© Stephanie Wolff Photography
Text von: Anja Danisewitsch

Man muss weggehen, um wiederkommen zu können. Marc Wallert legte einen weiten Weg zurück, um wieder anzukommen: in seiner Heimatstadt Göttingen und bei sich selbst. Im Jahr 2000 wurde er gemeinsam mit seinen Eltern entführt und über Monate im philippinischen Dschungel als Geisel gefangen gehalten. Heute – rund 20 Jahre später – berichtet er als Speaker, warum dies für ihn dennoch kein Schicksalsschlag war und wie wir die Krise als Chance begreifen können.

Wo beginnt man, wenn man eine Geschichte erzählen möchte, die mehrere Anfänge zu haben scheint? Und in welcher die Vergangenheit und die Gegenwart – ineinander verschlungen – erst nach Jahrzehnten ihren Sinn enthüllen? Denn als Marc Wallert im Jahr 2000 zusammen mit seinen Eltern bei einem Tauch­urlaub in Malaysia entführt wurde, war das ein gravierender Einschnitt in seinem Leben. „Inzwischen weiß ich, dass die Entführung eine größere Rolle in meinen Leben hätte spielen können“, sagt Wallert heute. Er habe damals nach seiner Freilassung die Chance verpasst, sein Leben dauerhaft anders zu gestalten.

Im Milleniumsjahr 2000 wollten Marc Wallert und seine Eltern in Malaysia einfach mal zusammen Urlaub machen, da er zu jener Zeit in Luxemburg lebte und sie sich viel zu selten sahen. Der heute 46-Jährige erinnert sich nur zu gut an den Anfang des Martyriums. Wenige Tage nach ihrer Ankunft im Taucherparadies war die Göttinger Familie Wallert in allen Medien. Fast jeder in Deutschland kannte die Bilder der Entführung, die ausgemergelten Körper der 21 Gefangenen, ihre notdürf­tigen Unterkünfte mitten im Dschungel, die verängstigten Blicke, die die Kameras der Journalisten einfingen. Um zu fotografieren, um zu filmen und die Lösegeldforderung in die Welt zu tragen, durften sich Journalisten aus aller Welt dem Lager nähern. „Wir waren mitten im Kampfgebiet und hatten mehr als einmal Todesangst“, erzählt Wallert rückblickend. Am Ende überlebten alle Geiseln. Sie wurden nach und nach freigelassen. Der damals 27-Jährige gehörte mit drei weiteren Geiseln aus Frankreich und Finnland zu den letzten, die gegen Lösegeld freikamen.

2019, neunzehn Jahre später: Treffpunkt ist das ‚Wohnzimmer‘ im Bekleidungsgeschäft Woggon am Göttinger Wilhelmsplatz, „einem meiner Lieblingsorte“, wie Wallert gleich bei der Begrüßung erklärt. Er erweist sich als aufmerksamer und angenehmer Gastgeber, auch wenn es nicht seine eigenen vier Wände sind. Er macht Kaffee und holt Wasser in einer Karaffe. Nebenbei beginnt er bereits zu erzählen, wie es ihm heute geht und was sich seit damals verändert hat. Besonders seit ungefähr einem Jahr, als er nach zehn Jahren als Senior Controller und Bereichsleiter beim Duderstädter Prothesenhersteller Ottobock den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Heute ist der sympathische Mitvierziger ein Keynote-Speaker und Führungskräftetrainer in Richtung Erfolgskurs. „Um ehrlich zu sein“, sagt Wallert mit einem Lächeln auf den Lippen, „ich liebe Komfortzonen. Meine Entscheidung für die Selbstständigkeit ist keine Heldengeschichte, sondern vielmehr aus einer Krise heraus entstanden. Rückblickend eine glückliche Fügung.“ Und damit sind wir mittendrin im Thema von Marc Wallert: Veränderungen, Krisen, Neuanfänge – Resilienz.

