© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Sie lebt ihren Traum, und sie arbeitet hart dafür. Erzsébet I. Wagner ist Inhaberin des Luxustaschenlabels Utmon es pour Paris. Doch für die gebürtige Ungarin gab es auch andere Zeiten. Die Wahl-Göttingerin erzählt von ihrem Weg vom einfachen Leben auf dem Bauernhof in die große weite Modewelt und davon, warum Falten zum Leben gehören.

Wer glaubt, Märchen gebe ist nur in der Literatur – der irrt. Sie passieren tatsächlich, die Geschichten, in denen Menschen vom Tellerwäscher zum Millionär werden. So wie diese: Das einst kleine Mädchen aus dem ländlichen Ungarn präsentiert Jahrzehnte später in Paris auf der Fashion Week eine eigene Kollektion. Jetset und Glamour, aber auch bodenständiges Leben – das ist Erzsébet Ilona Wagner. Eine Frau, die mit 19 Jahren bereits wusste, dass sie einmal ein anderes Leben führen möchte als das, das in ihrem ungarischen Heimatort auf sie wartete. Sie machte ihr Abitur und zog hinaus in die Welt … Das klingt nach dem Beginn einer guten Story.

„Als Kind hatte ich nie lange Fingernägel und immer dreckige Hände“, erzählt Wagner, lacht und schaut auf ihre gepflegten Hände. Damals lebte sie in einem Ort mit 30.000 Einwohnern. Im Herbst, wenn die Kartoffelernte anstand, ging Lisa, wie sie von ihren ­Eltern gerufen wurde, mit aufs Feld. Sie wuchs zwischen Schweinen und Rindern auf, die Namen hatten und ­irgendwann geschlachtet wurden. „Schweine hatten wir vor allem, um etwas zum Tauschen zu haben, wenn wir beispielsweise Fliesen für unser Bad brauchten“, sagt die heute 44-Jährige. Tauschwirtschaft statt Marktwirtschaft. So ist sie groß geworden. Mode gab es nur in verbotenen Westzeitschriften zu bestaunen, und Freiheit endete an der Grenze zu Österreich.

An dieser Stelle muss ein Sprung in die Gegenwart erlaubt sein: Erzsébet I. Wagner wohnt in einer Stadtvilla aus der Gründerzeit mitten in Göttingen – mit großem Garten und Goldfischteich. Sie trägt teure Schuhe und elegante Kleider. „Als Kind hatte ich immer gedacht, wenn ich groß bin, werde ich schöne Mode tragen und schnelle Sportautos fahren“, so die gebürtige Ungarin. „Das war wohl – neben meiner Neugier  – auch einer der Gründe, warum ich mit 19 Jahren in die west­liche Welt gegangen bin.“ Seit 2017 ist ihr eigenes Taschenlabel Utmon es pour Paris auf dem Markt, unter dem sie weltweit Luxustaschen vertreibt: ob in Dubai, Los Angeles, St. Barth oder an der Côte d’Azur. Erfolgreich. 2019 erhielt ihre Taschenkollektion ‚Switchbag‘ den German Design Special Award, weil, so die Jury, „diese Tasche Funktionalität und Stil aufs Beste miteinander vereint und weil sie die vielleicht luxuriöseste Art (ist), seine sieben Dinge durchs Leben zu tragen“.

»Ich könnte ein ganzes Buch schreiben,
darüber, was ich alles erlebt habe,
bis ich schließlich 2001 meine neue
Heimat in Göttingen fand. «

–  Erzsébet Ilona Wagner

Doch zwischen damals und heute liegt sich ein langer Weg. „Ich könnte ein ganzes Buch schreiben, darüber, was ich alles erlebt habe, bis ich schließlich 2001 meine neue Heimat in Göttingen fand“, sagt Wagner. Göttingen, das ist für sie eine Großstadt, die klein genug ist, um auch einmal zur Ruhe zu kommen. Nur leider passiert das, seit sie selbst Unternehmerin ist, viel zu selten. „Wenn ich 70 Jahre bin, werde ich vielleicht mit meinem Mann zu Hause auf dem Sofa sitzen“, sagt sie und kommentiert dies mit einem Augenzwinkern. Doch richtig glauben möchte man es ihr nicht. Denn sowohl sie als auch ihr Ehemann Helmut Wagner, Gründer der amedes-­group, mit dem sie seit 2017 verheiratet ist, haben stets volle Terminkalender. Und sie lieben es unterwegs zu sein, zu reisen und die Freiheit zu genießen, die Freiheit, einfach mal loszufahren und auf der Autobahn spontan die Ausfahrt Richtung Frankreich zu nehmen.

