©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Die US-Amerikanerin Nina Holland lebt ihren Traum. Angespornt durch ihr langjähriges Idol Gerhard Steidl zog sie einst nach Göttingen und gründete den Little Steidl Verlag. Hier erledigt die Gestalterin jeden Arbeitschritt selbst und nimmt sich alle Zeit der Welt, um das perfekte Kunstbuch zu erschaffen.

Nina Holland kommt im November 1969 in Los Angeles zur Welt. Es ist dasselbe Jahr, in dem in den USA auch die Erstauflage eines Buches erscheint, das bis heute Kinder auf der ganzen Welt begeistert: Eric Carles ‚Die kleine Raupe Nimmersatt‘. „Meine Großmutter war Literaturkritikerin und hatte immer stapelweise die neuesten Bücher der Verlage auf ihrem Tisch liegen. Und ich bekam von ihr zur Geburt dieses Buch geschenkt“, erzählt Holland und weiß noch genau, wie die kleine Raupe sie durch ihre Kindheit begleitet hat. Wie sie als kleines Mädchen ihre Fingerchen durch die Löcher der Früchte, der Torte und durch das Eis steckte und so den Weg der Raupe, die immer dicker und dicker wurde, gespannt verfolgte. Wieder und wieder. Bis sich irgendwann der Weg des Buches verlor – doch die Erinnerung blieb.

Heute lebt die gebürtige US-­Amerikanerin in Göttingen und ist Verlegerin des Little Steidl Verlages, eines Kunstbuchverlages, der in dieser Art und Weise auf der Welt einzigartig ist. Und auch hier verknüpfen sich die Fäden der Vergangenheit und der Gegenwart: Als eines der zahlreichen Bücher, die die Großmutter bei sich bewahrte, stieß Nina Holland in ihrer Kindheit auf das Buch ‚In Kupfer, auf Stein‘ von Günter Grass – dieses begegnete ihr 1994 wieder in der Bibliothek des J. Paul Getty Museum in L.A. Und so wie viele Bücher dort, die ihr vor allen anderen gefielen, war eben auch dieses aus Göttingen. „Ich mochte die Steidl­Bücher auf Anhieb. Sie waren so lebendig …, auch wenn ich eine Weile brauchte, um zu erkennen: Das ist ein Steidl! Und das ist auch ein Steidl und das auch …“, erzählt die inzwischen 48­-Jährige. Ein magischer Moment, denn mit dem Grass-Buch in der Hand dachte sie festentschlossen: „Genau das sollte mein Beruf sein.“ Da war sie 24 Jahre alt. Nur zehn Jahre später arbeitete sie bereits unter dem Label Little Steidl als Imprint des Steidl Verlages aus der Ferne mit ihrem langjährigen Idol zusammen. Das war 2004. 2010 kam sie nach Göttingen.

Vielleicht wird es irgendwo Menschen geben, die auf ähnliche Weise einen kleinen Verlag führen. Doch nicht so. „Was ich tue, dafür gibt es kein Vorbild. Ich mache die Arbeit von ungefähr zehn Abteilungen eines Verlages ganz allein“, sagt Holland. Der gesamte Prozess der Buchentstehung liegt in ihren Händen. Sie arbeitet eng mit den Künstlern zusammen, deren Typografie, grafische Kunstwerke oder Fotografien einen Teil des Gesamtkonzepts ausmachen – und formt Ideen für die Gestaltung aus den jeweiligen Objekten. Zunächst setzt sie das Konzept grafisch von Hand und später am Rechner um – inklusive Bildbearbeitung, Druckvorstufen und Druckplattenherstellung bis hin zum Druckprozess an der Maschine und dem Buchbinden mit Nadel und Faden.

Mit höchster Sorgfalt wählt sie das Papier – ihr Liebstes ist ein Werkdruckpapier mit matter Oberfläche der Firma Zerkall. „Diese wunderschönen, aber ästhetisch zurückhaltenden Büttenpapiere haben eine ganz bestimmte Ästhetik…“, erklärt Holland fast schwärmerisch. Und nichts überlässt sie dem Zufall. Im ihrem Winter garten an der Wand hängen diverse Blätter im direkten Sonnenlicht – „hier teste ich die Wirkung der alkalischen Reserve, die ,Alterungsbeständigkeit‘ von ,höchste Alterungsbeständigkeit‘ unterscheidet.“ Perfektionismus, ja, jedoch nicht anstrengend, stattdessen sehr sympathisch.

