©Laura Finke
Text von: Kilian Bizer

Kilian Bizer, Professor für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung an der Universität Göttingen, über die Notwendigkeit, alte Muster über Bord zu werfen, die Aussicht auf einen tief greifenden Wandel und den ,großen Wumms‘

„Nichts ist mehr, wie es vorher war“ höre und lese ich in den vergangenen Wochen immer wieder. Ob es um Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit geht oder um Homeoffice, ob es die Wertschätzung von schlecht bezahlten Tätigkeiten wie bei Kassierern in Supermärkten, Krankenpflegern, Busfahrern oder Polizisten betrifft – immer kommt die Aussage, dass alles anders ist. Aber ist ein tief greifender und nachhaltiger Wandel wahrscheinlich?

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen: Tatsächlich haben wir schnell gelernt, wie man soziale Distanz hält, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Wir gewöhnen uns an Gesichtsmasken und halten – ganz überwiegend – Abstand beim Einkaufen. Wir haben verstanden, dass es nicht um uns geht, sondern um Risikogruppen, und sind wachsam geworden, wer alles dazugehört. Das reicht bis in unsere Arbeitsstätten. Mein eigener Arbeitgeber arbeitet fast ausschließlich vom Homeoffice aus, und ich kenne viele kleine und mittelständische Betriebe, die ihre Abläufe umgestellt haben, um möglichst wenige Personen gleichzeitig an einem Ort zu beschäftigen. Das reicht bis hin zum Schichtbetrieb. Aber bleibt das so, wenn ein Impfstoff gefunden ist und alle Impfwilligen erreicht hat?

Soziale Distanz ist nichts, was wir genießen. Im Gegenteil, häufig fällt sie schwer, und zuweilen vergessen wir sie schlicht. Wenn mein erwachsender Sohn zu Besuch kommt, umarme ich ihn erst – und erinnere mich dann daran, dass ich das besser sein lassen sollte. Menschen, die uns nahe stehen, wollen wir näher an uns heranlassen als auf 1,5 Meter. Soziale Distanz ist nichts, was wir erhalten wollten, wenn dieser Virus uns nicht mehr bedroht. Aber wird die Wertschätzung für bestimmte Berufe ebenso schnell verschwinden? In den Pflegeberufen ist der Druck für eine bessere Bezahlung so stark geworden, weil der Mangel an Fachpersonal so eklatant ist. Aber eine deutlich höhere Entlohnung wird ein langsamer Anpassungsprozess sein, von dem andere Berufe kaum profitieren. Was in den Pflegeberufen jetzt möglich scheint, scheint mir für Kassierer in Supermärkten immer noch in weiter Ferne zu liegen.Verändert haben sich auch die Kommunikationsmuster in der Wirtschaft: Videokonferenzen können jetzt auch die, die vorher dachten, man bräuchte dafür eine Videokamera. Und alle haben gemerkt, dass man die Videokonferenz auch vom Smartphone oder dem Tablet, im Zweifel sogar vom heimischen Fernseher aus begleiten kann. Und Videokonferenzen müssen besser organisiert sein als Face-to-face-Treffen. Dafür verlaufen sie zügiger. Allerdings bleibt der Austausch oberflächlicher. So werden wir in Zukunft vielleicht häufiger auf Reisen verzichten können, aber wir können nicht ohne sie auskommen.

Wenn das Homeoffice zur einzigen Arbeitsstätte wird, dann merken wir schnell, wie schön es ist, aus den eigenen vier Wänden herauszukommen und auf dem Weg zur Arbeit frische Luft zu schnappen. Wir träumen von der Kaffeemaschine im Büro – und dem Schwätzchen, das sich meist daneben ergibt. Deswegen bleibt am Ende der Corona-Zeit vom Homeoffice, dass man ein oder zwei Tage pro Woche mal von daheim aus arbeitet, um Arbeiten erledigt zu bekommen, für die man sich ungestört zurückziehen muss. Und ich denke, dass Coworkingspaces eine echte Alternative sein werden, um gleichzeitig eine Infrastruktur zu haben, die diese Konzentration auch unterstützt. Insofern erwarte ich, dass wir in Südniedersachsen immer mehr von Unternehmen unterstützte Coworkingspaces sehen, um den Fachkräften ein flexibleres Arbeiten zwischen Home- und Coworking und Unternehmen zu ermöglichen.

