©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Jonas Knostmann

Unsere Büros befinden sich im steten Wandel. Dabei werden mit der steigenden Popularität von New-Work-Konzepten wie Home­office, Co-Working und Shared Spaces auch die Ansprüche an eine flexible Einrichtung immer größer. Bosse-Geschäftsführer André Heuer erklärt, wie sich der Möbelhersteller aus Höxter dieser Herausforderung stellt – und das seit fast 60 Jahren.

New Work ist ­zweifelsohne einer der Mega­trends der letzten Jahre: Das Verständnis von Arbeit verändert sich grund­legend, die Sinnfrage rückt in den Mittel­punkt, Grenzen zwischen Leben und Beruf verschwimmen immer mehr. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch der Arbeitsplatz selbst. Vorbei sind die Zeiten frostiger Callcenter-­Atmosphäre – das Büro von morgen soll ein produktiver Wohlfühlort sein, an dem gemeinsam Neues entsteht und Werte gelebt werden.

Die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch einmal befeuert. Das oft nicht ganz freiwillige Homeoffice-Experiment ist vielerorts geglückt und damit zu einer echten Alter­native mit Zukunft geworden. Ebenso verlangen neue Arbeitskonzepte wie Co-­Working nach individuellen Lösungen hinsichtlich Raumplanung und Mobiliar. Und die sollen bitte schön möglichst beides bieten: Funktionalität und Design.

Eben diesen zwei Anforderungen will Bosse gerecht werden – und das nicht erst seit gestern. Seit fast 60 Jahren entwickelt das Unternehmen aus Höxter innovative Tragrohrsystemmöbel sowie individuelle Tisch- und Raum-in-Raum-Systeme. „Zeitloses Design liegt in unserer DNA“, sagt Geschäftsführer André Heuer und deutet auf die hellgraue Schrankwand im Konferenzraum der Firma. „Das hier war mal das Büro von Herrn Bosse persönlich – die Wand haben wir bis heute stehen gelassen.“ Und tatsächlich wirkt die raumeinnehmende In­stallation nicht wie etwas, das aus den 1970er-Jahren stammt.

1962 von Günter Bosse gegründet, machte sich das Unternehmen aus dem Weserbergland zunächst mit eben solchen Schrank- und Trennwandsystemen in der Branche einen Namen. Inspiriert vom Design des Bauhaus war schon damals die Verbindung von Form und Funktion der Maßstab, den sich der ­Möbelhersteller setzte. Seit 1992 gehört Bosse zur Dauphin HumanDesign® Group. Heute fokussiert sich das Unternehmen auf zwei Geschäftsbereiche: Unter dem Sammelbegriff ,human space‘ werden Raum-in-Raum-Lösungen entwickelt, die beispielsweise als Mini­­büro, Rückzugsort oder für Besprechungen genutzt werden können. Beim Baukastensystem ,modul space‘ können Kunden ihr individuelles Möbel in einem Web-Konfigurator entwerfen.

Geschäftsführer Heuer leitet das Unternehmen seit 14 Jahren. Wenn der 58-Jährige über seine Belegschaft spricht, hört man Stolz in seiner Stimme: „Wir haben hier eine sehr hohe Identifikation mit dem Unternehmen.“ 86 Mitarbeiter umfasst das Team von Bosse am Standort, darunter regelmäßig auch ­Azubis. „Ausbilden, das werden wir immer ­machen“, sagt der studierte Maschinenbau­ingenieur. „Denn wenn sie bei uns gelernt ­haben, sind sie sehr flexibel. Und das brauchen wir hier. Dann macht es richtig Spaß, ­zusammen zu arbeiten.“

In der Tat herrscht in der Produktionshalle eine fast familiäre Atmosphäre. Heuer grüßt fröhlich seine Mitarbeiter, die an computergesteuerten Werkzeugmaschinen arbeiten, Rohre, Knoten und Paneele zu einem individuellen Möbel montieren oder fertige Produkte verpacken. Mit den meisten tauscht er sich kurz aus, es wird gescherzt. Eine Truppe steht konzentriert versammelt um einen großen Tisch herum, misst, tüftelt und diskutiert. „Wir sind klein und kämpfen gegen hundertfach größere Unternehmen“, erklärt der Chef. „Wenn wir hier nicht alle gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir einpacken.“

In einer Ecke der Halle stehen auf mehreren Paletten fertiggestellte ,modul space‘-Möbel, gut verpackt für den Versand. Der Adressaufkleber verrät das Ziel: Südostasien. „Wir arbeiten dort mit einem großen Partner zusammen, der einen viergeschossigen Bosse-Flag­ship-Store betreibt und sich fantastisch ent­wickelt“, erzählt Heuer stolz und glücklich über die Vor­liebe der Südostasiaten für zeit­loses Design.