Ihre Vorstellung, wie ein Buch seine Form findet, wie dementsprechend Inhalt und Form sich aneinander ausrichten, macht diesen Verlag ebenfalls zu etwas Besonderem. Hier finden keine linearen Produktionsprozesse statt. Bei Nina Holland kristallisiert sich ein anderes Schema heraus: Prozesse zirkulieren. Es wird geprüft und verglichen, und wenn das Ergebnis nicht genau so ist, wie sie es sich vorstellt, dann geht alles noch einmal auf Anfang. „Ich weiß, was ich mache, ist sehr zeit aufwendig, aber ich finde, es ist notwendig“, sagt sie, und es klingt aus ihrem Mund nicht entschuldigend, sondern vielmehr absolut überzeugend. Nicht umsonst werden ihre Bücher weltweit verkauft und in den größten Zeitungen und Zeitschriften in den USA rezensiert.

Irgendwann in naher Zukunft wird sie in einem Haus leben, das Wohnraum, Verlag und Druckerei vereint. Erste Pläne des Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor liegen der Stadt Göttingen bereits vor und sollen in den kommenden Jahren im entstehenden KUQua umgesetzt werden. Derzeit ruht das Projekt. Doch das hat bauliche Ursachen und wird sich klären. Holland ist zuversichtlich. Derzeit wohnt sie noch in einer geräumigen Altbauwohnung, die mehr Verlag als Wohnraum zu sein scheint. Bücher über Bücher. Stapelweise. Wie einst bei ihren Großeltern. Nicht in hohen Regalen sortiert – die Wände sind frei, weiß, vereinzelte Fotos und Bilder, viele selbstgemalte darunter von ihrer Tochter Luna. Zwei große Arbeitsräume mit ebenso großen Arbeitstischen. Spätestens hier wird deutlich, wie stark ihre Arbeit ihr Leben ist.

Oder vielleicht auch, wie alles in ihrem Leben miteinander verwoben ist. Denn ihre Tochter Luna, die heute 22 Jahre alt ist und als Mathematikerin in Boston lebt, gehört wesentlich dazu: „Sie hat mich seit ihrer Geburt bei allen künstlerischen Tätigkeiten begleitet. Sie ist nicht nur meine Tochter – sie ist auch mein Lieblingsmensch und meine Seelenfreundin“, sagt sie, während sie liebevoll ein Bild von Luna betrachtet.

Heute kann sie sagen: „Ich bin Gestalterin.“ Doch man ahnt es schon, der Weg dorthin war ein langer Prozess, obwohl rückblickend vieles darauf hindeutete. Als Kind mit künstlerischen Wurzeln wuchs sie in Los Angeles in einem Umfeld auf, das sowohl von Musik als auch von bildender Kunst geprägt war. Ihre Großmutter war Literaturkritikerin und Malerin, ihr Großvater Pianist, Komponist und Gestalter. Holland war das Nesthäkchen der Familie. Ihre beiden elf und zwölf Jahre älteren Schwestern besuchten – als die kleine Nina noch das ABC lernte – schon das California Institute of the Arts (CalArts), eine private Kunsthochschule, die 1961 von Walt und Roy Disney gegründet wurde. Mit ihrer Mutter besuchte das kleine Mädchen die Geschwister dort regelmäßig und sog die Atmosphäre begierig in sich auf. „Mit zwei Jahren begegnete mir dort das erste Mal das Werk von John Baldessari, was mich nachhaltig beeindruckte“, erzählt sie. Das Buch ,Miracle Chips‘ dieses US­amerikanischen Vertreters der Konzept­ und Medienkunst ist heute in ihrem Verlagsprogramm vertreten.

