©Marco Bühl
Text von: Tobias Kintzel

Ines Dietze ist seit Januar Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Göttingen und damit die erste Frau an der Spitze der ältesten öffentlich-rechtlichen Sparkasse Deutschlands. Mit faktor sprach die 55-Jährige darüber, was sie in ihrem täglichen Leben antreibt, wie Fehler zum Erfolg führen und warum ein Schritt zurück ihrer Karriere erst den richtigen Schwung gegeben hat.

Die Neue im Amt 

Der Terminkalender von Ines Dietze ist randvoll. Die neue Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Göttingen kommt etwas gehetzt zum Interview, die vorhergehende Sitzung hat sich etwas in die Länge gezogen. Allerdings braucht sie keine Anlaufzeit: Nach ein paar freundlichen Begrüßungsworten ist sie sofort präsent im Gespräch – offen, direkt und ihrem Gesprächspartner interessiert zugewandt. Auf die Frage, ob sie sich nach ihrer Zeit im baden-württembergischen Waiblingen schon etwas im Norden eingelebt habe, antwortet Dietze schmunzelnd: „Ich war ja nur für sechseinhalb Jahre in den Süden ausgeliehen.“ Dort führte sie die örtliche Kreissparkasse. Eigentlich stammt Ines Dietze aus dem Norden, genauer gesagt aus Mecklenburg-Vorpommern, und wohnt seit mittlerweile 16 Jahren in Hannover. „Göttingen ist eine glückliche Fügung für mich. Ich bin wieder näher bei meiner Familie und muss auf Dauer nicht mehr pendeln.“ Dennoch gibt sie unumwunden zu, dass sie eine Sekunde länger überlegt habe, bevor sie sich dazu entscheiden konnte, den Posten an der Spitze der Sparkasse Göttingen zum Jahreswechsel anzutreten. „Ich hatte eigentlich nicht auf dem Radar, mit 55 Jahren noch etwas Neues zu beginnen. Im Prozess ist mir klar geworden, dass ich damit alles aufgebe, was ich mir in der aktuellen Position erarbeitet habe“, sagt Dietze. „Und dass es Mut erfordert, sich ein anderes Haus, andere Menschen und eine andere Region noch einmal von Grund auf zu erschließen.“

Neue Prozesse in der Sparkasse

Sie hat den Mut gefunden und die Zügel von Rainer Hald übernommen, der 18 Jahre an der Spitze der südniedersächsischen Sparkasse stand. Heute ist die neue Sparkassen-Chefin schon engagiert dabei, Göttingen und seine Menschen kennenzulernen. In ihren ersten Wochen hat Dietze bereits zahlreiche Gespräche geführt – mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Filialen, mit Kunden vor Ort und mit anderen Akteuren in Südniedersachsen. Gerade erst hat sie alle amtierenden Bürgermeister in der Region getroffen. „Leider bremsen uns die Rahmenbedingungen, die die Pandemie vorgibt, etwas aus. Ich würde gerne viel mehr Gespräche führen“, sagt Dietze, nicht ganz zufrieden mit den Fortschritten. Die Aufgaben, intern zu kommunizieren und die Sparkasse extern zu repräsentieren, stehen für sie dabei gleichberechtigt nebeneinander. „Unsere Mitarbeiter bringen uns voran, halten alles am Laufen. Der Kontakt mit Kunden und anderen Menschen in der Region ist unerlässlich. Wir müssen wissen, was um uns herum passiert, was die Menschen bewegt und was sie brauchen.“ – „,Wir müssen‘ …“, sagt Ines Dietze. Schon nach kurzer Zeit im Gespräch fällt auf, dass die 55-Jährige in ihren mit Bedacht formulierten Antworten das ,Wir‘, den Teamgedanken, stark in den Vordergrund stellt. Darauf angesprochen, lächelt sie in sich hinein. Dieser kurze Augenblick des Innehaltens stellt sich schnell als Schwungholen heraus, um im Anschluss ihr Erfolgsgeheimnis guter Führung zu erklären. „Ich bin mir meiner Rolle durchaus bewusst“, erklärt Dietze entschlossen. „Sie erfordert klare persönliche Positionen und Vorstellungen und am Ende natürlich Entscheidungsstärke. Aber ich bin keine Einzelkämpferin.“ Sie sei davon überzeugt, dass komplexe Themen ergebnisoffen diskutiert werden müssten, dass ein Abwägen der Argumente wichtig sei. „Ich möchte gern alle mitnehmen. Denn wenn viele ihre Köpfe zusammenstecken, entstehen die besten Lösungen“, sagt sie und fasst damit ihre Erkenntnis aus vielen Jahren in Führungspositionen zusammen. „Außerdem wachsen Mitarbeiter, wenn sie sich einbringen können und ihre Ideen gehört werden.“ Selbstverständlich gäbe es aber auch täglich Themen, die schnell und ohne lange Erklärungsprozesse entschieden werden müssen. „Mit zunehmender Erfahrung findet man dafür die richtige Balance.“

