©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Galke in Gittelde ist der europäische Kräuter- und Gewürzhändler mit dem breitesten Sortiment – 1.600 verschiedene Pflanzenrohstoffe werden hier vorrätig gehalten und weltweit exportiert. Seit über 100 Jahren vertraut das Familienunternehmen auf das von Generation zu Generation überlieferte Spezialwissen.

Hinter dem Bahnhof von Gittelde im Harzvorland, da wo man sich kaum je durch Zufall hinverirrt, hat eine besondere unternehmerische Perle Südniedersachsens ihren Sitz: die Alfred Galke GmbH. Dem Endverbraucher ist Galke kein Begriff, dafür stolpern unzählige Unternehmen, Apotheken und selbst Forschungseinrichtungen, national wie international, früher oder später über diesen Namen – wenn sie für die verschiedensten Verwendungszwecke Kräuter benötigen. Denn das über 100-jährige Familienunternehmen ist in Europa der Kräuterhändler mit dem größten Sortiment, der nicht nur aus aller Welt seine pflanzlichen Rohstoffe bezieht, sondern sie auch in alle Welt exportiert – die Exportquote liegt bei 45 Prozent.

Von außen sieht das Betriebsgelände unscheinbar aus, niedrige Gebäude, dahinter eine Halle, hinter der aber noch eine und noch eine folgt. Dass hier allerdings etwas anders ist als in gewöhnlichen Betriebsstätten, merkt man sofort beim Betreten, denn statt nach Metall- und Ölgerüchen oder Büroatmosphäre mit sterilen Fluren duftet es wie in einem Teeladen: nach Fenchel, Zitrus oder Pfefferminz und nach Pflanzen, die man überhaupt nicht zuordnen kann. Ein Fest für die Nase.

1.600 verschiedene Sorten hat man bei Galke vorrätig – 600 in Bio-, 1.000 in konventioneller Qualität, vorwiegend Kräuter, aber auch Gewürze. „Wir versuchen, alles da zu haben, was es gibt, auch die seltenen Kräuter“, erklärt Hartmut Galke, Geschäftsführer des Traditionsbetriebs in dritter Generation. Die Besonderheit des Kräutergeschäfts ist, dass man nur einmal die Chance hat, die Waren zu kaufen – nach der Ernte. Insofern kommt dem Lager eine überragende Bedeutung zu, denn der Bedarf eines Jahres muss vorrätig sein. 27.000 Quadratmeter ist es groß, teilweise ist die Ware mehrere Meter hoch gestapelt, alphabetisch sortiert.

Deswegen wird ein Besuch bei Galke schnell zu einer kleinen Wandertour, will man die ganzen Lager in Augenschein nehmen. Deswegen flitzen auch die Mitarbeiter der Kommissionierung mit Tretrollern durch die Hallen, um die Distanzen zu überbrücken, wenn etwa eine neue Bestellung an Birkenblättern versandfertig gemacht werden muss. Galke ist kein Massenversender, sondern hat sich auf eher kleinere Tranchen spezialisiert, selbst kleinste Mengen ab 100 Gramm sind bestellbar.

So breit wie das Sortiment an Gewürzen, Arzneikräutern, Tees oder Färbemitteln, an Harzen und Aromen ist, so breit ist auch die Kundenlandschaft: Lebensmittelund Futtermittelhersteller, die daraus zum Beispiel Gesundheitstees – auch für Pferde – herstellen, die chemische und pharmazeutische Industrie, aber auch der kleine Einzelhandel wie die Apotheke, die noch ihre eigenen Salben anmischt, oder der Tee- und Kräuterhandel sowie Reformhäuser. Selbst Spirituosenhersteller greifen auf die Kräuterauswahl zurück. Und ein besonders faszinierender Abnehmer sind Zoos, die bestimmte Kräuter als Futterzusatz für Flamingos benötigen, damit diese ihre rosa Farbe behalten. Und so finden sich Galke-Rohstoffe wie Seifenkraut in Spülmitteln, Rote Beete als Färbemittel in Bio-Kreide, und in Gesundheitstees landen Löwenzahn und Brennnesseln, die niemand im Garten haben will, man in Gittelde aber in großen Mengen benötigt.

