©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Elena Schrader

Zum großen Jubiläum haben wir unseren Herausgeber Marco Böhme gefragt, worin er in 15 Jahren gescheitert ist und was den faktor aus seiner Sicht zur Erfolgsgeschichte macht.

Marco, du bist nicht nur Verleger, sondern auch Podcast-Gastgeber und interviewst Gäste, wie Hirnforscher Gerald Hüther und Vertriebsprofi Dirk Kreuter. Du bist Initiator des Mutmacher-Gipfels, selbst Redner auf diversen Veranstaltungen un engagierst dich für die nächste Generation an Unternehmern. Wie passt das alles zusammen unter einen Hut?

Mir wird schnell langweilig. [lacht] Deshalb mache ich gern immer wieder neue Sachen. Die große Klammer ist allerdings das Thema Unternehmertum. Als Mutmacher möchte ich vor allem junge Menschen begeistern, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Und da ich mir – weil Vorbilder fehlten – als junger Mensch nicht vorstellen konnte, Unternehmer zu werden, möchte ich heute gemeinsam mit anderen Vorbild sein… Weil Unternehmer zu sein der geilste Job auf Erden ist!

Seit 15 Jahren gehört zu diesem Job vor allem auch faktor. Als Herausgeber hast du in dieser Zeit zahlreiche Menschen interviewt. Welche Frage würdest du dir selbst stellen?

Das ist eine gute Frage. [lacht] Ich spreche gern über Erfolge, aber ehrlich gesagt, finde ich persönlich Geschichten über Rückschläge und Niederlagen spannender. Da erfahren wir Leser viel mehr über einen Menschen und können auch mehr für uns selbst mitnehmen. Daher wäre meine Frage: Was ist dein größtes Scheitern?

Also denn: Was war dein größtes Scheitern?

Die Erkenntnis, dass unsere Konstellation beim Start mit vier Gründern richtig und gut war – aber sich auf dem Weg als hinderlich herausstellte. Als Mitherausgeber und Vertriebschef Horst Wolf 2010 signalisierte, seine Anteile verkaufen zu wollen, kam ein Loslösungsprozess in Gang, der sehr schmerzvoll für uns vier war. Wir alle lernen ja immer wieder, wie schön es ist, Beziehungen zu beginnen – ob in der Liebe oder im Beruf. Aber wir wissen nicht so recht , wie wir Beziehungen auch wertschätzend beenden. Da geht meistens ziemlich viel kaputt.
So war es auch hier: 2011 schließlich kaufte ich nicht nur Horsts Anteile ab, sondern nach langen Verhandlungen auch die der anderen beiden Mitgründer Sebatsian Mauritz und Florian Grewe – und bin seitdem alleiniger Inhaber. Eine Weile haben wir nicht miteinander gesprochen – und dann irgendwann realisiert, dass wir einander schätzen. Ich bin den beiden sehr dankbar, dass sie mich 2004 so offen in ihrem Verlag aufgenommen haben und wir zusammen das Projekt faktor gestartet haben. Ohne die beiden und natürlich Horst Wolf gäbe es heute kein faktor-Jubiläum!

Die Jahre haben ja sicherlich nicht nur Negatives hervorgebracht. Gibt es positive Erinnerungen, die dich bis heute besonders bewegen?

Absolut. Durch Tiefen kannst du nur durchkommen, wenn es dir Spaß macht. Für mich sind es die persönlichen Beziehungen – intern wie extern -, die über faktor zustande kamen und aus denen sogar zahlreiche Freundschaften entstanden sind. Ich bin sehr dankbar, über meine Arbeiten spannende Menschen, Unternehmen und Ideen kennenzulernen und daraus selbst immer wieder neu zu lernen.
Wenn ich jemanden treffe, der mich fragt, was ich mache, antworte ich meistens: ‚Ich bringe Menschen zusammen.‘ Ich gebe also nicht nur tolle Magazine heraus, sondern vernetze Menschen, die ohne mich so nicht zusammengekommen wären. Und das erfüllt mich – und auch mein gesamtes Team – mit Freude und Stolz. Das ist sehr erfüllend.

faktor bringt Menschen zusammen – und das buchstäblich auch seit Beginna an mit der faktor-Business-Lounge. Welche Augenblicke sind dir dabei am meisten im Gedächtnis geblieben?

