©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Mit Zwölf führt Matthias Walter sein erstes ,Start-Up‘, mit 22 Jahren ist er jüngster Büroleiter bei Neckermann-­Reisen, und mit 27 gründet er Reiseland. Mit faktor spricht der heute 58-Jährige darüber, wie er kurz nach dem Mauerfall die Träume der DDR-Bürger von ,exotischen‘ Orten wahr machte und damit in wenigen Jahren ein Millionen-Geschäft aufbaute.

„Wir wussten sofort, dass sich uns eine einmalige Chance eröffnete. Und so entwickelten wir an einem einzigen Wochenende das Grundkonzept von ‚Reiseland‘.

Januar 1990 in der DDR: Die erste Eu­phorie der Grenzöffnung am 9. November 1989 hat sich gelegt. Doch nicht ganz. Zu vieles ist zu neu und unfassbar. Träume sind von nun an nicht mehr in den eigenen Gedanken gefangen, nun darf man sie laut denken. Plötzlich soll es möglich sein zu reisen? Nicht ausschließlich nach Polen oder Ungarn – nein, in den Westen! Aufbruchstimmung. Neugier. Und eine Abenteuerlust keimt in den Menschen aus der Noch-DDR auf. Auch wenn noch niemand so recht weiß, wie sich jetzt alles ent­wickeln wird – eines ist sicher: Ein Zurück kann es nicht mehr geben. Es geht vorwärts.

Januar 1990 in Göttingen. Matthias Walter ist 27 Jahre alt und hat gerade seine feste Anstellung bei Neckermann-Reisen gekündigt. Er hat andere Träume und Pläne für sein Leben, er will Unternehmer werden. Wie genau dies aussehen soll, das weiß er nicht. „Eines aber wusste ich damals bereits ganz genau“, erzählt Walter heute – 30 Jahre später, „Unternehmertum bedeutete für mich gestalten zu können.“ Noch im selben Monat trifft er auf seinen befreundeten Reiseunternehmer Bernd Riedel, der ihm von Menschen aus der DDR berichtet, mit denen er sich unterhalten habe, und von deren Sehnsucht zu reisen. „Wir wussten sofort, dass sich uns eine einmalige Chance eröffnete“, sagt Walter. „Und so entwickelten wir an einem einzigen Wochenende das Grundkonzept von ‚Reiseland‘.“

Gelebte Wiedervereinigungsgeschichte

Was nach dem konspirativen Wochenende Anfang 1990 in dem kleinen Northeimer Büro von Bernd ­Riedel geschah, ist eine gelebte Wiedervereinigungsgeschichte. Die Vision der beiden war schnell klar: Sie wollten Reisebüros in der DDR eröffnen, die auch noch 20 oder 30 Jahre später erfolgreich auf dem bis dato neuen Markt sind. Dafür brauchten sie allerdings Partner vor Ort, die in eigenständiger Verantwortung, aber unter der Schirmherrschaft von Reiseland, agierten. Selbst durften die Gründer damals im Osten kein Geschäft eröffnen, denn noch waren es zwei eigenständige Staaten.

Bereits zwei Monate später eröffnete das erste Reiseland-Reisebüro in Sondershausen. „Der ganze Platz vor dem Geschäft war voll mit Menschen“, erzählt Walter noch immer voller Begeisterung. „Wir verteilten an einem Tag 7.000 Rosen und unzählige Werbe­geschenke von TUI. Die Leute waren so glücklich – ich kriege heute noch eine Gänsehaut.“ Die Menschen ­waren so hungrig danach, die Welt zu entdecken. Und Reise­land machte es möglich. Die Geschäftspartner Matthias Walter, Bernd Riedel und schließlich noch Ralph Schiller – alle drei kamen aus der Branche – boten ab dem ersten Tag Reisen zu allen Plätzen rund um den Globus an, ob zu Musicals auf dem Broadway, dem Amsterdamer Keukenhof oder nach Paris, der Stadt der Liebe. „Wir mussten zu Beginn für die Reisenden in den Bussen in Northeim noch einen westdeutschen Übergangspass ausstellen lassen, da sie als noch offizielle DDR-Bürger gar nicht hätten ins westliche Ausland fahren dürfen – es war eine unglaublich aufregende Zeit.“

Die drei Gründer steckten ihr Geld und ihre ganze Energie in diese Unternehmung. „Wir waren am Anfang sehr hemdsärmelig“, sagt Walter lachend und ganz eingetaucht in seine Erinnerungen. Auf der Suche nach neuen Geschäftslokalen reisten sie durch die DDR. Sie übernachteten in den Wohnungen ihrer neuen Partner und bekamen die Kinderzimmer zur Verfügung gestellt. Sie kauften VW-Busse, um Geld und Buchungsbestätigungen von A nach B zu bringen, und sie schafften, was andere Reiseanbieter nicht vermochten: Bei Reiseland bekam man bereits 1990 innerhalb nur eines Tages eine Buchungsbestätigung! In Zeiten, als es in der ehemaligen DDR nicht einmal in allen Haushalten ­Te­lefonanschlüsse gab, eine enorme Leistung. Reiseland wuchs und wuchs. 1991 hatten sie bereits 37 Vertriebsstellen, zehn Jahre später waren es 204.

