Schluss mit Winterschlaf

Was trotz Widrigkeiten möglich ist, zeigt Julia Hansen eindrucksvoll mit ihren Kulturkrafttagen in Einbeck – und geht Mitte März 2024 in die dritte Auflage.

„Es wird ein Fest der Sprache, ein Fest der Musik, ein Fest der Begegnung.“

Ist es Naivität, gar Verzweiflung oder – positiver formuliert – einfach nur eine Mischung aus Gestaltungswille und viel Optimismus? Die Frage drängt sich auf, wenn jemand ausgerechnet im Jahr 2020 ein neues Kulturfestival etablieren will – noch dazu im beschaulichen Südniedersachsen. Spricht man dann aber mit der Person hinter dieser Idee, gibt es eine überzeugende Antwor. Die anfänglichen Zweifel am Erfolg des Konzepts wirken wie weggewischt.

 

„Ich habe es trotz Corona und Corona zum Trotz gemacht“, sagt Julia Hansen. Der unbeugsame Wille tönt aus jedem ihrer Worte. Natürlich hat sie schon im Jahr, bevor die Pandemie auch und gerade in der Welt der Kultur für nie geahnte Einschnitte sorgte mit der Planung für ein außergewöhnliches Kulturwochenende begonnen. „Ich hatte eine Vision und war nicht bereit, mir die nehmen zu lassen“, sagt die Kunstbesessene und blickt auf die Anfänge ihrer Planung zurück. Sie möchte „mit ­Liebe zum Detail“ Menschen ihres Netzwerks miteinander verbinden, um unterschiedliche musikalische For­mate auf die Bühne zu bringen und neue Zugänge zu großen Dichtern und Denkern zu eröffnen. Als Aus­tragungsort wünscht sich die Bach- und Hölderlin-­Liebhaberin den Einbecker PS.SPEICHER. Sie liebt das Flair der Ausstellungsräume und die dort ­„transportierte Liebe zu Oldtimern“. Die gemeinsame Passion für das Besondere lässt den Museumsgründer Karl-Heinz Rehkopf und die ambitionierte studierte Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin schnell zusammenkommen. Gemeinsam überzeugen sie bald auch namhafte regionale Unterstützer sowie Förderinstitutionen.

Die ersten Kulturkrafttage beraumen sie für den 19. bis 21. März 2021 an. Hansen habe das jährliche Datum im März gewählt, weil es nicht mit anderen Festivals in der Region kollidiere und sie damit die Festivalsaison früher als bisher eröffnen wolle: „Ich möchte die Leute aus dem kulturellen Winterschlaf holen!“ Doch wegen der umfassenden Lockdown-Bestimmungen droht der Winterschlaf 2021 in die Verlängerung zu gehen: Ständig ändern sich die behördlichen Vorgaben für Veranstaltungen, und schließlich ist klar: Es wird maximal eine abgespeckte Veranstaltung per Videostream geben können. Aber klar ist auch: Die Premiere wird auf jeden Fall stattfinden! 

Über 1.600 Aufrufe bestätigen die Publikumsfähigkeit der Idee und des Konzepts. Die positiv überraschte Hansen hätte nicht mit so vielen Klicks gerechnet. Der Stream als Kulturkraftmoment unter dem Titel ,Lyrisches Intermezzo – Heine meets Jazz‘ ist übrigens noch heute auf Youtube aufzurufen. An der Seite von Hansen agieren dabei Sprecher Heikko Deutschmann, Rhani Krija (Percussion), Jörg Siebenhaar (Piano und Akkordeon) und Thomas Zander (Klarinette und Saxofon) und ließen trotz des fehlenden Publikums eine sehr intensive Atmosphäre entstehen. Umso besser, dass bei der ersten kompletten Kulturkrafttage-Auflage im Jahr 2022 mit 850 Zuschauern bereits ein zahlenmäßig beschränktes Publikum vor Ort sein darf und in diesem Jahr die Beschränkungen ganz der Vergangenheit angehören und somit im März 2023 über 1.500 Zuschauer vor Ort gewesen sind. Denn es ist beeindruckend, welch namhaftes und teilnahmefreudiges Netzwerk sich die in Südindien geborene und bis zum 15. Lebensjahr in Somalia und Sambia aufgewachsene Künstlerin aufgebaut hat, seit sie nach Deutschland kam. Wer sich in ihre Vita vertieft, entdeckt unzählige Engagements auf deutschsprachigen Bühnen. Neben CD-Projekten zur Musik der populären isländischen Musikerin Björk sowie des legendären US-Amerikaners Cole Porter stehen schauspielerische Auftritte auf Bühnen – wie zum Beispiel dem im Deutschen Theater in Göttingen, bei Lesungen auf Literaturfestivals und Gesangsauftritte in Konzertsälen. Noch vor ihrem Studienbeginn gewann Julia Hansen den Tegernseer Brecht-
Nachwuchsförderpreis. Bei diesen Gelegenheiten lernte sie viele der nun an ihrem eigenen Festival beteiligten Kulturschaffenden kennen. „Alle waren sofort begeistert und möchten immer wieder dabei sein“. So kann die 55-Jährige aus dem Vollen schöpfen und sagt motiviert zum Besuch ihrer Gäste: „Die meisten sind sogar während des gesamten Wochenendes anwesend – es kann also passieren, dass Besucher während der Vorstellung neben Götz Alsmann oder Eva Mattes sitzen.“

