©Marco Bühl
Text von: Tobias Kintzel

Der griechische Dirigent und Regisseur George Petrou gilt als einer der weltweit führenden Barock- und Händelspezialisten. In diesem Jahr will er als künstlerischer Leiter auch den Händel-Festspielen in Göttingen seine persönliche Note verleihen.

Auf Petrous musikalischen Spuren

In die Händel-Festspiele in Göttingen involviert zu sein, ist eine große Freude und Ehre“, sagt der Pianist, Dirigent und Regisseur George Petrou, der seit diesem Jahr die musikalische Leitung vor Ort übernommen hat. „Es ist eines der ältesten Barock-Festivals der Welt und hat beim Revival dieser Musik eine große Rolle gespielt. Es hat dazu beigetragen, dass Menschen diese Klänge wieder neu für sich entdecken.“ Wenn man sich mit der bisherigen musikalischen Reise von George Petrou beschäftigt, deuten alle Vorzeichen darauf hin, dass er es kann. Ähnlich rastlos wie der sagenumwobene Held Odysseus auf dem zehnjährigen Rückweg von Troja ins heimatliche Ithaka ist Petrou seit Jahren als Botschafter der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts in der Welt unterwegs. Dabei hat er in vielen Städten Europas und im Rest der Welt bereits musikalische Spuren hinterlassen – zum Beispiel als musikalischer Leiter und Dirigent des Orchesters Armonia Atenea von 2012 bis 2021 oder als Gastdirigent auf Einladung zahlreicher bedeutender Orchester und Opernhäuser. So auch in Göttingen. Gemeinsam mit Nicholas McGegan und Laurence Cummings lieferte er im September 2021 eine unvergessene Jubiläumsgala ab, in der inzwischen hundertjährigen Festspielgeschichte die erste mit drei Dirigenten. Und jetzt ist er als Nachfolger von Cummings angetreten, um den Händel-Festspielen seinen Stempel aufzudrücken.

„Ich habe mich früh für die Musik von Händel begeistert – sie ist eine meiner großen Lieben“, erzählt Petrou schwärmerisch, um im Anschluss auf charmante Weise tiefzustapeln. „Mittlerweile gibt es viele Menschen, die glauben, dass ich ein Händel-Spezialist bin.“ Es spricht einiges dafür: zum einen die unzähligen Auftritte bei Händel-Festspielen in Halle und Karlsruhe oder 2014 der Auftritt mit dem ersten griechischen Orchester bei der BBC Night of the Proms, zum anderen die vielen CD-Einspielungen wie beispielsweise die Gesamtaufnahmen von Händels Alessandro für das Musiklabel Decca. Vor allem sind es die begeisterten Besprechungen und Kritiken, die das musikalische Wirken von George Petrou begleiten: Immer wieder ist die Rede von „furiosen“ oder „aufsehenerregenden“ Aufführungen, „musikalischen Höhepunkten“ und „maßstabsetzenden“ Aufnahmen.

Dabei hätte es auch ganz anders kommen können, denn der Musiker stammt nicht aus einer künstlerisch orientierten Familie, wie er selber sagt. „Aber Kunst war immer ein Teil meines Lebens. Meine Eltern haben mich in meinem Interesse für Theater, Musik und Museen immer unterstützt“, sagt er heute dankbar zurückblickend. „Das ist auch so geblieben, als ich mein Jurastudium abgebrochen habe, um mich auf Musik und das Klavierspielen zu konzentrieren.“ Nach dem Studium am Athener Konservatorium sowie am Royal College und an der Royal Academy of Music in London machte der Musiker sich dann auch zunächst als Konzertpianist einen Namen. Doch sein Interesse an Musik habe sich mit der Zeit verändert, „weil Klavierspielen manchmal einsam sein kann“.

Die Inspiration Händel 

Er schlug, gemeinsam mit dem Orchester Armonia Atena und auch als Solokünstler, eine Karriere als Dirigent ein, die schnell internationale Engagements und Auftritte mit sich brachte. Sein musikalisches Interesse erstreckte sich dabei von Händel und Verdi bis zur zeitgenössischen Oper. Die intensive Beschäftigung mit Opern habe einen weiteren großen Effekt auf seine Weiterentwicklung als Musiker und Künstler gehabt. „Je mehr ich mich mit Opern auseinandergesetzt habe, desto mehr wollte ich meine eigenen Vorstellungen in die Inszenierung einbringen“, erklärt Petrou. „Mich hat die Idee fasziniert, sowohl die Interpretation der Musik als auch die Gestaltung der Bilderwelt und Dramaturgie in meiner Hand zu vereinen.“

Auch hier haben es ihm die Werke Händels besonders angetan. „Händel war nicht nur ein begnadeter Komponist, sondern einer der größten Dramatiker in der Opern-Geschichte“, sagt Petrou beinahe euphorisch. „Er hatte einen ausgeprägten Instinkt für Theater, für Geschichten. Er hat aus meiner Sicht unübertroffene Meisterstücke geschrieben, die sich auch heute noch modern anfühlen und die Zuschauer ansprechen.“

Er sei überzeugt, dass Händels Musik von jedem verstanden werden könnte, nicht nur von Experten. „Verstehen Sie das nicht falsch, natürlich sind die Interpretation und die Inszenierung seiner Musik enorm wichtig, um sie für möglichst jeden zugänglich zu machen“, sagt er ergänzend. Eine Oper sei dabei ein Gesamtkunstwerk, in das viele Menschen ihr Herzblut, ihre ganze Energie steckten und etwas Wunderbares erschaffen würden. Wie das aussieht, könne das Göttinger Publikum in diesem Jahr besonders gut an der Oper ,Giulio Cesare‘ sehen, die Petrou als Dirigent und Regisseur während der diesjährigen Festspiele im Mai mit der Nederlandse Reisopera aufführen wird. In den Niederlanden wurden die ersten Aufführungen, unter anderem in Amsterdam und Groningen, begeistert aufgenommen. Ihm sei es vor allem darum gegangen, die intensive Geschichte mit Abenteuer, großen Gefühlen und Humor als Ohren- und Augenschmaus mit großen Bildern zu inszenieren. „Mit dem wundervollen Ensemble ist das eine reine Freude, da alle tolle Sängerinnen und Sänger zugleich Schauspieler sind“, sagt Petrou begeistert.

Er könnte es kaum erwarten, die Reaktion des Göttinger Publikums zu sehen und zu hören. Sein Ziel sei, so betont Petrou, den Menschen in jeder der zahlreichen Vorstellungen einen guten Grund zu geben, immer wieder zu kommen. „Ich lebe für den Applaus. Ich bin glücklich, wenn ich ihn zusammen mit den Musikern bekomme. Das motiviert mich, treibt mich an“, sagt der künstlerische Leiter unumwunden. „Kritiken lese ich auch – und bin traurig, wenn es schlechte sind.“ Aber er höre gern, wenn Menschen über eine Inszenierung diskutierten. „Wenn es uns gelingt, dass wenigstens ein paar Menschen im Publikum sagen, dass sie diese Oper lieben, dann haben wir einen guten Job gemacht.“ ƒ