©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Birgitt Witter-Wirsam hat alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und mit HolzLand Hasselbach ein Traditionsunternehmen neu erfunden. Mit faktor sprach die 66-Jährige darüber, wie sie  das  Lebenswerk ihres Vaters für den Neustart vernichtete, sich nach 17 Jahren ihr Traumauto leistete und nun den Betrieb voller Zuversicht an die fünfte Generation übergibt.

Etwa in der Mitte des Gesprächs blickt Birgitt Witter-Wirsam kurz in die Ferne, legt beinahe verwundert ihre Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. Sie lacht kurz auf und sagt: „Wenn ich so  zurückblicke, kann ich manchmal selbst kaum glauben, was in den letzten 30, 40 Jahren alles passiert ist.“ Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt beginnen sich deutlich Eigenschaften abzuzeichnen,  die sich wie ein roter Faden durch das Arbeitsleben der heute 66-jährigen Unternehmerin ziehen: eine messerscharfe Klarheit in ihren Vorstellungen, eine beeindruckende Hartnäckigkeit bei  der Verfolgung ihrer Ziele und ausgeprägter  Mut als Ausgangspunkt ihrer vielen Projekte. Nicht zu verwechseln ist dieser Wagemut dabei allerdings mit Draufgängertum: „Ich bin ein Mensch,  der Dinge gerne durchplant – und ich habe immer einen Plan B“, sagt Witter-Wirsam. „Mit meiner Erfahrung kann ich natürlich auch spontan sein und sehr gut einschätzen, welche  Entscheidungen ich aus dem Bauch heraus treffen kann.“

Ein Familienunternehmen

All diese Eigenschaften zeigen sich besonders deutlich an einem Projekt, das sie selbst ihr ‚Meisterstück‘ nennt: den heutigen Sitz der Carl Hasselbach GmbH & Co. KG am Flüthedamm in  Rosdorf. Dort hat sie den traditionsreichen Betrieb, dessen Geschäfte sie heute mit ihrem Sohn Michael Wirsam gemeinsam führt, komplett neu aufgebaut und als spezialisierten Fachhändler für Holz und Baustoffe, der sowohl Geschäfts als auch Privatkunden bedient, nachhaltig etabliert. Wenn man die Unternehmerpersönlichkeit Birgitt Witter-Wirsam verstehen will, macht es Sinn, genauer hinzuschauen. „Wir hatten in der Woche vor der Neueröffnung für den finalen Umzug vom Rischenweg an den Flüthedamm nur drei Tage geschlossen. Mein Vater hatte das alte  Gelände 1967 gekauft“, erzählt Witter-Wirsam, während sie sich an die bewegten Zeiten zurückerinnert. „Wir haben damals alles mitgenommen, was wir noch gebrauchen konnten.“ Auch das  große Tor vor dem heutigen Freilager mit den Hochregalen sei ein Überbleibsel vom angestammten Grundstück. „Wir waren sparsam unterwegs, um die große Investition zu stemmen.“ Begonnen hatten die Bauarbeiten im April 2009, sie dauerten bis in den Dezember. „Das war ein kalter Winter“, berichtet Witter-Wirsam. „Wir sind am 20. Dezember bei – 20 Grad und 20   Zentimeter Schnee umgezogen – uns waren sogar die Hebebühnen eingefroren.“ Aufgehalten auf dem Weg zur Neueröffnung im darauffolgenden Januar haben sie diese widrigen Umstände  nicht, denn sie hatte bereits intensive Vorarbeit geleistet und war angetreten, um ihren Traum zu verwirklichen: das im Jahr 1885 gegründete Traditionsunternehmen neu zu erfinden und für  die nächste Generation und Zukunft sicher aufzustellen.