Um dieses als Standard zu halten, hat sich Bosse – sowohl für modul space als auch human space – die Rechte an Le Corbusiers ­Poly­chromie Architecturale gesichert. Das Farb­system des schweizerisch-­französischen Archi­tekten, der zu den einflussreichsten des 20. Jahrhunderts zählt, umfasst 63 Farb­töne, die harmonisch miteinander kombinierbar sind.

„Individualität, Innovation, Nachhaltigkeit – diese Trends muss man als Unternehmen heute einfach bedienen“, sagt Heuer. „Besonders im Geschäftsbereich ,human space‘ sind neue Ideen wichtig, da sich hier die Wettbewerbssituation gerade in den letzten Monaten verschärft hat.“ Eine dieser Innovationen im Hause Bosse ist die sogenannte ION-Cloud – sie lässt vor allem mit Blick auf die Corona­krise aufhorchen. Das Luftreinigungssystem erzeugt Negativ-Ionen, die sich positiv auf das physische und psychische Wohlbefinden auswirken und so Konzentration und Leistungsfähigkeit hochhalten sollen. Diese Minus-Ionen haften sich an ­positiv geladene, schädliche Partikel in der Luft und inaktivieren so Viren, neutralisieren Bakterien und machen Pollen, Pilzsporen, Rauchpartikel und Feinstaub unschädlich – so das Versprechen des Unternehmens. Wirksamkeit und Unschädlichkeit des Systems hat sich Bosse mit Studien der Universität Leipzig sowie des Augsburger Umweltinstituts Bifa bestätigen lassen. Jede der erhältlichen Raum-in-Raum-Lösungen kann mit dem System ausgestattet werden. Mit ION-Cloud hat
Bosse zudem ein mobiles Tischgerät entwickelt, welches an jedem Arbeitsplatz individuell eingesetzt werden kann. Klingt tatsächlich nach einer Idee mit Zukunft.

Doch bei aller Notwenigkeit von Innovationsgeist – in Höxter widme man sich, so Heuer, auch in gleichem Maße der Nachhaltigkeit, und dazu gehöre auch die Regionalität. „Darum setzen wir bei den Materialien wie Spanplatten, Metallkomponenten, Glas, Steuerboxen und Elektronik-­Bauteilen auch ausschließlich auf Zulieferer im Umkreis.“ Das verwendete Aluminium wird mithilfe von Wasserkraft umweltschonend produziert, wodurch nur ein Viertel der sonst üblichen CO2-Belastung entsteht. Nachhaltigkeit bedeute aber immer auch Langlebigkeit. „Unsere Produkte sind so konzipiert, dass sie Generationen überdauern, und das in jeder Hinsicht“, erklärt der Geschäftsführer zufrieden, denn das Bosse-Konzept ging bislang auf. Die Auftragsbücher sind voll.

Und in der Zukunft? „Wir waren in der Vergangenheit ein ziemlich deutsches Unternehmen“, so der Geschäftsführer. „Export hieß für uns Österreich und die Schweiz.“ Das hat sich in den letzten Jahren schon stark geändert: Mittlerweile realisiert Bosse nicht nur Projekte in ganz Europa, sondern auch in den USA, Südafrika oder Südostasien. In diese Richtung soll es weitergehen.

Dabei sei für André Heuer jedoch eines von zentraler Bedeutung: Wachstum nicht um jeden Preis. „Unternehmen unserer Größenordnung müssen sich bei der Internationalisierung fokussieren. Darum werden wir auch in Zukunft darauf achten, dass wir bei all unseren Vorhaben unsere hohen Ansprüche an Qualität und Service sicherstellen können.“ƒ