©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Göttingen hat eine neue Oberbürgermeisterin. faktor traf Petra Broistedt kurz vor ihrem Amtsantritt am 1. November und machte sich ein persönliches Bild von der 57-Jährigen, die nicht nur beim Laufen in ihrer Freizeit gern die Zähne zusammenbeißt.

Neue Herausforderungen 

„Wie wenig sie sich verändert hat“, denke ich, als Petra Broistedt die Tür zu ihrem Büro öffnet: Derselbe kurze Haarschnitt, zurückhaltendes Make-up, sportlich-schicke Jacke und schwarze Stiefel. Mehr als zehn Jahre liegt unser letztes Treffen zurück. Sie war vier Jahre die persönliche Referentin meines Vaters, damals Landrat in Holzminden. Doch um alte Erinnerungen aufzufrischen, bleibt bei unserem Zusammentreffen im Neuen Rathaus wenig Zeit. In 80 Minuten wartet ihr Anschlusstermin.

„Ich bin Langläuferin, ich laufe gern lang – das bedeutet, Zähne zusammenbeißen und durch“, sagt Petra Broistedt. Laufen sei für sie sehr anstrengend, ja sogar schmerzhaft. „Aber wenn ich wieder zu Hause bin, geht es mir so gut.“ Vielleicht erklärt dies, warum die neue Oberbürgermeisterin von Göttingen sich Herausforderungen zutraut. Schmerzhaftes. Kontroversen.
Gerade kann sie noch Atem holen. Ihre Gedanken sortieren. Ebenso die Akten auf ihrem großen schwarzen Schreibtisch in ihrem Büro als Dezernentin, sechs Tage, bevor sie offiziell ihr neues Amt antritt. Sie kann sich in Ruhe überlegen, ob die selbst gezogenen Kakteen auf dem Fensterbrett in ihren azurblauen Keramiktöpfen mit ins Oberbürgermeisterbüro umziehen dürfen. Die Chancen stehen nicht gut. „Mein Mann hat mir geraten, die Kakteen nicht mitzunehmen. Es sähe sonst aus, als hätte Göttingen eine stachelige Oberbürgermeisterin.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Auch beim Foto ihrer Tochter, aufgenommen während eines Frauen-Hilfsprojekts in Indien, und dem Bild ihres Sohnes überlege sie noch. Wie viel Privates darf, soll sie zeigen? Wie viel verträgt sich mit ihrem Amt, wie viel braucht sie als Halt?

Wer 2021 ein neues Amt übernimmt, weiß, er wird Rückhalt brauchen: Leicht werden die kommenden Jahre nicht. Die Corona-Pandemie ist nicht zu Ende. Die Haushalte der Kommunen können keinen Geldsegen erwarten, im Gegenteil. Politische Mehrheiten zu beschaffen, wird komplizierter. Die Anfeindungen nehmen zu – von hasserfüllten E-Mails bis zu offenen Bedrohungen.

,Göttinger Härtetest‘

Broistedt weiß darum. Sie stand selbst schon mitten im Orkan öffentlicher Kritik: Eine überregionale Zeitung nannte dies im Juni 2020 den ,Göttinger Härtetest‘. Es sollte der erste von zweien in kurzer Folge sein: Im Iduna-Zentrum, dem verwohnten und in die Jahre gekommenen Hochhaus mit mehr als 400 Apartments, häuften sich die Corona-Infektionen. Manche der Betroffenen hatten kaum Symptome, verstanden nicht, warum sie sich testen sollten, ihre Wohnung nicht verlassen. Kurz darauf der nächste Corona-Ausbruch in einem weiteren maroden Wohnblock. Noch mehr Menschen auf engstem Raum, noch größere Sprachprobleme. Wieder ein ungepflegtes Umfeld, Drogen- und Alkohol­probleme. Als Polizei und Ordnungsamt den Block für die Quarantäne absperrten, eskalierte die Lage: Bewohner warfen mit Metallstangen, Pflastersteinen und einigem mehr nach den Polizeikräften. Broistedt als Leiterin des Krisenstabs blickte angespannt in die für sie noch un­gewohnten Fernsehkameras und erklärte die Lage. Sie wirkte so, als würde sie die Probleme in Abschnitte zerlegen wie ein Läufer, der sich den Weg in Etappen einteilt: Tests ankündigen, Sanktionen für Uneinsichtige verkünden, Mahlzeiten und Medikamente organisieren.