Diesem Freiheitsdrang ist es auch zu verdanken, dass es Erzsébet Wagner 1993 von Ungarn nach München zog, nach Kitzbühel, nach London, Mailand, Zürich und sogar bis nach San Francisco. In ihrem ersten Job im ‚Westen‘ arbeitete sie als Kindermädchen bei einer prominenten Fußballerfamilie und traf zum ersten Mal in ihrem Leben auf gelebten Luxus: Designerkleider, ungetragen, ein Ankleidezimmer und die Möglichkeit, wie selbstverständlich 500 Kilometer zum nächsten Friseur zu fahren. Die junge Frau war beeindruckt – und zog dennoch weiter: Sie wollte mit Anfang zwanzig ihre neu gewonnene Freiheit genießen. „Wenn man aus freien Stücken durch die Welt zieht, erlebt man sie anders, als wenn man eine Reise bucht“, sagt Wagner, die heute inzwischen mehrere Sprachen spricht. „Ich war so durstig und hungrig nach allem Neuen.“ So kam sie schließlich auch nach Paris – der Stadt der Liebe, der sie bis heute verfallen ist.

„Ich entscheide selbst. Ich bin Frau genug. Dafür steht unter anderem auch meine Marke.“

–  Erzsébet Ilona Wagner

Paris ist aber nicht nur die Stadt der Liebe, sie ist vor allem auch die Stadt der Mode. Niemand kleidet sich mit einer Lässigkeit so elegant wie die Pariserinnen, die scheinbar mühelos ein Lebensgefühl in die Kleidung übertragen. Für Wagner der Ort für Inspirationen. Und ihr Label Utmon es pour Paris ist heute eine Liebeserklärung an diese Stadt und an die Frauen, die ihr Frausein leben und lieben. „Ich entscheide selbst. Ich bin Frau genug. Dafür steht unter anderem auch meine Marke“, sagt die Geschäftsfrau selbstbewusst und meint damit sowohl sich als auch alle anderen mutigen Frauen, die unabhängig und selbstbestimmt durchs Leben gehen. Für Frauen wie eben diese hat sie ihre Switchbag entworfen. „Ich war, bevor ich 2017 mein eigenes Label gründete, auf der Suche nach einer Tasche, die meinen Ansprüchen gerecht wurde und dabei so stylisch ist, dass ich sie tagsüber im Business ebenso wie abends zum Ausgehen mit einem guten Gefühl trage“, so Wagner. Ähn­liche Formate gab es auf dem Markt, „aber nicht in schick“. Also warum nicht selbst designen, wofür es doch einen Bedarf gibt? Denn die Switchbag ist vieles: Sie ist klein genug, um für den Stadtbummel schnell in einem größeren Shopper zu verschwinden. Dennoch ist sie groß genug, um die wichtigsten Utensilien einer Frau aufnehmen zu können. Und: Wagners Switchbag ist so schick, dass sie als Clutch auch beim abendlichen
Empfang auf einer Segeljacht in St. Tropez heimliche Blicke auf sich zieht.

