©Robert Lucander
Text von: faktor

Der Kunstverein Göttingen feiert sein 50-jähriges Jubiläum. Seit einem halbem Jahrhundert fördert er junge Künstler und engagiert sich dafür, Gegenwartskunst nicht nur in den öffentlichen Raum, sondern auch in private Wohnzimmer zu bringen.

Der Kabarettist Jürgen Becker brachte vor einigen Jahren mit seinem Bühnenprogramm ,Der Künstler ist anwesend‘ einen ganz wesentlichen Aspekt der Kunstwahrnehmung zur Sprache: die Sprachlosigkeit. Und zwar in dem Moment, in dem man als ungeübter Vernissage-Besucher vor einem Kunstwerk steht – und es einem so rein gar nichts sagt. „Jedoch besteht schon seit der Gründung des Vereins ein wesentlicher Teil unseres Engagements gerade darin: die Kunstwerke zum Sprechen zu bringen“, sagt Helmut Wenzel. Und er muss es wissen. Denn Wenzel ist bereits seit 36 Jahren Geschäftsführer des Kunstvereins Göttingen und kennt sich wie kein Zweiter mit dessen Geschichte aus, die in diesem Jahr bereits ein halbes Jahrhundert andauert.

„Am Anfang stand der Befund, dass das Kulturleben in der Universitätsstadt vor allem in den Sparten Musik und Theater recht gut entwickelt ist, in der bildenden Kunst jedoch erhebliche Defizite aufweist“, erzählt Wenzel. Und so entstand vor genau 50 Jahren aus einer akademisch-bürgerlichen Tradition von Kunstfreunden der Verein, mit dem Zweck der Förderung der Auseinandersetzung mit überregionaler und internationaler Kunst. Zunächst fanden die Ausstellungen unter anderem im Städtischen Museum statt; die Suche nach geeigneten eigenen Räumlichkeiten ging und geht jedoch weiter. Nach einigen Jahren fand der Kunstverein zusammen mit dem Verein ,Künstlerhaus mit Galerie in Göttingen‘ seinen Sitz im historischen Lichtenberghaus im Zentrum der Stadt in der Gotmarstraße. Gemeinsam zählen die beiden Institutionen heute zu den namhaften Ausstellungsmachern für die bildende Kunst in der Stadt. Aus diesem Grund bekommt der Verein institutionelle Förderung unter anderem von der Stadt Göttingen, weitere Unterstützung für die Ausstellungs- und Vermittlungsprojekte gibt es vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Hannover, vom Landschaftsverband Südniedersachsen sowie von zahlreichen Stiftungen und Unternehmen. „Derzeit nutzen wir für unsere Ausstellungen sowohl die Galerieräume im Künstlerhaus als auch die Ausstellungsräume im Alten Rathaus“, sagt der Geschäftsführer. „Für die Zukunft erhoffen wir uns aber – nach fünf Jahrzehnten Suche – erweiterte, eigene Räumlichkeiten im geplanten Kunstquartier, dem KuQua.“ An dessen Entwicklung wolle man sich gern beteiligen, die Gespräche seien aber erst am Anfang.

Doch trotz der räumlichen Einschränkungen hat sich der Kunstverein in den letzten 50 Jahren zu einer festen Größe in und um Göttingen entwickelt. Stolz verweist Wenzel darauf, wie sich der doch recht kleine Verein mit der Zeit sogar über die Grenzen Südniedersachsens hinaus einen guten Ruf geschaffen hat. „Keine andere Institution in der Region bietet in solcher Vielfalt und Kontinuität ein Programm junger Gegenwartskunst mit überregionalem und internationalem Hintergrund. Mit fünf Ausstellungen pro Jahr, die jeweils bis zu acht Wochen laufen, sind wir fest im kulturellen Geschehen der Stadt verankert“, so Helmut Wenzel.

Auch durch die Zusammenarbeit mit Dritten konnten so im Laufe der Jahre mehr als 350 Ausstellungen gezeigt werden. „Bis zur Wende haben wir auch Klassiker der Moderne wie Otto Dix oder Max Beckmann ausgestellt“, sagt Wenzel. Mit der Übernahme der Förderung durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen Anfang der 1990er-Jahre änderten sich jedoch die Förderstrukturen und -kriterien. Seitdem konzentriert sich der Kunstverein Göttingen – wie alle anderen Kunstvereine auch – auf junge, aktuelle Gegenwartskunst.

