Echt und ehrlich

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Text von: Frank Bertram

Drinnen wie draußen – das Label ,Kostbares Südniedersachsen‘ zeichnet regionale Produkte  aus und sorgt beim Einkauf für Transparenz.   

Was haben Apfel-Quitten-Essig, Bodenfelder Kochkäse, Harzer Heuschwein, Tomaten-Matsche und Straußeneier gemeinsam? All diese Produkte gehören jetzt zur immer größer werdenden Familie des vor fast zwei Jahren gegründeten regionalen Erzeugerverbandes Südniedersachsen. Nur ein weiteres buntes Zeichen auf der Verpackung? Das will ,Kostbares Südniedersachsen‘ nicht sein. Vielmehr setzt der Verband auf Glaubwürdigkeit und gibt den Verbrauchern ein Versprechen: Bei dieser Marke ist wirklich regional drin, wo ,regional‘ draufsteht. Wer mit dem Label werben darf, erfüllt überprüfbare Kriterien und bekennt sich zum Gedanken: echt und ehrlich – aus dem Süden Niedersachsens, einer Kulturlandschaft für Genießer. So lautet die Maxime.

„Regionalität tut gut“, sagt der Vorsitzende des Verbandes, Siegfried Kappey. Der 73-jährige Einbecker hat sich schon länger regionalen Lebensmitteln verschrieben. Kappey ist einer der Gründer der Einbecker Senfmühle, die vor acht Jahren mit einem Würzsenf an den Start ging – echt und ursprünglich produziert, mit Rohstoffen von Herstellern, die die Senfmüller kennen. Mittlerweile füllt das Unternehmen pro Jahr 100.000 Gläser ab.

Weil die Sehnsucht nach authentischen Lebensmitteln aus der Nachbarschaft beim Senf anfangen kann, aber nicht enden muss, hat Kappey vor zwei Jahren seine Idee in die Tat umgesetzt und dem Ganzen einen Namen gegeben. „Die Menschen suchen einen Wegweiser zu Alternativen in globalisierten Strukturen“, sagt er. „,Kostbares Südniedersachsen‘ soll dieser Wegweiser sein.“ 43 der inzwischen mehr als 100 Mitglieder des Vereins dürfen bereits das Qualitätssiegel führen – Tendenz steigend. „Es gibt eine Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Vertrauen“, erklärt Kappey. „Der Erzeugerverband soll als Sprachrohr für die oftmals kleinen und weniger bekannten Produzenten dienen.“ Er ist ein Zusammenschluss von ländlichen Produzenten, mittelständischen Veredelungsbetrieben und Dienstleistern. Sie alle wollen eine Gemeinschaft mit gemeinsamer Vermarktung aufbauen. Ein erklärtes Ziel in diesem Jahr ist beispielsweise, für Supermärkte Dienstleister zu werden und den Marktleitern aus einer Hand die echten regionalen Produkte anzubieten: den Apfel vom Baum um die Ecke oder die Kartoffeln vom heimischen Acker ebenso wie die Wurst vom artgerecht gehaltenen Schwein aus dem Nachbardorf.

Zu den Mitgliedern zählen kleine und große Unternehmen, Traditionsbetriebe ebenso wie Gründer. Heike Niebuhr und Jörg Ackermann zum Beispiel, die seit 2013 auf zwei Hektar an der Beermühle in Bilshausen im Eichsfeld aus selbst angebautem Bio-Obst – Äpfeln, Quitten, Kirschen, Beeren, Mirabellen und Schlehen – sowie Honig aus der eigenen Imkerei sogenannte Gärungsessige produzieren, die nach der zweiten Gärung drei Jahre lang lagern müssen. Oder Alexander Friedrich, der – durch einen Namibia-Aufenthalt nach der Schulzeit inspiriert – seit 2012 auf seiner Ombofarm nahe Gillersheim Strauße züchtet und deren Fleisch und Eier vermarktet. Auch die Harz-Weser-Werkstätten Northeim sind dabei, seit im Gewächshaus der ehemaligen Gärtnerei Hartwig jedes Jahr rund 800 Kilo Andengold-Tomaten geerntet werden. Beim Experimentieren entstanden Tomatensaucen – kreativ ,Tomaten-Matsche‘ genannt – sowie Ketchup und Fruchtaufstriche. Mareille Willmann gehört zu den neuesten Anwärtern auf das Qualitätssiegel. Die junge Gründerin aus Holzminden produziert seit einem Jahr unter dem Namen ,Mühlenfeld – Gutes von hier‘ diverse Zwiebeleien (mehr dazu ab Seite 80). Ihre Mitgliedschaft und die Frage, ob Willmann die geforderten Kriterien auch erfüllt, wird derzeit noch geprüft.