Mit einer Vision und Begeisterung zum Erfolg

Matthias Walter ist heute 58 Jahre alt. In seinen Augen ist noch immer ein Blitzen, das von der Abenteuer­lust erzählt. Eine Emotion, die ihn mit den Menschen der ehemaligen DDR aufs Tiefste verband. Die Begeisterung, die ihn damals antrieb, ist noch immer zu spüren, wenn er Geschichten aus der Vergangenheit erzählt. Geschichten, die es nur einmal geben kann. Denn die Jahre nach der Wende waren für die Menschen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze absolutes Neuland.

„Im Gegensatz zu manch anderen, die aus dem Westen kamen, um sich an der Unwissenheit der Menschen im Osten zu bereichern, haben wir es mit unserem Wunsch, das Reisen zu ermöglichen und erfolgreiche Unternehmen aufzubauen, ehrlich gemeint“, sagt Walter ernst. Anfang 1990 konnten zwischen Ost und West noch keine rechtskräftigen Verträge abgeschlossen werden. Alles beruhte auf Vertrauen. Vielleicht war dies ein wesent­licher Bestandteil des Erfolgsrezepts. „Geld war bei allem, was wir taten, nicht unsere Motivation – wir wollten zu den Top 10 der Reisebranche in Deutschland gehören und auf dem Gebiet der neuen Bundesländer die Nummer 1 sein, um bessere Konditionen für unser Kunden auszuhandeln“, erklärt der gebürtige Hesse, für den das Reisen durch die Welt auch für sich selbst schon früh ein wichtiger Teil seines Lebens wurde.

Denn bevor er seinen Traum vom eigenen Reise­unternehmen verwirklichte, hatte er bereits über zehn Jahre bei dem großen Anbieter Neckermann – später Thomas Cook – in Frankfurt/Main gearbeitet. Seine Ausbildung dort begann er, als er gerade einmal 15 Jahre alt war. Eigentlich hatte er schon da auf Europareise ­gehen wollen, womit sein Vater jedoch aus nachvollzieh­baren Ängsten nicht einverstanden war. Also entschied sich der Sohn, eine passende Ausbildung zu machen. „Schule war nicht mein Ding“, sagt Walter immer noch aus vollster Überzeugung. Und wie sonst hätte er besser die Welt bereisen können?

Reisen durch die ganze Welt

Als Angestellter bei Neckermann stand ihm die Welt offen. „Wir bezahlten damals für so manchen Hin- und Rückflug gerade einmal 25 Mark – so habe ich in meiner Jugend die halbe Welt bereist“, erzählt er glücklich. „Ich war zum Beispiel schon mit 16 zwei Wochen allein in Kenia, später in Nord- und Westafrika und dann viel in Asien unterwegs.“ Über das Wochenende ging es für die Azubis und ,Ausgelernten‘ häuftig an Europas schönste Badedestinationen. „Das war einfach Teil unserer Ausbildung – und machte den Reiz daran aus, bei einem
großen Reise­veranstalter zu arbeiten“, sagt Walter lachend und erinnert sich daran, dass er mit „Welpenschutz“ im Team immer noch eine mehrsprachige schriftliche Eltern­erlaubnis brauchte, wenn er auf Reisen ging. Mit 22 Jahren übernahm er dann als jüngster Büro­leiter bei Neckermann das Reisebüro am Gänseliesel in Göttingen. Knapp vier Jahre später verließ er das Unternehmen und stand – im Januar 1990 – an einem Scheide­weg in seinem Leben.

