©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Rupert Fabig

Die Göttingerin Luana Theodoro da Silva hat aus ihrem Privatleben einen Job gemacht und gründete als erfolgreiche Social-Media-Influencerin ihr eigenes Unternehmen.

Geschlagene 50 Minuten widersteht Luana Theodoro da Silva der Versuchung, ihr brandneues Smartphone auch nur eines Blickes zu würdigen. Dabei ploppen minütlich Benachrichtigungen für sie auf. Ton aus, Vibration deaktiviert. Beim Stand von Lookfamed beim Festival der Online-Marketing-Rockstars (OMR) Mitte Mai in Hamburg, der weltweit größten Messe für digitale Vermarktung sowie Technologie, ist es wuselig. Ständig ist die Unternehmensgründerin gefragt. Doch sie bleibt fokussiert. Jetzt zählt nur das Interview für diesen Artikel. Erst einer Kollegin aus der sogenannten Influencer-Szene gelingt es schließlich, die Chefin aus dem Gespräch zu reißen. Man sieht sich nun mal nicht alle Tage. Vor einer riesenhaften Blütenwand, die den Messestand der Gründerin ziert, werden Herzlichkeiten und Umarmungen ausgetauscht, dann der Griff zum Handy. „Entschuldige bitte, ich muss kurz eine Story machen“, sagt die Göttingerin, ihre achtmonatige Tochter L ucia auf dem Arm haltend. Selfie-Modus an, kurzer Bericht an die Fans, wen sie hier gerade zufällig getroffen hat, ehe die Kollegin den Zuschauern berichtet, wie gerne sie ihre „Chanel-Tasche gegen das Baby tauschen“ würde. Thema erledigt, ein Leben im Akkord.

Da Silva ist also eine dieser berüchtigten Influencerinnen, die auf der sozialen Plattform Instagram unterwegs sind. Äußerst erfolgreich sogar. Mehr als 500.000 Menschen folgen der 28-Jährigen dort. Also, was genau tut sie da? Wer sich in puncto Social Media bestens auskennt und mit dem Schlagwort Influencer etwas anfangen kann, darf die folgende Passage gerne überspringen wie ein lästiges Lied auf der Spotify- Playlist. Aber erst nach dem nächsten Satz, denn der ist wichtig fürs weitere Verständnis: @luanasilva, so ihr Instagram-Name, ist alles andere als ein Modepüppchen – kein Maserati, der beim Blick unter die Motorhaube ein fehlendes Getriebe offenbart. So, nun weiterlesen oder beim nächsten Absatz wieder einsteigen. Für die Dabeigebliebenen: Instagram ist eine inzwischen gigantisch gewachsene Online-Plattform, die weltweit rund eine Milliarde Menschen nutzen. Dort können Fotos und Videos hochgeladen werden, die denjenigen angezeigt werden, die dem eigenen Profil folgen. Influencer (Beeinflusser) wiederum sind, um es vereinfacht zu formulieren, Werbefiguren, von denen einige zu Ikonen mutieren, die Insta gram nutzen, um unter anderem Produkte an ihre Fan-Schar zu vermarkten.

Vor fünf oder sechs Jahren, so genau weiß sie das selbst nicht mehr, habe sie sich ein Instagram-Profil angelegt, erinnert sich die Tochter des stadtbekannten faktor-Fotografen Alciro Theodoro da Silva. Damals studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der PFH in Göttingen. „Ich war schon immer ein künstlerisch veranlagter Mensch“, erklärt die Deutsch-Brasilianerin, deren Beiträge zunächst überwiegend das Thema Mode behandelten. Sie analysiert erfolgreiche Profile und bemerkt: Wer kontinuierlich Bilder hochlädt und regelmäßig aktiv ist – was der Instagram-Algorithmus verlangt – erhöht seine Reichweite um ein Vielfaches. Zu diesem Thema, dem Influencer- Marketing, verfasst die junge Mutter eine Hausarbeit. „Mit der ich durchgefallen bin“, berichtet da Silva und lacht herzlich. Der Karriere hat es nicht geschadet, die nahm bald Fahrt auf. Zunächst eröffnete sie in Eigenregie einen Online-Shop für Anziehsachen. Produktkauf, -fotografie und -versand lagen komplett in ihrer Hand. „Ich habe schon im Stu dium gemerkt, dass ich gerne selbstständig arbeite.“ Von Anfang an erhielt sie große Unterstützung von ihrem Ehemann Philip. Was sich auch auf der Messe beobachten lässt, denn während seine Frau von einem Termin zum nächsten hetzt, hält er Töchterchen Lucia liebevoll auf dem Arm und bespaßt sie.

Gegenüber herkömmlicher Werbung hat die über die sozialen Medien einen gewaltigen Vorteil: Sie besitzt einen persönlichen Bezug. Kaum einer der Influencer eröffnete sein Profil mit der Intention, zur Werbefigur zu werden. Oft ist es anfänglich nur ein Austausch mit Bekannten und Freunden. „Im Optimalfall findet mit den Followern sogar ein direkter kommunikativer Austausch statt. Das hat eine Art Freundschaftscharakter“, so da Silva. Ein Quantensprung im Vergleich zur unpersönlichen TV- oder Online-Werbung. Die Darstellung auf der Plattform zeigt dann mitunter auch keine Hochglanzwelt, sondern „das reale Leben ganz normaler anderer Personen“, betont die Lookfamed-Gründerin, die bei der Messe lässig im grauen Kapuzenpulli aufläuft. „Es sind Inhalte, die schnell zu fassen sind, keine 50-Seiten-Texte.“ Die Bandbreite ist riesig, es geht um Handwerk, Musik; selbst Zahnärzte präsentieren mittlerweile ihre Arbeit via Social Media.

