©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Ohne selbst auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen, gründet die gebürtige Inderin Nivedita Mani vor elf Jahren die WortSchatzInsel an der Uni Göttingen, um den Spracherwerb von Babys und Kleinkindern zu erforschen. Mit ihren Studien möchte die mehrfach ausgezeichnete Professorin die Chancengleichheit für Kinder in sozial schwachen Milieus erreichen – weiß sie doch aus eigener Erfahrung, wie Sprache die Sicht auf unsere Welt verändert.

„Sprache verändert die Sicht auf unsere Welt.“

Das Georg-Elisa-Müller-Institut für Psychologie in Göttingen liegt ein wenig abseits des studentischen Trubels in der Goßlerstraße. An heißen Sommertagen sitzen die Studierenden auf der angrenzenden Wiese unter alten Platanen. Lesen, lernen oder machen Mittagspause. Ein ruhiger Ort. Die Vögel zwitschern, und Fahrradfahrer bevölkern die Straße. Hier lehrt und forscht Nivedita Mani, die in der knapp 30-Millionen-Einwohner-Metropole Delhi aufgewachsen ist. „In Göttingen ist es so leise“, sagt sie mit einem Lächeln. „Wenn meine Mutter aus Indien zu Besuch kommt, erträgt sie die Stille fast nicht.“ Für sich selbst, aber vor allem zum Forschen und für ihre Studien könnte sich die 41-Jährige hingegen keinen besseren Ort denken.

Mani ist im Herzen eine Nomadin. In Indien wuchs sie dreisprachig auf. In ihrem Geburtsort Chennai im Süden spricht ihre Familie Tamil, die nationale Sprache ist Hindi und die offizielle Englisch. „Ich habe keine Muttersprache“, sagt Mani ohne Wehmut. Für sie sei es normal, in vielen Sprachen zu Hause zu sein – je nachdem, wo sie gerade lebt. „Das befreit und ist vielleicht auch der Ursprung für meine Faszination für Sprache im Allgemeinen.“

Von Indien über Oxford nach Göttingen

Als Mani zehn Jahre alt war, zog ihre Familie nach Delhi, wo sie später auch studierte. „Hier fand ich die Liebe zur Literatur“, erzählt sie. Und diese Liebe nahm sie mit, als sie mit 21 Jahren für ein Studium der Linguistik weiter nach Oxford ging, wo sie 2006 auch promovierte. Ihr Postdoc-Betreuer war es schließlich, der ihr Interesse für Entwicklungspsychologie weckte, das sie zu ihrem heutigen Forschungsfeld führte, dem Spracherwerb bei Babys und Kleinkindern. 2010 kam Mani nach Göttingen – der Liebe wegen, wie sie erzählt, denn ihren Mann, ein Deutscher, lernte sie in Oxford kennen. Nach sieben Jahren in England bewarb sie sich auf eine Stelle an der Universität Göttingen und bekam ein für die damals 29-Jährige unglaubliches Angebot: Mani  erhielt die Juniorprofessur und übernahm gleichzeitig die Leitung der Forschungsgruppe Psychologie der Sprache. Und obendrein gründete sie das dazugehörige Göttinger Zentrum für Spracherwerb, die ,WortSchatzInsel‘, dessen Aufgabe es bis heute ist, herauszufinden, wie Sprache unser Denken beeinflussen kann und wie Kleinkinder Wörter erlernen und verarbeiten.

Die Ideen und Vorstellungen der jungen Professorin waren federführend für das neue Forschungslabor. „Ich konnte selbst kaum Deutsch und sollte deutschen Spracherwerb bei Babys untersuchen“, erzählt Mani lachend und erinnert sich, dass ihre ersten eigenen Wörter hier eher untypisch für den Erwerb einer Fremdsprache waren: „Waschbecken, Installation oder Rohre“ – was natürlich ihrem Umfeld, dem Umbau des Sprachlabors, entsprach.

Das ist nun elf Jahre her. Inzwischen leitet die Professorin nicht nur die Abteilung Psychologie der Sprache und ist Direktorin des Georg-Elias-Müller- Institutes für Psychologie. Sie wurde in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gewählt und gewann renommierte Preise wie beispielsweise 2014 den Wissenschaftspreis der Fritz-Behrens- Stiftung.

