© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Carolin Schäufele

Dort, wo vor 30 Jahren bewaffnete Grenzposten entlang des Todesstreifens ihre Runden drehten, wird in diesem Jahr der friedlichen Revolutionen und dem Ende der SED-Diktatur gedacht. Ein Besuch im Grenzlandmuseum Eichsfeld

» Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen. «
Hans-Dietrich Genscher (*1927  –  † 2016)

In dieser Nacht habe auch ich vor dem Fern­seher gesessen und die Ereignisse in den Nachrichten verfolgt. Da war noch überhaupt nicht absehbar, was passiert“, erzählt Paul Schneegans. „Schabowski erklärte, dass es Lockerungen bei den Reisebestimmungen geben soll. Ich bin ins Bett gegangen. Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit gefahren bin, wusste ich gar nicht, wie mir geschieht – überall in Duderstadt Trabbis!“

Schneegans, 1949 in Gerblingerode geboren und aufgewachsen, ­erinnert sich noch ganz genau an das Jahr zurück, als er noch bei der Stadt Duderstadt arbeitete, an das Jahr, in dem die Wende kam. Seine Kindheit verbrachte der heute 70-Jährige, wie er es beschreibt, im Schatten der Grenze. Er war drei Jahre alt, als der erste Zaun errichtet wurde: „Damals hat meine Mutter, die auf unseren Feldern an der Grenze gearbeitet hat, noch mit den Volkspolizisten dort gesprochen – hat auch mal ein Geschenk wie etwa eine Schachtel Zigaretten rübergeworfen“, berichtet Schneegans. Dies tat sie in der Hoffnung, dass die ausgerichteten Grüße an die Verwandtschaft im nahe gelegenen Dorf weitergegeben werden. Mit der Errichtung der Sperrzone war kein Austausch mehr möglich. „Wenn wir unsere Verwandten treffen wollten, mussten wir nach Worbis fahren – in die Sperrzone direkt an der Grenze durfte grundsätzlich niemand.“

Dort, wo vor 30 Jahren bewaffnete Grenzposten entlang des Todesstreifens ihre Runden drehten, wird in diesem Jahr der friedlichen Revolutionen und dem Ende der SED-Diktatur gedacht. Denn in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 um 0.35 Uhr öffnete die DDR den Grenzübergang Duderstadt/Worbis. „Nach der Öffnung herrschte bei allen überschwäng­liche Freude. Die Leute kamen aus dem Osten zu uns rüber – rege Nachfrage bestand natürlich nach Info­mate­rialien wie Stadtprospekten oder Eichsfeldkarten“, erzählt Schneegans. Er selbst war bei der Auszahlung der 100 Mark Begrüßungsgeld beteiligt. „Wir haben elf Tage und elf Nächte einfach durchgearbeitet, haben für Verpflegung gesorgt und die Menschen betreut.“ Viele hatten Sorge, dass sie mit der Ausreise in den Westen nicht mehr nach Hause zurückkonnten. Etwa ein Jahr habe es gedauert, bis sich wieder so etwas wie ein ­Normalzustand eingestellt habe.

Heute informiert an dieser Stelle, an der 1973 der innerdeutsche Grenz­übergang Duderstadt/Worbis für den kleinen Grenzverkehr gebaut wurde, das Grenzland­museum Eichsfeld in den historischen Gebäuden über die deutsch-deutsche Teilung. Schneegans selbst war 1995 an der Gründung des Museums beteiligt.

Gelbe Stoppelfelder, umgeben von satten grünen Wäldern. Die Fahrt nach Teistungen lässt sich idyllisch an. Die Erkenntnis, dass es hier mehr als Landschaft gibt, kommt mit dem Einbiegen auf den Parkplatz. Eine betagte Garage mit Autos aus der DDR sowie ein altes Gebäude der Zollverwaltung mit arglos wirkenden Vorhängen vor den Scheiben haben noch die Ausstrahlung vergangener Tage. „Viele Gäste, die früher in die DDR gereist sind, berichten von Schikanen bei den Grenzkontrollen. Heute können wir genau zuordnen, wo und wie die Pass- und Zollkontrollen stattfanden“, erzählt Mira Keune. Sie ist seit drei Jahren hauptamtliche Geschäftsführerin und Leiterin des Museums. Das Wissen der 38-Jährigen über die deutsch-­deutsche Grenze imponiert.