Wer Erfolg im Leben ausschließlich an beruflichem Erfolg misst, wird in Marc Wallert einen sehr erfolgreichen Menschen sehen. Doch Wallert merkte in seinem Leben immer wieder, dass sein beruflicher Erfolg in großen Firmen – ob in Luxemburg bei der Unternehmensberatung PwC, in der Automobilindustrie oder später bei Ottobock – zwar eine spannende Herausforderung war, aber auf Dauer kräftezehrend. Denn seine Welt sind nicht die Zahlen, es sind die Menschen. Seine berufliche Erfüllung fand er daher erst vor sechs Jahren – als Führungskraft von 60 Mitarbeitern und als Leiter der Patientenversorgung am Ottobock Headquarter. Der Schritt weg von den Zahlen und hin zu den Menschen war längst überfällig. „Schon bei PwC merkte ich, dass sich etwas ändern muss, nur was? Ich hoffte damals auf ein Zeichen.“ Wallert lacht herzlich. „Das kam dann, wenn auch anders als erwartet. Aus diesem Grund sehe ich meine Entführung heute nicht als Schicksalsschlag, sondern tatsächlich als ein Wink des Schicksals – den ich allerdings zunächst nicht zu nutzen wusste.“

„Letztlich ist eine Krise der schmerzhafte Punkt, an dem es so wie bisher nicht weitergeht,

ob für Menschen oder Organisationen.“

140 Tage in Geiselhaft haben keine sichtbaren oder psychischen Folgen bei Wallert hinterlassen. In der ersten Zeit nach der Entführung suchte er vorsorglich einen Traumatherapeuten auf – doch ihm ging es gut. „In den ersten drei bis vier Wochen wachte ich nachts auf und hörte Schüsse, aber das ist lange vorbei.“ Seitdem beschäftigt Wallert immer wieder eine Frage: ,Warum habe ich so gut aus dieser Extremsituation herausgefunden?‘ Er las in seinem Tagebuch nach, analysiert seine Rolle und die der anderen Geiseln und kam für sich zu einem klaren Resumee: „Jeder Mensch geht anders mit Krisen um, aber einige Überlebensstrategien sind besonders hilfreich“, sagt Wallert. Über die Jahre habe er viele Paralle­len erkennen können, zwischen den Strategien, die im Dschungel das Überleben sicherten, und den ­Strategien, die für das Überleben von Unternehmen im Wirtschaftsdschungel sorgen. So wurde er vom Entführungsopfer zum Führungsexperten.

Doch was ist eigentlich eine Krise? – „Letztlich ist eine Krise der schmerzhafte Punkt, an dem es so wie bisher nicht weitergeht, ob für Menschen oder Organisationen.“, erklärt der Keynote-Speaker. Er hat gelernt, dass Krisen zum Leben dazugehören und sogar wertvolle Wachstumschancen sein können, sofern man sie zu nutzen weiß. Dazu möchte er mit seinen Vorträgen und Trainings inspirieren. Eine der Strategien, die er während seiner Entführung damals eher intuitiv angewandt hat, nennt er, optimistisch zu sein, ohne jedoch die Realität aus den Augen zu verlieren. „Optimismus ist in Krisensituationen nicht immer positiv“, so Wallert. Auch eine Dschungel­erkenntnis. Er habe damals Tagebuch geschrieben, erzählt er. Fünf volle Schreibblöcke sind dabei zusammengekommen, in denen er seine Situation reflektierte. Und er entwickelte im Schreiben ein positives Bild von der Zukunft, das ihn durch diese schwierige Zeit trug: „Ich habe es nicht nur gesehen, ich habe sogar spüren können, dass ich meine Erfahrungen einmal in Freiheit mit anderen Menschen teilen werde, so wie gerade hier in diesem Interview. Darin schwang die Gewissheit mit, dass ich doch überleben muss, wenn diese Vision der Zukunft wahr werden soll. Aber ich habe dabei nie die lebens­bedrohliche Realität vernachlässigt“, sagt er heute. Es war überlebenswichtig, sich fit zu halten und sorgsam mit den Lebensmittelvorräten umzugehen, da man nicht auf die Aussage der Entführer vertrauen konnte, wann sie denn freigelassen werden würden: ‚Maybe tomorrow‘ lautete die Standardantwort. Positives Denken hingegen, so Wallerts Credo, kann tödlich sein, da eine Wird-­schon-werden-Mentalität eben nicht mit einem monatelangen Verhandlungskampf kompatibel ist.

Und noch etwas anderes hat sich für ihn erst viel später als Erfahrung herauskristallisiert: Das sogenannte Steh-­auf-Männchen wird gern als Vorbild bei der Krisen­bewältigung angesehen – aufstehen und weitermachen (wie bisher). Vorher noch das Krönchen richten. Nicht so für Marc Wallert. „Auch ich habe beruflich und privat lange Zeit diese Strategie verfolgt und stand dann immer wieder vor denselben Problemen“, erinnert er sich. Bis zu dem Moment, als er erkannte, dass er sich doch einmal fragen sollte, was diese Krise eigentlich mit ihm zu tun hat. Die Antwort ließ ihn schonungslos seine eigenen Fehler erkennen. „Das ist nicht schön“, resümiert er. Heute empfiehlt Wallert in seinen Vorträgen: Hinfallen – aufstehen – nachdenken – die Richtung anpassen – und dann weitergehen. „Wer an Krisen wachsen will, der darf nicht nur aufstehen, sondern muss sich verändern. Daher wäre ein Blüh-auf-Männchen das treffendere Vorbild“, fasst er zusammen.