» So­ziale Gerechtigkeit ist das Thema meines Lebens – so habe ich den Eindruck.«

Wie es ihr in der Zeit ging? Beschimpfungs-E-Mails habe es natürlich gegeben. „Das muss man aushalten können“, sagt die 57-Jährige. Es helfe, dass solche Entscheidungen nie allein getroffen würden. Der Krisenstab habe mit seinen vielen Fachdisziplinen zig Aspekte ab­gewogen. Broistedt kannte die Probleme als Dezernentin. Sie trafen im Härtetest quasi alle zusammen: Menschen
mit Zuwanderungsgeschichte, Kinderarmut, ein mehr als angespannter Wohnungsmarkt und die Pandemie. „So­ziale Gerechtigkeit ist das Thema meines Lebens – so habe ich den Eindruck“, sagt sie feststellend.

Lebensthema: Soziales Engagement 

1964 kam Broistedt in Uelzen zur Welt. Als sie drei Jahre alt war, zogen die Eltern mit ihr nach Wolfenbüttel, einer mittelgroßen Stadt mit Fachwerkbauten, kleinen Gassen und Grachten. Ihre Familie habe am Rande gewohnt, fern dieser Idylle und der weltberühmten Herzog-­August-Bibliothek mit ihren wertvollen Handschriften. Sie beschreibt die gesellschaftliche Kluft auf dem Gymnasium im Schloss, der ehemaligen herzoglichen Residenz. Da habe man ihr als einzigem Kind ohne Eltern mit akademischem Abschluss gesagt: „Setzt dich mal in die letzte Reihe. Dein Vater ist Verkäufer, das wird hier sowieso nicht klappen.“

So wollte sie denn auch nach der zehnten Klasse aufhören und Industriekauffrau werden. Eine Woche, bevor sie die Ausbildungsstelle antreten sollte, traf sie in der Disco eine zukünftige Kollegin. Die habe zu ihr gesagt: „Du musst lackierte Fingernägel haben und du darfst nur einen Rock tragen.“ – „Wie bitte? Nein, da gehst du doch lieber zur Schule“, habe sie sich gedacht. Die Zurücksetzung auf dem Gymnasium hat sie ehrgeizig werden lassen. „Ich zeig’ es denen“, beschloss Broistedt und legte ein gutes Abitur ab.

Den eigenen Weg zu finden, sei dennoch auch weiterhin nicht leicht gewesen. Das von den Eltern erhoffte Architekturstudium brach sie nach nur einem Semester ab. Mit 600 Studierenden in einem Hörsaal habe sie sich total verloren gefühlt. Stattdessen füllte die Anfang-20-Jährige nun Dosenwurst und Rasierschaum ab. Mit einem Aushilfsjob in Neuerkerode, einer Behinderten­einrichtung nahe Wolfenbüttel, kam dann die Wende. „Das war der erste Job, bei dem ich dachte: ‚Das macht Sinn‘“, erzählt Broistedt, die damit an die Familien­geschichte anknüpfte: Ihr Urgroßvater, Pfarrer Wilhelm Broistedt, war bis zu seinem Tod 1915 im Ersten Weltkrieg Direktor der ,Neuerkeröder Anstalten‘. Sie blieb und fühlte sich ermutigt, an der Fachhochschule soziale Arbeit zu studieren. Ihr Lebensthema war gefunden: „Kommunikation, Miteinander, auf Menschen zugehen, versuchen, mit Menschen Leben zu gestalten, Leben zu verbessern – das war schon immer mein Interesse.“