Wer wirklich Geld verdient, ist davon abhängig, welche Reichweite er besitzt. Den jenigen bitten Unternehmen dann gezielt, für ihre Produkte zu werben. Angefangen vor drei bis vier Jahren mit zugesandten Bikinis, die im Austausch für fünf gepostete Bilder behalten werden dürfen. Neben Mode hat sich da Silva auf Beauty spezialisiert. Die Haarpflegemarke Pantene ist seit zwei Jahren ihr größter und bekanntester Partner. Hierfür ist sie Model in Werbespots im Internet und zudem in Zeitschriften abgebildet. Passend, denn die Haare der Göttingerin sind eines der auffälligsten Merkmale ihres nahezu makellosen Äußeren, das mit einem scharfen Verstand und einer sympathischen Natür lichkeit gepaart ist.

Aber kann jeder Influencer? Lassen wir die Expertin selbst sprechen, die vor zwei Jahren zusammen mit den PFH-Absolventen Daniel Hartmann, Sebastian Röske und Anton Ha mit Lookfamed eine Agentur gegründet hat, die unter anderem 25 Influencer exklusiv betreut. „Man muss sich schon erstmal eine eigene Community aufgebaut haben. Niemand kann erwarten, aus dem Nichts Angebote zu bekommen.“ Und in erster Linie sei Instagram ja auch keine Werbeplattform, sondern eine zum privaten Austausch via Fotos, Storys und kleineren Texten. Einige von denjenigen, die es trotzdem geschafft haben, betreut Lookfamed. „Wir unterstützen bei der kreativen Entwicklung von Inhalten und fungieren als Schutzschild, damit sich niemand ausnehmen lässt. Uns ist wichtig, in unserer Arbeit super transparent zu sein“, unterstreicht da Silva. Influencer- Marketing, davon ist sie überzeugt, wird es so lange geben, wie das Internet existiert. Es verschiebe sich lediglich auf andere Plattformen. Das Fernsehen werde mehr und mehr als Werbeplattform Nummer eins abgelöst, Jugendliche haben inzwischen mehr Interesse an Online-Angeboten, sagt sie. Lookfamed berät zudem Firmen, beispielsweise die Sparkasse Göttingen, hinsichtlich deren Social- MediaStrategie. Es gibt individuelle Unterstützung, von der Strategieentwicklung bis zur Produktion von Inhalten, sei es durch Workshops, die Erstellung von Plänen oder die regelmäßige Begleitung. Um sämtliche Partner, mit denen Lookfamed bereits zusammengearbeitet hat, zu erfassen, benötigt es auf der Unternehmenswebsite mindestens drei kräftige Zeigefinger-Scrolls mit der Maus. Gelistet sind auch richtige Hausnummern wie Nike, der FC Bayern München und Mercedes-Benz.

Ansässig im Wagenstieg 12, beschäftigt ihr Start-up nun mehr fast 30 Mitarbeiter, viele davon sind Studenten, die in Teilzeit angestellt sind. Als das Büro gegründet wurde, waren die Räumlichkeiten nahe des Real-Markts in Weende etwas zu groß, weswegen der Südniedersächsin, die extrem an ihrer Heimatstadt hängt, die nächste Geschäftsidee kam: die Gründung eines Co-Working- Spaces, genannt W12 (von Wagenstieg 12, über die mangelnde Kreativität schauen wir hinweg). Inzwischen sind die Arbeitsplätze fast ausschließlich von eigenen Kollegen besetzt.

Da zwei Standbeine sowie das Mutterdasein da Silva bei Weitem nicht auslastet, vertreibt sie über die Lookfamed Handels GmbH außerdem noch Kunstblumen und seit Kurzem die vegane Naturkosmetik- Pflegeserie Elvielle. Und während ihre stets freundlichen Angestellten bei der Messe auf Lookfamed aufmerksam machen, wirft da Silva einen kurzen Blick auf Lucia – die selbst schon ein kleiner Internetstar geworden ist, taucht sie doch regelmäßig auf den Bildern ihrer Mama auf. Am Anfang wollte sie ihre Kleine dort nicht zeigen, aber irgendwann habe sie das etwas lockerer ge sehen, und die Rückmeldungen seien total positiv. „Ein Kinderlachen kann eben die ganze Welt erhellen.“

Von ihren Followern erhalte sie zahlreiche Erziehungsratschläge und stehe in regem Austausch. „Ich bekomme bezüglich des Zeigens von Lucia so gut wie gar keine Kritik. Ich versuche, sie nicht zum Fokus zu machen, verstecke sie aber auch nicht.“ Ein finanzieller Nutzen ergibt sich aus den Baby-Impressionen nicht. Nur ein noch exakteres Bild der Realität, das eine glückliche dreiköpfige Familie zeigt.

Glücklich zu sein, ist das Motiv bei der Arbeit von da Silva: „Es ist mein Leitmotto und die Philo sophie meines Unternehmens.“ Entscheidend dabei sei aber, auch Raum für Unzufriedenheit zu lassen, da dies als Motor dienen könne. „Glücklichsein ist ein Prozess, eine Grundzufriedenheit bleibt länger bestehen“, erklärt die Influencerin zum Schluss ein wenig nachdenklich und fügt dann noch etwas hinzu, das nahezu durch die Bank sämtliche erfolgreichen Menschen sagen: „Du darfst keine Angst davor haben zu scheitern, sondern musst deine Träume verfolgen. Nur dann können sie wahr werden.“ Luana Theodoro da Silva ist das beste Beispiel dafür, wie viel Wahrheit in diesem Satz steckt.