selbst. „Das ist erklärungsbedürftig“, sagt Meyre mit einem entwaffnenden Lächeln. „Nicht gerade wenige Ökonomen sagen ‚Sind die nicht bei Trost? Warum produzieren die in Göttingen?‘“ Und dann erklärt er, warum es nicht rein romantische Gefühle sind, die das Familienunternehmen mittlerweile 70 Jahre mit diesem Standort verbinden, sondern eine klare Strategie.

Strategischer Standort Göttingen

„Wir sind nicht die günstigsten Anbieter. Wenn wir zum Zug kommen wollen, müssen wir mehr bieten als den einfachen Stein zum Auskleiden der Öfen“, sagt Meyre. Man habe sich den Ruf als agilster, zuverlässigster und flexibelster Anbieter erarbeitet. „In Zeiten, in denen nahezu alle global nach den günstigsten Einkaufsmöglichkeiten suchen, sind wir dabei gewissermaßen anachronistisch: Wir produzieren mit europäischen Rohstoffen, pflegen langjährige Beziehungen zu unseren Lieferanten und unseren Dienstleistern auf Augenhöhe.“ In diesem über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerk aus ‚alten‘ Lieferanten und Logistikpartnern liegt Göttingen strategisch optimal. Dass die Kombination aus vergleichsweise kurzen Beschaffungswegen und langjährigen Beziehungen eine nicht zu unterschätzende Stärke ist, hätten die vergangenen Monate noch einmal besonders gezeigt. „Wir konnten im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auch in der Pandemie weiter liefern“, erklärt Christian Meyre zufrieden. „Damit sind wir unserem Ruf gerecht geworden, eine sehr hohe Liefertreue zu haben. Egal wann, egal wo: Wir stellen die Ware pünktlich auf den Hof unserer Kunden.“ Das liege auch daran, dass Mitarbeiter ihre Ansprechpartner bei Lieferanten und Logistikpartnern seit Jahren kennen würden und bereit seien, auch mal die viel zitierte Extra-Meile zu gehen. „So haben wir auch in Pandemiezeiten erfolgreich am Markt agiert.“

Beigetrage zu diesem Erfolg hätten dazu aber auch die flache Hierarchie und die ideale Größe der Refratechnik: Kurze Wege und eine engmaschige Abstimmung mit den Eigentümern des größten Unternehmens für Feuerfestmaterialien in Familienhand sorgen für schnelle Entscheidungen. „Wenn es morgens einer für eine gute Idee hält, sein Containerschiff im Suezkanal zu wenden, haben wir nachmittags bereits entschieden, wie wir damit umgehen“, erläutert Meyre. Hinzu käme, dass sein Geschäftsführungskollege Stefan Puntke, der den Vertrieb verantwortet, und er viele Freiheiten und einen großen Entscheidungsspielraum genießen. „Wir verpassen deshalb nur sehr wenige Chancen, die der Markt bietet.

Ein attraktiver Arbeitgeber 

“Ein Selbstläufer ist das Geschäft aber bei Weitem nicht. In einer Branche wie dem Zementmarkt in dem ein Konsolidierungsprozess immer weniger, immer größere Kunden hervorbringe, gäbe es kein Platz für Sentimentalitäten. „Nur weil wir einem Kunden in den vergangenen zwei Jahren geholfen haben, bedeutet das nicht, dass er 2022 automatisch bei uns bestellt“, sagt Meyre und stellt unmissverständlich klar: „Wir müssen die Einkäufer immer wieder neu davon überzeugen, dass unsere Produkte die beste Entscheidung sind, trotz des höheren Preises.“ Uns da es am Ende die Mitarbeiter seien, die den Erfolg ausmachten, sei es sehr wichtig, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden – in der Region und darüber hinaus. Das scheint Refratechnik sehr gut zu gelingen, sowohl bei bestehenden als auch bei potenziellen Arbeitnehmern. Denn zum einen verzeichnet das Unternehmen laut Geschäftsführer Meyre nahezu keine Fluktuation: „Wer einmal bei uns ist, bleibt in der Regel. Ich darf fast jede Woche zu einem 25-, 30- oder 40-jährigen Jubiläum gratulieren.“ Zum anderen deuten rund 30 Auszubildende in verschiedenen Berufsbildern darauf hin, dass sich auch immer wieder neue Mitarbeiter finden lassen. „Beides ist wichtig für uns. Wir wollen die Erfahrung und das Know-how im Unternehmen halten und neue Mitarbeiter mit neuen Ideen und Impulsen für uns gewinnen.“

Aus diesem Grund investieren die Göttinger Spezialisten für Feuerfesttechnik auch kontinuierlich in die Aus- und Weiterbildung. So hat Refratechnik in den letzten Jahren nicht nur eine vollausgestattete Ausbildungswerkstatt aufgebaut, sondern auch viel Zeit und Energie in ein Weiterbildungsprogramm für Führungskräfte gesteckt. „Wir haben gemeinsam Führungsgrundsätze formuliert und ein darauf einzahlendes Programm aus Lernmodulen entwickelt“, erläutert Meyre. „Wir wollen unseren Führungskräften vermitteln, was sie können müssen, aber auch nachhaltig eine Lernkultur verankern, an der alle Mitarbeiter teilhaben.“ Und auch hier zeigt sich die Agilität des Göttinger Unternehmens. Sofort mit dem Beginn der Pandemie wurde auf die sich ändernden Führungsaufgaben reagiert. „Wir haben umgehend ein Modul entwickelt, das Führen auf Distanz thematisiert, aber auch aufzeigt, wie man in der Produktion vor Ort sein Team gesund durch den Tag bringt.“Refratechnik tut also einiges dafür, sich den Ruf als agilster, flexibelster und zuverlässigster Partner der Zementindustrie – und damit das Gewicht in der Branche – zu erhalten. Da gerade auch der Standort ein wichtiger Baustein in der Unternehmensstrategie ist, werden wohl noch viele Jahre zur Firmengeschichte in Göttingen hinzukommen. ƒ