©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Was haben Fußball und Forschung gemeinsam? Der Physiker Claus Ropers sagt: eine ganze Menge. Als neuester Göttinger Leibniz-Preisträger trägt er die Raute im Herzen und weiß um die Bedeutung von Teamwork im Labor.

Claus Ropers hat, wie man so schön sagt, einen Lauf. Der Physiker erhielt für seine wegweisenden Fortschritte auf dem Gebiet der Nanooptik und ultra schnellen Dynamik im Frühjahr den Leibniz-Preis, den wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland. Natürlich ein Grund, mit seinem Team die Korken knallen zu lassen. Und zudem ein wirklich guter Trost für den gebeutelten Fußballfan. Seit Jahrzehnten schlägt sein Herz für den Hamburger Sport-Verein – der nach einem harten Abstiegskampf seit diesem Jahr erstmals in der zweiten Liga spielen muss. Doch das schmälert seine Begeisterung in keiner Weise. Vielmehr freut sich der in Bovenden lebende Familienvater darauf, mit seinen beiden älteren Töchtern in dieser Saison nun endlich wieder ein paar mehr HSV- Siege bejubeln und um den Aufstieg fiebern zu können.

Diese Leidenschaft und ein ausgeprägter Kampfgeist kommen nicht von ungefähr. Denn Ropers sieht viele Parallelen zwischen dem Leistungssport und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. „In beidem geht es erst einmal um Leidenschaft für die Sache, aber auch um den Wettbewerb – und im Sport wie in der Wissenschaft wollen Einzelkönner oftmals gemeinsam etwas erreichen“, erklärt der 41-Jährige. Deswegen hat er auch ein starkes Team aus weiteren Physikern an der Uni Göttingen um sich geschart: Doktoranden und Studenten unterstützen ihn bei seiner Grundlagenforschung im Bereich der Nanotechnologie, die sich mit Strukturen und Prozessen im Nanometerbereich befasst, also mit den auf aller kleinsten Skalen herrschenden Gesetzen. Und gemeinsam feiern sie nun auch den Erfolg: die bahnbrechenden Arbeiten zur Elektronenmikroskopie mit ultrakurzen gepulsten Elektronenstrahlen, für die Ropers mit dem Leibniz- Preis geehrt wurde. Auch für die jungen Wissenschaftler stellt diese renommierte Auszeichnung einen wichtigen Baustein ihrer gerade erst beginnenden Karriere dar.

Dass Ropers selbst einmal Wissenschaftler werden würde, zeichnete sich früh ab. Denn den Forschergeist konnte er bereits auf dem Obsthandelsbetrieb seiner Eltern im Alten Land bei Stade nach Lust und Laune entwickeln. Da die Eltern mit ihrem eigenen Geschäft zeitlich voll ausgelastet waren, blieb ihrem Sohn viel Zeit, sich auf dem großen Gelände mit den zahlreich vorhandenen Werkzeugen und elektrischen Geräten zu befassen. Den entscheidenden Moment jedoch, in dem Ropers klar wurde, wohin er sich beruflich orientieren möchte, hat er einer Schulreise nach Frankreich zu verdanken. In einem Dorf in der Hoch-Provence lebte damals ein ambitionierter Hobbyastronom. „Er lud meine Schulklasse ein, den Weltraum mit seinen Teleskopen zu erkunden“, erzählt Ropers mit einem Funkeln in den Augen. „Das waren unvergessliche Erfahrungen.“ Nachvollziehbar, denn es handelte sich um eines der weltweit größten Amateurteleskope, dessen Spiegel der belgische Ingenieur selbst geschliffen hatte. Die damit von der Klasse gemachten Fotos waren für den damals 13-jährigen Ropers die ersten Ergebnisse eigener Forschungsarbeit. „Ab diesem Tag wollte ich Astrophysiker werden.“ Als Schüler folgte er dem Unterricht und hatte gute Noten – doch mit großer Begeisterung ging er vor allem immer dann ans Werk, wenn die freiwillige Physik- oder Astro-AG auf dem Stundenplan stand. Und weil er damals selbst erfahren durfte, wie wichtig und prägend solche zusätzlichen Schulangebote sein können, freut er sich, dass auch seinen Kindern in Göttingen entsprechende Perspektiven geboten werden. „Meine eine Tochter nahm zum Beispiel vor Kurzem an einer ‚Science Lab‘-AG teil“, sagt Ropers, der dieses Interesse unterstützt, aber gleichzeitig auch klarstellt: „Ich dränge meine Kinder nicht in Richtung Wissenschaft. Sie sollen sich für das entscheiden, was ihnen gefällt.“

Ganz klar für diesen Weg entschieden haben sich bereits seine motivierten Teammitglieder. Sie alle begeistern sich für eine gemeinsame Forschungsidee. Damit aus Begeisterung jedoch am Ende ein Erfolg wird, muss nicht nur jeder für sich sein eigenes Projekt vorantreiben – gleichzeitig müssen alle zusammen an einem Strang ziehen. An diesem Punkt kommt auch Ropers Frau Meike Stahmer-Ropers ins Spiel, die als Psychotherapeutin tätig ist. „Von ihr erhalte ich manchmal wirklich hilfreiche Ratschläge, wie ich meinen ,Ameisenhaufen‘ von anfangs drei, inzwischen 20 Mitarbeitern zu gemeinsamen Zielen führen kann“, erzählt der Physiker dankbar. Er versteht sich nicht nur als Wissenschaftler, sondern als Trainer und Moderator, der dafür sorgt, dass spezialisierte Einzelkämpfer ihre individuellen Fachkenntnisse im Sinne der Gruppe einbringen.