Alfred Galke gründete Unternehmen 1920

Die Anfänge des Unternehmens gehen auf Alfred Galke zurück, der 1920 in Schlesien einen Kräuterhandel gründete und vor dem Zweiten Weltkrieg bereits ganz Westeuropa mit Früchtetees beliefert hatte. Doch mit dem Kriegsende kam die Flucht und der Verlust der alten Produktionsstätte. Galke landete in der Nähe von Hannover und schaute sich dort gleich nach Möglichkeiten um, den Handel neu aufzubauen. Fündig wurde er in Gittelde, wo ein ehemaliger holzverarbeitender Betrieb, der über den nötigen Gleisanschluss verfügte, zum Verkauf stand. Das und die Nähe zum Harz und damit zu den dortigen Kräutersammlern und pflanzlichen Rohstoffen gaben den Ausschlag, im Norden zu bleiben. „Das ist untypisch für unsere Branche“, erklärt Sophie Galke, Hartmuts Tochter und vierte Generation, die das Unternehmen in die Zukunft führen soll. Seit fünf Jahren unterstützt sie ihren Vater bereits als Prokuristin, kümmert sich um Personalangelegenheiten, Betriebsorganisation und Umstrukturierungen. „Unsere Konkurrenten sitzen entweder an den Überseehäfen in Hamburg und Bremen oder in Süddeutschland, wo viele Kräuter angebaut werden.“ Interessanterweise ist der Kräuterhandel in Europa in deutscher Hand. „Wir kennen uns alle untereinander, jeder hat so seine Spezialisierung gefunden, und wir helfen uns auch gegenseitig mal aus, wenn dem Kollegen ein Rohstoff fehlt.“

Sophies Urgroßvater machte noch persönlich seine Runden im Harz und kaufte die kleinen Tranchen auf, die Kräutersammler auf ihren Dachböden getrocknet hatten. Einer der wichtigen Spezialartikel damals war der Fingerhut, der in Herzpräparaten verwendet wurde. Ihr Großvater wiederum begann mit dem Aufbau des Bio-Sortiments. Der große Entwicklungssprung des Unternehmens kam dann 1993, als ihr Vater, Hartmut Galke entschied, den Betrieb zu übernehmen: „Wir haben damals stark investiert, um die Kapazitäten zu vergrößern, die Abläufe zu modernisieren und mit den vielen gesetzlichen Anforderungen Schritt zu halten“, erzählt der heute 59-Jährige. So wuchs der Kräuterhandel von 20 Mitarbeitern auf heute rund 100, von denen alleine 40 im Büro sitzen, denn sowohl der Dokumentationsaufwand als auch der Wareneinkauf seien „unheimlich aufwendig“.

Pflanzenprodukte werden aus Ursprungsländern importiert

Die Beschaffung der Waren ist eine Welt für sich. „Wir versuchen, zu den Ursprüngen zu gehen und die Kräuter dort einzukaufen, wo sie ursprünglich herstammen“, erklärt Sophie Galke. So kommt die Kamille unter anderem aus Ägypten, der Rotbusch-Tee aus Südafrika oder die Mate aus Brasilien. „Allerdings rufe ich nicht einfach an und bestelle eine Tonne. Vielmehr ist es
ein langer Kommunikationsprozess.“ Der reicht teils vom einzelnen Anbaubetrieb bis zu Großhändlern und Exporteuren und Logistikunternehmen, andere Uhrzeiten und Mentalitäten rund um den Globus machen es nicht einfacher. Geht es um neue Quellen für die Sortimentserweiterung, wird mitunter auch versucht, Konsulate einzuschalten, um Anbaubetriebe in anderen Ländern zu finden.

Viele der Lieferanten, beispielsweise in Osteuropa, sind jedoch Familienbetriebe, zu denen bereits jahrzehntelange Geschäftsbeziehungen bestehen. Eine große Bedeutung spielen dabei Wildsammlungen, aus denen etwa die Hälfte des Sortiments stammt. „Nehmen Sie die Enzianwurzel“, sagt die Prokuristin, „da hat die wild gesammelte eine bessere Qualität, weil sie einen höheren Anteil an hochwertigen Inhaltsstoffen hat.“ Und es ist in der Praxis wirklich noch so, wie man sich das aus den Märchen der Kinderzeit vorstellt: Da geht das alte Kräutermütterchen in den Wald und sammelt mit großer, über Generationen weitergegebener Erfahrung die seltenen Kräuter.