Die Passkontrolle wurde von Mitarbeitern der Haupt­abteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit durch­geführt. Hier sollten Busreisende auf eine neue Art überprüft werden: „Gründlicher“, erklärt die studierte Historikerin und deutet auf den asphaltierten Bereich vor dem Museum, der heute als Parkplatz dient. „Die Kon­trollen fanden nicht mehr im Bus statt, die Reisenden mussten durch Kontrollschleusen gehen und gelangten dann wieder zum Bus.“ Keune steht vor einem Schalter, dahinter eine Puppe, die mit monotonem Tonfall zur Vorlage der Reisedokumente auffordert, ähnlich unfreundlich wie vor 30 Jahren. Der Besucher muss den Blick heben, um den Beamten anzuschauen. „Hier hat niemand mit der Grenzöffnung gerechnet – das sieht man auch daran, dass Ende der 1980er-Jahre noch neue Gebäude errichtet und neue Kontrolltechniken angewendet wurden.“

,Grenzen spiegeln das System‘ – mit diesem Satz betritt der Besucher die Ausstellung und findet sich in einem Kabinett aus Spiegeln wieder. Projektionen der Grenzen in Nord- und Südkorea, Israel und Palästina, USA und Mexiko, Spanien und Afrika gleiten über die glatten Flächen. Ein Landschaftsmodell zeigt die historische Ent­wicklung Deutschlands und des Eichsfelds seit 1945. Originalexponate machen das Leben an der Grenze begreifbar, spürbar, vor allem durch die vielen liebevoll arrangierten Details: Zimmereinrichtungen von Grenzsoldaten zum Beispiel. Äußerlich graue, gleichförmige Monotonie, nur an den Innenseiten der Spindschrank­türen durften private Fotos hängen. Uniformen, Grenz­pfosten, Stacheldraht, eine der gefürchteten Selbstschuss­anlagen, Streckmetallzaun, Telefon- und Abhöranlagen, ein altes Radio. Keune, die durch die Ausstellung führt, deutet auf einen kleinen Ring mit gummiartiger Füllung an einem Türrahmen, eine Halterung für die Kennzeichnung, wer hier eintreten durfte. An den Decken noch Reste von Originaltapeten mit anmutigem Blumenmuster. „Es war gar nicht einfach, das alles so zu erhalten“, sagt der Zeitzeuge und Museumsmitgründer Paul Schneegans. „Wir haben damals versucht, möglichst viele der originalen Einrichtungs­gegenstände zu behalten.“
Er bezeichnet die Übergangszeit bis zur Wiedervereinigung teilweise als Selbstbedienungsladen. „Es gab zum Beispiel einen großen Raum mit mindestens 100 Telefonen, die fast alle nach und nach verschwanden.“

Schneegans war nach Abschluss des Grundlagenvertrages 1973 und den damit gebotenen Reisemöglichkeiten regelmäßig in der DDR zu Gast. „Meine Frau und ich hatten auf der anderen Seite Familie. Wir haben versucht, uns so häufig wie möglich zu sehen.“ Neun Reisen im Vierteljahr waren erlaubt. „Wir haben alles, was möglich war, ausgeschöpft.“ Zusätzlich seien sie mit einem Messeausweis nach Leipzig gefahren, um dort weitere Familienmitglieder zu treffen. „Leipzig hatte damals aufgrund der Messen eine Sonderstellung.“ Die Stadt war im Gegensatz zu anderen Städten im Osten „herausgeputzt“, um bei internationalen Gästen Eindruck zu machen.

