©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Bereit für eine Reise auf Papier? Wer sich in die Welten des Grafikers Uwe Brandi vertiefen möchte, muss Lust haben, mit den Augen auf Entdeckungstour zu gehen – braucht Neugierde und Humor und sollte als wichtiges Reiseutensil eine Lupe bereithalten. Sonst können die kleinsten Striche, Schraffierungen und Buchstaben seiner Werke entgehen.

Die besondere Art des Zeichnens 

Die Welten, die der 1942 in Göttingen geborene Uwe Brandi auf großflächiges Papier bannt, erinnern ein wenig an Suchbilder. Sie überwältigen mit ihrer Detailfülle – ganz gleich, ob es Häuserzeilen, Straßenkreuzungen, Brücken, Mauern, fantastische Maschinen oder Schriftblöcke sind. Das Auge muss sich vertiefen, um alles zu erfassen. Manchmal zeigt die Bildwelt auch das Körperinnere, Organe wie Herz oder Darm. Den Menschen reduziert Brandi in seinen Zeichnungen hingegen zum Strichmännchen, legt ihm mit Comic-Sprechblasen Sprüche und Zitate in den Mund. Meist in großen Gruppen umringen sie ihre Bauten und die Fantasieschöpfungen des Künstlers. Brandi stellt sie einander gleich: Er selbst taucht als Strichmännchen auf, ebenso Nobelpreisträger oder andere Berühmtheiten. Zu ernst nehmen darf sich in seinen Bildern niemand. „So klein wie ich zeichne, so wichtig nehme ich mich“, sagt der 79-Jährige feststellend.

Seine Grafiken seien eine „Art Collage-Technik“. Vom Aufbau erinnern sie teils an Gemälde wie die von Hieronymus Bosch im 15. Jahrhundert, auf denen sich zahl­lose Frauen wie Männer, Fabelwesen und Getier tummelten. Bilder, die gleichsam eine Geschichte erzählten. Das möchte auch Brandi mit seiner Kunst. Wobei ihm der Bildhauer Gerhard Marcks in seiner Jugend dringend davon abriet: Das solle der Maler Schriftstellern überlassen. Brandi sah das anders. Waren nicht auch ­Altar-Bilder Erzählungen der Bibel? Von ungefähr kommt die Verwandtschaft seiner Zeichnungen mit Tafelbildern daher nicht. Sie messen denn auch für Grafiken seltene Größen, umfassen schon einmal mehr als zwei Meter. In seinem Werk finden sich außerdem Anklänge an historische Kupferstiche, an Veduten mit ihren Stadt- und Landschaftspanoramen, an Fantastisches des Surrealismus und an die Bildsprache der Comics. Wobei all dies der Künstler zu seiner eigenen Sprache verarbeitet, nicht kopiert, sondern etwas Neues schafft – Brandis ganz eigene Welt. Seine Grafiken hängen in Privathäusern, Büros, Firmensitzen und wurden in zahlreichen Zeitungen und Magazinen gedruckt. Besonders häufig hängen sie ­sicherlich in Göttingen, wo viele Brandi kennen und die Architektenfamilie, aus der er stammt.

Versinken in eigenen Welten 

Seine Welt bannt der Künstler heute in seinem Einzimmeratelier im Schweizer Tessin auf schweres Zeichenpapier. „Ich bin ein Pingel, ich arbeite mit Lupe“, bemerkt er humorvoll über sich selbst. So setzt der Künstler zur Arbeit eine Kopfband-Lupe auf, klappt das Visier vor seine zierliche schwarze Brille: Dank der Vergrößerung kann Brandi zarteste Striche gut erkennen. Auch Punkte seien kleinste Striche, bemerkt er. Brandi nimmt dann seinen Rapidografen – einen technischen Tuschestift mit extrem dünner Metallspitze – in seine recht großen Hände und beginnt. Im Radio spielt dabei fast immer Kammermusik. „Was ich mache, das ist auch Kammermusik – mit ganz wenig Mitteln ganz viel erreichen“, betont Brandi und lächelt. Malerei hingegen sei für ihn ein Orchester, eine Symphonie in Farben.