„Auf Kreta sammelt zum Beispiel ein alter Mann, der ist inzwischen über 80 ist, für uns Engelsüßwurzel in den Bergen“, erzählt Sophie Galke über einen der Kontakte. „Der hat uns aber vor einiger Zeit schon gesagt, dass er altersbedingt nicht mehr als 30 Kilo im Jahr schafft.“ Genau das sei eine der großen Herausforderungen in der Branche, die von genau diesem tradierten Erfahrungswissen so ungeheuer abhängig ist: Diese Sammler sterben aus, die jungen Leute auf Kreta gehen lieber in den Tourismus. „Für uns heißt das, dass Raritäten und Spezialitäten verschwinden, wenn wir keine alternativen Quellen auftun.“ Deswegen sucht das Traditionsunternehmen immer wieder nach neuen Lieferanten oder experimentiert gemeinsam mit Partnern auch mit dem gezielten Anbau von solchen Kräutern.

Strenge Grenzwerte in Deutschland

Und noch eine Entwicklung macht der Branche das Leben schwer: Grenzwerte, die in Deutschland zu den strengsten der Welt gehören. Deswegen muss auch jede Charge von unabhängigen Labors getestet werden. In der Wareneingangshalle gibt es daher zwei abgetrennte Bereiche: links der Quarantänebereich neu eingegangener Ware, die sich zurzeit in der Testung befindet, und rechts der Ausschussbereich der Ware, die im Test durchgefallen ist. Fällt ein Test negativ aus, ist die ganze Charge vom Ausschuss betroffen.

„Es gibt so viele Kontaminanten, auf die man prüfen kann oder muss, und es werden immer mehr“, sagt Sophie Galke. Darunter die Klassiker mikrobielle Belastung und die Belastung mit Schwermetallen. Die allerdings sind heute nicht mehr so bedeutend, wichtiger sind dafür Glyphosat und Pyrrolizidinalkaloide (PA) geworden, für die seit ein paar Jahren überhaupt erst Vorgaben existieren. Bei PAs handelt es sich um Inhaltsstoffe von Pflanzen, die der Fressfeindabwehr dienen und die beim Menschen bereits in geringen Mengen zum Beispiel Leberschäden verursachen können. „Wenn auch nur ein PA-haltiger Huflattich in einem Brennnesselfeld steht und mitgeerntet wird, dann wird dadurch die ganze Charge nicht mehr verkehrsfähig. Das sind extreme Vorgaben, wie ein Tropfen in einem Swimmingpool.“ Für die Lieferanten werden die deutschen Ansprüche zunehmend zu einem Problem, da es den Aufwand und die Kosten enorm in die Höhe treibt.

Die Ansprüche an Qualität sind jedoch auch ein großer Treiber für die Mechanisierung der Produktion bei Galke. Beispielsweise werden zwei CO2-Hochdruckcontainer eingesetzt, um prophylaktisch gegen eventuell vorhandene Schädlinge oder akuten Schädlingsbefall vorzugehen: Die Ware wird dabei für bis zu acht Stunden bei bis zu 20 Bar behandelt, was Larven und Käfer abtötet. Neu ist eine mikrobiologische Dampfanlage, in der mittels kurzer Dampferhitzung und anschließender Vakuumtrocknung eine mikrobiologische Kontaminierung beseitigt werden kann.

Nachfolge für Familienunternehmen gesichert

Es tut sich einiges bei Galke – in der Modernisierung sowohl der Abläufe, neuer Software und neuer Maschinen, um die Produktion zu erweitern, als auch neuer Geschäftsfelder und einer differenzierten internen Organisation. So ist der Onlinehandel dazugekommen, und bald soll auch eine erste Serie von Gesundheitstees unter eigenem Namen in den Handel gebracht werden – letzteres ist das persönliche Projekt von Sophie Galke, die unmittelbar nach ihrem BWL-Studium fest in den Familienbetrieb eingestiegen ist. Schon früh habe sie im Betrieb mitgeholfen, etwa in den Schul- und Semesterferien. „Für mich stand eigentlich schon immer fest, dass ich das Unternehmen irgendwann auch übernehmen werde – und auch, unter welchen Voraussetzungen“, erzählt Galke mit selbstbewusster Stimme. „Wir sprechen über sehr viele Dinge, diskutieren alles aus, und mein Vater lässt mir den Raum für eigene Ideen.“