Der Rest ist schnell erzählt. Aus Reiseland wurde bereits nach einem halben Jahr ein Franchise-Unternehmen, das nun rasant wuchs. Ab der Jahrtausendwende hatte Reiseland schließlich eine Größe erreicht, die nach einem neuen Geschäftsmodell verlangte, wenn man weiterhin auf Wachstum setzen wollte. Im Jahr 1996 stieg die Otto Group ins Unternehmen ein. Walter zog sich 2000 aus dem operativen Geschäft zurück und verkaufte vier Jahre später seine Geschäftsanteile. Heute ist Reiseland ein Teil der Raiffeisen Touristik Group und betreibt weiterhin über 300 Reisebüros. „Ich habe bis heute noch zu vielen meiner Partner aus der Anfangszeit Kontakt“, sagt Walter. „Es freut mich zu sehen, dass die Büros inzwischen sogar an die nächste Generation ­übergeben werden – so wie das erste Büro, das wir in Sondershausen eröffneten.“

Und was macht der umtriebige Weltenbummler heute? „Ich bin kein Konzernmensch“, sagt er von sich selbst. Statt operativem Alltagsgeschäft entwickelt er viel lieber neue Strategien und Konzepte. So ist er unter anderem bereits seit 2001 Mitgesellschafter des Göttinger Unternehmens Emlix, das linuxbasierte Systemlösungen für industriell genutzte Produkte entwickelt, und seit 2006 Mitgründer des Softwareunternehmens BOSYS aus Hamburg, das die erste CRM-Software und Digitale Vertriebsplattform für die Reisebranche auf den deutschen Markt brachte und Marktführer in diesem Segment ist. Immer wieder hat er neue Geschäftsideen im Kopf und den Mut, sie anzugehen. „Wichtig für einen Erfolg ist ein klares Ziel und der Glaube daran, dass es geht“, sagt der Unternehmer. Eine Erkenntnis, die ihn durch viele Gründungen getragen und erfolgreich gemacht hat.

Neue Herausforderungen

Und eigentlich ist Walter, wenn es so etwas gibt, schon seit seiner Kindheit eine Unternehmerpersönlichkeit – auch wenn sein allererstes Start-up, das er mit zwölf Jahren gründete, bereits nach kurzer Zeit von fürsorglichen Eltern wieder in den Boden gestampft wurde. „Mein Freund Christoph und ich gründeten damals ‚ChriMa‘: Wir kauften in der Metro große Dosen Süßigkeiten, füllten diese in selbst gebastelte bunte Tütchen und verkauften sie an die Nachbarskinder. Als diese ihr gesamtes Taschengeld zu uns brachten, schritten die Eltern ein und unterbanden es“, erzählt der dreifache Familienvater und lacht herzlich auf. „Egal, welche Idee ich in meinem Leben umsetzte. Meine Maxim war und ist: Du musst Spaß haben an dem, was du tust.“

Weise Worte – die nun seit dem vergangenen Jahr auch seine neueste Unternehmung leiten. Mit ‚TAB – The ­Alternative Board‘, einem Tool für Businesscoaching, hat Walter eine Herausforderung gefunden, die ihm wieder verdammt viel Spaß macht. Unter dem Motto: ‚Unternehmer teilen ihr Wissen‘ unterstützt er als Coach mit strategischen Management-Tools andere Unternehmer und Führungskräfte, neue Chancen zu erkennen und Ziele zu erreichen. Dabei treffen sich sechs bis acht Mitglieder in sogenannten Unternehmer-Boards, um sich gegenseitig bei der Verwirklichung ihrer beruflichen und persönlichen Ziele zu unterstützen und zu beraten.

Eine neue Lebensaufgabe – aber das Fernweh ist dem Weltenbummler bis heute geblieben. Trotz seiner unzähligen Reisen steht noch eine Region in der Welt auf seiner Bucket-List: Australien. „Ich hatte nie lange ­genug Urlaub, als dass es sich gelohnt hätte, dorthin zu fliegen“, gesteht der Workaholic aus Leidenschaft und verrät im gleichen Atemzug, dass sein eigentliches Lieblingsziel auch gar nicht so weit von Göttingen entfernt liegt. „Ich liebe einfach Italien. Vor allem wegen des Essens.“ So ist das mit dem Glück und den Träumen. Nicht immer muss man sie in weiter Ferne suchen. Sie sind oft näher, als man denkt. ƒ

Zur Person

Der Wahl-Göttinger Matthias Walter kam Mitte der 1980er-Jahre als Büroleiter für Neckermann-Reisen in die Universitätsstadt und blieb. Von hier aus startete er als Mitbegründer von Reiseland seine Karriere als erfolgreicher Unternehmer. Neben der Gründung von Softwareunternehmen und der Übernahme eines Fitnessstudios für Frauen begleitete er in seiner Laufbahn einige Start-ups mit seinen strategischen Ideen. Seit 2020 teilt er als Businesscoach sein Wissen mit anderen Unternehmern und Führungskräften. Außerhalb seiner Berufung als Unternehmer ist er ein glücklich verheirateter Ehemann, Familienvater und Großvater mit einer unstillbaren Leidenschaft fürs Reisen, Kochen, Skifahren, Joggen, Motorradfahren und für Musik.