Doch um sein Leben bewusster zu gestalten und zu genießen, dafür hat sich die Entführung als gut erwiesen. Begriffe wie Freiheit, Friede, Demut – die kann Wallert seitdem mit Inhalten füllen. Doch das eigene Leben, das hat er auch gelernt, ändert sich trotz dieser Erkenntnisse dennoch nicht vollständig. Es dauerte nicht lange, bis die Normalität zurückkehrte. „Es gab eine kurze Phase nach der Freilassung, da war es für mich unfassbar, was ich nun wieder alles kann. Ich war in einem Hotelzimmer und hatte Privatsphäre. Ich konnte die Tür schließen, das Licht an und aus machen, Wasser aus dem Hahn! Das war unglaublich!“ Gern scheint er sich an diese Wertschätzung der kleinen Dinge zu erinnern. Manchmal hat er auch heute noch diese Momente, in denen so wenig so viel sein kann: In der Natur zu sein reicht oft schon aus.

Derzeit schreibt Wallert an seinem ersten Buch, das im März 2020 – 20 Jahre nach der Entführung – erscheinen soll. „Es wird ein Inspirationsgeber“, erklärt er und möchte sich gezielt von einem Ratgeberbuch distanzieren. Denn das Thema Resilienz, das zu seinem Lebens­thema geworden ist, lässt sich nicht in Patentrezepte packen und ist mehr als ein bloßes ,Buzzword‘. ,Stark durch Krisen gehen und stark durch Krisen werden‘ – so könnte man den Arbeitstitel fassen. Eine Frage, die er sich für dieses Buch immer wieder stellt, ist: Was hat uns als Gruppe damals im Dschungel geholfen? Wer hat welche Rollen besetzt und wie haben diese Rollenverteilungen das Überleben gesichert?

 „In jeder Gruppe gibt es verschiedene Rollen, und alle müssen besetzt werden“

Wallerts Mutter, Renate, beispielsweise konnte dem Druck psychisch und physisch nicht standhalten und wurde aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes als zweite Geisel freigelassen. Auch wenn dies für sie als Betroffene die undankbarste Rolle innerhalb einer Gruppe war, so sorgte sie doch dafür, dass die anderen daraus Kraft und Stärke ziehen konnten. „In jeder Gruppe gibt es verschiedene Rollen, und alle müssen besetzt werden“, weiß Wallert. Er übernahm die Rolle des Helfers und konnte mit dieser Aufgabe die eigene Angst ein Stück weit vergessen. „Agile Teams in der Wirtschaft funktionieren nach ähnlichen Mustern wie wir damals im Dschungel. Daher kann ich, wenn ich heute Unternehmen berate, nicht nur aus meiner Führungserfahrung schöpfen, sondern auch aus meiner Entführungserfahrung“, erklärt Wallert.

Es bleibt zum Schluss die Frage, wie sich sein Privatleben durch die Entführung verändert hat. Krisen zu bewältigen, bedeutet nicht automatisch, glücklich zu sein. Dennoch hat Wallert gerade durch diesen Weg sein Glück gefunden. Nach Umwegen und Jobs in der Wirtschaft weltweit, ist er vor elf Jahren der Liebe wegen in seine Heimatstadt zurückgekehrt, hat sich hier beruflich verwirklicht und eine Familie gegründet. Der Familienvater ist schließlich da angekommen, wo er hinwollte: in einem sinnerfüllten Leben. ƒ

Stark durch Krisen – die 33. faktor-Business-Lounge:

Vom Entführungsopfer zum Keynote-Speaker
Die Geschichte von Marc Wallert erzählt eine Extremsituation und den Weg hinaus. Auf der 33. faktor-Business-Lounge am 14. November im Volkswagen Zentrum Göttingen referiert Wallert zu dem Thema ‚Stark durch Krisen‘. Wie immer haben die Teilnehmenden im Anschluss die Gelegenheit, sich bei Snacks und Getränken auszutauschen.

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