©Luka Gorjup
Text von: Rupert Fabig

Binnen vier Jahren ist die Burg Scharfenstein zu einem der attraktivsten Anziehungspunkte der Region geworden: mit hochklassiger Gastronomie und professioneller Hotellerie – als Mekka für Whiskey-Fans und Entspannungsquelle für Naturliebhaber.

Eine Schicksalhafte Begegnung

Martin Henning war stinksauer. Wie, bitte schön, kann es denn sein, dass sich jemand erdreistet, direkt vor seinem Hotel – dem altehrwürdigen ,Löwen‘ in Duderstadt – Fremdbier aus dem Wagen zu verkaufen? Auf gute 25 Jahre Erfahrung in der Hotellerie und Gastronomie kann der gebürtige Perleberger zurückblicken, arbeitete an den besten Häusern Europas. Im ,The Omnia‘ im schweizerischen Zermatt sogar in dem besten. Und nun das.

Dreieinhalb Jahre ist dieser Vorfall inzwischen her und ihn als schicksalhaft zu beschreiben, ist keine Übertreibung. Heute kann Henning darüber schmunzeln. „Das Ganze hatte der Bernd von langer Hand so geplant“, erzählt der 39-Jährige und lacht.

,Der Bernd‘, das ist Bernd Ehbrecht, Geschäftsführer der Neunspringer Brauerei aus Worbis, deren Bier bei einem Volksfest einst vor dem ,Löwen‘ ausgeschenkt wurde. Dieser ist jedoch nicht nur Brauer, sondern seit einigen Jahren auch Pächter der Burg Scharfenstein – einer mittelalterlichen Spornburg oberhalb des kleinen Dörfchens Beuren im thüringischen Eichsfeld. Er hat diesem Ort, der lange Zeit im Dornröschenschlaf weilte, neues Leben eingehaucht: Scharfenstein wurde dank ihm zur Whiskey-Burg – mit Museum, Shop, eigener Brennerei sowie regelmäßigen Whiskey-Seminaren und -Wanderungen ein gut besuchtes Ausflugsziel.

Und die Legende seines ,lang gehegten Plans‘ geht, frei erzählt, in etwa so: Den Bierwagen seinerzeit bewirtet die ebenso charmante wie kecke Lisa Bonda, die für Ehbrecht regelmäßig solche Gelegenheitsjobs übernimmt. Sie und Henning kommen durch den die Gemüter erregenden Schank-Vorfall ins Gespräch – und sich anschließend näher. Über den privaten Kontakt lernt Henning schließlich auch Ehbrecht kennen, der zu diesem Zeitpunkt wiederum zwar weitere große Pläne für den Ausbau seiner Burg als Herberge hat, jedoch keinen fähigen Hotelier … Na, noch Zweifel an der Schicksal­haftigkeit?

Ein neuer Burgherr mit guten Ideen

Aber ein Hotelbetrieb in solch abgelegener Lage? Eine Herausforderung, die Martin Henning, dessen gastronomische Laufbahn einst als Restaurantleiter des historischen Schweriner Weinhauses Wöhler begann, durchaus reizte. „Ich habe mich mit befreundeten Hoteliers ausgetauscht, die mir alle gut zugesprochen haben“, erzählt dieser rückblickend. „Letztlich kommt die Chance, dass man eine Burg komplett eigenständig nach eigenen Vorstellungen sanieren und planen kann, kein zweites Mal.“ Und damit hatte Scharfenstein wieder einen Burg­herren.

Drei Jahre später. Henning und Bonda stehen noch immer Seite an Seite – und das buchstäblich. Denn die gelernte Automobilkauffrau sattelte kurzerhand vollständig in die Gastronomie um und kümmert sich heute im Hotel vor allem um den Service und den Empfang. „Dort gibt es dann erstmal einen Prosecco – damit die Gäste in Ruhe ankommen können und geerdet werden“, erzählt Henning. „Getreu unseres Mottos ,Willkommen bei Freunden‘.“

Das herzliche Willkommen beginnt allerdings meist schon vor den gewaltigen Mauern, auf dem Parkplatz, wo die Gäste vom Chef persönlich abgeholt werden. Länger draußen zu verweilen, lohnt sich dennoch nicht. Denn schon unmittelbar hinter den Toren offenbart sich im Vorhof des von Bonda geführten Ausflugsbistros ,Ringmauer‘ der erste Clou: Fondue-Gondeln.

Was sich erklärungsbedürftig anhört, sind: Fondue-­Gondeln. Ganz simpel. Drei ausrangierte Skigondeln vom Nebelhorn in Oberstdorf, in denen je maximal sechs Gäste zum Schweizer Klassiker einen grandiosen Ausblick über das Eichsfeld genießen können. „Eine Corona-Idee, die sehr gut ankommt“, erklärt Bonda zufrieden – und überhaupt könne man sich über die Auslastung im Burghotel in den vergangenen Monaten nicht beklagen. Eher im Gegenteil.

