©Luka Gorjup
Text von: Rupert Fabig

Rico Hausmann gründet aus seinem einstigen Kinderzimmer in Osterode heraus ein Unternehmen für nachhaltig produzierte Sportbekleidung und ist damit auf dem besten Weg den weltweiten Markt zu revolutionieren.

Es muss für Rico Hausmann ein abstruses Gefühl gewesen sein: Den Master-Abschluss in Marketing und Vertriebsmanagement in der Tasche, das Hannoveraner Studentenleben hinter sich
lassen, alle Kumpels starten in die gut bezahlte Karriere. Und er? Geht zurück ins alte Kinderzimmer nach Osterode am Harz. „Ich musste mich komplett zurück auf null reduzieren“, erzählt der heute 30-Jährige rückblickend. Das lag nicht an ,null Plan‘, sondern an ,null Bock‘, und zwar auf konventionelle Sportbekleidung. Doch unsere Geschichte beginnt ein halbes Hausmann-Leben
früher.

Das Hobby zum Beruf machen

Sport war schon immer seine große Leidenschaft. In der Jugend als ambitionierter Fußballer unter anderem beim VfR Osterode, inzwischen als leidenschaftlicher Läufer und fleißiger Fitnessstudiobesucher. Alles war und ist auf diese Passion ausgerichtet. Das zweite Hobby ist das Interesse an der Modebranche, speziell an Sportbekleidung. „Mit 14, 15 Jahren haben ich angefangen, mich intensiv damit zu befassen, wie die Sachen von all den großen Sportmarken entstehen, und habe mir dadurch autodidaktisch ein tiefes Know-how angeeignet“, sagt Hausmann. Die Geschäftsidee lag also auf der Hand, seine Hobbys zum Beruf zu machen. Ein Vertreter des Sports und all den Werten, die er damit verbindet, wollte der sympathische Harzer sein. Daran orientiert sich auch der Name der Marke, die er schon während des Studiums in der niedersächsischen Landeshauptstadt gründet: Gymbassador – eine Kombination aus dem englischen ,gym‘, also etwa Sporthalle oder Fitnessstudio, und ,ambassador‘ für Botschafter oder Repräsentant.

Gymbassador sollte kein weiterer Sportausstatter auf dem riesigen Markt sein, sondern ein besonderer. Ein komplett nachhaltiger, der rundum verantwortungsvoll produziert. Diese Vision in Teilzeit umzusetzen ist undenkbar. Aber ohne jegliches Startkapital steht Hausmann vor der Frage: es wie seine Kommilitonen machen und ab in die freie Wirtschaft – oder seinem Traum nachjagen? Die Antwort war denkbar einfach, der Weg dazu alles andere.

Im Kinderzimmer zum erfolgreichen Geschäftsmann

Das alte Kinderzimmer in Osterode war dann praktisch das einzig bezahlbare Büro, Lager und Logistikzentrum in einem. Ganz allein startet Hausmann vor vier Jahren seine Mission, nimmt einen Kredit auf, erstellt einen Online-Store, platziert die Marke ohne nennenswertes Werbebudget in den sozialen Medien, lässt die ersten 500 T-Shirts produzieren – und dann? „Es hat ein wenig gedauert, ehe ich über die ersten Bestellungen gejubelt habe“, erzählt der Gründer. Dabei erwies es sich als Stärke, dass der digitale Marktplatz derart professionell daherkam, dass damals niemand erahnte, dass das Paket mit der schicken Ware im Kinderzimmer verpackt wurde. So fingen zunehmend Menschen quer durch Deutschland an, sich für die nachhaltige Sportbekleidung zu interessieren.

Gymbassador ist anfangs ein reines Familienbollwerk. Als es für Geschäftsführer und Produktentwickler und Marketingmanager und Lagerlogistiker und Buchhalter Rico Hausmann allein zu viel wird, hilft ihm seine Mutter beim Packen der Pakete, Bruder Marco beim Vermarkten der Ware. Die beiden ziehen gemeinsam durch Südniedersachsen, präsentieren die Produkte in regionalen Fitnessstudios und bei Sportveranstaltungen. Hausmann identifiziert sich mit seiner Heimat. „Wir sind stolz, als Start-up aus Osterode erfolgreich zu sein – sonst verbindet man solche Geschichten meist nur mit Berlin, Hamburg und München“, sagt er zufrieden.

Und Grund, stolz zu sein, hat der junge Gründer allemal. Der immense Kraftakt, mindestens 60 Arbeitsstunden in der Woche, wenige bis keine freien Tage und sein kooperativ-diplomatischer Führungsstil zahlten sich aus. Er kann zwei weitere Mitarbeiter anstellen, denen er viel Eigenverantwortung zugesteht. Seine Funktionskleidung verkauft sich von Jahr zu Jahr besser, vor allem die Damenleggins und der Sport-BH sind fast permanent vergriffen. Generell ist die Mehrheit der Kunden weiblich, aber die Herren ziehen gerade ordentlich nach. 15 Produkte je Geschlecht bietet Gymbassador inzwischen an.

