©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Seit dem 18. Juni läuft die documenta fifteen in Kassel, eine der weltweit bedeutendsten Schauen zeitgenössischer Kunst. faktor-Autorin Stefanie Waske beleuchtet, was die documenta wirklich möchte und wo ihre Chancen und Risiken liegen.

Kontroverse Ausstellung

Eigentlich stände an dieser Stelle ein Interview mit der Geschäftsführerin der documenta fifteen, Sabine Schormann, über die Frage, wie politische Themen überhaupt zu Kunst werden und  warum Gemeinschaft das zentrale Thema der diesjährigen Kunstausstellung ist. Das Gespräch führte faktor bereits Ende Mai – Wochen vor der Eröffnung der Schau, die alle fünf Jahre 100 Tage lang in Kassel das Stadtbild prägt und als eine der weltweit bedeutendsten für zeitgenössische Kunst gilt. Doch die Dinge haben sich geändert. Schon immer war die documenta ein  Synonym für kontroverse Meinungen. Doch dieses Mal schlagen die Wellen höher. Daher hat sich faktor nicht nur wegen der erbitterten Diskussion über Antisemitismus entschieden, den  Inhalt auf diesen Seiten kurzfristig zu ändern – um zu beleuchten, was diese documenta wirklich möchte und wo ihre Chancen und Risiken liegen. Das ursprüngliche Interview mit Sabine  Schormann lesen Sie unter: www.faktor-magazin.de/documenta-fifteen-interview-mit-sabine-schormann.

Provokant, eine ganz neue Perspektive auf die Welt der Kunst – all das verspricht die documenta, seitdem sie im Juli 1955 erstmals im Museum Fridericianum öffnete. Damals waren die  Spuren des Zweiten Weltkrieges im stark zerstörten Kassel noch überall sichtbar, auch im Ausstellungshaus, das mit viel Mühe provisorisch wieder hergerichtet worden war. Mehrfach rüttelte  seitdem stürmischer Protest an den Säulen der Kunstausstellung, teils stand sie auf der Kippe: mal fehlte Geld, mal formierte sich Widerstand bei Künstlern – es sei an die kleine  Gegendocumenta 1968 erinnert –, mal sorgten Skulpturen in der Stadt für Diskussionen.

Was darf Kunst

Moderne Kunst war und ist immer ein umstrittenes Feld. Doch kaum ist der Streit je so eskaliert wie bei der fünfzehnten Ausgabe der Kunstschau, die seit dem 18. Juni läuft. Debattiert wird  bisher kaum über die Frage, was Kunst ist, sondern mehr, was Kunst zeigen darf. Was als Freiheit der Kunst zu gelten hat und was nicht zu sehen sein sollte, in einem Land, das den Holocaust als Verantwortung für die Zukunft begreift. Bei einer Schau, deren Gründer Arnold Bode einst dazu angetreten war, die von den Nationalsozialisten als entartet diffamierten Künstler bekannter  zu machen. Bei einer Ausstellung, die durch Millionen Euro Steuergelder ermöglicht wird. Auslöser war, dass mehrere documenta-Künstler den Boykott gegen Israel unterstützen. Eine  Gegenposition aus Israel fehlt hingegen. Dazu kam ein Bild aus Palästina, das den Gaza-Konflikt mit dem Angriff der nationalsozialistischen Legion Condor auf Guernica 1937 gleichstellt. Und  schließlich die Zeichnung eines Juden mit dicker Zigarre im Mund, Raffzähnen, Schläfenlocken und SS-Runen auf seinem Hut aus Indonesien. Die indonesische Kuratoren-Gruppe der  documenta, ruangrupa, sah sich mehrfach von den Kritikern missverstanden. Fand keine Antwort, die die antisemitischen Vorwürfe verstummen ließ, wies sie zurück, entschuldigte sich öffentlich.

All dies überrascht – und überrascht auch nicht. Dass antijüdische Stereotype ein weltweites Phänomen sind, dürfte bekannt sein. Dass politische Künstlerinnen und Künstler aus Palästina  Werke gegen Israel zeigen könnten, war erwartbar. Überraschend ist, dass all dies im Vorhinein keine kuratorische Antwort fand. Da die umstrittenen Werke plakativ sind, verschärfen sie die Diskussion. In einer Zeit, in der Dialoge oftmals enden, bevor sie beginnen – als cancle culture bezeichnet –, hätte die documenta gewappnet sein können.