Das Erfolgsrezept

Doch was sind das eigentlich für Gäste, die so zahlreich anreisen und es beinahe unmöglich machen, kurzfristig eines der 36 Betten und schon gar nicht einen der 40 Plätze im dazugehörigen Restaurant 12HUNDERT9 zu buchen? „Zum einen sind es Teilnehmer an den hiesigen Whiskey-Seminaren“, erzählt Henning, der zuvor auch schon als Restaurantleiter und Sommelier im Zermatter ,Baarcity‘ tätig war. „Die haben Ausmaße erreicht, die wir uns nie hätten vorstellen können.“ Aus einem anfänglichen Turnus von allen zwei Monaten ist inzwischen einer von zweimal im Monat geworden – mit Potenzial für wesentlich mehr. „Zum anderen finden bei uns viele Tagungen statt. Der Rest sind Ausflugsgäste. Selbst Einheimische übernachten mitunter hier“, erzählt der Gastronom, der sowohl die Erfahrung als General Supervisor des ,Gourmet Restaurant No 6‘ im irischen Enniskillen mitbringt als auch als Chef de Rang auf der Insel Juist.

Das Erfolgsrezept seines Boutiquehotels liegt in seiner Mischung aus familiärer Vertraulichkeit, Tradition, Genussmomenten, Überraschungen und Nachhaltigkeit. Besonders Letztgenannte zieht sich wie ein roter Faden durch das Konzept. Dass der ausgeschenkte Whiskey aus dem eigenen Haus kommt, steht außer Frage. Auch fair angebauter Kaffee ist mittlerweile kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Doch selbst im Restaurant 12HUNDERT9 – benannt nach dem Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung des Scharfensteins – lässt sich kaum eine Zutat finden, die nicht nach ökologisch höchsten Werten produziert wurde.

Kredenzt wird in erster Linie regionale, moderne Hausmannskost: Trüffel­bäume wurden im Garten gepflanzt, die Forellen entstammen der nahe gelegenen Wipper. Geschmacklich besticht insbesondere das Wild aus dem eigenen Revier direkt vor der Burg. Böswillig ausgedrückt: Man könnte die Rehe und Wildschweine, die später als Filet, Braten, Schinken oder Salami – natürlich hausgemacht – auf dem eigenen Teller landen, aus dem Fenster direkt beobachten und dann zum Abschuss freigeben. Das Etageren-­Frühstück sucht im Eichsfeld seinesgleichen. Von der umfassenden Qualität ist im Landkreis lediglich Werner Freunds mehrfach ausgezeichnetes St. Georg in Dieterode höher einzuordnen. Doch aller Nachfrage zum Trotz möchten Bonda und Henning das Restaurant nicht vergrößern. „Darunter würde der Service leiden“, erklärt Henning. „Wir verbiegen uns nicht und bewirten lieber 40 glückliche Gäste als 100 unzufriedene.“

Den speziellen mittelalterlichen Charme erhalten die Zimmer des Burghotels dadurch, dass jedes von ihnen einzigartig ist, angepasst an die baulichen Gegebenheiten der Burg. „Man soll ja auch nicht vergessen, wo man ist“, sagt Bonda, die selbst aus dem nahen Kirchohmfeld stammt. Keine Sorge, dieses Risiko besteht nicht. Denn die Räumlichkeiten bieten Ausblicke in den Burghof und aufs Eichsfeld sowie Einblicke in die stilistischen Vorlieben der Gastgeber. Die haben die Zimmer übrigens selbst eingerichtet, dekoriert und im burgtypischen Grün-Blau gehalten. Die Bilder an den Wänden stammen von einer befreundeten Künstlerin – auch regional.

Lust auf mehr

Noch beherbergt das Burghotel nur an fünf Wochentagen Besucher, von Mittwoch bis Sonntag. Bei nur zehn Festangestellten eine Personalfrage. Langfristig sind aber 365 Tage im Jahr das Ziel. Jeder ihrer Mitarbeiter müsse sich dabei extrem flexibel zeigen. „Marketing, Rezeption, Restaurant – Generalismus sei Trumpf“, sagt Bonda und lacht. Sie selbst sei das beste Beispiel. Sie sei quasi rund um die Uhr und überall im Einsatz, „nachdem ich die ,harte Schule‘ meines Partners durchlaufen habe“.

Um sich im beschaulichen und entschleunigenden Ambiente wohlzufühlen, bedarf es eigentlich nicht zwingend weiterer Schritte. Und dennoch: Geplant sind Außensaunen für den Wellnessfaktor. Pächter Bernd ­Ehbrecht, Typ Macher, drückt vor allem bei der Entwicklung der gut besuchten Whiskeywelt aufs Gas. Konzerte wie das der Thüringer Mittelalter-Band ,In ­Extremo‘ ­haben sich auf der benachbarten Veranstaltungsfläche mittlerweile ebenso etabliert wie After-Work-­Partys an der Ringmauer im Sommer. Unter Motorrad- und Radfahrern – E-Bike-Ladestation ist natürlich vorhanden – hat sich das Burg­hotel längst als Ort der Einkehr herumgesprochen.

Wie sich die Burg innerhalb einer halben Dekade zu einem echten Schmuckstück und Leuchtturmprojekt in der Region verwandelt hat, ist mehr als eindrucksvoll. Selbst Einheimische verbringen mitunter ihre Wochenenden dort. Sollte Ehbrecht den Bier-Zwist in seiner Heimat ­Duderstadt einst tatsächlich von langer Hand geplant ­haben – dieser Plan ist aufgegangen. ƒ