©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Rupert Fabig

Merle Homeier von der LG Göttingen zählt zu den besten Weitspringerinnen Deutschlands. Das wissen alle. Nur sie selbst manchmal noch nicht. Über eine, die dabei ist, den Glauben an sich selbst zu entwickeln

Die Kopfathletin 

In ihrem Element fühlt sich Merle Homeier überhaupt nicht wohl. „Es nervt wirklich, das Zeug andauernd in den Schuhen zu haben. Selbst am Strand laufe ich mittlerweile nur noch mit  spitzen Füßen herum.“ Verdammter Sand! Und was soll die Mama erst sagen? „Damit habe ich früher immer das Parkett zerkratzt.“ Es ist eben nicht immer alles einfach im Leben einer  Weitspringerin. Da muss schon alles zusammenkommen: Anlauf, Timing, Absprung, Schnelligkeit, Sprungkraft. Und der Kopf. Noch dazu, wenn man sich – wie Homeier – als „Kopfathletin“ bezeichnet. Was auch wieder seine Schwierigkeiten mit sich bringt.

Denn, wenn die Leichtathletin der LG Göttingen von ihrer Passion sprechen hört, liegt die Vermutung nahe, sie sei allenfalls eine durchschnittliche Weitspringerin. Die nächste anstehende  Schwelle? 6,79 Meter, die Qualifikationsnorm für die Heim-Europameisterschaft Mitte August in München. „Wenn alles passt, könnte ich die eventuell schaffen“, sagt die 22-Jährige  bescheiden – was jedoch ein ziemlicher Unfug ist. Denn Homeier ist bei Weitem keine durchschnittliche Athletin, sondern eine der besten Deutschlands. Genau genommen: die zweitbeste.  Unter Beweis gestellt bei der Deutschen Hallenmeisterschaft im Februar in Leipzig, mit 6,66 Metern. Lediglich die derzeit schier unbezwingbare Olympiasiegerin Malaika Mihambo war besser.   Bedenkt man nun, dass die persönliche Freiluftbestweite von Homeier bei 6,69 Metern, aufgestellt bei der U-23-EM im vergangenen Jahr, liegt und angesichts ihres zarten Alters eine  Progression der Leistung zu erwarten ist, sollte auch die nächste Schwelle keine allzu große Hürde darstellen.

„Ich neige dazu, mich etwas zu unterschätzen, und mache mir zu sehr einen Kopf, obwohl ich weiß, was ich kann“, sagt die gebürtige Bückeburgerin. Doch bislang ist sie gut damit gefahren.  Neben Silber in Leipzig nennt sie auch die U-18- und U-20-Meistertitel die ihren sowie Silber bei der U-23-EM in Tallinn. „Das war bislang der beste Moment meiner Karriere: international  etwas zu gewinnen“, erzählt Homeier. Und einmal Blut an kontinentalen Wettkämpfen geleckt, gibt sie in einem Anflug von Selbstbewusstsein preis: „Paris ist das Ziel.“

Ziel: Olympia 2024

Paris, Austragungsort der Olympischen Spiele 2024. Dem ordnet die 1,81 Meter große Leistungssportlerin alles unter. Alles? „Der Sport hat schon einen ziemlich hohen Stellenwert. Steht  mindestens auf einem Level mit meinem Studium, da ich weiß, dass meine Karriere begrenzt ist. Um zu arbeiten, habe ich dagegen Zeit, bis ich 65 bin.“ Es ist eine entbehrungsreiche Zeit, die  die Studentin dafür in Kauf nimmt. Über ihr Studium der Allgemeinen Verwaltung am Niedersächsischen Studieninstitut für kommunale Bildung, das sie auf eine Laufbahn in kommunalen  Behörden und Unternehmen vorbereiten soll, sagt Homeier lachend: „Dafür muss ich mir definitiv noch einen cooleren Namen ausdenken. Er ist nicht so trocken, wie es sich anhört.“ Sechs  Trainingseinheiten pro Woche in der Aufbauphase, zwei täglich während der Trainingslager. Dazu oft monotones Krafttraining und Laufeinheiten. Ein Eis an einem heißen Sommertag? Träum  weiter. Das Leben einer Weitspringerin ist, wie gesagt, nicht immer ein einfaches.