Denn wer das Logo auf seine Verpackungen drucken und die Glaubwürdigkeitsurkunde erhalten will, muss sich zu den Zielen bekennen und entsprechend arbeiten: Echt, ehrlich, regional – diesen Anspruch des Erzeugerverbandes bei den Mitgliedsbetrieben zu kontrollieren, ist Aufgabe eines sechsköpfigen Qualitätsausschusses. Das Label ,Kostbares Südniedersachsen‘ hat die Form einer Raute, erinnert damit ein wenig an einen Diamanten, der die Schätze der Region auszeichnet.

Schätze, die sich an Regeln halten: Bei den Produkten werden ausschließlich Zutaten aus der Region Südniedersachsen handwerklich verarbeitet und veredelt. Transparenz gehört zur unabdingbaren Philosophie der ausgezeichneten Betriebe. Das bedeutet auch, ehrlich über Ausnahmen zu sprechen. Die Bodenfelder Käserei von Ralph Schneider beispielsweise, die mit drei Kühltransportern regelmäßig rund 300 Supermärkte mit Harz- und Kochkäse versorgt, darf ihre Rohmilch andernorts beziehen, da es in der Region keine Molkereien mehr gibt.

Einer der Mitgliedsbetriebe mit Glaubwürdigkeitsmarke auf dem Eierkarton ist der Hof Wolper mit seinem ,Salzderheldener Wiesen ei‘. Landwirtschaft betreiben die Wolpers schon seit Generationen, doch die Freilandhaltung von Hühnern gibt es erst seit vergangenem Jahr. Auf die Idee, Hühner zu halten, kam Junior-Chef Hendrik Wolper beim Besuch der Fachmesse Eurotier. Dort entdeckte der 24-Jährige gemeinsam mit Lebensgefährtin Sophie Rossmann das Hühnermobil: einen rollenden Stall für Legehennen in Freilandhaltung, den er nach einiger Zeit auf der Wiese weiterziehen und damit den Hennen frisches Gras bieten kann. Das ,Salzderheldener Wiesen ei‘ war geboren. Der Name entstand bei einem familiären Brainstorming am heimischen Esstisch, erzählt Wolper. Er setzt auf Transparenz und erfüllt damit das wesentliche Kriterium des Verbands ,Kost bares Südniedersachsen‘: Wie die Hennen ihr Futter bekommen, wie das mit dem Hühnermobil funktioniert und wo sie dort schlafen und ihre Eier legen – all das erläutert der junge Landwirt seinen Kunden geduldig und gern.

Dass sich die Verbraucher in den Landkreisen Northeim, Göttingen/Osterode, Goslar und Hildesheim für echte und ehrliche Produkte aus der Nachbarschaft interessieren, hat die Resonanz beim Regionaltag des Erzeugerverbandes in Iber im vergangenen Jahr gezeigt. Hunderte Menschen kamen in den kleinen Ort zwischen Einbeck und Moringen und interessierten sich für Lebensmittel aus Südniedersachsen. In diesem Jahr soll die Veranstaltung wachsen: Bei den Regionaltagen des Erzeugerverbandes Mitte September in Waake bei Göttingen wollen noch mehr Mitgliedsbetriebe sich und ihre echten Produkte präsentieren.