Das inhaltliche Programm wird seit drei Jahren von jungen, selbstständigen Kuratoren gestaltet. Derzeit hat Tomke Braun diese Aufgabe übernommen. „Sie bringt einen frischen Blick auf das Kunstgeschehen mit und ist aktiv in der lebendigen Kunstszene Berlins verankert“, sagt der Geschäftsführer. Gerade diese jungen Programmgestalter legen ihren Fokus auf die aktuelle Kunst, auf Gegenwartsbezug und auf den Einsatz neuer Medien und können deshalb besonders gut dafür sorgen, dass die aktuellen Diskussionen der Kunstszene in den Ausstellungen abgebildet werden. „Darin sehen wir auch unsere Aufgabe: Wir wollen aufzeigen, was es für neue Möglichkeiten und Blickwinkel in der Kunst gibt, und verdeutlichen, in welchem gesellschaftlichen Spannungsfeld sich Kunst bewegen kann“, erklärt Wenzel. „Da öffnet sich die Welt.“

Und so betreibt der Kunstverein neben den Ausstellungen und den sie begleitenden Veranstaltungen wie Führungen, Performances und Künstlergesprächen inzwischen seit vielen Jahren eine besondere Form der Kunstvermittlung, die sich auf einen handlungs- und produktionsorientierten Ansatz stützt. Wenzel: „Das bedeutet, dass wir aktiv mit Kindern, mit Schülern und auch mit Erwachsenen Projekte umsetzen, die Kunst unmittelbar erlebbar machen und die Auseinandersetzung mit der Gegenwart verdeutlichen.“ Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit der türkischstämmigen Künstlerin Nevin Aladag, die im vergangenen Jahr auf der Documenta in Kassel vertreten war. 2014 konnte sie im Kunstverein Göttingen ihre erste institutionelle Ausstellung realisieren. Ein Jahr später gestaltete sie ein Projekt mit Schülern des Hainberg- Gymnasiums unter dem Motto ,Best Friends‘, bei dem es – in Anlehnung an die Thematik ihrer Ausstellung – um Freundschaft und Identität, Nachbarschaft und Nähe ging. „Ich bin jedes Mal wieder begeistert, wie offen und schöpferisch diese Workshops sind, was dabei an Ideen entsteht und wie viel positive Resonanz zurückkommt“, so Wenzel.

Seit 1988, also genau seit 30 Jahren, gibt es im Kunstverein noch ein weiteres Aufgabenfeld – ebenfalls mit dem Anspruch der Kunstvermittlung: die Artothek. Sie befindet sich ebenso im Künstlerhaus wie der Kunstverein. „Durch die Artothek geben wir den Menschen die Möglichkeit, sich Kunst für die eigenen Räumlichkeiten ausleihen zu können und sich dabei mit immer wieder anderen Kunstwerken zu umgeben“, erklärt eine der Mitarbeiterinnen der Artothek, Johanna Meyer. An die 150 Artotheken gibt es mittlerweile in ganz Deutschland. „Sie bieten eine besondere Form der Kunstvermittlung, denn Kunst kann Menschen auch zu Hause auf ganz besondere Weise berühren.“ Meyers Blick schweift über die zahlreichen Bilder, die in den inzwischen beengten Räumlichkeiten der Artothek ausleihbereit an den Wänden lehnen. Begonnen hat damals alles mit einer großzügigen Spende eines privaten Sammlers.

Um die 30 bis 40 Bilder bildeten den Anfang. Heute ist der Bestand auf rund 700 Werke angewachsen, die von Käte Kollwitz und Ernst Barlach über Horst Janssen bis zur Gegenwartskunst reichen. Vor allem grafische Werke und Fotografien sind dabei vertreten. Aber auch Ölmalereien, Aquarelle und Collagen sind darunter: „Wir bitten die jungen Künstler, die im Kunstverein ausstellen, im Anschluss ein Werk für die Artothek zu spenden. Wenn einige von ihnen später zu größerer Bekanntheit gelangen, führt das für die Artothek dazu, besondere Schätze anbieten zu können“, so Meyer.

Für nur wenige Euro im Monat kann sich jeder zwei bis drei Bilder ausleihen. Voraussetzung ist lediglich eine Mitgliedschaft im Kunstverein oder in der Artothek. Unternehmen oder Freiberufler können eine Mitgliedschaft mit besonderen Konditionen abschließen und beispielsweise halbjährlich auch eine größere Anzahl von Kunstwerken für ihre Empfangsbereiche, Flure und Büros bekommen.

„Wer sich regelmäßig über die Artothek Bilder ausleiht, kann sich so im Laufe der Zeit auch umfassendere Kenntnisse über die Gegenwartskunst verschaffen“, sagt Meyer. „Kunst unmittelbar zu erleben, wird auf diese Weise vielen Menschen ermöglicht. Das wird in Zukunft noch bedeutender werden, denn auch über Kunst erschließt sich der Mensch die Welt.“