©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Evotec in Göttingen schreibt eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte: In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Mitarbeiterzahl verdoppelt. Durch umfassende Datenanalyse erfasst das Forschungsunternehmen Krankheiten, um so direkt an ihren Ursachen anzusetzen und präziser wirkende Arzneimittel zu ermöglichen.

Erfolgreiches Wachstum 

Im Göttinger Science Park im Nordwesten der Stadt wird kontinuierlich gebaut. Insbesondere der ,Manfred Eigen Campus‘ – das Evotec-Areal – hat sich sehr gut entwickelt. Inzwischen ist das Forschungsunternehmen im Pharmabereich auf drei Gebäude verteilt, offene Stellen gibt es immer. Von den über 4.000 Mitarbeitern weltweit sitzen etwa 330 in Göttingen – vor zwei Jahren waren es noch die Hälfte, Ende 2010 gerade einmal 25. In dem global rasant wachsenden Evotec-Konzern entwickelt sich der Standort überdurchschnittlich gut, und mit der Wirtschaftsförderung der Stadt laufen bereits Gespräche über ein weiteres neues Areal. Derweil mussten sogar schon zusätzliche Flächen angemietet werden, um das Mitarbeiterwachstum auffangen zu können. „Bei uns arbeiten viele junge Leute – unser Altersdurchschnitt liegt bei 35 – und damit haben wir eine sehr hohe interne Dynamik“, sagt Standortleiter Uwe Andag. „Die wollen alle etwas erreichen.“

Das Geheimrezept für das starke Wachstum ist die Kombination aus bioinformatischer Datenanalyse und Medikamentenforschung, mit der Evotec dazu beitragen will, präziser wirkende Medikamente zu entwickeln. „Etwa 90 Prozent aller Therapien wirken nur bei etwa der Hälfte der Patienten“, erklärt Andag. „Ein Grund hierfür ist, dass Krankheitsbilder in der Vergangenheit symptomatisch beschrieben wurden und daher auch Medikamente entwickelt wurden, die in erster Linie zur Linderung der Symptome beitragen. Einen wichtigen Schritt vorwärts sieht Evotec hier in der Datenanalyse. Mehrere Milliarden anonymisierte Datenpunkte von gegenwärtig rund 15.000 Patienten werden dafür genutzt. Gewebe-, Blut- und Urinproben wurden analysiert und in die unternehmenseigene Datenbank aufgenommen, die ständig weiterwächst. Zur Analyse dieser Daten entwickelt Evotec unter anderem eigene Softwaretools, die künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen einsetzen. Die Patientenproben stammen von verschiedenen klinischen Partnern aus Großbritannien und Deutschland. Die klinischen Partner erhalten ihrerseits wiederum die Rohdaten aus der Analyse der von ihnen zur Verfügung gestellten Proben von Evotec zurückgespielt, um damit eigene Grundlagenforschung zu betreiben.

Neue Ansätze der Symptomerfassung 

„Unser Ansatz geht auf den Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen und dessen Leitmotiv zurück: In der Biologie ist die reine Theorie – ohne experimentelle Ergebnisse – eine schlechte Theorie“, erzählt Andag. Durch die Datenanalyse versucht Evotec, Krankheitsbilder auf der Grundlage biologischer Prozesse anstelle von Symptomen zu erfassen, um so direkt an ihren Ursachen ansetzen zu können. Kennt man die Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass ein Patient erkrankt oder dass eine Therapie nicht anschlägt, lassen sich viel gezieltere Behandlungsansätze entwickeln.

Ein gutes Praxisbeispiel kommt aus der Nierenforschung. Bereits die Auswertung der ersten Patientenkohorte auf Evotecs Plattform ergab bei 4.000 PatienI ten mehr als 100 verschiedene Einzeldiagnosen, also viele verschiedene Gründe für Nierenerkrankungen und damit auch mögliche Gründe dafür, warum die eine oder andere Therapie nicht wirkt. „Wir müssen viele Krankheiten vollkommen neu definieren“, erklärt der Standortleiter. „Die technische Möglichkeit, große Mengen Patientenmaterial sowohl in der Breite als auch in der Tiefe zu analysieren und für datengetriebene Forschung zu öffnen, ermöglicht uns einen grundlegend neuen Zugang zu vielen Erkrankungen.“ Das sei eine große Herausforderung, aber man habe inzwischen sehr gute Ergebnisse und könne bei bestimmten Nierenerkrankungen allein durch die Blutanalyse bestimmen, welches Krankheitsbild bei einem Patienten von welcher Grunderkrankung abhängt, und Patienten so zu einheitlichen Behandlungsgruppen zusammenfassen.

Die Möglichkeiten der Analyse hören allerdings nicht bei der Unterscheidung von krank und gesund auf. Gerade Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 haben häufig einen jahrzehntelangen Vorlauf. Es mag mit Müdigkeit, Durstgefühl, Gewichtsveränderungen anfangen, irgendwann kommt vielleicht Bluthochdruck dazu und dann erst wird Diabetes diagnostiziert. Organe wie Augen oder Nieren sind zu diesem Zeitpunkt aber bereits geschädigt. „Wir gucken uns auch dieses Entwicklungskontinuum an, um so früh wie möglich mit dem richtigen therapeutischen Ansatz intervenieren zu können“, so Andag. Letztendlich werde damit nicht nur die Therapie personalisierter, sondern auch bereits die Diagnose, die auf einem differenzierteren Verständnis der individuellen Krankheit basiert.