Bereitschaft zur Herausforderung

Schon kurz nach der Ausbildung zur Bankkauffrau und dem anschließenden Studium an der Fachschule für Finanzwirtschaft in Gotha, das sie 1989 beendete, sammelte sie erste Führungserfahrung. Sie leitete mehrere Marktbereiche und Beratungszentren der Ostseesparkasse in Rostock. „Mit meiner stark ausgeprägten Bereitschaft, neue Herausforderungen anzunehmen, habe ich zu Beginn meiner Karriere schnell meinen Handlungs- und Entscheidungsspielraum ausgebaut. Mit Anfang 30 war ich schon in einer recht exponierten Stellung“, erzählt Dietze reflektiert. Und das, obwohl der Bankbereich nicht ihre erste Wahl gewesen ist: Eigentlich wollte sie Chemie studieren und in die Forschung gehen. Auf Anraten ihrer Eltern jedoch habe sie die Ausbildung in der Bank begonnen. „Eine Entscheidung, die ich bis heute keinen Tag bereue.“

Und obwohl sie bereits früh mit einer Vorstandsposition geliebäugelt hatte, kam nach dem anfänglich zielstrebigen Aufstieg ein bewusst gewählter Schritt zurück: Auf eine Position ohne Führungsverantwortung in der Firmenkundenberatung. Denn damals bekam ihr Mann ein verlockendes Angebot in München. „Wir haben gemeinsam besprochen, dass er es annehmen sollte. Ich habe mich selbst etwas zurückgenommen, um Familie und Karriere vereinen zu können“, erzählt Dietze. „Viele haben mir damals prophezeit, dass dieser Schritt der größte Fehler meines Lebens werden würde.“ Er wurde es nicht – weder privat, noch beruflich. Vielmehr arbeiteten sie und ihr Mann damals gleichberechtigt daran, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. „Wir haben uns die Aufgaben geteilt“, erklärt die zweifache Mutter. „Zudem haben wir gelernt, dass man die Aufgaben als Paar auch nicht alleine schultern muss, sondern bei Freunden und Familie um Hilfe bitten kann.“ Seit dieser Zeit hat sich die Familie für Dietze immer wieder als unverzichtbarer Anker und Kraftquelle erwiesen. „Wir sind begeisterte Italienurlauber, fahren gerne an den Gardasee oder in die Toskana. Gemeinsame Radtouren mit meinem Mann, die Natur genießen – all das lädt meinen Akku auf.