Die Welt als besserer Ort

Die künstlerische Leitung ruangrupa setzt vor allem auf eine große Hoffnung: Das diesjährige kuratorische Konzept heißt auf Indonesisch lumbung. Es nimmt historische Reisscheunen zum  Vorbild, in denen überschüssige Ernte lagert, die später die Gemeinschaft gerecht verteilt. In diesem Geiste sollen Künstlerinnen und Künstler Werke schaffen, mit dem Ziel, die Welt in einen  besseren Ort zu verwandeln – mit weniger Ausbeutung der Natur und des Menschen, fair gegenüber jedem Geschlecht, jeder Identität. Das Kollektiv ruangrupa lud Gruppen ein, die ihre  Philosophie teilen, sei es in Thailand, Hongkong, Afrika, Australien, Palästina und vielen weiteren Orten der Welt. Zusammen binden sie mit sozialen, künstlerischen und ökologischen Projekten Menschen in ihren Heimatländern ein, in Kassel oder wo immer sie wirken. In einer Welt der Krisen, ob Klimakrise oder Corona-Pandemie, sind die Erwartungen an die Kunst  übergroß. So fragte die Kunstzeitschrift Weltkunst kürzlich: Kann Kunst die Welt retten? Und schrieb: „Nein, das kann sie nicht. Und doch hat die Kunst stets Türen zu neuen Möglichkeiten aufgestoßen.“

Unbekannte Türen öffnet die Documente zweifellos. Bei einem Spaziergang durch den Stadtpark Karlsaue fallen begrünte kleine weiße Kunststoffwannen auf. Sie sind Werke der slowakischen  Künstlerin Ilona Németh. In ihrem Zukunftsgarten auf dem Wasser wachsen Pflanzen, die die Erde von Giften reinigen können, und solche, die sich bereits an den Klimawandel angepasst  haben. Wenige Meter weiter setzt sich die taiwanesische Künstlerin Chang En-Man mit Riesenschnecken auseinander. Die bis zu 30 Zentimeter großen Kriechtiere kamen während der  japanischen Besetzung Taiwans ins Land. Sie richteten immensen Schaden an, veränderten das Leben des indigenen Volkes Paiwan, von der die Künstlerin mütterlicherseits abstammt – jedoch nicht nur zum Schlechten, sondern sie wurden auch zu einer kulinarischen Bereicherung.

Alte Themen in neuer Darstellung

Wenige Schritte weiter schiebt sich bildmächtig die oft aufgeblendete Seite des Recyclings in den Weg: Vor der barocken Orangerie hat die Gruppe The Nest Collective aus Nairobi aus Altstoffen  und Elektroschrott begehbare Kuben errichtet. Sie zeigen, was aus westlichen abgetragenen Modeartikeln wird: Sie landen in riesigen Mengen in Afrika, sorgen dort für ökologische Probleme. Aber auch für kulturelle: Wie fühlt es sich an, stets abgelegte Kleidung anderer zu tragen, weil sie so billig sind? Neben solche Fragen treten politische wie  die des Künstlerkollektivs  Instituto de Artivismo Hannah Arendt, das sich seit 2015 für Redefreiheit und Bürgerrechte nicht nur in Kuba einsetzt und in der documenta- Halle zu finden ist. Eins ihrer Werke formt aus scharfen Messern ein Herz. Viele solch prägender Eindrücke lassen sich auf der documenta fifteen finden.

Bei genauem Hinsehen sind dies bereits bekannte Themen der Kunstschau – Globalisierung, Umweltverschmutzung oder Kolonialismus sind keineswegs neu. Auch Künstlerkollektiven räumte  schon die documenta 11 Platz ein. Der Unterschied zur gegenwärtigen Schau ist, dass es dieses Mal fast ausschließlich Kollektive sind, und europäische Künstler wenig vertreten sind. Und, dass  alle sich dem Motto Lumbung verpflichten.

In dieser Konzentration kann die Chance eines roten Fadens liegen, aber auch die Gefahr, dass abweichende Positionen verschwinden. Es lohnt jedoch genauer hinzublicken, worüber in Sachen  documenta debattiert wird. Oder noch diskutiert werden sollte: Wie viel Weltrettung ist der Kunst zuzumuten? Was ist mit Minderheitsmeinungen bei künstlerischen Kollektiven?  Warum sind antisemitische Stereotype aus Europa selbst in Kulturen wie in Indonesien präsent? Über Fragen wie diese zu sprechen, könnte die documenta fifteen  bereichern und Anstöße  liefern für die Zukunft – eine documenta 16. ƒ