In den kleinen und mittleren Unternehmen in der Region herrscht Krisenstimmung: Keiner weiß so recht, wie schnell sich die private Nachfrage erholen wird, wenn Nachrichten um Entlassungen oder – wie bei dem Automobilzulieferer Conti – über den Wegfall von Jobgarantien die Runde machen. Gründungen – nicht zuletzt im Handwerk – fallen weg, Insolvenzen nehmen zu. Jeder hat den Einbruch bei den Exporten um etwa ein Drittel vor Augen. Und besorgt blicken wir in die USA und fragen uns, wann von dort wieder positive Effekte für die Weltwirtschaft ausgehen. Dabei gibt es durchaus auch positive Signale wie das Konjunkturpaket der Bundesregierung – „der große Wumms“ – in Höhe von 130 Milliarden Euro oder auch die Schnelligkeit der landeseigenen NBank, zu Beginn der Krise Soforthilfen auf den Weg zu bringen. Dennoch dominiert die Unsicherheit in der aktuellen Lage, und das verhindert große Sprünge. Verhelfen uns drei Prozentpunkte weniger bei der Mehrwertsteuer zu einer Ausweitung der privaten Nachfrage, wenn gleichzeitig die Arbeitsplatzsorgen zunehmen? Schaffen das 300 Euro Familienbonus?

Unsicherheit besteht auch in Unternehmen in Bezug auf Innovationsprozesse. Das gilt insbesondere für die Innovationen, die auf Erfahrungswissen und implizitem Wissen basieren, weil dieses Wissen nicht einfach in Videokonferenzen weitergegeben werden kann. Die unternehmenseigenen Innovationen muss man aber in jeder Krise weiterverfolgen, um gestärkt daraus hervorzugehen. Das gilt für die Corona-Krise um so mehr, weil ihr Ende noch weniger vorherzusehen ist als bei ,einfachen‘ Wirtschaftskrisen, denn das Virus agiert global und kann schnell Überraschungen hervorbringen.

Aber unsere Unternehmen müssen noch über einen weiteren Impuls dieser Krise nachdenken: Selten sind globale Wertschöpfungsketten mit so großer Wucht betroffen gewesen. Bisher galt, dass man auf der Suche nach Kostensenkungspotenzialen immer fast alle Optionen gezogen hat. Die Krise hat gezeigt, dass dadurch die Verletzlichkeit massiv ansteigt. Bei funktionierenden Transportwegen spielt das erst einmal keine Rolle, weil man ja auch auf alle anderen Anbieter weltweit umsteigen konnte. Werden diese Ketten aber unterbrochen, weil plötzlich Landesgrenzen geschlossen werden, dann muss die eigene Produktion stillstehen, weil vielleicht ein kleines Bauteil fehlt, das nicht mehr über die Grenzen kommt. In der Risikobetrachtung des eigenen Unternehmens ist folglich die Effizienz gegen die Resilienz abzuwägen. Und dieses Kalkül hat sich durch Corona zumindest kurzfristig verändert.

Krisen können dazu dienen, aus der eigenen Behäbigkeit herauszufinden und mit neuen Impulsen vieles besser zu machen und manches auch sein zu lassen. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind wahre Meister dieser Agilität und müssen sich jetzt genau darin wieder bewähren.

Über den Autor:

Kilian Bizer hat seit 2004 die Professur für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsforschung an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen inne und ist seit 2005 Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (ifh Göttingen) an der Universität. Darüber hinaus führt Bizer regelmäßig Forschungsprojekte für Bundes- und Landesministerien in den Bereichen der Innovationsforschung, Nachhaltigkeitsökonomik und auch der regionalen Entwicklung durch und beschäftigt sich intensiv mit Fragen der wissenschaftlichen Politikberatung in inter- und transdisziplinären Kontexten.