Wer Brandi zuhört, hat den Eindruck, als sei das Zeichnen kleinster Dinge für ihn quasi eine Meditation. Ein Versenken, das Stunden, Tage, Wochen, sogar Jahre anhalten kann. Das ihn weit weg von dem Raum führt, der ihn umgibt, von dem großen Zeichentisch, auf dem Notizblöcke liegen, den Familienfotografien und Zeichnungen an der Wand hinter ihm. Hinweg über den Schweizer Ort Tegna, den Fluss Maggia, über Täler, Schluchten und die hoch aufragenden Gebirge.

Göttinger Wurzeln

So reiste er als 70-Jähriger zurück in die Stadt seiner Kindheit, die er nach dem Abitur verließ: Göttingen. Anlass war eine Auftragsarbeit einer Steuerberatungsgesellschaft für ein Stadtpanorama, das er 2015 vollendete. „Ich habe die Stadt erst durch diesen Auftrag richtig kennengelernt“, erzählt Brandi. Zuerst habe er Fotografien der Gebäude aufgenommen, dann zur Stadtgeschichte recherchiert. Wobei ihn die Historie mehr gefesselt habe als die Gebäude – ganz besonders die Geschichte der mutigen Göttinger Sieben, Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung im Königreich Hannover protestierten. Brandi zeichnete aber auch die Schattenseiten Göttingens, so die Rolle der Stadt im ­Nationalsozialismus, dargestellt als grauer Vorhang.

Wer genau hinschaut, entdeckt im Bild auch Brandis Familiengeschichte: seinen Vater Diez Brandi und seinen Bruder Jochen Brandi als Strichmännchen. Beides Architekten, die Göttingen prägten. Jochen Brandi steht vor der Lokhalle, die er einst für das Kulturleben rettet. Der Vater vor der von ihm in den 1960er-Jahren entworfenen Stephanuskirche mit dem hohen Glockenturm. Heute lebt von seiner Familie nur noch Bruder Hinnerk in der Stadt.

„Diese zu verlassen, ist eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben gewesen“, sagt Brandi rück­blickend. Nicht im Zorn habe er die Stadt verlassen, sondern um sich selbst zu finden. Uwe Brandi erzählt von einer wechselvollen Jugend. Vom frühen Tod dreier seiner Geschwister und dem Aufwachsen mit seinen drei weiteren Brüdern. Von Stunden der Freiheit, weil keiner auf ihn achtete. Von seiner Mutter Antje Brandi, die ihre Sorgen im Garten vergrub. Er berichtet von seinen Schwierigkeiten in der Schule, vor allem mit der Rechtschreibung, und davon, wie er zweimal sitzen blieb. Energie habe er hingegen ins Schwimmen gesteckt, von einer Sportlerkarriere geträumt – und von Mädchen.

Der Weg zur Kunst

Brandi zeichnete gern und talentiert wie sein Vater und seine beiden älteren Brüder. Von einer USA-Reise brachte ihm sein Bruder Jochen 1952 ein Buch des ­rumänisch-amerikanischen Zeichners und Karikaturisten Saul Steinberg mit. „Als junger Mann begeisterten mich dessen beißender Humor und seine Zeichenkunst“, sagt Brandi. Eine Klassenreise nach Florenz machte ihm noch mehr deutlich, wofür sein Herz schlägt: Er sah die Veduten von Giovanni Battista Piranesi, einem italienischen Kupferstecher des 18. Jahrhunderts. „Danach habe ich mit dem Schwimmtraining aufgehört und beschlossen, nur noch zu zeichnen. Ich bin dabei geblieben.“