Göttingen als Innovationszentrum

Im Evotec-Konzern sind auf einer ,multimodalen Plattform‘ alle aktuell verfügbaren Technologien zur Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente vereint – dennoch gibt es eine klare Spezialisierung der Standorte: In Göttingen konzentriert man sich vor allem auf Stoffwechselerkrankungen und ihre medikamentöse Behandlung, es wird aber auch an Zelltherapie-Ansätzen gearbeitet. So ist eines der Ziele, für Typ-1-Diabetiker, die unter anderem genetisch bedingt keine eigenen insulinproduzierenden Zellen mehr haben, genau diese Zellen zu züchten und sie den Diabetikern einzusetzen, um künftig mehrfach tägliche Insulininjektionen zu ersetzen.

Den Göttinger Standort zeichnet vor allem der bioinformatische Ansatz aus, der mittels künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen neue Behandlungsstrategien sowie diagnostische Ansätze identifiziert. Die hier entwickelten Softwareplattformen lassen sich auch für viele andere Krankheiten einsetzen.

Der Standort im Evotec-Konzern ist zudem ein großes Innovationszentrum. Etwa die Hälfte der Aktivitäten vor Ort finden in der unternehmenseigenen Forschung und Entwicklung statt, während die andere Hälfte gemeinsame Projekte mit Pharma- und Biotechpartnern sind. Das Ziel sind integrierte, langfristige Partnerschaften von der Idee bis zum kommerziellen Medikament. Gemeinsam mit Partnern wird zum Beispiel mit induzierten pluripotenten Stammzellen geforscht, es werden Screenings durchgeführt, Daten ermittelt und abgeglichen. Ist ein vielversprechender Ansatz gefunden, wird an der Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung gearbeitet. Diese kann – in der Regel nach einigen Jahren – in die Phase der klinischen Studien übergehen. Bei diesen übernimmt oft der Partner die Regie – und die Finanzierung. So reduziert Evotec einerseits ihr Risiko, denn die klinischen Phasen sind teuer und für das Einzelprojekt mit einem hohen Risiko behaftet. Wird ein Medikament tatsächlich zugelassen, winkt für Evotec eine Umsatzbeteiligung. Andererseits erhöht das Unternehmen so seine Erfolgschancen, da so mit vielen Partnern zeitgleich an zahlreichen Projekten geforscht werden kann. Im Bereich der Nierenerkrankungen wird derzeit beispielsweise mit vier verschiedenen Pharmaunternehmen strategisch zusammengearbeitet – konzernweit ist Evotec direkt am Erfolg von über 130 Wirkstoffforschungs- und entwicklungsprojekten beteiligt. Weiteres Potenzial schlummert in Beteiligungen an inzwischen mehr als 20 Biotechnologie-Start-ups.

Evotec profitierte auch davon, dass es sich für viele Pharmaunternehmen nicht lohnt, umfangreiche eigene Datenbanken und Softwarelösungen aufzubauen – auch der Bereich der internen Forschung insgesamt wird dort zurückgefahren, sodass es mehr und mehr Auftragsentwicklungen gibt. Die Branche verzeichnet seit Jahrzehnten steigende Entwicklungskosten bei abnehmenden Gewinnspitzen. Das Unternehmen selbst hat sich inzwischen zu einer Art pharmazeutischem Full-Service-Unternehmen entwickelt, das sowohl in der ganz frühen Forschung und Entwicklung tätig ist als auch innovative neue Herstellungstechnologien entwickelt. Damit ist ein einzigartiges Portfolio entstanden.

Aufstieg in die Champions League 

Die Erfolgsquoten in der Medikamentenentwicklung liegen allerdings bei nur zwei bis drei Prozent, die Entwicklungszeiten sind mit bis zu 15 Jahren sehr lang. Entsprechend verfolgt Evotec zwar einen sehr spannenden Ansatz, einen marktzugelassenen Entwicklungserfolg gibt es jedoch noch nicht. „Viele Medikamente, an denen wir beteiligt sind, sind noch in der späten präklinischen und klinischen Entwicklung“, sagt Uwe Andag. „Aber mit unserem datenbasierten Ansatz wollen wir auch dazu beitragen, die Ausfallrate klinischer Studien erheblich zu reduzieren. Wir haben über 130 Programme auf den Weg gebracht und sind sehr zuversichtlich, dass mehr als eines davon am Markt landen wird.“

An seiner Arbeit begeistert Andag vieles. „Am meisten Spaß macht mir, diesen ganzen Prozess von der anfänglichen Idee bis zur klinischen Testphase mit unserem Team gestalten und erleben zu können. Hier hat jeder innovative Ideen und will sich einbringen.“ Zudem hat Evotec durch das Wachstum sowie den innovativen Datenanalyseansatz heute eine ganz andere Sichtbarkeit. Vor zehn Jahren musste sich der Göttinger Standort sehr stark um Kunden bemühen. Es gab fast nur interne Forschung. „Inzwischen hat Evotec einen Namen, und wir können uns vor Aufträgen fast nicht retten. Wir spielen mittlerweile in der Champions League.“ ƒ