In der Ausfüllung ihrer Führungsposition profitiere sie von dem scheinbaren Karriererückschritt noch heute – davon ist sie felsenfest überzeugt: „Als Angestellte in der Firmenkundenberatung habe ich mich wieder integrieren und unterordnen müssen, habe Führung noch einmal aus der Perspektive der Geführten erfahren. Das hat mich anpassungsfähiger und sensibler für die Bedürfnisse von Teammitgliedern werden lassen“, sagt Dietze und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und natürlich wollte ich auch, dass der neue Job, den Unkenrufen zum Trotz, ein Erfolg wird!“ Kein Wunder also, dass sie sich relativ schnell wieder eine führende Position erarbeitete. Sie habe zu diesem Zeitpunkt auch erkannt, wie wichtig ihr ein möglichst großer Gestaltungs- und Entscheidungsfreiraum ist. „Nicht zuletzt deshalb habe ich mich, als die Kinder älter waren, mit 48 Jahren auf die Vorstandsposition in Waiblingen beworben.“

Mit den richtigen Werten in die Zukunft

Eine hohe intrinsische Motivation, Mut und Entscheidungsfähigkeit – welche Eigenschaften darüber hinaus sind ausschlaggebend für ihren beruflichen Erfolg? Ines Dietze schweigt zunächst auf diese Frage. Sich in den Mittelpunkt zu stellen, ist offenbar nicht ihre Sache. „Mir bedeuten die Werte Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sehr viel“, sagt die Vorstandsvorsitzende dann. „Ich würde mich auch als Optimistin beschreiben“, denn stets sei sie auf der Suche nach den positiven Ansätzen. „Das Wort ,Niederlage‘ gibt es für mich weder im beruflichen noch im privaten Kontext. Es geht vielmehr um Lernfähigkeit und die Stärke, Fehler oder Irrtümer zu korrigieren“, so die Sparkassen-Chefin. „Das ist eine Eigenschaft, die ich auch an anderen sehr schätze.“ Nach Erfüllung zu suchen, Schritte bewusst zu gehen und mit den Konsequenzen umzugehen – auch dies seien für sie wesentliche Faktoren auf dem Weg zum beruflichen Erfolg.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie es mit der Sparkasse Göttingen und den fast 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter ihrer Führung weitergehen wird. „Noch bin ich mitten in der Kennenlern- und Orientierungsphase. Klar ist, dass wir gemeinsam die Stärken des Hauses bewahren und ausbauen werden. Dazu gehören ein exzellenter Vertrieb und ein hohes Niveau im Bereich der Mitarbeiterqualifikation.“ Auch den eingeschlagenen Weg der Digitalisierung will Dietze weiter fortsetzen. „Wir sind da bereits gut aufgestellt, bieten schon heute einfach und schnell verfügbare Serviceleistungen online an.“ Angst müsse man auch vor rein digitalen Anbietern nicht haben. Gerade auch im Zeitalter leicht im Internet zugänglicher Informationen habe persönliche Beratung einen Platz in der Finanzplanung der Menschen. „Wir werden unseren Kunden weiterhin hoch qualifizierte Mitarbeiter als Navigator in der Informationsflut an die Seite stellen“, erklärt Dietze nachdrücklich. „Am Ende des Tages werden wir unseren Platz behaupten!

“Motivation zur Erreichung der gesteckten Ziele und Energie für ihre anspruchsvollen Aufgaben zieht Ines Dietze aus ganz alltäglichen Dingen: „Ich überzeuge Menschen sehr gern mit guten Argumenten von Ideen, die sie nicht auf den ersten Blick begeistern. Zu erfahren, was Kunden erfolgreich macht, welche Geschäftsmodelle dahinterstecken, das ist unheimlich interessant und bereichernd.“ Für sie sei es ein guter und erfolgreicher Tag, wenn Mitarbeiter zufrieden aus einem Gespräch mit ihr gingen oder mit der Erkenntnis, gemeinsam etwas bewegt oder verändert zu haben. Natürlich sei es auch ein beruhigendes Gefühl, wenn Entscheidungen getroffen wurden, die alle gemeinsam zu 100 Prozent tragen können. Und bei der Verabschiedung an der Tür wird noch einmal klar, dass sich Ines Dietze auch an ihren Ergebnissen messen lassen will: „Wenn ich ein Jahr im Amt bin, können wir gemeinsam schauen, welche meiner Entscheidungen zu welchen Entwicklungen geführt haben.“ Wir kommen darauf zurück. ƒ