Holland selbst spielte von klein auf Klavier und lernte bereits mit acht Jahren an einer Kunstakademie Musik und Tanz. Auch ihre Highschool war eine Akademie für sehr junge Künstler – doch danach brauchte sie Abstand und studierte lieber Literatur und Philosophie. Nach einem anschließenden Jurastudium kehrte sie dann schließlich doch zur Kunst zurück: „Zuerst war ich nicht sicher, was ich in der Kunst tun wollte – und es war ein langer Weg, ,meine‘ Kunstform zu finden.“ Sie lacht – was sie gern tut und immer wieder. Und wenn sie lacht, dann ist es ein sehr befreiendes und offenes Lachen. Ihre Augen strahlen, sie scheint sich gern an ihr Mäandern zu erinnern. Immer wieder fallen neue Erinnerungsstücke in ihr Bewusstsein und immer wieder taucht der Name Gerhard Steidl auf. Ihr Mentor, der Verleger des Göttinger Steidl Verlages, ohne den sie heute nicht hier säße und ohne den sie auch nicht so mutig ihren Weg gegangen wäre.

„Gerhard Steidl sagte mir damals: Ich könne alles bei ihm lernen, denn es war ihm wichtig, dass es nicht nur einen Steidl in der Welt gibt. Aber dafür müsse ich meinen eigenen Weg gehen.“ Sie erzählt dies fast beiläufig, und dennoch wird immer wieder deutlich, wie dankbar sie ihrem Mentor ist, mit dem sie eine enge Freundschaft verbindet und der als Patenonkel ihrer Tochter seine wenige kostbare Zeit immer mal wieder mit ihr teilt. Die ersten zwei Jahre in Deutschland wohnte Nina Holland beim Steidl Verlag, während sie eine Wohnung in Göttingen suchte. Ganze sieben Jahre stand sie jeden Tag an einer kleinen mechanischen Druckmaschine des Verlags und lernte akribisch, was es bedeutet, zu drucken und diese Maschine zu bedienen. Sieben Jahre. „Nur so kann man die Tradition von Steidl auch wirklich weiterführen. Man muss Drucker sein“, erklärt die Allrounderin. Seit 2012 ist Little Steidl ein eigenständiger Verlag unter der Leitung von Nina Holland und ihrem amerikanischen Geschäftspartner Jerry Sohn. „Jerry und ich sind wie Zwillinge“, sagt Holland. Ihre Zusammenarbeit hat sich aus der engen Zusammenarbeit mit Künstlern entwickelt. Sohn hat einen ‚Spielraum‘ in der kalifonischen Wüste, wo er große Kunstprojekte entwickelt und realisiert. Sein Projekt mit Rachel Whiteread war Anlass für einen Artikel im Wall Street Journal Magazine im August 2017.

„Ich muss einfach alles mit den Händen machen. Ich muss ein Buch leben. Und das dauert schon mal zehn Jahre oder mehr“, erklärt Holland den Unterschied zwischen ihrer Arbeitsweise und der von Gerhard Steidl, der immer unter Strom zu stehen scheint. Viele Arbeitsschritte macht die Gestalterin tatsächlich manuell und in ihrem eigenen Tempo, das sich an ihrem Lebensrhythmus und nur daran orientiert. So, wenn sie Druckbogen für Druckbogen von Hand falzt und die Löcher für die Bindung mit großer Nadel in das Papier sticht. Es ist die Vielfalt der Aufgaben, die sich in einem Projekt zu einem Ganzen fügen. „Ich mag Maschinen, wenn sie mechanisch sind“, ergänzt sie, und ihre Augen beginnen, wieder zu leuchten, wenn sie von ‚ihrer‘ MAN Roland 200 spricht, eine Zwei­Farben­Druckmaschine aus dem Jahre 1993. Auf ihr hat sie bei Steidl alles gelernt und dann zwei Jahre nach genau diesem Modell gesucht. Als sie es schließlich in München erstand, dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis sie diese sechs Tonnen schwere Maschine wieder instand gesetzt hatte. „Sie ist eine eigene Persönlichkeit. Wir mussten uns erst kennenlernen.“ Die Druckerin erklärt, dass es bei ihrer Arbeit immer um Dialog gehe, ob mit den Künstlern oder mit ihrer Roland 200. Es handele sich um eine Art Arbeitsbeziehung. Dann verrät sie noch ein Geheimnis: „Ich erzähle meiner Maschine immer von einem neuen Buch, was ich mache und vorhabe. Dann ist sie vorbereitet, und über Nacht hat sie sich dann meist überlegt, wie es geht.“