Erstmals aufgekommen war dieser Traum, nachdem sie die Geschäftsführung von ihrem Vater Klaus Witter im Jahr 1989 übernommen hatte. Dabei hätte es anders kommen können, sogar  sollen: „Eigentlich war es für meinen Vater immer klar, das ich mit meinem Bruder seine Nachfolge antrete. 1999 ist mein Bruder dann aber aus der Firma ausgestiegen, um sich neuen  Aufgaben zu widmen. Dass es eine Frau, oder vielmehr seine Tochter, alleine macht, war für ihn zunächst gar nicht vorstellbar. Es war eine andere Zeit“, erzählt die Unternehmerin  gedankenverloren. „Ich musste sogar darum kämpfen, studieren zu dürfen.“ Als sie dann viele Jahre später, mittlerweile in der Verantwortung für das Unternehmen und die Mitarbeiter, ihre  Idee vom Neustart äußerte, war ihr die Unterstützung ihres Vaters sicher. „Er hat diese Entscheidung mitgetragen, auch wenn das nicht leicht für ihn war“, sagt Witter-Wirsam. „Denn im  Grunde genommen habe ich sein Lebenswerk am Rischenweg für den Neustart vernichtet.“ Klaus Witter wusste damals bereits, wie zielstrebig seine Tochter war, und er hatte in den Anfängen  miterlebt, wie sie sukzessive ihre Spuren in den Gremien der HolzLand GmbH hinterließ. Der größten Einkaufs- und Marketingkooperation des deutschen Holzhandels war das Rosdorfer  Unternehmen Hasselbach im Jahr 1986 beigetreten. „Ich habe unsere Interessen vertreten und war die erste und einzige Frau in der Runde. Meinen Platz musste ich mir dort erst erarbeiten“,  sagt sie rückblickend. „Da ich jedoch immer meine Standpunkte vertreten habe und mit meiner Zuverlässigkeit punkten konnte, bin ich nie untergegangen.“ Eine spezielle Erkenntnis habe sie  dabei relativ schnell gewonnen, die sie auch als Rat an andere Frauen weitergeben möchte, die auf dem Weg in Führungspositionen sind: „Es ist wichtig, den Mut zu haben, Dinge kritisch zu  hinterfragen – gerade als Frau in großen, von Männern dominierten Runden. Es kann nichts passieren“, sagt sie mit einem Schulterzucken. „Ich habe schnell gemerkt: Wenn ich es nicht  verstehe, haben es die anderen auch nicht verstanden.“ Und offenbar hat sie die richtigen Fragen gestellt: Insgesamt 20 Jahre war Birgitt Witter-Wirsam im Holz- Land-Vorstand, zwei  Amtsperioden lang übernahm sie als erste Frau den Aufsichtsratsvorsitz, den sie im Jahr 2017 abgab.

Ein erfolgreiches Leben

Doch zu ihrem ‚Meisterstück‘. Vor dem ersten Spatenstich hatte die Unternehmerin drei Jahre gebraucht, die Idee mit Leben zu füllen. „Ich habe viel genetzwerkt, Leute getroffen, immer  wieder von meinen Plänen erzählt“, berichtet sie. Entstanden ist am Ende ein Konzept für einen Gewerbekomplex, den sich ihr Unternehmen mit Mietern teilen sollte. „Ich wollte das Risiko  verteilen.“ Um das Grundstück am Flüthedamm in Rosdorf erwerben zu können, verkaufte Witter- Wirsam mit dem Segen ihres Vaters das Altgelände und die dort angesiedelten Gebäude. Mit  einem Teil des Erlöses zahlte sie ihren Bruder als Gesellschafter aus. „Er hatte sich schon 1999 aus dem operativen Geschäft komplett zurückgezogen“, erzählt Witter-Wirsam. „Im Nachhinein  hat sich das als genau richtig herausgestellt. So hatte ich die Unabhängigkeit und den unternehmerischen Handlungs- und Entscheidungsfreiraum, der mir bis heute wichtig ist.“ Der Rest war  ihr Kapital für den Neustart, der sich auf jede erdenkliche Art als sehr herausfordernd erwies.