[lacht] Ich erinnere mich zum Beispiel an die faktor-Business-Lounge in der Lokhalle 2007 im Rahmen der ersten Entscheider-Messe, die wir aus der Taufe gehoben haben. Es war so brütend heiß, dass ich spontan Wasser für alle Anwesenden versprach – und damit unseren Partner Hotel Freizeit In mit seinem Chef Olaf Feuerstein vor eine enorme Herausforderung stellte. Irgendwann waren alle versorgt, und es ging schließlich weiter…
Dann kam der Schock. Redner Moritz Hunzinger beendete nach gefühlt 22 Minuten seinen Vortrag, ohne so richtig eine Botschaft rübergebracht zu haben. Das Publikum war genauso überrascht wie ich. Ich habe noch versucht, über eine Fragerunde etwas mehr Zeit herauszuholen – aber es blieb der mit Abstand kürzeste Vortrag in nur mittlerweile 33 faktor-Business-Lounges. Das war mir lange sehr unangenehm, aber heute kann ich darüber lachen.
Eine echte Herausforderung war auch die Lounge 2008 mit Kriegsfotografin Anja Niedringhaus. Die musste am Morgen der Veranstaltung absagen, weil sie wegen Schneefalls in Bagdad festsaß. So mussten wir improvisieren, indem wir kurzerhand einen anderen thematischen Schwerpunkt setzten und so auch diesen Abend gemeistert haben.

Überhaupt: Man könnte auch sagen, alle 15 Jahre wurden kontinuierlich gut gemeistert… Hat sich in dieser Zeit auch etwas verändert?

Verändert hat sich vor allem, dass faktor tatsächlich mehr als ein Magazin geworden ist, nämlich die Plattform für Impulse, Erfolgsrezepte und Raum für echte Begegnung in Südniedersachsen. Wir geben mittlerweile mindestens zehn Ausgaben im Jahr heraus: viermal den faktor, je zweimal Gesundheit, Azubi, Uni und Stil, Sonderpublikationen… Die Zahl der Veranstaltungen hat zugenommen.
Während es zu Beginn Skepsis gab, ob es neben dem bereits existierenden Regjo ein weiteres regionales Wirtschaftsmagazin braucht, stellt sich die Frage heute nicht mehr: Wir haben uns fest etabliert – gerade weil wir die Events gleich zu Beginn zu unserer DNA gemacht haben. Aus einem Quartalsmagazin ist so ein richtiges Unternehmen mit einem tollen Team entstanden. Was sich nicht verändert hat, ist die Liebe und die Leidenschaft, mit der wir alle den faktor leben. Das wird sich auch nie ändern!

Lieber Marco, vielen Dank!

Zur Person

Marco Böhme, Jahrgang 1974, arbeitete bereits in der Schulzeitung mit und war anschließend Chefredakteur einer Schülerzeitung am Goethe-Gymnasium in Kassel, wo er 1994 sein Abitur machte. Nach seiner Zwischenprüfung in Geschichte in Göttingen und zwei Semestern in den USA wurde er im Frühjahr 1999 Regjo-Chefredakteur. Nach fünfeinhalb Jahre verließ er das Regional-Journal für Südniedersachsen und startete mit drei Partnern das Entscheider-Magazin faktor.
Böhme gehörte zu den Initiatoren der Entscheider-Messe und der Gesundheitsmesse in der Lokhalle.
Er war Gastgeber eines Podcasts zum Thema Scheitern und ist Veranstalter des Mutmacher-Gipfels in Göttingen. An der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) ist er als ‚Entrepreneur in Residence‘ am Zentrum für Entrepreneurship mit dem Ideencampus für Schüler und der Entrepreneurship School (ESS) für Gründer sehr aktiv.