VisiCons Technik ist in fast allen Autos zu finden

VisiCon in Rittmarshausen ist einer der Weltmarktführer in der automatischen Einstellung von Scheinwerfern und Fahrwerken. Den Grundstein für den Erfolg hat Wolfgang Brunk mit seiner Leidenschaft fürs Basteln gelegt. Nun übergibt er sein Unternehmen an die nächste Generation.

„Ich habe den Robotern das Sehen beigebracht“

Beim Gang durch die große Produktionshalle in Rittmarshausen erinnert so einiges an die klassische Kfz-Werkstatt – hier wird noch viel von Hand gearbeitet, mit Hebebühne, Fahrgestell und Ersatzteillager, hin und wieder ertönt vertrautes Motorengeheul. Und doch ist VisiCon eines der Unternehmen, die zeigen, dass Universitätsausgründungen im Bereich der Messtechnik nicht nur vor 200 Jahren erfolgreich waren, sondern es auch heute noch sind.

Dem Endkunden und Autokäufer ist VisiCon zwar kein Begriff, doch sichtbar wird das Wirken jedes Mal, wenn etwa die Scheinwerfer eingeschaltet werden oder sich die Reifen in die richtige Richtung bewegen – denn inzwischen hat VisiCon schon für fast jeden Autohersteller vollautomatische Einstellanlagen für Scheinwerfer und Fahrwerke produziert. Diese werden in Rittmarshausen konstruiert und hier vor Ort von Kunden in deren mitgebrachten Fahrzeugen auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie schließlich zur weiteren Verarbeitung in die ganze Welt geliefert werden. So manchen Erlkönig und manche neue Serie haben die VisiCon-Mitarbeiter dadurch schon früh zu Gesicht bekommen – inklusive der standardmäßigen Geheimhaltungsvereinbarung. Denn hier läuft alles präzise nach Plan.

Freiberufler in der Automobilindustrie

Dabei ist Firmengründer Wolfgang Brunk mehr oder weniger ungeplant in den Erfolg hineingerutscht. Noch während seines Physik-Studiums in Göttingen entstand der Kontakt zum schwedischen Unternehmen Selcom, das in der optoelektronischen Messtechnik tätig war und für das er schließlich die deutsche Tochter gründete und leitete. Nachdem Selcom verkauft worden war, machte sich Brunk mit der BSB Brunk Systemberatung selbstständig. Als Freiberufler beriet er die Automobilindustrie – unter anderem für Volkswagen, wo er an der Entwicklung der Robotersteuerung beteiligt war. „Ich habe den Robotern das Sehen beigebracht“, erzählt Brunk nicht ohne Stolz.

Das wiederum brachte ihn auf das Radar von Daimler, deren Ziel es war, eine vollautomatische Endmontage zu bauen, in der unter anderem die Scheinwerfer- und Fahrwerkseinstellung vorgenommen wurde. Die Scheinwerfer waren Brunks Aufgabe. „Vollautomatisch hieß, dass hier kein Mensch mehr war, der das Licht ein- und ausschalten konnte“, erklärt der Diplom-Physiker und beschreibt die technische Herausforderung dabei: „Wenn Abblendlicht, Fernlicht und Nebelscheinwerfer alle gleichzeitig vorher angeschaltet wurden, sie aber jeweils unabhängig voneinander eingestellt werden müssen, hatte die Messtechnik ein Problem, denn die konnte nicht zwischen den dreien unterscheiden.“

Rund ein Jahr bastelte Brunk an einer Lösung, die er letztlich in der softwaregestützten Bildverarbeitung fand. Das war Ende der 1980er-Jahre. „Ich hatte das Ergebnis damals gar nicht so sehr als eigenes Produkt gesehen, sondern vielmehr als einmalige Sonderlösung.“ Doch bereits sechs Wochen später rief Audi an. Sie hätten das System bei Daimler gesehen – und wollten kaufen. Drei Monate danach standen vier Ingenieure von Ford in Brunks Werkstatt, die ebenfalls ihr Interesse an seiner Errungenschaft bekundeten.