Wie schwierig dieses Unterfangen häufig sein muss, erahnt man spätestens, wenn man den Versuchsaufbau im Physikalischen Institut mit seinen unzähligen kleinen Spiegeln zwischen mehreren Laserapparaturen und blinkenden Bedienpanels sieht. „Was wir hier machen? Das fragen wir uns selbst oft genug“, sagt einer der Doktoranden schmunzelnd und meint damit die Dimensionen, in denen sich die Wissenschaftler hier täglich bewegen. Die Arbeitsgruppe von Claus Ropers untersucht sogenannte ‚ultraschnelle‘ Prozesse, die in Materialien auf der Nanoskala ablaufen. Dazu entwickelt sie neuartige Mikroskope, die diese schnellen Vorgänge mit Laserblitzen und Elektronenblitzen festhalten, ähnlich der Blitzlichtfotografie. Die Belichtungszeiten der dabei entstehenden atomaren Schnappschüsse reichen bis in den Bereich von Millionsteln einer Milliardstel Sekunde, schier unvorstellbar kleine Zeiträume. Und auch wenn Grundlagenforscher oftmals ausweichen, wenn sie nach dem praktischen Nutzen ihrer hinter verschlossenen Mauern stattfindenden Versuchsreihen gefragt werden, nennt Ropers einige künftige Einsatzgebiete: „Dank unserer Forschung und unseren Erkenntnissen können möglicherweise Festplatten beschleunigt oder neue Materialien für die Computerindustrie entwickelt werden.“

Sein fachliches Wissen hat sich der Professor für Experimentelle Festkörperphysik beinahe auf der Überholspur angeeignet. Denn schon im Alter von 31 Jahren erhielt er eine Juniorprofessur in Göttingen für das Courant-Forschungszentrum Nanospektroskopie und Röntgenbildgebung. „Nur ein Jahr nach der Promotion ist das in unserem Bereich schon eher ungewöhnlich“, sagt er und klingt dabei bescheiden. Der frisch gebackene Doktor ging von der Berliner Humboldt-Universität aber gerne zurück nach Göttingen, wo er Jahre zuvor mit einer Arbeit zu optischen Eigenschaften in der Halbleiterphysik sein Physikdiplom erworben hatte.

Den Umzug nach Südniedersachsen trat er nun auch nicht mehr alleine an, sondern in Begleitung seiner Frau, die er wenige Tage nach der Rückkehr von einem längeren Auslandsaufenthalt auf einer Party bei Freunden in Berlin kennengelernt hatte. „Es passte einfach alles zusammen: Ich hatte zwei tolle Jahre an der University of California in Berkeley und bin genau im richtigen Moment wieder hier gewesen“, erzählt er mit einem Lächeln im Gesicht, wobei ihm noch heute die ehrliche Freude über diese günstige Fügung des Schicksals anzumerken ist.

Der USA-Aufenthalt selbst hat ihm – neben vielen Eindrücken von Land und Leuten – durch seine Arbeit als Student und Research Assistant auch viele Kontakte eingebracht, die ihm bis heute von höchstem wissenschaftlichem Nutzen sind: „Ich treffe mich noch immer regelmäßig mit einem damaligen Kommilitonen, und wir tauschen die Ergebnisse unserer ,Parallelaktivitäten‘ aus.“ Ropers profitiert eigenen Aussagen zufolge in großem Maße von den Erfahrungen an verschiedenen Universitäten und von der Mitarbeit an unterschiedlichen Projekten aus mehreren Spezialdisziplinen. Häufig könne er Erkenntnisse aus anderen wissenschaftlichen Untersuchungen auf sein Forschungsgebiet anwenden und so zu weiteren Fortschritten kommen. Der Wechsel an einen neuen Standort ist für ihn im Augenblick kein Thema. „Meine Familie fühlt sich in Göttingen wohl. Ich spüre Unterstützung von der Universitätsleitung – das ist mir sehr wichtig“, sagt der Professor, der schon mehrmals dem Ruf einer anderen Hochschule widerstand.

Und wie es scheint, weiß sich der erfolgreiche Wissenschaftler stets richtig zu entscheiden. Denn ein Blick auf die lange Liste seiner Auszeichnungen belegt dies eindrucksvoll: vom Carl-Ramsauer-Preis der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin über den Walter-Schottky Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft bis hin zum ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrats – um nur einige zu nennen. Der jüngste Gewinn des Leibniz-Preises beschert ihm und seinem Team nun 2,5 Millionen Euro. „Ich war völlig überrascht, als ich davon erfuhr. Nach kurzem Durchatmen wurde erstmal jemand zum Sektholen geschickt, und wir haben spontan gefeiert“, erzählt Ropers von diesem Glücksmoment. Inzwischen sei aber wieder wissenschaftliche Nüchternheit eingekehrt. Das über sieben Jahre verteilt eintreffende Preisgeld kann perspektivisch eingeplant werden: „Wir haben jetzt einfach viel größere Möglichkeiten und können auch mal eine eilige Anschaffung tätigen, die nicht erst ein Antragsverfahren durchlaufen muss.“

Welche Ziele Claus Ropers ansonsten noch verfolgt? Weitere Wissenschaftspreise vielleicht? „Das kann man nicht steuern – das sollte auch nie das primäre Ziel der Forschung sein“, sagt er. Aber zwei weitere Erfolge wünscht er sich dann doch noch von ganzem Herzen: Natürlich soll ,sein‘ HSV sofort wieder in die erste Bundesliga aufsteigen und genauso schnell soll ,seine‘ Hochschule wieder in den Kreis der Exzellenzuniversitäten aufgenommen werden. Während er bei Ersterem nur von der Tribüne aus unterstützen kann, trägt er zum Zweiten durch seine bahnbrechenden Forschungserfolge über die Grenzen der Erkenntnisse hinaus ganz persönlich und mit seinem Team bei.