©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Früh erblindet hat sich der Physiotherapeut Rainer Junge allen Widrigkeiten zum Trotz den Ruf einer bundesweit anerkannten Koryphäe erworben und mit seinem Rehazentrum stets die Trends am Markt erkannt und umgesetzt.

Was sich Rainer Junge aufgebaut hat, ist beachtlich. Von einer Ein-Mann-Praxis zum 160-Mitarbeiter-Unternehmen – unter Bedingungen, die sein Leben schon mit 17 Jahren drastisch veränderten, als er durch einen schweren Autounfall erblindete.

Heute ist der Physiotherapeut in Göttingen eine fest etablierte Instanz – und das an mittlerweile drei Standorten in der Stadt. Im großen Rehazentrum am Sprangerweg, in der Physiotherapie-Praxis am Waldweg sowie im Athleticum im Basketballzentrum am Schützenplatz dreht sich alles um ambulante Rehabilitation in der Orthopädie und Kardiologie, um Gesundheitssport und -training, Leistungsdiagnostik und -steigerung, Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement – unter anderem. Das Team um Junge bildet den medizinischen Betreuerstab der Damen- und der Herrenmannschaft der BG Göttingen, betreut ebenso die deutsche paralympische Skinationalmannschaft und zahlreiche andere Sportler wie die Deutsche Meisterin im Dreisprung, die Göttingerin Neele Eckhardt. Auch die Nationalmannschaft der Volleyballerinnen wurde eine Zeit lang betreut. Rainer Junge hat sich bundesweit einen mehr als guten Ruf erworben.

Dabei waren die ersten Schritte in die Physiotherapie für den 1960 in Göttingen geborenen Junge alles andere als einfach. Ende der 1970er-Jahre spielte er Fußball für Göttingen 05 in der A-Jugend. Hier knüpfte er erste Kontakte zu diesem Fachgebiet. „Gott sei Dank hatte ich selbst nie schwere Verletzungen“, sagt Junge und verdeutlicht damit, dass er bereits damals viel Wert auf präventive Maßnahmen setzte. Alles änderte sich jedoch mit dem besagten Verkehrsunfall auf dem Weg zum Training, durch den er erblindete und „ich komplett umdenken musste“. Eine schwierige Zeit, wie er sagt. Die Ausbildung zum Physiotherapeuten bot sich als eine Möglichkeit an. Das Berufsfeld hatte ihm vorher schon gefallen und stellte für Sehbehinderte keine unüberwindbare Hürde dar. 1980 ging er daher nach Kassel an die Orthopädische Landesklinik. „Ich hatte ein paar Hilfsmittel zur Verfügung wie einen Kassettenrekorder, mit dem ich den Unterricht aufgenommen habe“, erzählt Junge. Am Ende schloss er die Ausbildung als Bester der insgesamt rund 30 Kursteilnehmer ab. „Das war das Beste, was mir passieren konnte.“ Indem er sich ganz darauf konzentriert hatte, hatte er plötzlich wieder Ziele. So sei die Erblindung relativ schnell zum Alltag geworden. „Auch, wenn man es sich kaum vorstellen kann: Es ist sehr viel möglich, wenn man nichts sieht.“

Nach der Ausbildung war Rainer Junge viel unterwegs: Praktika, Erfahrungen sammeln, Fortbildungen machen. Es zeichnete sich immer deutlicher ab, dass sich die eigenen Ziele nur mit einer eigenen Praxis verwirklichen ließen. Die gründete er nur kurze Zeit später. „Ich hatte eine Mitarbeiterin für die Rezeption. Ansonsten war ich der einzige Therapeut, und das lief problemlos“, erklärt der heute 58-Jährige. Auch mit den Patienten. Vielen sei gar nicht bewusst gewesen, dass er blind war. Und wenn doch, wurde schnell deutlich, dass es vielleicht sogar ein Vorteil ist. „Wenn ich jetzt ein Gelenk oder die Muskulatur anfasse, lenkt mich die Haut darüber nicht ab, und ich kann mich ganz darauf konzentrieren, was darunter nicht stimmt.“ Auch Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Mannschaftsarzt von Bayern München und ehemals der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, arbeitet so, um sich nicht von optischen Eindrücken ablenken zu lassen. Rainer Junges Praxis jedenfalls war schnell ausgebucht – wobei ihm seine bestehenden Kontakte zum lokalen Fußball und Basketball halfen. Durch klassische Sportverletzungen wie Kreuzbandrisse ging die Behandlung schon in Richtung Reha, „auch wenn das nicht zu vergleichen ist mit dem, was wir heute machen“, sagt Junge. Aber eines führte zum anderen. 1990 entwickelte er daher ein Konzept für die ambulante Reha, die es damals in der Form noch gar nicht gab; Reha, das hieß immer stationärer Aufenthalt.

Das neuartige Konzept für eine ambulante Behandlung von Patienten fußte auf einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten und Masseuren, einer gewissen Geräteausstattung sowie verschiedenen Zusatzqualifikationen, die von den Krankenkassen gefordert waren. Zunächst erkannten regionale Kassen das Konzept an, später war das auch bundesweit der Fall. „Wir sind hier in Göttingen letztlich die Gründer der ambulanten Rehabilitation“, sagt der Inhaber heute stolz. Und so wuchs auch die Praxis relativ schnell. 1993 arbeitete er bereits mit einem Team von 25 Mitarbeitern zusammen.