Der Weg in die Politik 

Nach dem Abschluss zog die Sozialpädagogin in den Landkreis Holzminden. In der eher stillen Gegend mit kleinen Dörfern, ausgedehnten Wäldern und Höhenzügen wurde sie heimisch. Fand Arbeit in Projekten für Kinder und Jugendliche. Sie heiratete. 1993 und 1995 kamen Tochter und Sohn zur Welt, wuchsen in ihrem Haus in Stadtoldendorf auf, eingebettet zwischen grünen Hügeln und Wiesen. Auch damals schon erholte sich Broistedt beim Laufen von ihrer neuen Aufgabe: Sie war aus der sozialen Arbeit als erste Frauenbeauftragte zum Landkreis Holzminden gewechselt. Erstmals in einer Verwaltung, erstmals im Austausch mit der Politik. „Mich reizen immer ­Aufgaben, die neu sind, wo ich selber etwas lernen und wo ich was gestalten kann“, antwortet sie auf die Frage, warum es zu dem Wechsel kam. Ihr Lebensthema habe sie weiterhin begleitet: Die Gleichberechtigung der Geschlechter als Frauenbeauftragte und der demografische Wandel im ländlichen Raum als persönliche Referentin des Holzmindener Landrats.

Mehr Verantwortung und eine Führungsposition ließen sie dann 2008, nach mehr als 13 Jahren, das Sichere, das Heimische verlassen. Die damals 44-Jährige wurde stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Jugend der Stadt Göttingen. Pendelte eine Stunde in „die große Stadt“. Ungewohnt. Unbequem. „Ich bin daran gewachsen“, sagt sie im Rückblick. Aber es war eine der wichtigsten Lebensentscheidungen, wie sie meint. „Das hat mir Mut gemacht, mich 2013 weiterzubewerben nach Hameln. Am Ende auch dafür, als Oberbürgermeisterin zu kandidieren.“

Nun ist sie angelangt. Die letzten Tage in ihrem Büro hoch über den Dächern der Stadt sind angebrochen, begleitet vom steten Hupen der Autos – wegen der Corona-Pandemie sind die Fenster dennoch meist geöffnet. Broistedt nimmt die nächsten Etappen in den Blick. Wenn schweres Geläuf warte? Das sei wie beim Laufen – „einfach durchziehen“. Sie motiviere sich mit dem Schönen danach, einem Kurzurlaub, einem Treffen mit Freunden, einem Essen mit ihrem Mann. Vor allem aber mit dem, was erreicht werden solle. Göttingen brauche 5.000 neue Wohnungen. Weniger soziale Ungerechtigkeiten – das Thema ihres Lebens – stehen vorn auf ihrer Agenda. Der Klimawandel sei das Thema der nächsten Jahrzehnte. Auch die Stadt müsse hier Zeichen setzen, Fotovoltaik nutzen, Energie einsparen, die Verkehrsbetriebe müssen mit einer elektrischen Busflotte fahren, Schnellbusse anbieten. Ihr eigenes Auto habe sie vor zwei Jahren verkauft. Fahrradfahren wolle sie auch als Oberbürgermeisterin.

Zeit zum Joggen hingegen fehle. So nutzt sie jede Chance für Bewegung, nimmt von ihrem Dezernat im siebten Stock die Treppe hinunter ins Erdgeschoss der Göttinger Stadtverwaltung. „Die Fahrstühle brauchen mir zu lange.“ Es geht den Turm hinab auf den Wendungen der Sichtbeton-Treppe. Grau, rau, grob, herb – das Neue Rathaus versprüht spröden Charme. Broistedt kommt dennoch beim Blick aus den Fenstern im Treppenhaus ins Schwärmen. Sie zeigt auf das bunte Laub der Bäume, das in der Abendsonne orange, gelb und ockerfarben leuchtet. Ob sie das Laufen vermisse? „Das ist schade, dafür habe ich aber einen tollen Job.“ ƒ