©Marco Bühl
Text von: Tobias Kintzel

Jochen Schäfsmeier ist der neue geschäftsführende Intendant der Händel-Festspiele Göttingen. Der umtriebige Orchester-Manager verrät, wie er dem Zuschauer die zweite Karte aufschwatzen will und was ihn seit Kindertagen mit seiner neuen zweiten Heimat verbindet.

Ein neuer Intendant für die Händel-Festspiele

Die Stadt Göttingen und ihre Menschen haben mich mit offenen Armen aufgenommen“, erzählt Jochen Schäfsmeier dankbar, der seit Mai vergangenen Jahres offiziell Geschäftsführender Intendant der Händel-Festspiele in der Leinestadt ist. Im gleichen Atemzug hebt er seinen Vorgänger Tobias Wolff hervor, der aus seiner Sicht über zehn Jahre eine fantastische Arbeit geleistet hat. „Ich habe mit ihm in meinen ersten drei Monaten zusammengearbeitet – und wir haben das beide als überraschend wohltuend empfunden“, sagt er und schmunzelt bei dem Gedanken an seine ersten Tage im Amt. „Während der eine seine liebgewonnene Aufgabe aufgeben musste, wollte sich der andere profilieren. Letztlich haben wir uns gegenseitig den Übergang erleichtern können.“ Wolff, der als Intendant an die Oper Leipzig gewechselt ist, habe ihm zudem vor dem Abschied noch einige Türen geöffnet. „Schnell habe ich gemerkt, dass hier viele Leute einfach große Lust auf Händel haben und wissen, was wir machen“, sagt Schäfsmeier. „Ich musste und muss das in Gesprächen so gut wie nie erklären.“ Es gäbe außerdem immer hilfsbereite Menschen, die ihm Fragen beantworteten oder Kontakte vermittelten. Im Laufe des Gesprächs wird klar, dass Göttingen und die Händel-Festspiele für den gebürtigen Hannoveraner aus noch viel mehr Gründen ein Volltreffer zu sein scheinen.

Zurück zu den Wurzeln

Bevor er die Aufgaben als Intendant übernahm, war der studierte Klarinettist in der Welt viel herumgekommen. „Ich habe mit verschiedenen Orchestern bei Konzertreisen rund 50 Länder rund um den Globus besucht“, sagt er bei einer Tasse Kaffee auf seine bisherigen Stationen zurückblickend. So war er von 1995 bis 2001 als Orchester-Manager mit dem Jeunesses Musicales Weltorchester unterwegs und verantwortete im Anschluss als Geschäftsführer die Geschicke der Hamburger Camerata. Bevor er in Göttingen startete, war er mehr als 15 Jahre Geschäftsführer des Concerto Köln gewesen, eines auf historische Aufführungen der Musik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts spezialisierten Orchesters. „Ich habe jede dieser vielen Reisen genossen, fand dabei das gemeinsame Erleben der Musik immer aufregend und habe mir einen großen Freundeskreis in der Musikerwelt aufbauen dürfen“, betont Schäfsmeier. Nach 25 Jahren des Umherreisens habe er jedoch schließlich einen Platz zum Ankommen gesucht. „Ich wollte einen Ort finden, an dem ich langfristig wirken und die Gemeinschaft aktiv mitgestalten kann.“ Dass es Göttingen geworden ist, freut ihn gleich doppelt. Zum einen kann er hier – gemeinsam mit dem neuen künstlerischen Leiter George Petrou – eine der renommiertesten Händel-Veranstaltungen weltweit weiterentwickeln und ihr mit seinen Ideen neue Impulse verleihen. Zum anderen ist es eine Rückkehr an den Ort, mit dem er viele Kindheitserinnerungen verbindet. „Meine Großeltern haben in der Nähe der Stadthalle gelebt – meine Eltern haben sich hier kennen und lieben gelernt“, sagt er und gewährt damit einen sehr persönlichen Einblick. „Als ich zu den ersten Gesprächen hier angekommen bin, war das ein Déjà-vu. Obwohl ich zuvor 30 Jahre nicht in Göttingen war, habe ich mich sofort an viele Plätze, Orte und Erlebnisse erinnert.“ Göttingen sei zwar eine kleine, aber sehr lebendige, junge Stadt, die im Vergleich zu anderen Orten auf der Welt voller Buchhandlungen sei.