» Ich habe mir dabei gedacht, dass man sich etwas dabei denken soll. «

Der Weg von Göttingen führte ihn aber nicht direkt zur Kunstakademie. Brandi absolvierte zunächst eine kaufmännische Ausbildung bei Kaufhof – zur Sicherheit, sollte ihn die künstlerische Muse später einmal verlassen. Im Jahr der Studentenproteste 1968 begann er dann an den Kölner Werkschulen, wo er seiner Leidenschaft folgte und sich in die Grafik vertiefte. Damals bereits zeichnete er mit Lupe, zur Verwunderung mancher. Ein Studien­freund habe zu ihm gesagt: „Uwe, du musst weiter weg gehen.“ Auch später habe er sich nicht verunsichern lassen, sei seinem Stil treu geblieben. Ein Redakteur des Magazins Spiegel habe nach mehreren gedruckten Titeln gesagt: „Wir können doch keine Lupe beilegen, malen Sie größer!“ Er habe geantwortet: „Dann ist es kein echter Brandi mehr.“

1971 folgte die zweite große Lebensentscheidung. Brandi kaufte mit seiner Frau Mati ein Haus der Jahrhundertwende in Polch in der Eifel. Weg von Köln, weit entfernt von der Kunstszene konzentrierte sich Brandi ganz auf das Zeichnen. Hier wuchs sein Sohn Jesko auf. „Das Haus war wie eine Festung“, bemerkt der Künstler. Ein Foto als Beilage zu einem Kunstkatalog zeigt Brandi kurz nach dem Umzug auf dem Balkon: Groß, schlank, in Jeans und Wollpullover, hält er in der linken Hand einen Metallkäfig in die Höhe, darin eine selbst gebastelte Maschine. ,Radierer und Maschinenbauer‘ steht unter der Aufnahme. Brandis gezeichnete Fantasien aus den 1970er-Jahren füllen einen schmalen Katalog: Sie reichen von der Nullwegmaschine zur Pingelmaschine, haben Beine, Krallen, Greifer und werden von Zahnrädern angetrieben. Im Nachwort wird Brandi zum Sinn seiner Kreationen zitiert: „Ich habe mir dabei gedacht, dass man sich etwas dabei denken soll.“

Brandis Lebenswerk 

Zum Nachdenken will Brandi mit all den Zeichnungen bis heute anregen. Manche entstehen nach jahrelangem Ringen, wie das Bild einer Blase, das unvollendet 15 Jahre an seiner Atelierwand hing. Polch hat der Künstler nach vierzig Jahren verlassen. Seine Frau starb 2014 wenige Wochen nach einer schweren Krankheit. Brandi zog in die Schweiz und fand in Myrtha, einer Freundin der Familie, eine neue Partnerin. Seine kurzen Haare und der Bart sind mittlerweile weiß. Eines treibt den Grafiker um: Was passiert später mit seinen Werken? „Fällt das alles in den Schredder?“, fragt sich Brandi. Eine bisherige Leerstelle, die auf Antwort drängt. Zwar war der Künstler stets gefragt, eine große Werkschau fehlt jedoch.

Seiner Freude am Schaffen seiner Welten tut das keinen Abbruch, die Augen versagen nicht ihren Dienst. Brandi arbeitet unverdrossen an seinem, wie er es nennt, „endgültigen Lebenswerk“. In einem ungewöhnlichen Format von zehn Zentimeter Höhe, jeder Bogen einen Meter lang. Aktuell sei er bei 19 Metern angelangt, 30 sollen es mal werden. Die Betrachter müssten es später wie einen Film ansehen. Was sie er­blicken werden? Brandi verrät es nicht. Nur eines ist ­sicher: Es wird seine Welt zeigen – witzig, irritierend, nachdenklich stimmend. Der Künstler blickt zufrieden auf sein Schweizer Leben: „Im Tessin ist es traumhaft. Ich brauche gar nicht mehr zu sterben, ich bin jetzt schon im Paradies.“ ƒ