Im Museum wird das eingeschränkte Leben im Grenzgebiet deutlich: Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt zwei Frauen, die am Grenzzaun stehen und hinüberschauen. Auf der anderen Seite findet gerade eine Beerdigung statt. Der Besucher kann über die Rolle der Staatssicherheit, Zwangsaussiedlungen aus dem Sperrgebiet entlang der Grenze wie die Aktion Ungeziefer, die ,Massenflucht‘ aus Böseckendorf bis hin zur Friedlichen Revolution und Grenzöffnung alles nachlesen.

Ein paar Meter weiter auf dem Gelände steht der ,Mühlenturm‘. „Hier saßen unter dem Dach rund um die Uhr weitere Kontrolleure“, erklärt Keune. Eine Besonderheit sei, dass hier seit 1973 ein sogenannter Grenz­informationspunkt bestand, die Nummer acht von 14 entlang der einstigen Grenze. Über einen ,heißen Draht‘ wurde täglich mit vorgeschriebenen Texten die Telefonverbindung zwischen Ost und West getestet. Mitschnitte von Gesprächen laufen heute in Dauerschleife. Und wirken fast grotesk.

Seit dem Jahr 2000 gehört zum Museum eine Bildungsstätte. Untergebracht ist sie in dem letzten Gebäude, das noch im Winter 1989/1990 auf dem ostdeutschen Grenzübergang gebaut wurde, einer Kantine. Hier befinden sich das Archiv und die Bibliothek des Museums. „Die Geschichte von Teilung, Grenze und Alltag im Eichsfeld wird hier archiviert, digitalisiert und dokumentiert“, erklärt Keune. Ein Veranstaltungsprogramm zu historischen und aktuellen Themen sowie zu ­Aspekten aus dem durch die Grenze entstandenem ­Naturgebiet wird ergänzend angeboten. So gibt es überall auf dem Gelände Neues zu entdecken.

Vor 30 Jahren fand hier Geschichte statt, eine Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten sollte. Aus diesem Grund wird zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung ein Gedenkwochenende stattfinden: Entlang des Grenzlandweges wird in der Nacht die Lichtkunstinstallation ,Niemandsland – Zwischen zwei Welten‘ am ehemaligen Todesstreifen installiert. An den Gebäuden des ­Museums selbst sollen an diesem Abend weitere multimediale Lichtkunstprojekte stattfinden. Zeitzeugen werden vor Ort sein. „Wir wollen Geschichte auf eine besondere Art erlebbar machen und möchten, dass die Gäste miteinander ins Gespräch kommen“, erklärt die Museumsleiterin das übergeordnete Ziel der Veranstaltung. „Das Grenzlandmuseum ist heute vor allem Mahn- und Gedenkort. Ein Ort, der vor dem Vergessen schützt und auf jeden Fall einmal besucht werden sollte.“ ƒ

 

 

Das Grenzlandmuseum erleben

Neben den Aktionen zum Jahrestag hat das Museum ein umfangreiches Programm veröffentlicht, bei dem es um die Bereiche Eichsfeld, Deutschland und Europa geht. Es werden Lesungen, Vorträge und Führungen zu Biodiversität am Grünen Band organisiert. Spannende Themen sind: die operative Foto- und Abhörtechnik des MFS, also des Ministeriums für Staatssicherheit, besser bekannt als ,Stasi‘, der 29. Tag der Deutschen Einheit (3.10.2019) oder auch Katholizismus im Sperrgebiet (8.10.2019). Im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes wird es zudem eine Lesung mit Autor Gregor Sander geben (24.10.2019). Die Vortragsreihe ,Vom Todesstreifen zur Lebenslinie‘ (5.12.2019) schließt ab mit einem Vortrag über das russisch-finnische Grenzland.

Anfahrt:

Duderstädter Straße 7-9, 37339 Teistungen

Weitere Infos unter:

www.grenzlandmuseum.de