„2009 war nicht nur das Jahr, in dem mein Vater starb, es war auch das Jahr der Wirtschaftskrise“, sagt sie und offenbart die Gedanken, die sie damals umtrieben.  „Ich hätte mich zur Ruhe  setzen, Privatier werden können. Denn ich hatte den Erlös vom Altgrundstück schon auf dem Bankkonto. Ich wollte aber meine Mitarbeiter nicht im Stich lassen, nur weil mir der Mut und der  Elan fehlen.“ So übernahm sie die Verantwortung – für die Zukunft des Unternehmens, der Mitarbeiter und ihrer Familien. Sie kaufte den lang anvisierten Bauplatz von sechs verschiedenen  Vorbesitzern zusammen, erhielt nach einigem Hin und Her die Baugenehmigung und startete mit der Umsetzung ihres Konzepts. „Ich warf alles, was ich mir bisher erarbeitet hatte, in einen  Topf. Die Bank wollte zusätzliche Bürgschaften sehen“, sagt sie, erneut in Erinnerungen versunken. „Das unterscheidet uns selbstständige Unternehmer von angestellten Vorständen. Wir gehen  auch privat ins volle Risiko.“ Sie habe über den Zeitraum vieler Monate einfach funktioniert: Dinge abzuarbeiten, Nächte zum Tag zu machen und immer wieder auf neue  Einflussfaktoren zu reagieren, war Normalität. „Spätestens in diesen Monaten hat mein Team gelernt, dass ein ‚Geht nicht‘ für mich keine akzeptable Antwort ist“, sagt Birgitt Witter- Wirsam mit einem selbstbewussten Lächeln. „Ich frage dann immer, ob wir es denn schon versucht haben.“ Denn sie selbst habe die Erfahrung gemacht, dass 90 Prozent aller Dinge, die als nicht  machbar im Raum stehen, am Ende doch machbar sind. ‚Geht nicht – gibt es nicht‘ wurde zu ihrem Lebensmotto.

Keine Angst vor Herausforderungen

Ihren Mut und die Fähigkeit, sich bietende Gelegenheiten beim Schopf zu packen, bewies die umtriebige Geschäftsfrau bereits im Jahr 2005 beim Kauf von insgesamt sechs Kasernenblöcken  auf den Zietenterrassen. Mit dem Plan angetreten, eine einzelne Wohnung zu kaufen, saß sie gemeinsam mit ihrem Sohn Marcus bei der Versteigerung auf der Bieterbank. Der Rest ist schnell zusammengefasst: Als die Blöcke nur zusammen zur Versteigerung kommen sollten, nutzte sie die Pause für ein Telefonat mit der Sparkasse, an dessen Ende das gemeinsame Geschäft stand:  Sie und ihr Sohn kauften die kompletten Blöcke. Als Fehler bezeichnet sie heute, dass sie relativ bald vier der sechs Gebäude an eine Baugruppe weiterverkauft habe. Um die Verwaltung und  Vermietung der verbliebenen Wohnungen kümmert sich heute ihr Sohn Marcus. Nachdem sie dieses zweite Standbein aufgebaut und den Umzug auf das neue Betriebsgelände durchgezogen hatte, war Birgitt Witter-Wirsam mit dem Umbau des Familienunternehmens allerdings noch immer nicht fertig. Sie gründete vor zehn Jahren zusätzlich eine Tischlerei. „Nicht alle unsere  gewerblichen Kunden waren von diesem Schritt begeistert “, sagt sie. „Aber ohne diese Dienstleistung wären wir heute nicht so gut aufgestellt. Auch die Handwerksmeister der Region konnten sich letztlich mit der neuen Situation arrangieren. Da wir uns nicht an Ausschreibungen beteiligten, gab es auch keinen Wettbewerb.“

Rückblickend sei sie froh, den dornenreichen Weg gewählt zu haben. „Ich bin immer in schwierige Situationen mittenrein“, sagt Witter-Wirsam. „Meinem Wirtschafsprüfer, der mich seit über  40 Jahren bei meinen Unternehmungen begleitet, bin ich besonders dankbar, dass er mich genau darin bestärkt hat.“ Er habe ihr den Rat gegeben, nicht vor Problemen wegzulaufen, sondern sie konsequent und sofort anzugehen. „Man muss sich um schwierige Angelegenheiten schnell kümmern, sonst wachsen sie einem über den Kopf.“ Für sie gehöre dazu auch, zeitnah aktiv zu  werden, wenn Kunden in die Insolvenz müssen. „Ich bin in solchen Fällen selber losgefahren, um Ware wieder abzuholen oder eine andere Sicherheit zu organisieren, bevor die Banken kamen“, erzählt die Hasselbach-Chefin. Ihr sei es immer darum gegangen, die Interessen ihres Betriebs zu wahren, aber  der anderen Seite trotzdem die Luft zum Atmen zu lassen, ihre  Handlungsfähigkeit zu behalten. „So kam es auch dazu, dass ich einmal innerhalb weniger Minuten zur Besitzerin eines Pferdes wurde.“