Es folgte die Einladung zum Ford-Werk in Köln, in dem ein Vergleich aller damaligen Hersteller von Scheinwerfereinstellanlangen stattfand. „Das Ergebnis hat uns umgehauen“, erzählt Wolfgang Brunk heute noch immer begeistert. Denn im Abschlussbericht stand: Das System der 1990 gegründeten VisiCon sei „far superior to all“ – allen anderen weit überlegen. Daher wollte Ford weltweit alle seine Werke mit der VisiCon-Technik ausrüsten. „Eigentlich war das unmöglich, denn wir waren seinerzeit vier Leute in der neu gegründeten VisiCon. Wir haben die Herausforderung aber trotzdem angenommen und im Ford-Werk in Valencia angefangen. So sind wir völlig ungeplant über Nacht der größte Hersteller von Scheinwerfereinstellanlagen weltweit geworden.“

Das Ziel: Fahrwerke berührungslos vermessen

Nachdem sich die Firma mit dieser herausstechenden Messtechnik schnell einen guten Ruf erworben hatte, trugen Autohersteller einen neuen Wunsch an sie heran: ein System zu entwickeln, mit dem Fahrwerke berührungslos vermessen werden konnten. Auch dafür fand Brunk eine Lösung. „Und dann kam der damalige Einkaufschef von General Motors auf uns zu“, erzählt der Geschäftsführer weiter. Der hatte erkannt, dass die Kerntechnologie der Anlagen in der Sensorik und Software liegt und nicht im maschinellen Drumherum. „Dann hieß es auf einmal: Ihr macht nicht nur die Kerntechnik, sondern liefert uns künftig die gesamte Anlage.“

Insofern ist VisiCon heute kein Zulieferer mehr, sondern Anlagenbauer für die Fahrzeugproduktion. Wenngleich der Schwerpunkt auf Fahrwerk und Scheinwerfern liegt, entwickelt VisiCon auch Einstelltechnik für Fahrassistenzsysteme, Abstandsradar und Head-up-Displays. „Letztlich alles, was relativ zum Fahrzeug eingestellt werden muss“, so Brunk. Je mehr Sensorik im Fahrzeug integriert wird und je stärker die Anteile autonomen Fahrens werden, desto mehr Sensorik wird benötigt – und desto mehr muss eingestellt werden. Für VisiCon sind das derzeit hervorragende Perspektiven.

Inzwischen sind rund 80 Mitarbeiter in Rittmarshausen beschäftigt, eine Serviceniederlassung mit vier Mitarbeitern besteht noch in Schanghai, doch die Anlagen – die zwischen 100.000 und 2,5 Millionen Euro kosten – werden weltweit installiert. Jährlich fertigt VisiCon nach den individuellen Vorgaben des jeweiligen Kunden etwa 10 bis 15 Anlagen für Scheinwerfer und Fahrassistenzsysteme und zwei für Fahrwerke – und das mit großem zeitlichem Aufwand. Denn jede Anlage ist im Prinzip ein Unikat, die Kalibrierung dabei eine Meisterleistung in Präzision, die auf ein hundertstel Millimeter genau sein muss. Im Regelfall werden für eine normale Anlage etwa drei Monate Planung, drei Monate Materialbeschaffung und drei Monate Bauzeit veranschlagt. Ist die Anlage komplexer, dauert es auch mal bis zu einem Jahr.

Produktion auch für E-Mobilität

VisiCon hat dabei den Vorteil, dass sie von der Konjunktur in der Automobilbranche, dem Umstieg auf E-Mobilität und den gefertigten Stückzahlen relativ unabhängig ist. „Dafür ist unsere Verantwortung sehr hoch“, erklärt Wolfgang Brunk. „Sollte unsere Anlage einmal stillstehen, verlässt kein Wagen mehr das Werk, das sind Kosten bis zu 50.000 Euro pro Minute, die dann entstehen.“ Daraus ergibt sich noch eine weitere besondere Rahmenbedingung, die für die Mitarbeiter meistens nicht so angenehm ist: „Wir können unsere Anlagen nur dann in den Werken aufbauen, wenn dort nicht gearbeitet wird. Das heißt, wir arbeiten dann, wenn andere Urlaub machen, also an Weihnachten, Silvester, Ostern.“

Doch Brunk hat an seiner Leidenschaft für das Problemlösen noch ungebrochen Spaß. „Ich bin immer Bastler und kein Firmenchef gewesen“, sagt der Senior. Deswegen ist VisiCon auch nach wie vor noch sehr familiär organisiert – mit flachen Hierarchien, die es zudem noch nicht so lange gibt. Bis vor fünf Jahren gab es nicht einmal Abteilungsleiter, doch das Wachstum hat eine Umorganisation notwendig gemacht. „Das musste ich zähneknirschend einsehen.“

Dieses Jahr wird Wolfgang Brunk 70, und sein Partner Wieprecht Keller, mit dem er VisiCon aufgebaut und lange zusammen geleitet hat, hat sich 2021 aus dem Geschäft in den Ruhestand zurückgezogen, hilft aber gelegentlich noch aus. So hat es auch Brunk vor, der sich ebenfalls langsam aus der Geschäftsführung verabschiedet. Er macht jetzt mehrheitlich nur noch das, was ihm Spaß macht. Auch für sein Hobby, an Oldtimern rumzuschrauben, hat er inzwischen wieder mehr Zeit.