Nachdem sich der ambulante Reha-Markt etabliert hatte, wurde auch die Rentenversicherung, die traditionell für den Bereich Reha zuständig ist, auf die neuen Möglichkeiten aufmerksam. Viele Erkrankungen ließen sich dort besser behandeln und das zudem günstiger. „Damals, Anfang der 2000er-Jahre, haben wir uns bei der Rentenversicherung für die Zulassung als ambulantes Rehazentrum beworben und den Zuschlag erhalten“, erzählt Junge. „Allerdings gab es auch die Auflage, dass wir uns vergrößern mussten.“ Obwohl die damalige Praxis in der Nähe des Uni-Klinikums mit 1.000 Quadratmetern schon relativ groß war, war sie für den neuen Anwendungsbereich dennoch zu klein – die Rentenversicherung arbeitet gerne mit großen Zentren zusammen, in denen die verschiedenen Kompetenzen zusammen gefasst sind.

Für Rainer Junge brachte das den nächsten großen Entwicklungsschritt mit sich, da weitere Berufsgruppen in das Team integriert werden mussten: Ärzte, Krankenschwestern, Psychologen, Sozialberater, Ernährungsberater und Ergotherapeuten. Und natürlich mussten größere Räumlichkeiten her. Allerdings machten alle Immobilien, die infrage kamen, Kompromisse nötig. Daher entschloss sich Junge zu einem unternehmerisch großen Schritt: Am Sprangerweg neben dem Hochschulsport und dem Universitätsklinikum sowie dem Evangelischen Krankenhaus Weende vor der Haustür wurde ganz nach den eigenen Wünschen auf der grünen Wiese ein komplett neues Zentrum gebaut, 2006 erfolgte der Umzug. „Das war eine unglaublich spannende Zeit“, sagt Junge. „Und eine große Investition. Natürlich ermutigen einen die Kostenträger dazu, aber eine Garantie für eine Belegung gibt es von ihnen natürlich nicht.“ Doch auch hier ging es letztlich sehr schnell, dass die Praxis gut ausgelastet war.

„Ich frage mich manchmal, wie die ganze Entwicklung zustande gekommen ist“, sagt Junge. Aber letztlich sei man immer mit dem Markt mitgewachsen. Die Nachfrage war da, und die Gesundheitspolitik trieb die Entwicklung ebenfalls in eine bestimmte Richtung. Daher gab es die beiden Alternativen, zurückzuschrumpfen oder sich zu vergrößern und weiterzugehen. „Doch Stagnation kam nicht infrage, dafür waren wir inhaltlich zu weit.“ Denn er und sein Team haben immer auf eine inhaltliche Weiterentwicklung Wert gelegt. Dazu gehörte auch, von anderen zu lernen. Entsprechend viel waren sie in Deutschland unterwegs, um Entwicklungen im Gesundheitsbereich zu identifizieren und sinnvolle Therapieansätze ausfindig zu machen. „So eine Entwicklung, wie wir sie vollzogen haben, fällt einem nicht so einfach zu. Man muss auch sehr aktiv sein“, erklärt der Physiotherapeut. So habe sich das Team über die Jahre letztlich auch ein großes Standing bei Kollegen und Kostenträgern erarbeitet.

Mit dazu beigetragen hat aber ebenso der Umstand, dass Rainer Junge 1998 zum Präsidenten der Internationalen Akademie für orthopädische Medizin (IAOM) gewählt wurde. Ein Amt, das er ganze zehn Jahre ausübte und das „ein echtes Highlight in meinem Berufsleben“ war. Über die IAOM werden Physiotherapeuten und Ärzte in manueller Therapie ausgebildet, mit der Bewegungsstörungen in Gelenken behandelt werden. „Ein guter Physiotherapeut muss die Weiterbildung machen, sonst kommt er nicht voran.“ Die entsprechenden Seminare finden hauptsächlich in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und den USA statt. Junge unterrichtete auch selbst, wurde so bei anderen Therapeuten bekannt und konnte sich ein professionelles Netzwerk aufbauen.

Nach dem Bau des großen Rehazentrums am Sprangerweg zog sich Junge allerdings aus der IAOM zurück. Aus der Lehre hat er sich jedoch nicht vollständig verabschiedet – am Sportinstitut hält er im Bereich Rehabilitation regelmäßig Vorlesungen. Trotz aller Veränderungen, den verschiedenen Aktivitäten und der Leitung eines Unternehmens mit 160 Mitarbeitern bleibt sein Lieblingsplatz der im Behandlungszimmer. „Nach wie vor ist die Therapie am Patienten im Bereich des Bewegungsapparates für mich das Wichtigste. Das ist meine Geschichte.“ Auch, wenn das nur noch etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit ausmacht. Zu den Patienten zählen etwa die BG-Mannschaften, um die sich Junge als Leiter des Medical Teams auch noch selbst kümmert. „Wenn sich die Spieler verletzen, kommen sie zuerst zu mir, und ich schaue, ob ich das selbst behandele oder einer unserer Physiotherapeuten im Athleticum.“

Inzwischen versucht sich der 58-Jährige etwas aus dem betrieblichen Alltag herauszuziehen und mehr Zeit für die Familie und sich zu haben. „Auch, wenn man morgens immer mit dem Gedanken an Reha im Kopf aufwacht und abends damit ins Bett geht – man lernt, damit umzugehen“, so Junge. Daheim hält er sich in seinem eigenen kleinen Fitnessstudio im Keller fit, und zum Ausgleich verreist er leidenschaftlich gern – sei es nach Korsika in das eigene Ferienhaus oder auf große Tour, zum Beispiel nach Südafrika. Und was noch kommen soll? „Ich bin mit dem, was hier im Rehazentrum läuft, sehr gut beschäftigt und zufrieden. Aktuell habe ich keine konkreten Pläne.“ Allerdings, habe er das vor dem Athleticum auch gesagt: „Wer weiß, was da noch kommt! Ich ziehe noch keinen Schlussstrich.“