Immer neue Ideen

2020 verlegt Hausmann seinen Lebensmittelpunkt dann wieder zurück an seinen einstigen Studienort Hannover. Mit seinem Unternehmen residiert er regelmäßig in der schicken ,Hafven Innovation Community‘, einem modernen Co-Working-Space in der Hannoveraner Nordstadt. Darum, profitabel zu sein, gehe es erstmal nicht, meint Hausmann und strahlt dabei eine ruhige und entspannte Gelassenheit aus. Die Grundlage ist gelegt, das Erwirtschaftete reinvestiert Hausmann direkt wieder, um die Produkte noch nachhaltiger zu gestalten und Marketing zu betreiben. Für strategische Partnerschaften und Investoren sei er jedoch offen.

Was verdient wird, soll in neue Innovationen umgesetzt werden. „Es geht mir nicht darum, den Finger in die Wunde zu legen und zu zeigen, was hinter den Kulissen in der Bekleidungsindustrie möglicherweise alles schiefläuft“, sagt er voller Überzeugung. „Ich konzentriere mich lieber darauf, was wir richtig gut können.“ Beispiel gefällig? Um seine Prototypen unter fairen Arbeits- und Umweltbedingungen in Serie fertigen zu lassen, lokalisierte Hausmann Fabrikpartner in Portugal. Dort wird nach EU-Standards gearbeitet, und per dreidimensionaler Webetechnik werden bis zu 60 Prozent an Schnittabfällen gespart. „Bei herkömmlichen Schnitt- und Nähverfahren fällt nicht selten ein Großteil des Stoffs als Müll weg“, erklärt der Gründer. „Unsere Maschinen dort fertigen hingegen unsere Sportbekleidung aus beinahe einem Stück.“ Als Material werden aufgrund der benötigten Funktionalität beim Sport zumeist noch Kunstfasern verwendet, da beispielsweise Baumwolle den Schweiß aufsaugt und riechen würde. Allerdings arbeitet Gymbassador fortan mit recycelten Funktionsgarnen. „Weltweit wird nur weniger als ein Prozent an gebrauchter Kleidung zu neuer Kleidung recycelt. Unsere neue Vision-Kollektion besteht zu 53 Prozent aus recycelten Textilien und Herstellungsverschnitten“, so Hausmann. „Meine Zukunftsvision ist es, den Kreislauf zu schließen, indem unsere Kunden ihre getragene Kleidung an uns zurückgeben können, sodass wir sie recyceln und daraus neue Ware produzieren können“, erklärt er weiter. Derzeit landen weltweit noch 87 Prozent an Altkleidung auf Mülldeponien oder werden verbrannt.

Feuer und Flamme 

Brennen wiederum ist das Stichwort für den jungen Unternehmer. Feuer und Flamme war er in den vergangenen Monaten, um an einem Relaunch der Website – Gymbassador ist bislang nur online verfügbar – zu arbeiten. Dabei herausgekommen ist der Claim ,Your gym is everywhere‘, übersetzt: Dein Sportstudio ist überall. „Es soll zum Ausdruck bringen, dass man überall alles machen kann, um fit und gesund zu bleiben. Egal ob allein, in der Gruppe, im Studio oder in der Natur. Es geht um die Leidenschaft für den Sport und die pure Lust an der Bewegung“, sagt der selbst noch recht fitte Chef, dessen Start-up sich primär auf Individualsportarten wie Fitness, Laufen, Yoga & Co. fokussiert. Nächster Schritt in der Evolution soll nachhaltige Kleidung für den Freizeitbereich werden, unter anderem mit Shirts aus 100 Prozent Bio-Baumwolle.

Wenn Hausmann an sein Kinderzimmer zurückdenkt, weiß er, den richtigen Weg gewählt zu haben und sich nach wie vor darauf zu befinden. Er steht hinter seiner Marke. „Es geht mir nicht darum, von heute auf morgen der perfekte Mensch zu sein, sondern einfach ins Umdenken zu kommen. Das möchte ich mit Gymbassador ausdrücken.“ Sein Wunsch sei es, dass seine Firma als die Marke angesehen wird, bei der jeder weiß, dass sie für nachhaltig produzierte Performance-Sportswear steht. „Der faire Partner an der Seite eines jeden Sportlers.“ In zehn Jahren soll das so weit sein. Die Null spielt dennoch weiterhin die größte Rolle auf dem Weg dorthin. Null Emissionen, null Abfall, null Konvention. ƒ