©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Er ist in Göttingen bekannt, als würde er schon immer hier leben, und doch bleibt er meist im Hintergrund: Alciro Theodoro da Silva. Er ist Fotograf und Lebenskünstler - und Urgestein des faktors. Seit 15 Jahren fotografiert das 'brasilianische Auge' für uns die besonderen Menschen und Momente in Südniedersachsen - lange genug, um endlich auch mal vor der Kamera seine eigene Story zu erzählen.

Sein Blick huscht suchend durch den Raum. Er geht von einem Fenster zum nächsten, schaut und geht weiter. Er sucht nach dem besten Licht un der besten Perspektive. Alciro Theodoro da Silva – oder Ciro, wie ihn alle nennen – ist seit über vierzig Jahren Fotograf, doch eigentlich war er das schon lange, bevor er sich mit 25 Jahren seine eigene Spiegelreflexkamera leisten konnte. „Man muss keine Kamera haben, um Fotograf zu sein“, sagt er aus tiefster Überzeugung und mit einem verschwörerischen Lächeln. In seiner Jugend ging er in seiner Heimat oft ohne Kamera durch die Straßen. Dennoch sah er überall Motive für ein gutes Foto, speicherte sie in seinem Gedächtnis und suchte das Licht.

„Fotografie ist so eine Sache“, sagt Ciro, und macht eine kurze Pause, bevor er zu erzählen beginnt. Der gebürtige Brasilianer hat zwar, nachdem er 1980 nach Göttingen kam, die deutsche Sprache erlernt – die deutsche Geschäftigkeit hingegen hat er nie verinnerlicht. Er erzählt gern Geschichten, und wenn er erst einmal angefangen hat, scheint die Zeit nur noch eine Nebensache zu sein. Es lässt sich nicht einfach beantworten, wie er zur Fotografie kam – so ist zumindest seine Meinung. Dennoch spinnt sich, wenn man genau hinschaut, auch durch sein Leben ein roter Faden, wie durch das Leben all jener Menschen, die ihrer Leidenschaft folgen.

Bei Alciro Theodoro da Silva begann alles in seiner Schulzeit. Schon früh spürte er, wie ihn der Kunstunterricht in seiner Heimatstadt Bragança Paulista auf besondere Weise begeisterte. „Allerdings fehlte mir das Talent zum Zeichnen“, erzählt der 65-Jährige und lacht. „In der Fotografie muss man hingegen nur richtig sehen können. Aber der Blick eines Fotografen ist dem eines Maler ähnlich, ob Perspektive, Licht oder Motivwahl – alles findet sich in der Malerei und der Fotografie gleichermaßen.“ Das war der Grund, warum es am Ende die Kamera und nicht der Pinsel war, den Ciro zu beherrschen lernte.

Und ebenso unverkennbar wie ein Pinselstrich ist auch der Stil der Fotos, die von ihm seit 15 Jahren im faktor-Magazin gedruckt werden. Seit die erste Ausgabe im Sommer 2005 erschien, gab es kein einziges Heft ohne Fotografien von Ciro. Sein Stil prägt das Heft bis heute. „Die Fotos von Ciro wurden über die Jahre immer wichtiger und seitenfüllender“, erklärt Marco Böhme, faktor-Herausgeber und langjähriger Freund. Als Böhme zusammen mit Horst Wolf, Sebastian Mauritz und Florian Grewe 2005 ein neues Wirtschaftsmagazin für die Region auf den Markt brachte, war Ciro der erste freie Mitarbeiter.

Wenn Böhme heute auf die Anfangszeit zurückblickt, kommen viele Anekdoten aus der Erinnerung hoch: „Bei uns begann es nicht in einer legendären Garage, aber immerhin in einem Kellerbüro, das sich ebenso zu einer Legende eignen würde.“ Horst Wolf mit seiner Körperfröße von 2,10 Metern musste in den Räumen den Kopf einziehen. Der erste Schreibtisch bestand aus einer Baumarkttür auf Holzböcken. Böhme selbst war ‚Mädchen‘ für alles – Geschäftsführer, Chefredakteur und Schreiberling. „Wir wollten es anders machen, keine Kompromisse und offen und ehrlich mit unseren Partnern sein – das gilt bis heute“, sagt der 45-Jährige. Keine Kompromisse bedeutete zum Beispiel auch: die besten Fotografien. Und: Ein gutes Foto braucht so lange, wie es braucht.