Womit schon mal zwei der Akteure genannt sind. Und wie gesagt, es ist eine namhafte und lange Liste, zu der auch Ulrich Tukur, Charles Brauer und Martin Stadtfeld gehören. Hansens langjährige Weggefährten schätzen es, wie sehr sie sich engagiert und wie sie die außerhalb der Kulturszene schon fast vergessene, aber dennoch niederschmetternde kulturelle Corona-Leere mit ihrem Projekt zu füllen versuchte. Ihrer „bestimmten Einstellung zum Leben“ haben es Künstler und Publikum zu verdanken, dass es die ,Kulturkrafttage im PS.Speicher‘ nun jährlich gibt. Kräftige Tage sind es in der Tat, denn zum einen kämpf(t)en sie gegen schwierige Zeiten, zum anderen treten sie mit einem vor Kraft strotzenden Programm an. Dieses ist an sich schon attraktiv, wird aber durch Bühnengespräche mit den Künstlern vor (!) der Vorstellung und durch Backstage-Eindrücke nach der Show aufgewertet. Wer im Vorfeld des Festivals selbst kreativ werden will, kann am 24. Februar 2024 an einem Percussion-Workshop mit Rhani Krija an der Mendelssohn-Musikschule Einbeck teilnehmen.

Wer nicht ganz so aktiv sein möchte, kann sich aber jetzt schon auf das Programm der dritten Auflage vom 14. bis 17. März 2024 freuen. Denn es wird ganz im Sinne Julia Hansens wieder „ein Fest der Sprache, ein Fest der Musik, ein Fest der Begegnung“. Bereits vor der offiziellen Eröffnung geht der schon erwähnte Percussio­nist Rhani Krija mit Marialy Pacheco und dem Programm ,Marocuba‘ in der Pre-Session, der ­sogenannten Kulturkraftstunde, auf die Bühne (14. März, 19 Uhr). Am Freitag um 19.30 Uhr folgt das Eröffnungskonzert ,Houses‘ mit Silje Nergaard. Dabei präsentiert die Norwegerin Jazz, Pop und Weisen aus ihrer Heimat. Bereits eine Stunde zuvor kann sie das Publikum im Bühnen­gespräch einstimmend kennenlernen. Am Samstag um 17 Uhr folgt die Blaue Stunde mit einer eigens dafür ­kuratierten Musiklesung. Auf der Bühne sind dann der erfahrene Dietmar Bär mit den Newcomern und Preisträgern des Deutschen Musikrates vom Trio Klangspektrum. Abends um 21 Uhr folgt die Late Night mit Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys unter dem Titel ,Es leuchten die Sterne‘ – beiden Auftritten gehen jeweils eine Stunde zuvor ebenfalls Bühnengespräche voraus. Der Late Night folgt noch der ,Kulturkraft­moment‘ mit Jörg Siebenhaar und Julia Hansen, der Besucher mit einem Kulturkraft-Pass in die halbstündige und überraschungsreiche ,Cosy Corner‘ Backstage mitnimmt. Den Abschluss ,ohne Netz und doppelten Boden‘ bildet die Sonntagsmatinee um 11.30 Uhr. Die Pre­mieren-Besetzung (s. o.) stellt Antoine de Saint-­Exupérys Meisterwerk ,Der kleine Prinz‘, verwoben mit einer vielversprechenden musikalischen Improvisation zwischen Jazz und Rameau, dar. 

Das alles steht als eindrucksvoller Beleg für Hansens Motto ,Nur wer selbst brennt, kann das Feuer in anderen entfachen‘. Sie hat es geschafft – nicht nur bei den Künstlern und offiziellen Veranstaltungspartnern, sondern auch bei dem Vorstand und den Mitgliedern des eigens für die Kulturkrafttage gegründeten Vereins sowie den vielen ehrenamtlichen Helfern des langen Kulturwochenendes. Gemeinsam mit diesen Menschen möchte Julia Hansen in den kommenden Jahren noch viele weitere Visionen umsetzen. Allerdings müssen die noch in ihr reifen, und sie möchte noch nicht verraten, worum es sich dabei handelt. Möge die Kraft mit ihr sein und die Kulturkrafttage noch viele Winterschläfer wachrütteln … ƒ

 

 

Foto: Helge Krückeberg
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