Für ihr derzeitiges Projekt kam der Jazzmusiker und Fotograf Anthony Wilson direkt aus den USA eingeflogen. Gemeinsam wollen sie den Andruck für den Schuber seines neuen Albums machen, das im Herbst dieses Jahres erscheint. Die beiden kennen sich seit über 30 Jahren und sind seit Highschool­Zeiten Freunde geblieben. „Es ist ein sehr intuitives Projekt“, so Holland. „Da wir uns so lange kennen, können wir anders zusammenarbeiten.“ Sie gestalten einen Schuber, die LP­Hülle und ein Buch im selben Format, mit eigenen Fotografien des Musikers. In diesem Fall ist das Format durch die LP im Prinzip vorgegeben.

Doch es gibt andere Projekte wie beispielsweise ,Kosmos‘ mit Jan von Holleben, bei welchem sich die Form erst im Prozess herausgebildet hat. Fünf Jahre brauchte sie, um die richtige Form zu finden. Am Ende gibt es sechs Bücher in sechs Formaten. „Ich habe an die 50 Formate ausprobiert. Für die Fotos in den einzelnen Bänden ist es wichtig, dass das Format wirklich richtig ist“, erklärt sie und holt ungeschnittene Druckbögen hervor und die fertige Auflage. „Es macht einen Unterschied“, sagt die Perfektionistin und zeigt, worauf es ihr ankommt: „Hier, es sind letztlich zwei bis fünf Millimeter, die entscheidend dafür sind, wie die Wirkung ist.“ Holland schaut zufrieden auf ihr fertiges Werk. In diesem Jahr werden insgesamt drei Bücher bei Little Steidl erscheinen. In den nächsten Jahren sollen es bis zu acht Bücher werden. Mehr jedoch auf keinen Fall.

Sie sieht sich selbst nicht als Künstlerin, obwohl ihre Wurzeln dort liegen und sie ohne diese ihre Arbeit nicht so ausüben könnte, wie sie es tut. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem, was sie jetzt macht und dem Schaffen einer Künstlerin. „Bücher herzustellen ist auch Kunst, ja. Aber ich gestalte den Inhalt nicht so gern. Meine Arbeit gleicht eher dem Prozess in der Musik“, sagt sie. Das Werk komme vom Komponisten, doch es sei am Musiker, dieses Werk auf seine Weise auszudrücken. „Dieses Suchen ist für mich viel interessanter, als immer in meinem Kopf zu sein, immer mit meinen eigenen Ideen – das ist zu limitierend für mich.“

Was Nina Holland dann am Ende druckt, ist allerdings tatsächlich Kunst – jedes Stück für sich. Denn die Werke der Künstler sind eigens für das jeweilige Buch entstanden. Sie erzählt von ihrer Arbeit mit dem US-­amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner, dessen Buch ,Something to put something on‘ sie gleich in zwei unterschiedlichen Auflagen begleitete: das erste Mal vor vielen Jahren noch im Steidl Verlag und nun im vergangenen Jahr erneut als ihr erstes eigenes Projekt auf ihrer Roland 200. Das Papier ist Büttenpapier von Zerkall, die Farben sind lebendiger. Die Typografie des Buches, entworfen von Weiner selbst, unterzog sie nun einer Anpassung, damit sie perfekt mit der Struktur des Papiers harmoniere.

Nina Holland geht zu einem der Bücherstapel und sucht etwas. Sie kommt strahlend zurück. In der Hand ,The very Hungry Caterpillar‘, die Originalausgabe des Buches ,Die Kleine Raupe Nimmersatt‘ von 1969. „Meine Mutter rief mich vor einiger Zeit an und sagte mir, dass mein Neffe noch dieses Buch von mir habe und ob ich es zurückhaben möchte.“ Holland blättert durch die Seiten. Erinnerung steigen auf, sie schaut versonnen und sagt dann: „Dieses Buch hat mich immer im Hintergrund begleitet. Das war wie Atmen und Gehen.“ Inzwischen trägt das Buch Spuren der vielen Kinderhände, durch die es gegangen ist. „Bücher sind etwas sehr Persönliches. Sie gehen von meinem Haus in ein anderes Haus. Und manchmal kommen sie zu mir zurück.“