Der Horn-Profi

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Zeit – das ist für Felix Klieser ein knappes Gut. Der 23-Jährige zählt aktuell zu den besten und begehrtesten Nachwuchshornisten. Gerade erst wurde er als bester Nachwuchskünstler des Jahres mit einem Echo Klassik ausgezeichnet.

Sein Konzertplan für das kommende Jahr ist ausgebucht. Dazu kommen Fernseh- und Radioauftritte sowie Proben und unzählige Übungsstunden. Dennoch findet sich ein Wochenende, an dem er faktor exklusiv etwas von seiner kostbaren Zeit widmet. So treffen wir den Berufsmusiker an einem Samstag Ende November in der Lobby des Inselhotels in Heilbronn. Hier wohnt er seit zwei Tagen.

Am Donnerstag und Freitag hat er bereits mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn für die anstehenden Aufnahmen zu seiner zweiten CD geprobt. Dazu stehen auf seinem Plan ein Konzert am Samstagabend sowie eine Radiosendung am Sonntag. „Ob er wirklich Zeit für uns hat?“, überlege ich, als unser Fotograf und ich in der Lobby warten. Zu einem Ergebnis komme ich nicht, denn schon erklingt die Fahrstuhlglocke. Gemeinsam mit Manager Hasko Witte tritt Klieser aus dem Lift – in Jeans, Pullover und sportlichem Schuhwerk. Die Begrüßung ist kurz, aber freundlich. Klieser verliert keine Zeit. „Dann mal los“, sagt er und führt uns in flottem Tempo auf kürzestem Weg zu einem nah gelegenen Restaurant mit schwäbischer Küche.

Durch große Fensterfronten strahlt die grelle Herbstsonne, die an diesem Tag am blauen Himmel steht. Klieser wird geblendet und tauscht mit dem Fotografen die Plätze. „Ich möchte meinem Gegenüber in die Augen schauen können“, erklärt er. In der folgenden Unterhaltung wird deutlich, warum. Obwohl sich ein lockeres Gespräch entwickelt, beobachtet Klieser seinen Gesprächspartner aufmerksam und hört genau zu. Seine Antworten formuliert er klar und deutlich, sagt immer genug, aber nie zu viel – man merkt, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Gern untermalt er seine Antworten mit bildhaften Beispielen, wie bei der Frage, ob er sich beim Essen einschränken muss. „Ananas geht nicht, wenn ich die esse, bringt die Säure das Mundgefühl durcheinander, und das ist wie auf Stöckelschuhen zu joggen.“

Während er genüsslich Geschnetzeltes mit Spätzle verspeist, spricht er über seine Begeisterung für Naturwissenschaften und über Zeitpläne. „Ich weiß schon jetzt, was ich 2018 mache“, sagt er. Das gilt nicht nur für Konzerte. Es steht ebenfalls fest, welches Repertoire wann eingeübt werden muss. Damit alles klappt, braucht es große Disziplin, und es darf nichts dazwischen kommen. „Ich muss auf mich achten, um nicht krank zu werden“, erklärt der Hornist. Denn Zuschauer und die Öffentlichkeit interessiere es nicht, aus welchem Grund ein Konzert schlecht gelaufen ist. Verlangt wird Professionalität, zu jeder Zeit.

Klieser ist dazu bereit. „Auch wenn es mal nicht so gelaufen ist, muss ich trotzdem spielen“, sagt er und ergänzt: „Wenn‘s schlecht läuft, läuft‘s schlecht, da kann man nichts machen.“ Mit seiner Art, die Sachen zu nehmen, wie sie kommen, hat er es als Hornspieler weit gebracht. Dass er trotz seines Erfolgs ein bodenständiger Typ geblieben ist, hat aus seiner Sicht viel mit Selbstanalyse zu tun: „Ich beschäftige mich viel mit meinem Auftreten, weil es mich selber nerven würde, als Diva rumzulaufen.“ Als Solist wäre das im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Orchestern auch schwierig, wie Klieser meint: „Das sind angestellte Musiker und wenn man da als Diva auftritt, machen die vielleicht nur Dienst nach Vorschrift.“ Das bedeute nicht, dass sie schlecht spielten, wohl aber, dass das letzte Quäntchen Emotionen fehle. Dann klingt ein Konzert nicht so gut, wie es hätte sein können. „Dafür werden der Solist und der Dirigent verantwortlich gemacht.“

Mit diesem Druck umzugehen, hat er gelernt. „Es macht mir ja auch Spaß, ein normaler Job würde mich vermutlich langweilen.“ Und langweilig wird es ihm zurzeit auf keinen Fall. Der enge Zeitplan sorgt schon dafür. Im Zuge der letzten Antwort steht Klieser bereits auf und bewegt sich Richtung Tür. Eine kurze Verabschiedung, und schon ist er in der Heilbronner Fußgängerzone verschwunden. Ein schneller Einkauf, und dann ruht er sich für das Konzert am Abend aus. In dem 10.000-Seelen-Städtchen Neuenstadt am Kocher, circa 20 Kilometer von Heilbronn entfernt, treffen wir ihn exakt um 18.30 Uhr an der Stadthalle wieder.

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