Und alle Strapazen in der Hoffnung auf Medaillen und im Vertrauen in Frank Reinhardt – ihren erfahrenen Trainer von der LG Göttingen, der seinen Schützling dreimal wöchentlich in  Hannover besucht, um intensives Techniktraining durchzuführen. Der Umstieg vom Hang- in den Laufsprung steht gerade auf dem Plan. „Die ganze Weltelite springt diesen Stil, also muss ich  mich umstellen.“ Im Training funktioniert es schon ganz gut, im Wettkampf will es noch nicht so recht klappen. „Ich denke da an so viele Sachen, da habe ich kaum Konzentration für die   Technik. Es muss irgendwann einfach in Fleisch und Blut übergegangen sein.“ Die Kopfathletin eben. Die Methoden von Reinhardt hinterfragt sie nicht. Sein Erfolg spricht für sich, hat er doch  bereits mehrere Topathleten herausgebracht wie unter anderem die erfolgreiche Göttinger Dreispringerin Neele Eckhardt-Noack. Er ist auch der Grund, weswegen die Studentin bei der  LG Göttingen gemeldet ist, obwohl sie in Hannover le7t. „Und seine entspannte Art ist sehr viel wert“, sagt Homeier. „Ich bin immer so aufgeregt, da ist eine ruhige Seele an meiner Seite wichtig.“

Familiäre Unterstützung

Die gute Seele wiederum, die sie zur Leichtathletik verführt hat, war ihre Mutter, die früher die gleiche Sportart, wenngleich auf deutlich niedrigerem Niveau, ausgeübt hat. Und die gemeinsam  mit ihrem Vater die Konstante im Sportlerleben von Homeier ist. „Meine Eltern sind bei fast jedem Wettkampf dabei. Daher wäre Paris auch so nett, weil es für Familie und Freunde  vergleichsweise naheliegend ist.“ Doch bis dahin sind drei Saisons zu absolvieren. Kräftezehrende, entbehrungsreiche, ab und an von Enttäuschungen begleitete Saisons. Die Vergütung ist auch überschaubar. Sponsoringverträge? Homeier muss lachen. Adidas stellt ihr die Kleidung, ihr Studium wird bezahlt, bei einigen Meetings gibt es solide Antrittsgagen, und sie kann kostenlos in  einer Sportler-WG im Gebäude direkt neben ihrer Trainingsstätte, dem Erika-Fisch- Stadion, wohnen. Aber darüber hinaus? „Ich habe mir eben selbst ausgesucht, nicht Fußball zu spielen“, sagt sie.

Doch all die Anstrengungen sind es wert. „Durch meinen Sport habe ich Erfahrungen gesammelt, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Allein, wie viele Länder ich bereits kennengelernt  habe“, erzählt die Studentin. Fast ihr kompletter Freundeskreis komme aus der Leichtathletik. Dazu habe sich ihr Selbstvertrauen enorm entwickelt. „Früher war ich sehr schüchtern. Der Mix aus all dessen ist viel bedeutender als jede Party, die ich deswegen verpasse.“

Zunächst einmal möchte Homeier aber auf den Partys tanzen, deren Parkett ihr die Welt bedeutet: die Tartanbahn. Für den ganz weiten Sprung fehle ihr das nötige Selbstvertrauen, der Glaube  an die Trainingsergebnisse, und die – Achtung, schönes Wort – Brettsicherheit. Doch dann, sagt sie ganz selbstbewusst, sei der Durchbruch in die Weltspitze nicht unrealistisch. Da sollte der  Sand doch der geringste Gegner sein. ƒ