Neue Ideen mit George Petrou 

Auf die Frage, wie es mit den Händel-Festspielen unter seiner Leitung weitergehen wird, kommt die erste Antwort von Schäfsmeier sehr spontan: „Zusammen mit George Petrou will ich dem Publikum weiterhin ein Festival bieten, das begeistert. Als die Neuen dürfen und werden wir dabei Dinge einfach ausprobieren. Das reizt mich an dieser Aufgabe sehr.“ Auch das Motto des diesjährigen Festivals – des ersten, das er mit Petrou zusammengestellt hat –, deutet in diese Richtung: neue Horizonte. Wichtig sei ihm zukünftig, nicht immer das Erwartbare zu bedienen und nichts Langweiliges anzubieten. „Ich würde mich freuen, wenn Leute nach dem Besuch eines Konzerts sagen: ‚So habe ich das noch nicht gehört‘“, erklärt der Intendant und macht damit den eigenen Anspruch an sich und die Festspiele klar. Gelingen soll das mit einer ausbalancierten Mischung aus neuen Ideen und Perspektiven sowie bereits erfolgreich etablierten Formaten und Ansätzen. „Schon in meiner Tätigkeit als Orchester-Manager ging es darum, bestehende Dinge auszubauen, weiterzuentwickeln und immer auch dafür zu sorgen, neue Richtungen einzuschlagen.“ Für das diesjährige Programm hat Schäfsmeier zum Beispiel Musiker aus seinem persönlichen Netzwerk, etwa Concerto Köln oder Julia Lezhneva, eingeladen, aber auch bekannte Gesichter wiederholt engagiert, die bereits Teil der Händel-Familie sind. Dazu gehören das NDR Vokalensemble und Ensembles aus dem ,EEEEemerging+ Programm‘ wie Cembaless oder l‘Apothéose.

Nach dem Jubiläumsprogramm zum 100-jährigen Bestehen des Festivals, das 2021 aufgrund der Pandemie ein Jahr später als das tatsächliche Jubiläum stattfand, sei nun auch ein guter Zeitpunkt, neu zu denken. Es könne nicht jedes Jahr eine Steigerung mit immer neuen Superlativen geben. „Wir wollen die Händel-Festspiele jetzt für die Zukunft gut aufstellen“, erklärt Jochen Schäfsmeier die Zielsetzung. „Hier beschleunigt die Pandemie, die wie ein Vergrößerungsglas gewirkt hat, auch bei uns die Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen, denen wir uns stellen müssen: Wie sieht das Publikum der Zukunft aus? Für wen machen wir das? Machen wir das für alle?“

Neue Konzepte

Heute müsste man Besucher gewissermaßen neu überzeugen, Konzerte zu besuchen. Für viele Menschen ginge es durch Corona nicht mehr nur darum, ob sie Lust auf klassische Live-Musik hätten. „Besucher müssen sich sicher genug fühlen, in die Oper zu gehen. Ohne überzeugendes Hygienekonzept ist das nicht möglich. Durch die letzte Spielzeit sind wir ohne Infektion gekommen. Das können wir also“, sagt Intendant Schäfsmeier und geht auf einen weiteren Effekt der Pandemie ein, mit dem er sich auseinandersetzen muss. „Für einige Menschen hat sich das kulturelle Erleben mit Netflix und anderen Streamingdiensten verändert. Auch dieser Entwicklung müssen wir Rechnung tragen.“ Und das hat er gemeinsam mit dem Team getan: Die neue Streaming-Plattform www.haendel-channel.de bot bereits zu Beginn des Jahres viele Inhalte ohne Bezahlschranke, also kostenlos, an. Zu finden sind Highlights der Jubiläumsfestspiele 2021 wie das letzte Solokonzert Laurence Cummings‘ als künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele oder die große Jubiläumsgala unter der Leitung von Nicholas McGegan, der von 1991 bis 2011 künstlerischer Leiter der Festspiele war. In Zukunft werden Inhalte auch kostenpflichtig bereitgestellt. Was nicht nur an den neuen Gewohnheiten des Publikums liegt: „So dankbar wir auch für alle Förderprogramme sind – wir wollen trotzdem unser Geld gern selber verdienen, den Eigenanteil wieder ausbauen“, so Schäfsmeier. „Dazu brauchen wir natürlich nicht nur neue Erlösquellen, sondern weiterhin das Publikum, das live in unsere Veranstaltungen gehen will und die gewisse Exklusivität auch unterstützt.“

Jochen Schäfsmeier ist, wie es scheint, nicht nur in Göttingen angekommen, sondern bereits intensiv in seiner Arbeit vertieft – und das mit einem konkreten Ziel: Er will dafür sorgen, dass das Händel-Publikum nach der ersten auch die zweite Karte kauft. „Die erste könnte man den fachkundigen Händel-Freunden vielleicht noch aufschwatzen, die zweite ist die wichtigste: Sie wird aus Überzeugung gekauft.“ ƒ