Obwohl Wagner seit Markteinführung ihrer Marke vor zwei Jahren bereits sehr viel erreicht hat, ist sie noch lange nicht am Ziel. „Ich bin noch nicht zufrieden. Für mich könnte alles viel schneller gehen“, sagt sie. Diese Ungeduld ist wahrscheinlich ebenso ihrem ungarischen Temperament zuzuschreiben wie ihre herzliche und direkte Art, sofort im Gespräch zu sein und dabei leidenschaftlich zu gestikulieren. „Das können nicht nur die Italiener“, erklärt sie lachend. Ja, sie lache gern und zeige ihre Gefühle. Das sei übrigens auch ein Grund, warum sie nie auf die Idee käme, sich Botox spritzen zu lassen: „Wie soll ich dann die Stirn runzeln? Das geht nicht“, sagt sie lakonisch. Ein Thema, dass in der Welt der Mode durchaus an der Tagesordnung ist – jedoch nicht für Wagner. Sie möchte mit ihrer Haltung die Frauen motivieren, dazu zu stehen, dass sie sind, wie sie sind. „Das Leben formt jeden Menschen so einzigartig. Warum sollte man es verstecken? Jedes Fältchen zeigt letztlich: ‚Ich habe gelebt‘.“ Daher resümiert die dreifache Mutter: „Ich kriege immer mehr Falten, aber dafür habe ich auch etwas getan.“

Indessen zeichnet sich in der Fashion-Welt mit der nachrückenden, jüngeren Generation leise der Wandel ab, sich auf neue Werte zu besinnen. Ob es um Themen wie Nachhaltigkeit geht oder um die Wertigkeit von Mode. Der große Einfluss der Fast-Fashion-Ketten, so hofft Wagner, wird durch bewussten und verantwortungsvollen Konsum irgendwann der Vergangenheit angehören. Mit ihrem Label setzt sie dafür wegweisende Akzente – auch im Luxussegment. „Meine Marke ist und bleibt Made in Germany. Und auch bei der Wahl des Leders schaue ich genau hin“, sagt die Wahlgöttingerin. In ihrer Kollektion lässt sie Bonded Leather verarbeiten – das sind Abfallstücke bei der Lederverarbeitung und Lederreste, die neu aufbereitet werden und als altrosafarbene Switchbag nichts von ihrer Herkunft erahnen lassen. Von Hand gefertigt in einer kleinen und tradi­tionsreichen Manufaktur in Sangerhausen im nahe gelegenen Thüringen wird jedes Lederstück vor der Verarbeitung gedreht und gewendet und auf Fehler geprüft. „Ich sehe nicht nur bei der Produktion der Taschen meine Verantwortung. Daher sind Transparenz und Konsum ein großes Thema für mich“, sagt Wagner. „Ich möchte weder Kinderarbeit noch Tierquälerei unterstützen, sonst kann ich nicht gerade in den Spiegel schauen.“

Während Erzsébet Wagner so aus ihrem Leben erzählt, sitzt sie auf der massiven, schwarzen Ledercouch in ihrem geräumigen Wohnzimmer, in der Hand eine kitschige Katzentasse: „Die ist von meiner Tochter – meine Lieblingstasse“, erklärt sie und lächelt ein wenig versonnen. Der Raum ist lichtdurchflutet. Schwere Vorhänge umrahmen die bodentiefen Fenster, an den Wänden hängen Gemälde alter Meister, Lüsterlampen schaffen eine herrschaftliche Atmosphäre. „Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich das machen kann, was ich mache“, sagt Wagner und sieht sich um. „Einst in Ungarn hat mir meine Mutter noch des Nachts – nach ihrer Arbeit in der Genossenschaft und auf unserem Hof – aus Gardinenstoffen Kleider designt und genäht… sie wusste, wie viel mir schon als Jugendliche Mode bedeutete. Damals war mir das Selbstgemachte ein wenig peinlich. Heute bin ich stolz darauf!“ Vielleicht brauchte es genau diesen langen Weg, um dort anzukommen, wo Wagner jetzt ist. ƒ

 

Zur Person

Erzsébet Ilona Wagner gründete vor drei Jahren ihr eigenes Taschenlabel Utmon es pour Paris. Neben der preisgekrönten Switchbag brachte sie in limitierter Auflage ein eigenes Parfum auf den Markt, das ursprünglich nur zum Parfümieren ihrer Taschen gedacht war. Nachdem Wagner mit 19 Jahren ihre Heimat in Ungarn verließ, ist sie in der Welt zu Hause. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn die meiste Zeit des Jahres in Göttingen, ist aber ebenso gern im Ferienhaus in Südfrankreich daheim.