Entgegen dem  akademischem Dünkel

Ihr Deutsch ist bis heute nicht perfekt. Hier und da schleichen sich englische Wörter ein, wenn ihr die Vokabeln fehlen. „Meine erste Vorlesung in Göttingen hielt ich, da hatte ich gerade einmal drei Monate Privatunterricht genommen – es war wahrscheinlich furchtbar“, sagt Mani rückblickend. „Aber ich habe nicht diese Hemmungen wie viele andere Menschen. Mein Gehirn geht flexibler mit Sprache um. Es stört mich überhaupt nicht, wenn ich Fehler mache.“

Erlebt man ,Nivi‘ Mani, wie sie ihrem Institut genannt wird, ist von einem akademischem Dünkel nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Sie wirkt erfrischend jung und ist herzlich offen. Gastfreundlich führt sie uns durch die Räume des Sprachlabors: durch einen Aufenthaltsraum für die Eltern mit Kaffeeautomaten, ein Spielzimmer für die Kleinen und das eigentliche Testlabor. Auf eine gelbe Wand hat jemand eine Insel gemalt, darauf eine Schatztruhe, gefüllt mit Buchstaben. Schnell muss der Begriff eines typischen Labors revidiert werden: Hier in der WortSchatzInsel ist alles kunterbunt und gemütlich. Kinderfreundlich muss es natürlich sein, da die ‚Probanden‘ dieser Einrichtung zum Teil gerade einmal sechs Monate alt sind. Forschung sieht daher in diesen Räumen etwas anders aus. Alles ist Spiel und darf mit Spaß verbunden sein.

Forschung in der WortSchatzInsel

Doch wie können Babys und Kleinkinder überhaupt in die Forschung eingebunden werden? Schließlich sind sie noch gar nicht in der Lage, verbal auf eine Frage zu antworten. Was in der WortSchatzInsel untersucht wird, sind daher vor allem die Blickbewegungen. Messungen mit Eyetracking und EEG (Elektroenzephalografie – Messung der elektrischen Aktivität der Hirnrinde) registrieren, wie Kinder Wörter verarbeiten. Ein Beispiel: Im Testraum steht ein Stuhl, an der Wand hängt ein Bildschirm. Dahinter verbirgt sich ein Lautsprechersystem, über das den Kindern Sätze vorgespielt werden. Mithilfe von Eyetracking wird nun beobachtet, wie das Kind reagiert. Beispielsweise sind auf dem Bildschirm zwei Bilder zu sehen: ein Auto und ein Keks. Wenn das Kind nun den Satz ‚Der Junge isst … einen Keks.‘ hört, wird beobachtet, ob das Kind bereits in der kurzen Pause auf das Essen blickt, also bevor das Wort ‚Keks‘ genannt wird. Daran ist erkennbar, ob das Kind das Verb in seiner Bedeutung kennt und eine semantische Verknüpfung zwischen ‚Junge‘, ‚essen‘ und ‚Keks‘ herstellt.

„Beim EEG bekommen die Kinder während der Messung so eine Art Badekappe mit Sensoren und Kabeln aufgesetzt“, erklärt Mani. „Damit es für das Kind als normal angesehen wird, haben auch wir vom Team bei solchen Terminen alle eine Kappe auf.“ Die Augen der Sprachwissenschaftlerin strahlen, während sie von ihren zahlreichen Studien erzählt. Jedes Mal, wenn eine Hypothese aufgestellt wird, sei es wieder aufs Neue spannend zu sehen, was sich letztendlich daraus ergibt. „Und das Schöne ist: Es macht nicht nur uns Spaß, sondern auch den Kindern. Sie wollen alle wiederkommen.“ Tatsächlich komme es nicht selten vor, dass die Eltern mit ihrem Nachwuchs auch mal einfach so im Labor vorbeischauen, um ‚Hallo‘ zu sagen.

Die Tests sind einfach, aber effektiv. So hat die zweifache Mutter Mani auch bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder, fünf und acht Jahre alt, schon das ein oder andere angewandt. „Meine Beiden müssen oft als Pilotkinder herhalten“, sagt sie lachend. Das bleibe nicht aus. Ausgehend von den Forschungsergebnissen werden Geschichten aus Büchern nicht nur vorgelesen, sondern auch während des Lesens besprochen, sodass das Kind die Geschichte mit anderen Worten hört. „Dadurch lernen die Kleinen, wie flexibel die Sprache ist und wie wir mit anderen Worten das Gleiche sagen können.“

Kinder reagieren in ihrer Entwicklung sehr stark auf das Umfeld, in dem sie sich häufig bewegen. So lernen sie, wie ihre Eltern die Welt verstehen und vermitteln, aber sie lernen auch, sich für eigene Dinge zu interessieren. Dabei ist das eigentliche Wortlernen das Ergebnis einer dynamischen wechselseitigen Interaktion zwischen Umwelt und Mensch. Der Fokus der Forschung liegt in der WortSchatzInsel auf dem lernenden Kind – darauf, was es weiß und wofür es sich interessiert, und auf seiner Motivation zu lernen. Als erklärendes Beispiel dient hierbei die Bär- und Bagger-Studie, die das Team der Wort- SchatzInsel durchführte. Die Studie wurde bei 30 Monate alten Kleinkindern durchgeführt. Die Frage war: Lernen manche Kinder leichter Tiernamen wie beispielsweise Bär, und andere Kinder leichter Fahrzeugnamen wie Bagger? Das Ergebnis: Kinder lernen Wörter leichter, wenn sie sich für die Gegenstände interessieren, auf die sich das Wort bezieht. Die Präferenz der Kinder, so Mani, entwickelt sich aus ihrem eigenen Interesse, und somit steuern Kinder auch ihren eigenen Spracherwerb. „Ich selbst habe ein Bagger- und ein Bärenkind daheim.“