Dieser hatte in Sachen Unternehmensnachfolge auch ein exzellentes Vorbild, da bereits sein Vater den Übergang mit dem Spielraum für eigene Ansätze und über einen langen Zeitraum begleitet hatte. Und so will Hartmut Galke es ebenfalls handhaben: „Wir sind nicht immer einer Meinung, aber das ist auch gut so. Sophie hat andere Ideen, die sie umsetzen können muss. Und für mich ist das langfristige Ziel, mich stärker aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen.“

Auch in Sachen Nachfolge ist die Familie somit gut aufgestellt – denkt in langen Zeiträumen. Und vielleicht ist das ihr Erfolgsrezept? Denn trotz vieler Märchen und Mythen, die sich um Kräuter und Gewürze ranken, vertraut man in Gittelde auch nach 100 Jahren noch immer auf das von Generation zu Generation überlieferte Spezialwissen und auf die eigenen, über Jahre hinweg angehäuften Erfahrungen von Familienmitgliedern und langjährigen Mitarbeitern. Selbst der Großvater steht dem Unternehmen noch heute mit seiner Expertise zur Seite. „In unserer Branche ist das kurios. Ich kenne unsere Wettbewerber gut, und die arbeiten alle länger – vielleicht auch, weil die Materie so viel Spaß macht “, erzählt Hartmut Galke glücklich. Und davon profitieren alle – denn selbst er, nach 30 Jahren Kräuterhandel, lerne noch immer Neues dazu.

Über die Alfred Galke GmbH

Der europäische Kräuterhandel wird von wenigen großen Unternehmen dominiert, die alle in Deutschland sitzen – hauptsächlich in Süddeutschland, aber auch in den Überseehäfen. Mittendrin hingegen sitzt im Harzvorland die Alfred Galke GmbH. Das Unternehmen hat sich auf Vielfalt spezialisiert – ungemein viel von dem, was an (Heil-)Kräutern weltweit verwendet wird, hat Galke im Sortiment. Das sind 1.600 verschiedene Pflanzen, 600 davon in Bio-Qualität. Ein weltweites Netz an Lieferanten sowie an Kunden macht Galke absolut international. Beliefert werden bislang nur andere Unternehmen, seien es Drogerien, der Einzelhandel, Apotheken oder Futtermittelhersteller. Bald jedoch soll eine eigene Produktlinie mit Gesundheitstees erscheinen. Galke ist ein traditionelles Familienunternehmen, das von Hartmut Galke – in dritter Generation und seit 1993 in der Geschäftsführung – stark vorangebracht wurde und heute rund 100 Mitarbeiter hat. Die Übergabe an die vierte Generation läuft derzeit, Tochter Sophie Galke ist seit 2016 im Betrieb.

Die Unternehmensgeschichte der Alfred Galke GmbH

1920 Gründung einer Teetrocknerei und -großhandlung durch Alfred Galke senior (Foto) in Bad Warmbrunn, Schlesien. 1950 Nach der Vertreibung aus Schlesien glückt Alfred Galke senior und seiner Frau Hedwig der Neuanfang in Gittelde. Familien sammeln Heilpflanzen und liefern sie gegen Entgelt bei Galke ab.

1963 Ab jetzt obliegt Alfred Galke junior und seiner Frau Erika die Leitung des prosperierenden Unternehmens. Es folgen Importe aus aller Herren Länder.

1968 – 1983 Beginnend im Westen Europas dehnt Galke die Exporte im Laufe der Jahre auf ganz Europa aus. Erste Kontakte nach Übersee entstehen.

1993 Hartmut Galke (Foto linke Seite) verstärkt das Unternehmen und wird

1999 Mitglied der Geschäftsführung.

1994– 1999 Die ohnehin schon beachtlichen Lagerkapazitäten werden sukzessive erweitert.

2000 Die Exporte werden auf Japan und Südamerika ausgedehnt. Es folgen der Bau neuer Produktionsflächen und die Installation einer neuen Aufbereitungsanlage.

2002–2006 Durch einen Neubau ergänzt Galke die Versandflächen, optimiert so die logistischen Abläufe und kann flexibler reagieren. Mit der Zeit werden neue Produktionsanlagen für Sieb- und Mischtechnik installiert, der Konfektionierungsbereich modernisiert und der Logistikbereich sowie das Fertigwarenlager neu gebaut.

2007-2015 Das wachsende Sortiment – mit inzwischen über 1.600 verschiedenen Produkten – verlangt weiter nach neuen Kapazitäten. Drei zusätzliche Lagerhallen werden gebaut.

2017 Mit Sophie Galke führt nunmehr die vierte Generation das Familienunternehmen.