„Beim ersten Heft war noch alles offen“, sagt Ciro. „Doch das Wichtigste war, dass wir mit dem zweiten Heft und den folgenden das hohe Niveau halten werden.“ Damals gab es keine Referenzen, sondern lediglich großartige Ideen und verstreute Unsicherheiten, niemand wusste, wie sich alles entwickeln würde. Auch seinen fotografischen Stil, seine Handschrift, wie er Menschen in ihrem Leben oder in ihrem Unternehmen abbildet, musste Ciro erst finden. Und immer wieder stellte er sich die Frage: Wie schaffe ich es, bei einem Fototermin das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und sie einmal anders in Szene zu setzen?

Es ist ein Balanceakt, jedes Mal. Denn Ciro weiß nie, welche Bedingungen er vor Ort vorfindet. Schnell ein gute Foto machen – das funktioniert nicht. „Ein schönes Motiv ist noch lange kein gutes Bild… Und ein gutes Bild braucht mehr als ein schönes Motiv“, sagt er, und ein unverkennbares verschmitztes Leuchten blitzt in seinen Augen auf. „Ich respektiere jeden und passe mich der Situation an. Ich weiß aber auch, dass ich mich gerne an der Grenze des technisch Möglichen bewege“, so der Fotograf.

Er ist ein guter Beobachter, der auf den richtigen Moment wartet, um abzudrücken. „Ich bin ein Räuber“, sagt er von sich selbst. Er will diesen einen Moment einfangen, den es nicht auf dem Silbertablett serviert gibt, für den es sich lohnt, ohne jede Gewissheit auf Erfolg zu warten. „Ich bewege mich gern im Risikobereich, warte bis zum letzten Moment“, gesteht er, „und spiele mit der Gefahr, am Ende vielleicht auch mal gar kein Foto zu haben.“

Vertrauen ist ein Wort, dass einem sofort dabei in den Sinn kommt. Vertrauen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ciro erinnert sich an einen Termin, an welchem er sein Blitzlicht vergessen hatte. „Natürlich lasse ich mir das nicht anmerken, das würde die Person, die ich fotografieren will, sofort verunsichern. Ich weiß, dass ich auf meine Erfahrung vertrauen kann und dann ein anderes gutes Foto mache“, verrät er ein zweites Geheimnis. In solchen Momenten weiß er, dass das faktor-Team hinter ihm steht. Auch deshalb hatte er sich damals für eine Mitarbeit entschieden. Vertrauen ist in der Zusammenarbeit ein Wert, der zudem über die Redaktionsräume nach außen strahlt und für den Erfolg in der Region mitverantwortlich ist.

Inzwischen ist Ciro in seinem Element angekommen. Er erzählt von seiner Leidenschaft, von eben jenen Momenten, die einen Nervenkitzel auslösen, die seinen Job für ihn besonders machen. Bei strömendem Regen auf den Spuren südniedersächsischer Rinder durch den Wald, nachts um 4 Uhr quer durch Italien oder im tiefen Matsch eines Straßengrabes – Ciro nimmt für den besonderen Augenblick einfach alles in Kauf, denn Fotografie ist für ihn mehr als ein Beruf. „Wir können ein Foto machen, das nicht jeder machen kann, aber dafür müssen wir manchmal eingefahrene Konventionen überwinden – das sage ich oft zu den Menschen vor meiner Kamera.“ Und die meisten sind bereit, über ihren Schatten zu springen, um ein wirklich einmaliges Foto von sich zu erhalten. Die Liste seiner ‚Modelle‘ ist lang. Viele Prominente hat er über die Jahre abgelichtet: Politiker wie Jürgen Trittin, die Jazzlegende Gunter Hampel, Butoh-Tänzer Tadashi Endo oder auch renommierte Wissenschaftler wie Nobelpreisträger Stefan Hell. Sie alle hatte er für das faktor-Magazin vor seiner Linse.