Interdisziplinäre Forschung als Berufung

Inzwischen haben wir es uns für das Interview im Spielraum, gleich neben dem Testlabor, gemütlich gemacht. Mani sitzt entspannt auf einem Sofa und trinkt Tee. „Bevor Sie kamen, habe ich an einem neuen Forschungsantrag gesessen. Wir wollen untersuchen, wie Neugier unser Leben beeinflusst. So ein Antrag schreibt sich wie von selbst“, erzählt die Professorin. Was sie damit sagen will: Sie hat einen Job gefunden, in dem sie sich und ihre Forschungsziele verwirklichen kann. Und sie hat ein Team um sich, das unvergleichliche Arbeitsbedingungen schafft. „Die Zeit der einsamen, zerstreuten Wissenschaftler, die sich in ihrem Büro einschließen, gehört längst der Vergangenheit an“, sagt Mani mit großer Zufriedenheit. Sie ist ein Team-Mensch und sieht die enormen Vorteile, wenn Studien rund um den Globus zu validierten Ergebnissen führen. Auch hier in Göttingen arbeitet ihr Forschungsteam fakultätsübergreifend und interdisziplinär: Linguistik, Neurowissenschaften, Soziologie und das Primatenzentrum. „Wir wissen, dass wir mehr wissen können, wenn wir zusammenarbeiten.“ Sie alle haben an Studien teil, die langfristig helfen sollen, das menschliche Gehirn zu verstehen und mehr Ruhe in gestresste Erziehung zu bringen.

Ihr Lieblingszitat stammt übrigens von den Wissenschaftlerinnen Thelen und Smith: ,There is no plan.‘ Da ist kein Plan in der Welt. Sehr wenig ist von Beginn an in unserer Entwicklung festgeschrieben. Vieles lässt sich ändern oder verbessern. Nur weil ein Kind nicht mit fünf Sprachen aufwächst, muss es in seinem Leben keinen Nachteil haben. „Unser Gehirn ist so flexibel, dass wir vieles ausgleichen können, wenn wir wissen, wie das Gehirn funktioniert“, sagt Mani. Und um das Gehirn besser zu verstehen, sind Studien wie die der
WortSchatzInsel notwendig. Demnach müssen Menschen, die in sozial schwachen Milieus aufgewachsen sind, nicht auf Chancen im Leben verzichten. Mit den Ergebnissen aus wissenschaftlichen Studien können Strategien entwickelt werden, mögliche Unterschiede langfristig auszugleichen. Mani hofft, dass in Zukunft mit ihrer Hilfe Eltern von dem sozialen Druck befreit werden, ein Kind müsse dies oder jedes in einem bestimmten Alter können. Jeder Mensch ist individuell, und seine Entwicklung ist es ebenso. Sprache, und auch das zeigen die Studien, ist ein Vermittler zwischen der Welt, wie wir sie wahrnehmen, und den Menschen. Je mehr Wörter wir beherrschen, desto mehr verstehen wir von der Welt. Das ist es, was Mani antreibt und begeistert: Die Kraft der Sprache.

Zu Hause unterhält sich die Inderin mit ihren Kindern auf Englisch, während ihr Mann Deutsch spricht. Ein bis zweimal pro Jahr fliegt die Familie gemeinsam nach Delhi, wo Manis Mutter und ihre Schwester leben. Weil hier ihre familiären Wurzeln liegen und ebenso die kulturellen. Weil es ihr wichtig ist, dass ihre Kinder dieses Leben kennenlernen und neben Englisch und Deutsch als dritte Sprache Hindi verstehen. Und weil sie ihre Tradition auch an die nächste Generation weitergeben möchte. „Ich bin eine Wanderin. Meine Heimat ist, wo ich bin“, sagt Nivi Mani. „Sprache verändert die Sicht auf unsere Welt. Was auch bedeutet, dass man die Welt mit ihrer Hilfe verbessern kann.“ ƒ

Zur Person

Prof. Dr. Nivedita Mani ist Professorin der Abteilung Psychologie der Sprache an der Uni Göttingen und Direktorin des Georg-Elias-Müller-Institutes für Psychologie. Die gebürtige Inderin kam 2010 nach Göttingen und ist seitdem leitende Forscherin in zahlreichen Projekten, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert sind. Sie wurde 2017 in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gewählt und ist Co-Autorin zahlreicher Publikationen, unter anderem des Buchs ‚Early Word Learning‘. Zudem gewann die 41-Jährige bereits mehrer Auszeichnungen wie beispielsweise den Wissenschaftspreis der Fritz-Behrens Stiftung.