Nach einem so bewegten Leben als Vollblutunternehmerin und 40 Jahren in verantwortlichen Positionen möchte Witter-Wirsam jetzt loslassen, den Übergang in die Zeit nach dem  Arbeitsleben Stück für Stück vollziehen. Sie habe das Unternehmen neu aufgestellt, zusätzliche Standbeine geschaffen, die neue Generation in Stellung gebracht. „Ich bin überglücklich, wie gut  und erfolgreich meine Söhne unterwegs sind. Jetzt möchte ich endlich nicht mehr sechs Tage in der Woche arbeiten“, sagt sie offen. An ihren Sohn Michael hat sie die Hasselbach-Führung fast  vollständig übergeben. Seine unternehmerischen Sporen hatte er sich zunächst in München verdient, wo er ein Unternehmen führte, das Witter-Wirsam  im Jahr 2013 gekauft hatte. „Das war  eine Firma aus der HolzLand-Gruppe, die in Schieflage geraten war. Wir haben das Gebäude und das Grundstück aus der Insolvenz gekauft.“ Sie könne heute von allem die Finger lassen, was  gut läuft. „Ich weiß, dass er Dinge anders machen wird als ich. Das ist auch gut so. Genau wie ich damals muss er heute den Mut haben, das Unternehmen weiterzuentwickeln und unsere  Familientradition nicht als Bürde zu empfinden.“

Erfüllung eines Traums

Auf die Frage, was sie in all den Jahren nur für sich allein gemacht habe, hat die 66-Jährige eine erstaunliche Antwort: „Ich habe mir einen Traum erfüllt und mir ein Jaguar-Cabrio gekauft.“  Und auch hier hat sie einen langen Atem bewiesen: 17 Jahre stand ihr Traum als kleines Modellauto in ihrem Regal. „Was Männer über 50 können, können wir Frauen auch“, sagt sie dazu und  lächelt spitzbübisch. Für ein echtes Hobby sei keine Zeit gewesen. Erholung habe sie vor allem in langen Wochenenden auf ‚ihrer Insel‘ Sylt, beim Skifahren oder in ihrem Garten gefunden.  „Heute genieße ich meinen festen Oma-Nachmittag mit meiner Enkeltochter Charlotte unheimlich“, sagt sie nicht ohne Stolz, und es kommt ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme auf, denn für  ihren ersten Enkel Timur, der heute zwölf Jahre alt ist, hatte sie damals leider gar keine Zeit. Ganz zurückziehen kann und will sie sich jetzt aber noch nicht: Vorher möchte sie noch die Geschicke des AGV, des Arbeitgeberverbandes Mitte, neu gestalten und ihre Amtszeit im Jahr 2024 beenden. Auch ihr Amt als IHK-Vizepräsidentin wird sie bis zum Ende ihrer Amtsperiode  2023 noch ausführen. Deren Vorsitz hatte sie übernommen, nachdem sie ihre Tätigkeit bei der HolzLand-Gruppe beendet hatte. Alle Ämter habe sie ehrenamtlich ausgeübt. Es sei ihr immer  eine Ehre gewesen. „Ich sehe uns Unternehmer in der Pflicht, uns zu engagieren, Veränderungen aktiv zu ermöglichen und nicht nur zu kritisieren. Sich hinter mangelnder Zeit zu verstecken zählt nicht.“

Und dann ist da ja auch noch das neueste Projekt: Gemeinsam mit ihrem Sohn Michael hat Birgitt Witter-Wirsam das Gelände, den ehemaligen Schlachthof, neben dem aktuellen Firmensitz  ihres ‚Meisterstücks‘ gekauft. „Die Projektierung und die Suche nach attraktiven Mietinteressenten mache ich noch mit. Dann ist aber wirklich Schluss“, sagt sie und lächelt. Ob es wirklich ihr letztes Werk wird, bleibt abzuwarten. ƒ