Hätte er sich diesen Lebensweg ausgemalt, als er mit Anfang 20 ein Flugticket von Brasilien nach London buchte und das erste Mal nach Europa kam? Wohl kaum. Auch wenn ihn die Fotografie bereits damals faszinierte – sie war ein zu teures Hobby, als dass er es sich hätte leisten können, und so blieb es vor allem aus diesem Grund zunächst nur ein Traum. Stattdessen studierte Ciro nach seinem Schulabschluss in seiner Heimatstadt Betriebswirtschaft und arbeitete im 100 Kilometer entfernten São Paulo in einer Bank, um sein Studium zu finanzieren. „ich wollte mir immer erklären, wie die Welt funktioniert. Deshalb habe ich Wirtschaft studiert“, erinnert er sich. Aber er wollte auch Musik machen, Sprachen lernen und die Welt sehen: Europa mit seiner weit zurückreichenden Kunstgeschichte, berühmten Museen wie dem Louvre und großartigen Malern, Rockkonzerte von Bands wie den Rolling Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd oder Queen zogen ihn zunächst nach London.

Es waren die Siebzigerjahre. Tagsüber ging Ciro in eine Sprachschule und lernte Englisch, nachts streifte er mit seinem Jugendfreund Ismar durch die Clubs der Stadt. Ihre Freundschaft begann in Brasilien – ebenso wie ihr gemeinsamer Wunsch, irgendwann nach Europa zu reisen und all das zu sehen, wovon sie träumten. Ismar hatte Kunstgeschichte und Fotografie studiert. Mit ihm teilte Ciro die Leidenschaft für Kunst, Kultur und eben Fotografie. Sie sprachen über Licht und Bildaufbau, weil all dies sie auch viel über das Leben selbst lehrte.

London war nur der Anfang. Nach gut einem Jahr in der Metropole trampte der 23-Jährige durch ganz Europa bis ans Mittelmeer und hinüber nach Marokko. „Das war damals eine Zeit, da wusste man morgens, wenn man aufstand, nicht, wo man abends schlafen geht“, erzählt Ciro, innerlich noch in Erinnerung schwelgend und nicht alles preisgebend. Er lebte von einem Tag auf den anderen, von Geld, dass er in Brasilien gespart hatte, und von kleinen Gelegenheitsjobs. Er stillte seinen Durst nach Museen, Kultur und fremden Nationen. Nach Göttingen kam er zwei Jahre später der Liebe wegen. Und er blieb, heiratete und bekam eine Tochter und einen Sohn.

Seine Lust, zu reisen und Musik zu machen, sind geblieben, ebenso wie seine brasilianische Seele. Wer beispielswiese mit ihm im Auto mitfährt, wird eine besondere Erfahrung machen. Für Ciro geht es nie darum, schnell anzukommen – er bevorzugt, auf schönen, unentdeckten Landstraßen ans Ziel zu gelangen, anstatt über Autobahnen schnell da zu sein. „Viele Europäer verbinden mit dem Wort ‚Urlaub‘, sich auszuruhen oder sich zu erholen. Für mich bedeutet Urlaub, eine Reise zu machen, um unterwegs zu sein“, sagt er. Und so geht der Fotograf auch durchs Leben. Unterwegs zu sein, heißt für ihn nämlich auch, Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen, die ihn an Erfahrung reicher machen.

Wenn er aus der Haustür tritt, schaut Ciro zuerst: Wie ist das Licht? Kann ich heute das Foto machen, das ich wollte, oder verschiebe ich es auf einen anderen Tag? Nicht immer lässt sich diese Lebensmaxime durchhalten. Deadlines und Drucktermine stehen dem im Weg. Diese werden für den Perfektionisten beim faktor aber häufig so weit ausgereizt wie möglich – denn beide Seiten verbindet seit jeher ein Ziel: das bestmögliche Foto zu bekommen.

Doch wie schafft er es, nach all den Jahren mit seinen Fotos zu überraschen? Denn natürlich kann heutzutage jeder mit einem Handy Fotos machen. „Das Entscheidende ist, dass man die grundlegenden Regeln der herrscht“, sagt Ciro und lächelt mit sich und der Welt zufrieden. „Und es gehört immer auch ein wenig Glück dazu.“ So wird das ‚brasilianische Auge‘ sicher noch oft das Glück herausfordern und auf seun untrügliches Gespür für besondere Augenblicke vertrauen, wenn er in frühen Morgenstunden das Haus verlässt, um das Licht des anbrechenden Tages einzufangen.