Generationenwechsel: Sohn und Tochter übernehmen

Bei VisiCon hat indes ein sanfter Generationenwechsel stattgefunden, die Kinder von Keller und Brunk haben das Ruder übernommen. Ariane Brunk ist seit 2019 in der Geschäftsführung für den Vertrieb zuständig. Kellers Sohn Jan-Hendrik, promovierter Ingenieur im Kunststoffbereich, war 2018 in die Geschäftsführung aufgenommen worden und hat von Wolfgang Brunk die
technische Leitung übernommen. Der dritte Geschäftsführer, Sohn Andreas Brunk, trägt bereits seit 2013 als Wirtschaftsingenieur die Verantwortung für Finanzen und Personal.

Die neue Generation hat auf die eine oder andere Weise eine enge Bindung an das Unternehmen. „Mir ist das Ganze in die Wiege gelegt worden“, erzählt Jan-Hendrik Keller. „Ich habe schon als Teenager meinem Vater über die Schulter geschaut und auch früh eigene Software geschrieben.“ Der Bezug dazu ist ihm bis heute erhalten geblieben und erleichtert das Verständnis für die eigenen Entwickler. Doch ein kreativer Bastler wie Wolfgang Brunk ist er nicht, wie er zugibt. „Unsere Abläufe werden professioneller, deswegen sehe ich mich stärker in der Rolle des Koordinators, der dafür sorgt, dass Entwicklungen auch einmal fertig werden und in den Markt eingeführt werden können.“ Anders als im Einmannbetrieb von früher ist die Koordinierung heute bedeutend aufwendiger.

Genau andersherum war es für Ariane Brunk, die sich lange gesagt hat, dass sie nie in der Firma arbeiten möchte. „Doch mein Job in der Pharmaindustrie war maximal frustrierend, weil er eintönig war und keine Herausforderungen damit verbunden waren.“ Als sie nach der Elternzeit vor der Frage stand, ob sie in ihren alten Beruf zurückkehrt, brachte ein Gespräch mit Kellers Vater die Option VisiCon ins Gespräch. „Ich hatte zu Jan-Hendriks Vater immer ein sehr gutes Verhältnis, und er hat mich letztlich davon überzeugt, es hier zu probieren.“
Bereut hat sie es nicht. „Ich habe mir zwar in der einen oder anderen Situation schon gedacht: Worauf hast du dich hier eingelassen? Aber mir persönlich hat es ganz viel gebracht – man lernt etwas Neues, erweitert seinen Horizont und steht jeden Tag vor abwechslungsreichen Herausforderungen.“

Und wie wird es mit VisiCon weitergehen? „Angesichts der kleinen Stückzahlen, die VisiCon fertigt, sind wir im Vergleich zu den großen Anlagenbauern der Branche wie Siemens oder Dürr eine Winzigstfirma“, erzählt die Geschäftsführerin. „Aber wir sagen von uns, dass wir die Innovativsten sind. Fast die Hälfte unserer Mitarbeiter sind auch im Bereich Forschung und Entwicklung tätig.“ Dieser Vorteil wird auch in Zukunft jedes Mal zum Tragen kommen, wenn ein Autohersteller mit einem neuen Problem auf sie zukommt. Dann verschwindet ihr Vater wieder ,in seiner Bastelbude‘ – und sucht gemeinsam mit den Konstrukteuren nach Lösungen. ƒ

Zum Unternehmen VisiCon

VisiCon in Rittmarshausen ist mit seinen gegenwärtig 80 Mitarbeitern ein Anlagenbauer und Problemlöser für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung und den Bau von Anlagen zur automatischen Einstellung von Scheinwerfern, Fahrwerken und Fahreassistenzsystemen spezialisiert. Trotz seiner Größe als kleinerer Mittelständler zählt der Betrieb, der bereits für so gut wie alle namhaften Automobilhersteller Systemlösungen entwickelt und weltweit seine Anlagen aufgebaut hat, zu den Weltmarktführern.

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